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Das Grab der in der Colognia Dignidad während der Pinochet-Diktatur Gefolterten und Getöteten. Die Grabstelle wurde von der chilenischen Justiz bestätigt. Foto: Zazil-Ha Tronso, 12.September 2015 Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Das Grab der in der Colognia Dignidad während der Pinochet-Diktatur Gefolterten und Getöteten. Die Grabstelle wurde von der chilenischen Justiz bestätigt. (Orig. Text: La fosa en que la justicia constató que fueron inhumados y exhumados los cuerpos de los detenidos desaparecidos que fueron asesinados en Colonia Dignidad)
Foto: Zazil-Ha Tronso, 12.September 2015 Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

„Colonia Dignidad“
Die Geschichte einer deutschen Sekte in Chile zwischen Erinnerung, Musealisierung und historischer Aufarbeitung
von
Meike Dreckmann
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Veröffentlicht am 11. September 2016

Spätestens seit der Film „Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück“ von Florian Gallenberger in die deutschen Kinos kam, weckte die Geschichte der deutschen Sektengemeinschaft „Colonia Dignidad“ das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit.[1] Vor allem aber sorgte der Film, so der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, für einen „künstlerischen Anstoß“ im bisher eher schwerfällig verlaufenden Aufarbeitungsprozess der Geschichte dieser Sekte. Das Auswärtige Amt beschloss in diesem Jahr die Aufhebung der Archivsperre und somit die Freigabe des Aktenbestandes des Auswärtigen Amtes der Jahre 1986 bis 1996 für Wissenschaft und Medien. Zudem erhob der Bundesaußenminister die Geschichte der Colonia Dignidad zur Fallstudie, die in die Curricula der Berliner Diplomatenschule aufgenommen werden soll. Er erklärte in diesem Zusammenhang: „Es gibt Fälle, in denen das Handeln nach Recht und Gesetz nicht reicht.“ Für diese Fälle soll die Geschichte der „Colonia Dignidad“ nun Lehrstück sein.
Somit scheinen vor allem für jene, denen es gelang, sich aus den Fängen dieser totalitären „Glaubensgemeinschaft“ zu befreien, ebenso wie für eine große Zahl von MenschenrechtlerInnen die politischen Auswirkungen des Films beachtlich. Schließlich hatten sie bereits seit Mitte der 1960er Jahre immer wieder auf die Missstände in der Colonia Dignidad aufmerksam gemacht.

Florian Gallenbergers Spielfilm erzählt eine fiktive Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des 11. September 1973 in Chile. An diesem Tag stürzte die chilenische Militärjunta um General Augusto Pinochet den im Jahr 1970 demokratisch gewählten Sozialisten Salvador Allende.
Daniel (Daniel Brühl) wird aufgrund seiner linken Oppositionshaltung festgenommen, im berüchtigten Nationalstadion in Santiago de Chile festgehalten und anschließend in die Colonia Dignidad [Office1] in den Süden Chiles verschleppt.[2] Seine Freundin, die Stewardess Lena (Emma Watson), ist fest entschlossen, ihn zu befreien. Sie reist zu der Sektengemeinschaft und lässt sich aufnehmen, um ihren Freund dort herauszuholen. Die ZuschauerInnen erhalten einen Einblick in das Leben der Sekte unter der diktatorischen Führung des Laienpredigers Paul Schäfer. Die Figur Paul Schäfer, gespielt von Mikael Nykvist, ist einer Zeitzeugin* zufolge derart authentisch dargestellt, dass „ihr ein Schauer über den Rücken“ gelaufen sei, als sie „Schäfer noch einmal“ auf dem Bildschirm gesehen habe.
Auf dem Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad (heute: Villa Baviera) leben derzeit ungefähr 150 Menschen, die in den verbliebenen Gebäuden einen Hotelkomplex betreiben. Während diese Menschen im Tourismus ihre einzig mögliche Existenzgrundlage sehen, wird die Villa Baviera von vielen als Weiterführung alter Strukturen unter neuem Namen kritisiert.

Eine Analyse der Geschichte und des Umgangs mit der Colonia Dignidad verlangt zunächst die Darstellung des historischen Kontextes, in dem die Sekte entstand:
Im Jahr 1961 wanderten 300 Menschen aus Siegburg im südlichen Nordrhein-Westfalen als Sektengemeinschaft unter dem Namen „Private Sociale Mission“ nach Chile aus. Die AnhängerInnen der Sekte um Paul Schäfer waren streng gläubige ChristInnen, denen Schäfer mit einer bevorstehenden sowjetischen Apokalypse drohte, wenn sie nicht mit ihm nach Chile kämen. Immerhin 300 Menschen folgten ihm in den 1960er Jahren bis hinter die chilenischen Anden. Diese Gemeinschaft bildete den Kern der autoritären Sekten-Enklave, die der 1921 in Troisdorf geborene Paul Schäfer im Süden Chiles aufbaute. Nach außen als deutsche Mustersiedlung präsentiert und inszeniert, errichtete der ehemalige Wehrmachtssanitäter ein hermetisch abgeriegeltes parastaatliches System, das auf Versklavung seiner BewohnerInnen, Kindesmissbrauch, Folter und Waffenhandel basierte. Mit Hilfe einer totalitären Auslegung der christlichen Lehre verschaffte sich Schäfer Gehorsam innerhalb eines grundlegend menschenverachtenden Systems. Er drohte seinen Gefolgsleuten mit der Strafe Gottes und vollzog diese auch in dessen Namen, oder besser, ließ sie ausführen: Zwangsmedikation, Elektroschocks und Prügel sollten widerständiges Handeln, gar eigenes Denken im Kern ersticken und die Mitglieder an das System Schäfers binden.
Ohnehin hatte Schäfer die Familien unter seinen Mitgliedern getrennt und auf Frauen-, Männer- und Kinderhäuser aufgeteilt. Kinder sollten nicht wissen, wer ihre Eltern waren. Alle Frauen und Männer unter den SiedlerInnen waren für sie „Tanten“ und „Onkel“. Unverheiratete Personen durften nicht nur weder heiraten noch sexuelle Beziehungen zum anderen Geschlecht aufbauen, sondern sollten nicht einmal daran denken. Ein falscher Blick zu einer Person des jeweils anderen Geschlechts konnte brutale Prügelstrafen nach sich ziehen. Täglich wurden die Sekten-Mitglieder zur „Beichte“ gerufen, um jeden vermeintlich „schmutzigen“ Gedanken zu gestehen. Als solche galten im System Schäfers etwa Gedanken an Liebe, Sexualität oder Partnerschaft. Auch Informationen über andere SiedlerInnen sollten in diesem Überwachungssystem dem „tío permanente“ (deutsch: ewiger Onkel) vorgetragen werden. Auf diese Weise wollte Paul Schäfer erreichen, dass sich weder Freundschaften noch Beziehungen aufbauten, die dem System hätten schaden können. Die Angst vor Prügelstrafen, Zwangsmedikation, sexuellem Missbrauch und Denunziation prägte den Alltag der BewohnerInnen der Colonia Dignidad. Ein Zeitzeuge* berichtete von der Fähigkeit Schäfers, jeden Gedanken aus einem herauszulocken. Manchmal, so derselbe Zeitzeuge, habe er Schäfer gegenüber „schlimme Gedanken“ vorgegeben, nur, um nicht mit seiner Missachtung gestraft zu werden. Wer gar nichts zu beichten hatte – über sich oder andere SiedlerInnen –, wurde vom „ewigen Onkel“ abschätzig behandelt und ignoriert. Schäfer hatte eine Abhängigkeitsstruktur geschaffen, die nur in dieser hermetischen Parallelwelt möglich war. 

Bis heute, so zwei weitere Bewohner*, könnten sie nicht verstehen, wie Schäfer diese Faszination und den Personenkult um sich erschaffen und vor allem aufrecht erhalten konnte. Wenn er die Jungen sexuell missbrauchte, nannte er seine Praktiken „Seelsorge“. Diese zynische Bezeichnung für Vergewaltigung gehörte zum Zwangssystem, welches Schäfer ebenso menschenverachtend wie perfide „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ (deutsch: „Wohltätigkeits- und Bildungsgemeinschaft Würde“) nannte. Er missbrauchte die Jungen in einem Kellerraum unter der alten Küche oder im eigenen Schlafzimmer und Waschraum. Nach seinem Tod einigten sich die BewohnerInnen darauf, das Badezimmer Schäfers abzureißen. Unerträglich seien die Erinnerungen an den Missbrauch gewesen. Heute sind an der Stelle des ehemaligen Waschraums nur noch die Umrisse zu erahnen.

Ein Ehepaar im Rentenalter pflegt in der heutigen Villa Baviera einige Gemüsebeete. Sie gehörten zu den ersten SiedlerInnen. Die Fahrt über den Panamakanal auf dem Schiff „Marco Polo“ habe damals ungefähr zwei Monate gedauert. Wie den meisten BewohnerInnen war es auch diesem Ehepaar erst nach dem Tod Schäfers im Jahr 2010 möglich zu heiraten.
Eines der wenigen Bücher, welches die SiedlerInnen lesen durften, war die Bibel. Jeder Textabschnitt, in dem es um menschliche Liebe und Familie geht, wurde abgeklebt. Die meisten von Schäfers AnhängerInnen reisten mit der Intention nach Chile, den Menschen im verarmten Süden des Landes zu helfen. Daher errichteten die SiedlerInnen eigenhändig ein Krankenhaus, in dem zahlreiche Menschen kostenfrei behandelt wurden. Viele chilenische unterernährte Babys und Kinder wurden vor dem Hungertod gerettet. Dieses Engagement ist bis heute in vielen Teilen des Landes nicht vergessen. Das Bild einer hart arbeitenden, helfenden, nahezu autark lebenden deutschen Gesellschaft prägte lange Zeit die Außen- und auch Eigenwahrnehmung der Sekte(nbewohnerInnen). Das Gelände der Colonia Dignidad umfasste zu seinen Hochzeiten eine Fläche von 14.000 Hektar und wurde streng bewacht. Begonnen hatten die SiedlerInnen mit dem Aufbau einer Hütte. Von dort vergrößerte sich der riesige Agrarwirtschaftsbetrieb Stück für Stück, bis er schließlich Tierhaltung, Fleischerei, Käserei, Molkerei, Bäckerei, Werkstatt und Krankenhaus umfasste. Lange Zeit ließen sich die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen hinter Stacheldrähten, guten Beziehungen zu Wirtschafts- und Politikkreisen sowie einer perfekten Inszenierung verbergen.
Erst im Mai 2006 wurde Paul Schäfer in Chile zu 20 Jahren Haft wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen, später auch wegen Mordes, verurteilt. Im April 2010 starb er aus Altersgründen im Gefängnis in Santiago.

Gegenwärtig stehen sich verschiedene Konfliktparteien innerhalb eines Aufarbeitungsprozesses gegenüber, und es stellt sich die Frage nach dem zukünftigen Umgang mit den chilenischen und den deutschen Opfern, mit der politischen Verantwortung der Regierungen Deutschlands und Chiles. Die Komplexität des Systems der Colonia Dignidad lässt sich bisher nur erahnen. Die Täter- und Opferstrukturen sind noch viel zu undurchsichtig, und viele Fragen bleiben offen. Menschenrechtler wie Dieter Maier oder Jan Stehle fordern schon seit langem ein umfassendes Oral History Projekt mit chilenischen und deutschen Opfern, die Errichtung einer Gedenkstätte und Entschädigungszahlungen für alle Opfergruppen, sowie Haftstrafen für die TäterInnen. 

Die Musealisierung der eigenen Geschichte hat in der Villa Baviera begonnen; die meisten SiedlerInnen zeigen den Willen, einen Weg für die Aufarbeitung zu suchen. Andere wiederum versuchen, Informationen zu vertuschen und ihre Machtposition innerhalb der Gemeinschaft weiter auszubauen. Es fehlt an institutionalisierten Hilfestellungen für die Aufarbeitung und die Vermittlung der Geschichte.
Wer heute nach Chile reist, um mit den Menschen zu sprechen, begegnet freundlichen und offenen Menschen, die bereit sind, ihre Lebensgeschichte zu teilen. Man trifft jedoch immer auch auf Menschen, die genau dies verhindern wollen. Davon unabhängig müssen die Erinnerungen der Menschen aufgenommen und archiviert werden.
Derzeit führen ZeitzeugInnen durch die Anlage  und organisieren Gesprächsrunden mit TouristInnen. Es gibt Anfänge eines Museums, einen Memory-Park neben dem Krankenhaus und einen historischen Überblick über die Geschichte der Colonia auf Transparenten. Die BewohnerInnen schreiben ihre eigene Geschichte nach Belieben. So bezeichnen sie die Herrschaftsjahre Paul Schäfers auf einem Transparent etwas lapidar als „años dificiles“ (deutsch: schwierige Jahre). An diesem Ort stehen Menschen zwischen ihrem „geraubten Leben“, undurchsichtigen Täterstrukturen, Existenzängsten, Verantwortung, Scham und Hilflosigkeit. 

Sie brauchen und wollen professionelle Unterstützung, denn ihnen fehlt nicht nur die wissenschaftliche Kompetenz, sondern eben auch therapeutische Hilfe.

ChilenInnen, deren Familienangehörige als Oppositionelle während der Militärdiktatur in der Colonia Dignidad ermordet wurden, kämpfen für Aufklärung der Verbrechen und einen Gedenkort auf dem Gelände.

Die Aufhebung der Aktensperre durch das Auswärtige Amt war sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Nur läuft vor Ort, in Chile, die Zeit davon. Die Geschichten müssen gespeichert, ausgewertet und wissenschaftlich-didaktisch aufbereitet werden. Durch den eingangs genannten Film wurde der „dunkle Tourismus“ in der Villa Baviera erheblich angekurbelt. Ein Zeitzeuge* sagte mir, dass er es manchmal nicht mehr ertrage, Teil des Menschenzoos für Skandaltouristen zu sein.
Er könne sich aber auch nicht vorstellen, den Ort zu verlassen. Körperlich und seelisch erheblich beeinträchtigt, würde er „ohnehin nirgendwo ein neues Zuhause mit Arbeit und FreundInnen“ finden.

 

*Die Aussagen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stammen aus persönlichen Gesprächen mit der Autorin in der Villa Baviera, Chile, im April 2016.
 




[1] Der Film Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück startete am 18. Februar 2016 in den deutschen Kinos. Website zum Film (7.8.16)
[2] Die Colonia Dignidad liegt ca. 400 km südlich von Santiago de Chile