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Deborah Lipstadt (r.) und Lipstadt-Darstellerin Rachel Weisz während einer Drehpause in den Royal Courts of Justice in London, dem Schauplatz des Irving/Lipstadt-Prozesses im Jahr 2000 und dem Set der Verfilmung 2015/16.
© Universum Film/SquareOne Entertainment

Wahrheit und Lüge
Der Film „Verleugnung“ über den Irving/Lipstadt-Prozess
von
Christian Mentel
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Veröffentlicht am 17. April 2017

Mittelmäßigkeit bekommt man oft nicht richtig zu fassen. „Verleugnung“ ist ein gutes Beispiel dafür: Ein Film, der weder künstlerisch oder schauspielerisch herausragt noch handwerklich innovativ ist, der zwar ein spannendes Thema besitzt, aber den damit verbundenen Herausforderungen nur teilweise gerecht wird und seine Möglichkeiten nicht ausschöpft. Insgesamt ist es trotz ärgerlicher Klischees und nicht selten holzschnittartiger Charaktere ein solider, konventionell erzählter und eben durchschnittlicher Film. Er verschafft auf der ereignisgeschichtlichen Ebene zwar einen passablen Eindruck des Irving/Lipstadt-Prozesses, ermöglicht aber leider keine tiefergehenden Einsichten.

Der Film erzählt die auf tatsächlichen Begebenheiten beruhende Geschichte, wie die amerikanische Professorin Deborah Lipstadt sich im Jahr 2000 vor einem Londoner Gericht gegen eine Verleumdungsklage David Irvings zur Wehr setzte. Irving, seit über dreißig Jahren Autor einer langen Reihe gleichermaßen tendenziöser wie auflagenstarker Bücher über das „Dritte Reich“, sah seinen Ruf durch Lipstadt geschädigt. In ihrem Buch „Betrifft: Leugnen des Holocaust“ hatte sie ihn nämlich als das charakterisiert, was er seit einigen Jahren in der Tat auch war: ein Holocaustleugner. Dem britischen Rechtssystem entsprechend lag die Beweislast bei Lipstadt. Nicht Irving musste beweisen, dass Lipstadt ihn fälschlicherweise so bezeichnete, vielmehr musste Lipstadt nachweisen, dass sie dies zu Recht tat. Umfangreiche Gutachten wurden erstellt, die sowohl Irvings zielgerichtete Geschichtsfälschungen als auch seine dahinterstehende rechtsextrem-antisemitische Einstellung aufzeigten. Nach zweiunddreißig Verhandlungstagen fällte der Richter sein Urteil: Lipstadts Auffassung war begründet, Irving verlor den von ihm angestrengten Prozess.

„Verleugnung“ befasst sich vor allem mit Fragen wie: Was verlangt der Prozess Deborah Lipstadt selbst und ihrem Team aus Anwälten und Experten ab? Wie wappnen sie sich und welche juristischen Strategien kommen zum Einsatz? Nicht zuletzt: Wie schlägt sich Lipstadts Verteidiger Richard Rampton vor Gericht im Duell mit Kläger David Irving? Diese Aspekte verweisen bereits auf die Perspektive des Films. Er zeichnet nicht etwa ein umfängliches Bild des Prozessgeschehens, sondern konzentriert sich auf Deborah Lipstadt. Der Titel „Verleugnung“ (im Original: „Denial“) deutet dies bereits an, denn damit ist nicht nur Irvings Holocaustleugnung gemeint, sondern mindestens ebenso sehr Lipstadts Selbstverleugnung. Diese hatte Lipstadt nämlich zu leisten, als sie – der Strategie ihrer Anwälte folgend – entgegen ihrem Naturell den gesamten Prozess über schwieg und nicht in den Zeugenstand trat. Auch weil der Film ausschließlich auf Lipstadts fünf Jahre nach Ende des Prozesses erschienenem Bericht „History on Trial. My Day in Court with David Irving“ beruht, lässt sich „Verleugnung“ als eine Art filmische Biografie Lipstadts bezeichnen.

Die Beschränkung auf jene subjektive Perspektive, die im Buch durchaus funktioniert, schlägt im Film jedoch weitgehend fehl. Hier bleibt Irving eindimensional, blass und ohne psychologische Tiefe. Darsteller Timothy Spall gelingt es nicht, etwas von der physischen Präsenz, den rhetorischen Fähigkeiten und der energetischen Egomanie des „echten“ Irvings zu transportieren, die den Leinwand-Charakter hätten greifbar machen und Erklärungsansätze für sein Handeln liefern können. Offenbar war das aber auch gar nicht die Intention von Regisseur Mick Jackson, der Irving ein „Monster“ nannte und ihn bevorzugt entweder als hinterhältigen Bösewicht mit stechendem Blick in dämonisierenden Einstellungen zeigt oder ihm in Videosequenzen von Auftritten vor Gleichgesinnten die Anmutung eines ungelenken Stand-up-Comedians samt eingespielter Lacher gibt. In der Handreichung für den Schulunterricht liest man dann auch zutreffend: „VERLEUGNUNG bemüht sich nicht darum, Irving differenziert darzustellen.“ So ist nur konsequent, dass im Pressereader des Verleihs zwar die „reale“ Lipstadt auf über einer Seite porträtiert und selbst der Vita der Kostümdesignerin noch eine ganze Seite gewidmet wird, der „reale“ Irving jedoch überhaupt nicht auftaucht.

Der größte Vorzug von „Verleugnung“ ist, dass er den Prozess im Großen und Ganzen eng entlang der historischen Ereignisse darstellt. Überhaupt spielte die Frage der Authentizität und Faktentreue für die Macher, die sich bereits 2009 die Filmrechte gesichert hatten, eine große Rolle und sorgte wohl auch dafür, dass bereits das Filmplakat mit dem selbst ausgestellten Prädikat „Nach einer wahren Geschichte“ versehen ist. Drehbuchautor David Hare nutzte für die Prozessszenen ausschließlich Zitate aus dem Wortprotokoll, damit – wie er meinte – man ihm nicht vorwerfen könne, er habe die Fakten „verdreht“ und „verzerrt“. Entsprechend wurde (so weit wie möglich) auch an den originalen Schauplätzen gedreht, etwa in Auschwitz-Birkenau und London. Bilder mit hohem Wiedererkennungswert wurden nachgestellt, ebenso Fernsehinterviews und die bereits erwähnten Videoaufnahmen von Irvings Reden. Zudem stellte Lipstadt neben Kleidungsstücken auch Bücher als Requisiten zur Verfügung. Gleichwohl sollte der Film nicht allein daran gemessen werden, ob das Dargestellte sich tatsächlich genau so abgespielt hat. Als Spielfilm stellt „Verleugnung“ naturgemäß die Inszenierung eines dramatisierten Drehbuchs dar, das seinerseits auf einer dramatisierten Buchvorlage beruht, die zumal als subjektiver Erlebnisbericht ausgewiesen ist.

Dass der Film den Prozess – und nur den Prozess – möglichst authentisch darstellen will, mag man ihm positiv anrechnen, zugleich ist es sein größter Nachteil. Denn er klammert den Kontext weitestgehend aus und greift nicht über die konkreten Ereignisse hinaus. Über das allgemeine Phänomen Holocaustleugnung erfährt man nichts, und auch Irvings Werdegang und seine (persönlichen) Hintergründe bleiben ohne nennenswerte Erwähnung. Selbst Lipstadt bleibt weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Eine Einordnung des Prozesses wird weder angeboten noch den Zuschauern ermöglicht, kein Wort wird über die seit dessen Ende verstrichenen anderthalb Jahrzehnte verloren – nicht einmal ein wenige Sätze umfassender Ausblick auf die unmittelbaren Folgen wurde vor Beginn des Abspanns eingefügt. Unter den Tisch fallen damit Informationen wie die, dass Irving wenige Monate nach seiner Niederlage Berufung einlegte, diese jedoch abgelehnt und er angesichts der von ihm zu begleichenden hohen Kosten für bankrott erklärt wurde. Mindestens zwei weitere aufschlussreiche Begebenheiten haben es leider auch nicht in den Film geschafft: Erstens, dass Irving kurz vor Beginn des Prozesses anbot, seine Klage unter vergleichsweise moderaten Bedingungen zurückzuziehen – Lipstadt sollte sich entschuldigen, ihr Buch vom Markt nehmen sowie 500 britische Pfund für einen wohltätigen Zweck spenden. Zweitens der groteske Vorfall, dass Irving in seinem Schlussplädoyer den Richter mit „Mein Führer!“ ansprach.

Worum ging es bei dem Prozess? Diese zentrale Frage beantwortet der Film nicht in hinreichendem Maße. Selbst denjenigen, die den Film vertreiben, war dies offenbar nicht klar. So heißt es in der Kurzdarstellung des deutschen Verleihs, dass Lipstadt vor dem „absurden Problem“ gestanden hätte, „beweisen zu müssen, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat“. Ähnlich der amerikanische Verleih, der den Film sogar mit dem Slogan „The whole world knows the Holocaust happened. Now she needs to prove it.“ reißerisch bewirbt. Darum ging es aber weder im Prozess noch im Film. Nicht die Faktizität des Holocaust war Gegenstand des Prozesses, sondern Irvings Umgang mit den Quellen, die den Holocaust belegen. Eine ungemein komplexe, wissenschaftstheoretische Materie also: Auf welchen Quellen basiert das, was wir über den Holocaust wissen? Ab welchem Punkt wird eine kontroverse Interpretation dieser Quellen von einer legitimen Geschichtsdeutung zur illegitimen Geschichtsfälschung? Kann es nur eine einzige „wahre“ Geschichte geben? „Verleugnung“ tippt diese Kernfragen des Prozesses zwar vorsichtig an, geht ihnen aber nicht weiter nach.

Auch wenn Kritiker den Film zumeist als „guten“ bis „sehr guten“ Durchschnitt bewerteten und der etwas bemühte Hinweis fast nie fehlte, dass angesichts der neuen US-Administration dies der richtige Film zur richtigen Zeit sei, blieben die Besucherzahlen in den USA hinter den Erwartungen zurück. An mangelnder PR lag dies kaum. Die „reale“ Deborah Lipstadt, die in nennenswertem Maße als Beraterin am Film beteiligt war und Entwürfe des Drehbuchs kommentierte, engagierte sich auch im Rahmen der offiziellen Werbekampagne, oft trat sie gemeinsam mit „ihrer“ Darstellerin Rachel Weisz auf. Dass sie den Film und die Darstellung ihrer Person gelungen fand, daraus machte sie nie einen Hehl. Spiegelbildlich ihr früherer Kontrahent, der „reale“ David Irving: Bereits angesichts des Trailers stand für ihn fest, dass der Film „voller Lügen“ sei. Darin ist Irving ja Experte.

Originaltitel: Denial. UK/USA 2016; Regie: Mick Jackson; Buch: David Hare; Kamera: Haris Zambarloukos; Musik: Howard Shore, Länge: 110 Minuten, FSK: 12; Kinostart: 13. April 2017 (Deutschland), 27. Januar 2017 (UK), 30. September 2016 (USA)

 

Weiterführende Hinweise

Der Stein des Anstoßes

Deborah E. Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich 1994 (Taschenbuch: Leugnen des Holocaust. Rechtsextremismus als Methode, Reinbek bei Hamburg 1996; Original: Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory, New York 1993).

Dokumentation

Sämtliche Prozessmaterialien (Urteil, Prozessprotokoll, Expertengutachten, Zeugenaussagen, Schriftsätze zum Haupt- und nicht eröffneten Berufungsverfahren) sind über die Webseite „Holocaust Denial on Trial“ der Emory University Atlanta, Lipstadts Heimatuniversität, abrufbar.

Expertengutachten

Richard J. Evans, Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess, Frankfurt am Main 2001 (Original: Lying about Hitler. History, Holocaust, and the Irving Trial, New York 2002).

Peter Longerich, Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung“, München 2001 (zeitgleich: The Unwritten Order. Hitler‘s Role in the Final Solution, Stroud u. a. 2001).

Robert Jan van Pelt, The Case for Auschwitz. Evidence from the Irving Trial, Bloomington 2002.

Das Urteil vom 11. April 2000

The Irving Judgment. Mr David Irving v. Penguin Books and Professor Deborah Lipstadt, London u. a. 2000.

Prozessberichte

Don D. Guttenplan, Der Holocaust-Prozess. Die Hintergründe der „Auschwitz-Lüge“, München 2001 (Original: The Holocaust on Trial. History, Justice and the David Irving Libel Case, London 2001).

Deborah E. Lipstadt, History on Trial. My Day in Court with David Irving, New York 2005 (Neuauflage: Denial. Holocaust History on Trial, New York 2016).

Eva Menasse, Der Holocaust vor Gericht. Der Prozess um David Irving, Berlin 2000.

Fernsehspiel (auf Basis des Wortprotokolls)

Holocaust on Trial. USA 2000; Regie und Buch: Leslie Woodhead; Kamera: Roger Chapman; Länge: 55 Minuten; Sendereihe „Nova“ bei WGBH; Erstausstrahlung: 31. Oktober 2000 (vollständiger Film auf Youtube; zusätzliche Informationen auf der Website).

Roman („fiktiver Bericht“ des Prozesses)

Ayal Rosenberg, Denial, Santa Ana 2004.