von Joachim Radkau

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1. April 2016

Nur wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, und ebenso nach Fukushima 25 Jahre später, ließ ich mich auf publizistische Schnellschüsse ein, obwohl mir als Historiker mulmig dabei war. Mein Essay für den SPIEGEL wurde am 12. Mai 1986 veröffentlicht und trug den Titel Tschernobyl in Deutschland? [1] Der am 15. März 2011 in der FAZ erschienene Artikel war von der Redaktion mit der Schlagzeile versehen worden: Beim nächsten Beben wird alles anders.

Den SPIEGEL-Essay begann ich mit einem Zitat aus der Bundestagsrede des CSU-Abgeordneten Matthias Engelsberger vom 10. Dezember 1981. Der referierte damals selbstzufrieden aus Anlass eines in München gehaltenen Vortrags des sowjetischen Umweltministers Yuri Izrael: „Von Reaktorunfällen wisse er nichts … Die sowjetischen Kernkraftwerke seien hundertprozentig sicher.“ Auf einen ironischen Zwischenruf des SPD-Abgeordneten Wolf-Michael Catenhusen erwiderte er: „Hier wären die Russen für uns zum ersten Mal Vorbild, Herr Catenhusen.“[2]

Die Erinnerung an diese Szene war kein bloßer Witz, sondern sollte vor Augen führen, in welchem Ausmaß die Sowjetunion bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre selbst bei Antikommunisten als Vorreiter im Bereich der Spitzentechnologien galt. Seit dem Sputnik-Schock von 1957 wurde warnend darauf hingewiesen, dass die Sowjetunion dem Westen etwa in der Ausbildung von Ingenieuren weit voraus sei.
Nach Tschernobyl wollte ich verhindern, dass diese Reaktorkatastrophe einfach auf „typisch russische Schlamperei“ zurückgeführt und für die Beurteilung bundesdeutscher Kernkraftwerke als irrelevant abgetan würde.

Den Text für die FAZ nach der Katastrophe von Fukushima 2011 begann ich mit der Erinnerung an eine Notiz, die ich zwei Jahre zuvor in meinem Hotelzimmer in Kyoto gefunden hatte. Bei der Notiz handelte es sich um Anweisungen, wie man sich im Falle eines Erdbebens zu verhalten habe. Als Historiker frappierte mich daran besonders der Anfang des Textes, der von einem geradezu seismologischen Geschichtsbewusstsein zeugte:
Der 1. September ist der Tag der Katastrophen-Prävention. An diesem Tag ereignete sich das große Erdbeben in der Kanto-Region vom 1. September 1923. Dann folgte mit brutaler Offenheit die Ankündigung, in dieser Region sei ein neues großes Erdbeben zwischen dem Anfang und der Mitte des 21. Jahrhunderts zu erwarten. Wie prophetisch! Ich fragte einen japanischen Kollegen, ob das Hotel erdbebensicher sei. Der erwiderte, nach jedem zerstörerischen Beben werde versichert, jetzt wisse man besser Bescheid und treffe entsprechende Vorkehrungen. Diese Zuversicht dauere bis zum nächsten großen Beben.

Während des Fluges nach Kyoto hatte ich das Buch von Gregory Clancey mit dem Titel The Earthquake Nation“ gelesen. Darin schildert Clancey Japan als eine Nation, deren Selbstbewusstsein sich nicht zuletzt auf dem vorbildlichen Umgang mit Erdbeben gründe. Das war vielleicht eine Erklärung dafür, dass die Öffentlichkeit nicht Alarm schlug, als in einer der japanischen Erdbebenregionen gleich mehrere Reaktoren gebaut wurden. Und in der Tat galt das Land bis zur Katastrophe von Fukushima weltweit als Hightech-Musterland. Dass ausgerechnet dort ein derartiges Desaster passieren konnte, veranlasste selbst die deutsche Kanzlerin, die Tschernobyl noch auf russische Nachlässigkeit zurückgeführt hatte, zum Umdenken.

Mittlerweile ist zu Tschernobyl und Fukushima unendlich viel publiziert worden. Zur Aktualität dieser Reaktorkatastrophen möchte ich dennoch schlaglichtartig zehn Punkte anführen, die eine stärkere Beachtung verdienen, als sie es – soweit ich das überblicke – bislang gefunden haben.

1. Böse Überraschungen als Argument für die Fehlerfreundlichkeit der Atomtechnik

In letzter Zeit befasse ich mich mit der Geschichte der Zukunftserwartungen und somit nicht zuletzt auch der Geschichte der Überraschungen. Im Feld der Überraschungen ist schließlich die Geschichte der Atomtechnik ungemein ergiebig. In den Jahren vor Tschernobyl war die Kontroverse um die Kerntechnik merklich abgeflaut. Die deutsche Öffentlichkeit wurde von der Reaktorkatastrophe entsprechend überrascht, und ich gestehe, auch ich selbst war erstaunt: Ich hatte mich zu jener Zeit bereits von der Geschichte der Kerntechnik weg hin zur Geschichte der Waldwirtschaft begeben. Überrascht wurden auch die Grünen: Sie waren damals mit ganz anderen Themen als den Gefahren der Atomkraft beschäftigt; das kann man in der großen Dokumentation der grünen Bundestagsfraktion in ihrer ersten Legislaturperiode nachlesen. Schließlich überraschte auch die Katastrophe von Fukushima im März 2011; bekanntlich hatte die Bundesregierung noch kurz davor die Laufzeit der Kernkraftwerke verlängert.

Angesichts dieser Überraschungen erinnerte ich mich an Gespräche mit Klaus Traube, dem ich viel verdanke: Bis 1977 war er technischer Leiter des Brüterbaus im Kernkraftwerk Kalkar gewesen und schließlich führender Experte der Anti-AKW-Bewegung geworden. Anfang 1984 hatte er im SPIEGEL meine im Vorjahr erschienene Geschichte der deutschen Atomwirtschaft[3] seitenlang besprochen. Zwar fiel die Besprechung insgesamt freundlich aus, gleichzeitig aber stichelte er ein wenig damit, dass an manchen Stellen wohl die Faszination der Kerntechnik mit mir durchgegangen sei, wenn ich es für möglich hielt, dass eine klügere Politik zur Wahl eines inhärent sicheren Reaktortyps hätte führen können.[4] Dieser erfahrene Mann versicherte mir, die größten Gefahren drohten nicht von jenen Risiken, die man seit langem im Visier hätte, sondern dass vielmehr von bösen Überraschungen auszugehen sei: Von Zufällen eben und solchen Gefahrenquellen, an die bisher keiner gedacht habe. Das müsse man, so Traube, auch bei angeblich sicheren Alternativen zu den bisherigen Reaktortypen bedenken.

Die Aussage Traubes unterstreicht nicht zuletzt die entscheidende Bedeutung der Fehlerfreundlichkeit der Atomtechnik und damit eines der stärksten Argumente für die erneuerbaren Energien. Selbst wenn man auch bei den erneuerbaren Energien damit rechnen muss, dass Pfade eingeschlagen werden, die sich als ungünstig herausstellen. Wenn man jedoch auf den Schwarzwaldhöhen Windkraftparks errichtet und dies zehn, zwanzig Jahre darauf für verfehlt hält, dann montiert man sie halt wieder ab.
Der Rückbau von Kernkraftwerken dagegen inklusive der Beseitigung aller Folgelasten ist unendlich viel komplizierter und folgenschwerer; das wissen wir mittlerweile zur Genüge.

2. Die Geschichte der Energiewirtschaft in Langzeitperspektive

Während Tschernobyl die deutsche Öffentlichkeit zunächst in große Aufregung versetzte, verbreitete sich einige Zeit nach der Katastrophe in der Anti-AKW-Szene tiefe Enttäuschung. So meinten viele, alles sei umsonst gewesen, die Atomkraftwerke würden weiter bestehen. Dieser Eindruck täuschte jedoch. Hier lohnt sich die historische Langzeitperspektive. Denn auf längere Sicht bekam die Förderung der erneuerbaren Energien damals eben doch den entscheidenden Kick. Die Älteren mögen sich zurückerinnern: Schon damals gehörte es in der Ökoszene zwar zum guten Ton, sich zu den Erneuerbaren zu bekennen, aber es war nicht leicht, wirklich daran zu glauben. Selbst Klaus Traube wies mich Mitte der 1980er Jahre darauf hin, dass Solarzellen viel zu teuer seien. Sie waren zunächst in der Raumfahrtforschung entwickelt und bis dahin auch nur dort eingesetzt worden. Auch in der Raumfahrttechnik waren Reaktoren für den Antrieb vorgesehen. Anders als jedoch auf der Erde war man sehr früh von den Vorteilen der Solartechnik überzeugt und nutzte sie vor allem für den Raketenantrieb.
Die reale Alternative zur Atomkraft war noch in den 1980er Jahren die Kohle. Diese geriet allerdings durch den Klimawandel zur gleichen Zeit ins Zwielicht.

Ein weiterer, damals wenig beachteter Vorgang in der Folge von Tschernobyl verdient in Erinnerung gerufen zu werden: das Ende des Schnellen Brüters in Kalkar. Noch kurz vor dem Aus des Kernkraftwerks unternahm ich 1991 mit meinen Studierenden eine Exkursion nach Kalkar und stieß dort auf eine ungeheure Frustration bei der Belegschaft. Die Energiewirtschaft hatte am Brüter ohnehin aus Kostengründen längst das Interesse verloren. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass die Brüter ursprünglich das Ziel der Atomkraft-Entwicklung gewesen waren; denn durch sie wurde die Atomkraft zur erneuerbaren Energie mit nahezu unendlicher Zukunft. Mit dem Aus für Kalkar hatte die Atomtechnik endgültig ihre Zukunft verloren; die lag nun allein bei den alternativen Energiequellen. Es lohnt sich also, die Geschichte der Energiewirtschaft auch als Zukunftsgeschichte zu betreiben!

Kernkraftwerk Kalkar, 25. Juli 1981, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 NL).
Demonstration gegen den Bau des Kernkraftwerks Kalkar. Demonstranten auf dem Markt in Kalkar, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 NL).

 

3. Wer ist schuld?

 

Tschernobyl und Fukushima werfen ein grelles Licht auf die Dysfunktionalität der Selbststeuerungskräfte der Wirtschaft und das fehlende Verantwortungsbewusstsein der Betreiber der Atomindustrie. In meiner Geschichte der Atomwirtschaft habe ich es quasi als Ursünde der internationalen Kernenergie-Entwicklung bezeichnet, dass die Reaktorbetreiber keine Haftung für alle Eventualitäten übernehmen müssen. Im Fall von Tschernobyl wurde jahrelang die Schuld auf ein schweres Fehlverhalten der Angestellten geschoben. Das Fehlverhalten der Belegschaft galt auch schon bei früheren Störfällen als Erklärung, auch im Westen. Und wie groß kann „Schuld“ überhaupt sein? Die Standardfrage im Zuge der Diskussionen über Tschernobyl ist in der Regel die nach der Zahl der Opfer, was die Referenten stets in Verlegenheit bringt. Denn diese Frage ist nicht zu beantworten. Die Schätzungen reichen von wenigen Dutzend bis zu einer Million. Spätfolgen radioaktiver Strahlung sind prinzipiell nicht exakt nachzuweisen.
Und zu Fukushima: Im offiziellen japanischen Sprachgebrauch handelt es sich nicht um eine Reaktorkatastrophe, sondern um das „Große ostjapanische Erdbeben“. Und bei einem Erdbeben gibt es keine Schuldigen. Aber ist Japan nicht die Earthquake Nation? In den japanischen Richtlinien zur Reaktorsicherheit war ein Erdbeben dieses Schweregrades nicht vorgesehen. Das Buch des damaligen japanischen Premierministers Naoto Kan über seine Erfahrungen in den Tagen nach der Katastrophe gibt erschütternde Einblicke in die ungeheure Schamlosigkeit, mit der sich die Führung des Tepko-Konzerns[5] aus der Verantwortung stahl.
Und dabei hatte Japan, wie ich durch Naoto Kan erfahren habe, noch Glück gehabt: Schließlich hätte die Region um Tokyo betroffen sein können. Das hieße, ein erheblicher Teil der japanischen Bevölkerung hätte evakuiert werden müssen. Naoto Kan wurde vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit der Katastrophe von Fukushima zum Gegner der Atomtechnik und wurde von seinen politischen Gegnern in Japan stark angefeindet.[6]

4. Ursprünge der Anti-AKW Bewegung

Heute stoße ich vor allem bei Jüngeren immer wieder auf die Vorstellung, die Anti-AKW-Bewegung sei eine Reaktion auf Tschernobyl gewesen. Den großen Durchbruch brachte jedoch bereits die Bauplatzbesetzung von Wyhl im Februar 1975. Und nicht zu vergessen die Entscheidung des Freiburger Verwaltungsgerichtes vom 21. März 1975, die die Teilerrichtungsgenehmigung aufhob und einen vorläufigen Baustopp verfügte. Bis dahin konnten die Betreiber den Bauplatzbesetzern mit horrenden Strafzahlungen für jeden Tag Verzögerung drohen. Am 14. März 1977 fiel die Entscheidung desselben Freiburger Gerichtes, dass das geplante AKW nur mit Ummantelung (einem Berstschutz) errichtet werden dürfe. Diese sehr kostspielige Auflage machte das ganze Projekt für die Betreiber vollends unattraktiv. Nicht zu Unrecht bezeichnet sich Freiburg als Ursprungsort der deutschen Umweltbewegung! Eine künftige Geschichte der Anti-AKW-Bewegung sollte nicht nur auf die Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei schauen, sondern vielmehr auf die Netzwerke der Protestbewegung mit kritischen Wissenschaftlern, Journalisten, Politikern, Vertretern der Kirche und nicht zuletzt Juristen. Auch in Japan gab es seit langem lokale Anti-AKW-Initiativen, es fehlte jedoch an dieser Vernetzung.
Die deutsche Anti-AKW-Bewegung entstand also nicht als Panikreaktion auf eine Reaktorkatastrophe. Am Anfang stand nicht emotionale Entrüstung, sondern vor allem das Wissen um die Risiken der Kernenergie. Dazu beigetragen hat vor allem die Monographie von Holger Strohm Friedlich in die Katastrophe, die eine Fülle von Informationen kritischer Atomkraft-Experten aus den USA verbreitete.[7] Strohm war Gründervater der deutschen Sektion der Friends of the Earth.[8] Selbst in den USA ist der dortige Ursprung der Anti-AKW-Bewegung heute vielfach vergessen. Daher konnte die unsinnige These aufkommen, der Widerstand gegen Atomkraft entspringe einer „German Angst“: ein krasses Beispiel von historischer Ignoranz.

 

Meinrad Schwörer: Alemannische Rede gegen das AKW Wyhl, gegen das Bleichemiewerk CWM in
Marckolsheim und für die badisch-elsässische Zusammenarbeit am 20. September 1974.
Quelle: YouTube, Youtube-Kanal des BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein, Veröffentlicht am 26.11.2015.

 

5. Der Protest wird weiblich

Nach Tschernobyl traten zunehmend Frauen in die deutsche Anti-AKW-Bewegung und agierten dort schließlich an vorderster Front. Zwar waren sie von Beginn an stark vertreten, das schlug sich jedoch kaum in der Anti-AKW-Publizistik, die vor allem von Männern verfasst wurde, nieder. Neu war in diesem Zusammenhang die führende Rolle der Mütter. Noch kurze Zeit davor hatte es in der feministischen Öko-Szene den so genannten „Schwesternstreit“ gegeben, bei dem diskutiert wurde, ob „Mutter“ ein rassistischer und diskriminierender Begriff sei. Die Frauenbewegung der 1970er Jahre hatte im Zeichen des Kampfes gegen den § 218 die Mutterrolle der Frau zunehmend kritisch diskutiert und sie als patriarchalisch konnotiert abgelehnt. Da Kleinkinder und Ungeborene am stärksten durch Radioaktivität gefährdet waren, enthielt die vorher stark umstrittene weibliche Mutterrolle nun jedoch einen kämpferischen Auftrag. Daran änderte auch der ironische Unterton gestandener Anti-AKW-Kämpfer nichts, die die Mütterinitiativen als „Becquerel-Bewegung“ bezeichneten. In der allgemeinen Verunsicherung, die das „Informations-Chaos“ nach Tschernobyl verursachte, fragten sich jedoch viele: Was darf man aus dem Garten essen? Dürfen die Kinder im Freien spielen? Wo liegen die Grenzwerte? Wurden sie bereits überschritten? Wer informiert glaubwürdig?

6. Angstabwehr seit den 1960er Jahren

Aus historischer Sicht ist die Geschichte der Angstabwehr von Seiten der Atomkraft-Lobby interessant, die die Protestbewegung so gerne als verängstigte Fortschrittsgegner verunglimpfte. Nach Tschernobyl erschien ein Kursbuch mit dem Titel GAU – Die Havarie der Expertenkultur[9], für das ich um einen Beitrag gebeten wurde. In diesem Beitrag stellte ich die Kernenergie-Entwicklung als eine Geschichte krampfhafter Angstabwehr dar. Schließlich wussten vor allem erfahrene Nuklear-Experten schon früh, dass es sich bei der Atomkraft um eine hochriskante Technik handelt. Bis in die frühen 1960er Jahre wurde über diese Risiken noch relativ offen gesprochen. Als die ersten atomaren Großkraftwerke in Auftrag gegeben wurden, traten neue Sprachregelungen in Kraft, die die Erforschung der „atomaren Frühzeit“ besonders reizvoll machen. Ein Bilderbuch in Reimen unter dem Titel Das lustige Atom, das in den 1950er Jahren gern verschenkt wurde, verfiel in schwarzen Humor: „Schon jetzt erscheint es manchmal hart, / was sich an Chromosomen paart; / was durch Bestrahlung werden kann, / da denkt man lieber gar nicht dran.“[10]

Das erste deutsche Standardwerk zur Reaktortechnik aus dem Jahr 1955, verfasst von Friedrich Münzinger, der bereits an den Kraftwerksbauten Zschornewitz (1916) und Klingenberg (1927) beteiligt war, enthält den warnenden Hinweis: „Radioaktive Gifte“ seien „1 bis 1000 Millionen mal so gefährlich wie chemische“ und vieles mehr, was man später nur noch in Anti-AKW-Pamphleten findet.[11] Otto Haxel, technischer Leiter des Kernforschungszentrums Karlsruhe, bemerkte bereits 1953 lakonisch, jedes „Uran-Kraftwerk“ sei „zwangsläufig eine Kernsprengstofffabrik“.[12]

Man kann die Reihe ähnlicher Warnungen der fünfziger Jahre fortsetzen. Es hatte somit Gründe, dass das Gesamtrisiko der Atomkraftwerke nicht annähernd zu versichern war. Die Risiken wurden also zunächst verdrängt. Nach Tschernobyl war diese Verdrängung nicht mehr möglich. 

Buchcover von Fritz Wolf: Das lustige Atom. Wie man's gebar, wie sich's bewegte und wie man es in Trümmer legte, 1956.

7. Atomwirtschaft als ökonomisches Desaster

Der bereits zitierte Klaus Traube kritisierte schon vor dreißig Jahren, dass die Anti-AKW-Bewegung allzu sehr auf die Risiken der Atomenergie fixiert sei und die mangelnde ökonomische Rentabilität der Atomkraftwerke kaum beachte. In der Tat: Die frühen Anti-AKW-Publizisten – nicht unbedingt die Aktivisten – kamen oft aus der marxistischen 68er-Bewegung und attackierten die Atomkraft als Verkörperung des Kapitals.

In jüngster Zeit versuchen Reaktorbetreiber häufig, ihr Unternehmen mit der Behauptung aus der Verantwortung zu stehlen, die Energiewirtschaft sei einst vom Staat in die Atomkraft gezwungen worden, weshalb der Staat nun auch Folgekosten zu tragen habe. Von einem staatlichen Zwang konnte indes nie die Rede sein. Vielmehr hatte die Bundesregierung führende Energieunternehmen stets umworben, die wiederum ihre Bedingungen stellen durften. Deutlich geworden ist inzwischen auch, dass das militärische Interesse an der Kerntechnik auch heute noch ein wesentliches Motiv für die Forcierung der Atomenergie bildet.

Die militärischen Interessen wurden durch die frühe Atom-Euphorie verdeckt, als das „friedliche Atom“ die erlösende Gegenwelt zur Atombombe beziehungsweise den paradiesischen Kontrast zur atomaren Apokalypse bilden sollte. Wie so oft tendiert das utopische Zukunftsdenken zu extremen Kontrasten. In Wahrheit gab es nicht nur bei den Atommächten, sondern auch in der frühen Atompolitik der Bundesregierung militärische Motive. So planten etwa Konrad Adenauer und Franz Joseph Strauß, die dem amerikanischen „Atomschild“ nicht trauten, den Bau von Atomwaffen in Kooperation mit Frankreich.[13] Als jedoch der französische Präsident de Gaulle die „force de frappe“ [14] für Frankreich allein beanspruchte, brach die bereits angelaufene Zusammenarbeit beider Länder ab. Zur gleichen Zeit versuchte sich die SPD nicht zuletzt durch die Forcierung des „friedlichen Atoms“, als Partei des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu profilieren.
Angesichts dieser Entwicklungen fluchte Konrad Adenauer vor dem CDU-Vorstand: „Das verdammte Atom hat allen den Kopf verdreht.“ Ein denkwürdiges Kanzlerwort, das in Erinnerung gehalten zu werden verdient!  

Lothar Hahn, der unter der rot-grünen Bundesregierung Chef der Reaktor-Sicherheitskommission wurde und mit seinen Insider-Kenntnissen die Neufassung meiner Atomwirtschaft stark beeinflusste, weist darauf hin, dass in der Bundesrepublik schon seit 1982 kein neues Kernkraftwerk in Auftrag gegeben wurde. Grund hierfür war der Mangel an ökonomischem Interesse. Ein latenter Ausstieg aus der Kerntechnik läuft somit bereits seit Jahrzehnten, allerdings ohne ein Konzept für die Zukunft der Energieversorgung.

8. Kompetenzverlust in Fragen der Kernenergiegewinnung

Mit viel Gewinn habe ich vor vierzig Jahren Gespräche mit Vertretern der Atomtechnik geführt, die unter vier Augen manchmal erstaunlich offen redeten. Solche Gespräche sind heute nicht mehr möglich. In der Bundesrepublik vollzieht sich schon seit Jahrzehnten ein rapider Verlust der nuklearen Kompetenz.[15] Schon seit den 1980er Jahren war zu erkennen, dass die Atomkraft keine Zukunft hatte, die entsprechenden Studiengänge an den Technischen Hochschulen verwaisten und der Nachwuchs blieb aus.

Die Lage ist dennoch ernst, denn auch heute brauchen wir dringend kerntechnische Kompetenz, für den Rückbau der AKWs und für den Umgang mit dem Atommüll. Allein aufgrund des Mangels an Kompetenz wäre es mehr als verantwortungslos, die Atomkraft weiter zu forcieren. Es wäre ein großes Unglück für unser Land, wenn die Energiewende zu einem Fehlschlag würde!

9. Lange Zeit wenig bekannt: Solartechnik

Die Solartechnik hingegen schaut auf eine lange Geschichte zurück, die historisch weit hinter die Geschichte der Atomtechnik reicht und bereits in den 1860er Jahren beginnt.[16] Allerdings wurde Mitte der 1950er Jahre, in der Zeit der frühen Euphorie für das sogenannte „friedliche Atom“, die solare Zukunftsperspektive durch die vermeintliche Zukunft der Atomtechnik verdrängt. Denn der Fusionsreaktor galt als das alles überstrahlende Fernziel der Atomkraft-Nutzung. Einer Energiegewinnung durch die Fusion von Wasserstoffkernen nach dem Muster der Sonne – aber eben auch der Wasserstoffbombe! Auf der Genfer Atomkonferenz von 1955, die eine weltweite Euphorie auslöste, wurde der Fusionsreaktor für die kommenden 20 Jahre avisiert, als jedoch die 20 Jahre um waren, wurden es wieder 20 Jahre, und so ging es weiter. Derweil setzten sich die Solarzellen in der Raumfahrttechnik durch. Waren zu Beginn noch Reaktoren als Antrieb der Raumschiffe geplant, wurden sie relativ zügig von den Solarzellen abgelöst. Die Entwicklung der Raumfahrttechnik konnte jedoch von der Anti-AKW-Bewegung nicht wahrgenommen werden; erst in einem jahrelangen Prozess wurden die Solarzellen vom Himmel auf die Erde heruntergeholt.

10. Was können wir aus der Geschichte der Atomtechnik für die Energiewende lernen?

In langen Gesprächen, die ich gemeinsam mit Lothar Hahn und Klaus Töpfer[17] führte, kristallisierte sich vor allem ein Punkt heraus: In der Frühphase der Atomenergiewirtschaft hatte sich ungeachtet aller Differenzen eine Community an Fachleuten herausgebildet. Sie alle kannten einander und trafen sich auf den Fachkonferenzen der Welt. Sie spielten, wenn es darauf ankam, einander die Bälle zu. Diese Community war entscheidend für den Aufstieg der Atomkraft, ungeachtet aller von Anfang an herrschenden Bedenken.

Eine solche Community gibt es als Basis für die Energiewende bislang kaum. Stattdessen ertönt unendlich viel Polemik, und es herrschen oft destruktive Kritikformen. Soweit ich es beurteilen kann, sind die Vorkämpfer der Energiewende derzeit in viele unterschiedliche Szenen aufgesplittert: in Anhänger der Windkraft und der Solartechnik, der zentralen und der dezentralen Energieerzeugung, der Förderung energiesparender Technologien und schließlich der Bioenergie und Geothermie. Hier fehlt die Kommunikation zwischen den VertreterInnen der verschiedenen Konzepte, eine konstruktive Kritik und nicht zuletzt Solidarität untereinander. Das ist eine Herausforderung, der sich die junge Generation stellen sollte.

 


[1] Joachim Radkau: Tschernobyl in Deutschland?, in: DER SPIEGEL „Angst“ 20/1986, 12.5.1986.
[2] „Die sowjetischen Kernkraftwerke sind sicher; also sind die bundesdeutschen Kernkraftwerke erst recht sicher - das war die Logik des CSU-Abgeordneten Engelsberger in seiner Bundestagsrede vom 10.12.1981. Beifällig referierte er einen in München gehaltenen Vortrag des sowjetischen Umweltministers Jurij Israel (...)“, in: DER SPIEGEL „Angst“ 20/1986, 12.5.1986.
[3] Joachim Radkau: Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft. 1945–1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Reinbek 1983.
[4] Klaus Traube: Ein Scherbenhaufen in der Atomszene, in: DER SPIEGEL 4/1984, 23.1.1984.
[5] Das Energieversorgungsunternehmen Tepco ist die verantwortliche Betreiberfirma für die Reaktoren in Fukushima und der größte Stromanbieter des Landes. Tepco hält das Monopol im Großraum Tokio und versorgt ein Drittel Japans mit Strom. Die Katastrophe von Fukushima ist offensichtlich nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Skandalen, die das 1951 gegründete Unternehmen in den Jahren zuvor vertuscht hatte.
[6] Naoto Kan: "Fukushima hat meine Sichtweise grundlegend verändert", in: DW Deutsche Welle, 11.3.2015.
[7] Holger Strohm: Friedlich in die Katastrophe. Hamburg 1973.
[8] Friends of Earth ist ein internationaler Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen. Im Jahr 2011 war die Organisation in insgesamt 76 Ländern mit über 2 Millionen Mitgliedern vertreten. Die deutsche Organisation BUND ist dort vertreten.
[9] Kursbuch 85: GAU - Die Havarie der Expertenkultur, Berlin 1986.
[10] Fritz Wolf: Das lustige Atom, Vulkan-Verlag, 1959. Das Pappbilderbuch erschien in mehreren Auflagen.
[11] Friedrich Münzinger: Atomkraft. Eine Studie über die technischen und wirtschaftlichen Aussichten von Atomkraftwerken für Ingenieure, Energiewirtschaftler und Volkswirte, Göttingen 1955.
[12] Otto Haxel: Energiegewinnung aus Kernprozessen, Opladen 1953.
[13] Strauß war von 1955 bis 1956 Bundesminister für „Atomfragen“, von 1956 bis 1962 Bundesverteidigungsminister.
[14] Force de frappe ist die populäre Abkürzung für: Force de dissuasion nucléaire de la France.
[15] Vgl. dazu: Joachim Radkau, Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft, München 2013, S. 374ff.
[16] Gerhard Mener: Zwischen Labor und Markt. Die Geschichte der Sonnenenergienutzung in Deutschland und den USA 1860 bis 1986, Baldham 2001.
[17] Klaus Töpfer war u.a. von 1987 bis 1994 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.