lausanne-euro_2016_match_portugal-pologne.jpg

Portugiesische Fans beim Spiel Portugal-Polen bei der EURO 2016, Quelle: Flickr, (CC BY-NC-ND 2.0), Foto: Gustave Deghilage, 2016

Portugiesische Fans beim Spiel Portugal-Polen bei der EURO 2016, 2016. Quelle: Flickr, (CC BY-NC-ND 2.0), Foto: Gustave Deghilage, 2016.

Euro 2016
Fußballwettbewerbe als europäische Praxis
von
Anke Hilbrenner
Druckversion

Veröffentlicht am 17. Oktober 2016

In den Tagen nach dem 23. Juni 2016, als der Schock über den Brexit sich langsam breitmachte, war vielfach zu hören, dass die Befürworter der Europäischen Union, also sowohl Briten aus dem „Remain“-Lager als auch alle anderen Europäer, die sich eine starke Union wünschen, ausschließlich mit ökonomischen Argumenten gegen den Brexit argumentiert und keinerlei positive Vorstellung von Europa als einer Wertegemeinschaft vertreten hätten. Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer hat diesen Vorwurf folgendermaßen zusammengefasst: „Der Nationalismus hat in nahezu allen europäischen Staaten wieder Rückenwind, er richtet sich an erster Stelle gegen Fremde und gegen Brüssel. Auch die Brexit-Kampagne bediente sich dieser beiden negativen Mythen. Die  Brexit-Befürworter argumentierten nahezu ausschließlich mit Mythen, die „Remainer“ dagegen allzu oft wie Buchhalter – Emotion gegen Rationalität. Gewonnen hat die Emotion. Die Umkehrung der positiven Vision Europas zugunsten des Mythos von einer goldenen Vergangenheit der Nationalstaaten ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern auch ein Symptom des europäischen (vielleicht präziser: westlichen) Niedergangs.“[1]

Der Europäer Fischer diagnostiziert hier die Unfähigkeit, eine emotionale Vision von Europa zu entwickeln, und kontrastiert sie mit den Mythen vom Nationalstaat, die die Menschen seit jeher bewegen. Emotionen sind für HistorikerInnen und andere Professionen, die antreten, um gesellschaftliche Verfasstheit zu analysieren, einerseits sehr interessant und andererseits sehr schwierig. Es gibt Emotionen, die geschichtsmächtig sind. Wir finden Emotionen in den Quellen jedoch nicht unmittelbar, sondern immer dann, wenn sie sich äußern – wir finden die Folgen und Wirkungen von Emotionen. Die Emotionsgeschichte hat Emotionen vor allem als gemeinschaftsbildende Prozesse ausgemacht. Emotional communities sind demnach Gemeinschaften, die sich aufgrund von Emotionen (etwa Hass oder Angst, aber auch Freude und Triumph) bilden – auch wenn sie einen ephemeren Charakter haben, also nicht unbedingt langlebig sind. Das gilt zum Beispiel  auch für die Gemeinschaft der Brexit-Befürworter, von denen bereits am Tage nach der Abstimmung nicht mehr alle so sicher waren, ob sie tatsächlich für den Brexit waren.

Die Nation, das wissen wir, ist eine imaginierte – oder vorgestellte – Gemeinschaft, die nach wie vor eine gewisse emotionale Bindekraft entfaltet. Wenn sich solche Gemeinschaften relativ beliebig imaginieren lassen – und das legt die historische Betrachtung des nationalen Zeitalters ja nahe –, dann ist es doch fraglich, warum die Anhänger Europas scheinbar nicht in der Lage sind, Europa genauso verbindend (oder verbindlich) und emotional zu imaginieren.

Das erste große Hindernis: Europa muss mehr sein als eine Summe von Nationalstaaten. Wie schwierig das ist, wird auch an den Problemen der europäischen Geschichtsschreibung deutlich: Angesichts der Komplexität europäischer Vergangenheiten haben einige HistorikerInnen vorgeschlagen, europäische Geschichte zu schreiben, indem sie die nationalen Geschichten der europäischen Länder zusammenfassen. Als Gegenentwurf zu einer solchen rein additiven europäischen Nationalgeschichtsschreibung hat etwa Klaus Kiran Patel gefordert, europäische Geschichte sozialkonstruktivistisch zu untersuchen, also all jene Akteure, Diskurse und Praktiken in den Blick zu nehmen, die an der Konstruktion Europas beteiligt sind.[2] Um diese europäische Geschichte nicht zu einer rein politischen Geschichte werden zu lassen, welche die Arbeit der europäischen Institutionen historiographisch legitimiert und dabei Europa als neuen verbindlichen Referenzrahmen an die Stelle des Nationalstaates treten lässt, muss sich der Blick auf andere Phänomene richten, welche die Wahrnehmung von Europa prägen. Hier kommt die Geschichte der Populärkultur und vor allem des Sports ins Spiel: Seit dem 19. Jahrhundert hat wohl kein anderes kulturelles Phänomen es vermocht, Gemeinschaften und gleichzeitig Grenzen zu erschaffen, wie der Sport dies tat. Kein anderes kulturelles Phänomen hat die Erfahrungen so vieler Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und sozialen Schichten derart beeinflusst. Deshalb ist Sport sicher eines der Phänomene, die zur Konstruktion und zum Prozess des ständigen Wandels einer moderner Europa-Wahrnehmung beigetragen haben.[3] 

Zur Populärkultur und ihren Quellen

In der Populärkultur und vor allem im Sport sehen wir, wie Europäer über Europa reden und nachdenken. Fernsehereignisse, die die ganze Bevölkerung in ihren Bann schlugen und für Gesprächsstoff am folgenden Tag an Arbeitsstellen und auf Schulhöfen sorgten, wurden früher in Deutschland „Lagerfeuer der Nation“ genannt. Die ganze „imaginierte Gemeinschaft“ der Nation versammelte sich vor dem Fernseher – einer Art kollektives Lagerfeuer –, wurde mit derselben Geschichte unterhalten und unterhielt sich ihrerseits am nächsten Tag darüber. Im digitalen Zeitalter sind nur wenige dieser „Lagerfeuer“ übrig geblieben. Am ehesten sind es noch die großen europäischen oder auch die universalen Sportereignisse, die zumindest Teilen der europäischen Öffentlichkeit eine Geschichte erzählen und für Gesprächsstoff sorgen.

Die Fußball-Europameisterschaft 2016 als „Fest der Nationen“

Sportfeste – ob in Europa oder anderswo – sind möglicherweise die letzten Feste des Nationalen in einer zunehmend postnationalen Welt. Nationalhymnen, nationale Fahnen und nationale Farben, das Nationale als Organisationsprinzip und die Welt als Bühne einer nationalen Folklore, die tatsächlich „von unten“, also von den Fans weiterentwickelt wird. Diese Fokussierung des Sports auf das Nationale, das nicht nur bei der Euro, sondern auch bei anderen Europa- und Weltmeisterschaften sowie etwa bei den Olympischen Spielen offenbar wird, erklärt sich aus der Entstehung des modernen Sports im nationalen Zeitalter. Dieser Zusammenhang bedingte, dass Sport von Sporthistorikern etwa als nationales Phänomen par excellence und als konstruktives Element des nation-building begriffen wurde und wird.[4] Doch dieser Elitendiskurs findet seine Entsprechung sowohl in der veröffentlichten Meinung sowie in der Performanz des Nationalen „von unten“. In kaum einem anderen Diskursfeld sind ähnliche Vorstellungen von Kollektividentitäten oder anderen nationalen Stereotypen überhaupt sagbar. Bereits bei der Fußballweltmeisterschaft von 1958 hieß es im deutschen Fernsehen über die Franzosen in koketter Anspielung auf eine angenommene französische Lebensart: „Die Franzosen: Clever im Spiel – charmant in Zivil“.

„Deutsche Tugenden“ wie Fleiß, Beharrlichkeit oder auch eine gewisse Härte werden etwa auf den Sportseiten deutscher Zeitungen immer wieder beschworen – oder es wird ein Abgesang auf sie eingeleitet, jedenfalls macht die Berichterstattung deutlich, dass Journalisten und Leser genau wissen, was mit diesen „deutschen Tugenden“ gemeint ist. Aber auch mit Blick auf andere Länder transportieren die Zeitungen, sogar die seriöse Süddeutsche Zeitung (SZ), nationale Klischeevorstellungen. In einem Bericht vom ersten Tag des Turniers über die albanisch-stämmigen Schweizer Brüder Xhaka wurde die SZ nicht müde, die Schweiz als strukturiert, ordentlich und wohlhabend zu beschreiben. Einen Kontrapunkt dazu boten die albanischen Wurzeln der Brüder: „Blut. Emotionalität. Zusammenhalt in der Familie. Das ist das Albanische an den Brüdern Xhaka.“[5]

Über die Isländer hieß es bereits vor dem ersten Spiel der Euro: „Wie vor hunderten Jahren erobern die Wikinger der Moderne wieder Europa. Der Unterschied: Als Waffen führen sie keine Klingen mit sich, sondern Schuhe mit Stollen und die Expertise zweier ungleicher Trainer. Die Gemeinsamkeit: Wie die Wikinger treten sie als kompakte Einheit auf und haben in den Kämpfen um den Sieg einen klaren Plan. Einen Plan, mit dem man in einer Gruppe mit Österreich, Portugal und Ungarn das Achtelfinale erreichen will.“[6]  Doch nicht nur Albaner und Isländer luden zur Reproduktion nationaler Klischees mit Auswirkungen auf ihre Art, Fußball zu spielen, ein. Andere wohlbekannte Topoi waren etwa, dass Südeuropäer bei knapper Führung auf Zeit spielen, sich bei Fouls theatralisch fallen lassen und so nicht nur Zeit, sondern auch Gelbe und Rote Karten schinden. So widersprach Thomas Müller ausdrücklich einem deutschen Sportreporter mit den Worten, dass die Italiener faire Sportsmänner seien. Der Reporter hatte gefragt: „Aber das Zeitspiel? Das theatralische „Sich Fallen-Lassen“?“ Italiener haben zudem den sogenannten Catenaccio erfunden, d.h. sie gehen 1:0 in Führung und mauern sich dann zum Sieg. Einige Mannschaften, wie etwa die Kroaten haben das Image, mit besonders brutalen Fouls zu Werke zu gehen. Und bekannt ist natürlich auch die Charakteristik deutscher Effizienz durch den britischen Fußballer und Philosophen des Alltags Gary Linneker: “Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans always win.”

Fußball als Metaphernmaschine

Ein Blick in die Zeitungen zur Zeit großer Fußballwettbewerbe zeigt: Fußball ist eine Metaphern-Maschine. Das wurde besonders deutlich, als mit dem Brexit das europäische Scheitern an Großbritannien und das englische Scheitern bei der Euro sich fast parallel ereigneten. So hieß es immer und überall: „Erst Brexit – jetzt Exit“[7]. Vor allem das David- und Goliath-Potenzial des Achtelfinalgegners der Engländer Island machte die Fußballeuropameisterschaft noch stärker zu einem „Mythenschatz“, mit dem man den Brexit bebildern konnte: So wurde etwa eine Meme im Internet populär, auf der der isländische Nationalspieler Eiður Guðjohnsen dem britischen Brexit-Befürworter Boris Johnson alias „Bad Johnson“ gegenübergestellt wurde.[8]

Warum funktioniert das so gut? Auch wenn Fußball in den Zeitungen ständig mit Politik oder größeren gesellschaftlichen Fragen in Zusammenhang gebracht wird, wenn die Mächtigen, wie etwa Angela Merkel, sich durch Kabinenbilder mit der Nationalmannschaft und Freundschaften mit Fußballern schmücken, ist Fußball keine politische Parabel: Wenn England und Island Fußball spielen, dann spielen für jedes Team 11 Personen, die nicht den Nationalcharakter des Landes verkörpern. Sie verkörpern ihn weder im Positiven, noch bringen sie die Krisenhaftigkeit der Politik ihres Landes auf den Platz, wenn sie verlieren. Auch wenn man in den Tagen nach der Niederlage gegen Island manchmal den Eindruck gewinnen konnte, als hätten die englischen Fußballer das Achtelfinale der Euro wegen des Brexits verloren. Das scheint offensichtlich. Doch gerade angesichts dieser Klarheit überrascht es doch, dass die Metaphern-Maschine immer wieder das Gegenteil suggeriert. Warum ist das so? Einerseits vielleicht, weil die Diskurse des Nationalen im Fußball so präsent und deshalb so leicht abrufbar sind. Zudem kontrastiert der offensichtliche „Unernst“ und Unterhaltungscharakter des Spiels mit dem „Ernst“ von Politik – und das führt immer zum „komischen Effekt“ dieser Metaphern. Deshalb werden sie erzählt, und diese Spannung zwischen Unernst und Ernst birgt das humoristische Potential der Fußballmetapher.

Über Europa reden – jenseits der nationalen Folklore

Das eigentliche Reden über Europa, das den Sport als gesamteuropäische populärkulturelle Veranstaltung ermöglicht, findet jenseits dieser pseudo-politischen Metaphern-Maschine und jenseits der nationalen Folklore statt. Ein Beispiel ist die Repräsentation von Körpern und Geschlechterbildern, für die der Sport aufgrund seiner performativen Körperlichkeit prädestiniert ist.

Fußballwettbewerbe – also auch die Euro 2016 – sind eine europäische Bühne für die Repräsentation hegemonialer Männlichkeit(en). Die Euro 2016 zeigt durchaus, dass hegemoniale Männlichkeit im Wandel begriffen ist. Sehr präsent sind die nackten muskulösen Männeroberkörper, relativ neu die Ästhetik der großflächigen Tätowierungen. Auch wenn hegemoniale Männlichkeit durch unterschiedliche Körperbilder repräsentiert wird, je nach europäischer oder außereuropäischer Herkunftsregion der Spieler (und die postmigrantische Gegenwart wird durch die Spieler durchaus sichtbar), so gibt es doch Merkmale, die auf ein europäisches zeitgenössisches Ideal hegemonialer Männlichkeit verweisen. Das Ideal ist Heterosexualität und auf Reproduktion ausgelegt. So nimmt seit einigen Jahren die Repräsentation des Spielers als Familienvater großen Raum in der Nachberichterstattung ein. Torjubel wird etwa mit dem Anzeigen von Schwangerschaftsbäuchen oder mit fingiertem Daumenlutschen garniert. Die etwas größeren Kinder werden selbst Teil der Inszenierung, indem sie nach dem Sieg auf das Spielfeld dürfen. Die Tatsache, dass diese Praxis im Laufe des Turniers von der UEFA verboten wurde, zeigt, wie verbreitet die gemeinsame Siegesfeier mit den eigenen Kindern und Kleinkindern zuvor war.[9] Die Unterordnung des Weiblichen in Gestalt der Spielerfrau, der Fans  oder auch in Gestalt der Blondine, die im italienischen Fernsehen als „Expertin“ im Studio sitzt, ist ebenfalls Teil der permanenten visuellen Repräsentation und Suggestion.

Ein interessantes Beispiel für die misogyne Rhetorik im Sportfernsehen war etwa der berühmte Torjubel des isländischen Fernsehkommentators: Dieser wurde aufgrund seiner hohen Tonlage im deutschen Sportfernsehen etwa als „weiblich-bösartig“ charakterisiert. In diesem Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist - in klassischer Weise - Heterosexualität dominant und führt zur Marginalisierung homosexueller Männlichkeit: Der deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ist bis jetzt der einzige deutsche Profi-Fußballer auf Nationalmannschaftsniveau, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat, wohlweislich nach seiner Karriere als Profifußballer. Hitzlsperger, der viele Jahre seiner Karriere in England gespielt hat,  tritt jetzt ab und zu als „Experte“ in der ARD auf. Homosexuelle Spieler der deutschen Nationalmannschaft geben sich heterosexuell und bringen ihre eigenen „Spielerfrauen“ zum Turnier mit. In Deutschland gab es zudem vor der WM 2010 Gerüchte über eine angebliche „Schwulen-Combo“ im Umfeld der Fußball-Nationalmannschaft, während einzelne ehemalige Spieler und deren Agenten, Teile der Mannschaft und des Trainerstabs in Andeutungen als homosexuell bezeichnet wurden.[10] Die Brisanz dieser „Vorwürfe“ und der ganzen Debatte, die vor allem die Gerüchteküchen beschäftigt hat, lässt sich nur vor dem Hintergrund der weitgehenden Stigmatisierung von Homosexualität im Fußball erklären.

Zentrum und Peripherie

Ein weiteres Beispiel für das Reden über Europa – jenseits der Grenzen des politisch Sagbaren – ist die Konstruktion von Peripherie in den Sportdiskursen: Bei der Euro 2016 wurden „Exoten“ medial konstruiert. Am Beispiel Island wurde der koloniale Diskurs des „edlen Wilden“ aktualisiert, der unverdorben von der kapitalistischen Zivilisation des Profifußballs eine Art naturwüchsigen Fußball spielte, bis die „Großen“ – also die Franzosen, die in dieser Euro in vielfacher Hinsicht die Metropole repräsentierten, doch die Überlegenheit eben dieser Zivilisation deutlich machten, indem sie die Isländer ebenso deutlich besiegten. Die Tatsache, dass die einst koloniale Macht England dies nicht vermochte, verweist diesem Subtext zufolge auf die Dekadenz des ehemaligen Empire, zu dem es auch passe, dass ein paar Intellektuelle aus Oxbridge die einfachen Leute verführt hätten, aus der EU auszutreten. Eine andere Art von Peripherie wird durch Gewalt konstruiert. Die russischen Hooligans repräsentierten mit ihren archaischen Vorstellungen von Männlichkeit, die von der russischen Politik sekundiert wurden, eine Rückständigkeit, auch was ihr Verständnis von hegemonialer Männlichkeit betrifft. Diese Art von „Folklore“ zementiert ihren Außenseiterstatus in Europa.
Zugleich dringt auch die terroristische Gewalt von der nordafrikanischen Peripherie in die Metropole. Sie repräsentiert die europäische koloniale Vergangenheit und verweist auf die wechselseitige Durchdringung von Metropole und Peripherie. Das Spiel Frankreich-Deutschland am 13. November 2015, das Zeitpunkt und Bühne für die schrecklichen Terroranschläge bot, war eine Art unheilvolles Präludium für die Euro 2016 – die Sicherheitsmaßnahmen riefen die Allgegenwart der terroristischen Bedrohung auch jenen ins Gedächtnis, die sie am liebsten vergessen hätten. Die Bedrohung der Fanmeile in Brüssel sowie die Sicherheitsvorkehrungen verwiesen auf die Gewalt, die im Hintergrund stets präsent war.

Fazit

Während der Omnipräsenz von Gewalt, für die die Euro 2016 zugleich Gelegenheit und Ziel war, äußerte sich im folkloristischen Reden über Europa im Sport ein Wunschbild von Europa: Die Sportfunktionäre, Journalisten und die Fans wünschten sich ein Europa, in dem diese Gewalt nicht existiert. Der Diskurs des Sports ist hermetisch. Ebenso wie zahlreiche Staaten in Europa die Probleme der Peripherie nicht mit den Zuwanderern in ihr „Land“ hereinlassen wollen, weil sie diese Probleme nicht für ihre eigenen Probleme halten, so versucht auch der Sport die Gewalt – und darüber hinaus alles, was die Ordnung des Festes der Nationen stört – zu verdrängen. Als Störungen dieses Festes werden sowohl alternative Formen von Männlichkeit als auch Gewalt empfunden. Die Ausgrenzung solcher störender Elemente erfolgt in der Regel mit dem Verweis „Sport ist nur Sport“, die Politik, die Gewalt, die Andersartigkeit gehören demnach nicht zum Sport. Dennoch sind trotz der Versuche, die Grenzen der Diskurse sicher zu machen, und jenseits nationaler Folklore, Sportereignisse und andere Formen von Populärkultur tatsächlich die Arenen, in denen Europa „von unten“ verhandelt wird. Wir tun gut daran, diese Arenen nicht den Grenzwächtern zu überlassen.

 


[1] Joschka Fischer: Des Albtraums erster Teil. Der Brexit und die Sehnsucht nach dem alten Nationalstaat sind Zeichen für den Niedergang des Westens [Außenansicht], in: Süddeutsche Zeitung, 29.6.2016, S. 2.
[2] Patel, Klaus Kiran: Transnationale Geschichte, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03.
[3] Anke Hilbrenner, Alan Tomlinson, Christopher Young: European Sport and the Challenges of its Recent Historiography, in: Journal of Sport History Bd. 38 (2011) Heft 2, S. 181-188.
[4] Vgl. z.B. Diethelm Blecking/Marec Waic (Hg.): Sport – Ethnie – Nation. Zur Geschichte und Soziologie des Sports in Nationalitätenkonflikten und bei Minoritäten, Baltmannsweiler 2008.
[5] „Wir werden das Brüder-Sein ausblenden“, in: SZ, 10.6.2016, S. 22.
[6] Maximilian Schmeckel: Islands erste EM-Teilnahme: Die Wikinger sind zurück, in: GOAL, 1.6.2016.
[7] Vgl. z.B. Peter Nonnenmacher: Erst Brexit, dann Exit – England am Boden, in: Stuttgarter Zeitung, 28.6. 2016.
[8] Vgl. z.B. Gudjohnsen Bad Johnson, in: meme.com.
[9] Betreten verboten! UEFA verbannt Kinder vom EM-Rasen. (Direkt aus dem dpa-Newskanal), in: Süddeutsche Zeitung online, 5.7.2016.
[10] Michael König: Das böse Wort, in: Süddeutsche Zeitung online, 12.7.2010.