web_renghart_201707_00.jpg

Giovanni Falcone und Paolo Borsellino

Les juges antimafia Falcone et Borsellino (Bildausschnitt)
Foto: Felipeh, Quelle: Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

„Ein Schritt nach vorn und drei zurück“?
Der Kampf gegen die Mafia 25 Jahre nach den Attentaten von Capaci und Via d'Amelio
von
Tobias Renghart
Druckversion

Veröffentlicht am 12. Juli 2017

Vor 25 Jahren, am 19. Juli 1992, wurde der italienische Richter Paolo Borsellino und fünf Mitglieder seiner Eskorte in der Via D’Amelio in Palermo durch eine Autobombe der sizilianischen Mafia getötet. Am Tage des Attentates finden seitdem jedes Jahr große Gedenkveranstaltungen statt.

„Ein Schritt nach vorne und drei zurück, so läuft der Kampf gegen die Mafia“[1] fasste der palermitanische Untersuchungsrichter Giovanni Falcone die Auseinandersetzung des italienischen Staates mit der Cosa Nostra[2] in den 1980er Jahren zusammen. Der Satz lässt sich ebenso gut auf die gesamte Geschichte des Ringens mit der sizilianischen Organisierten Kriminalität beziehen. Seit der Gründung des italienischen Nationalstaates 1861 ist der Kampf gegen die Cosa Nostra von kleinen Fortschritten und vielen Rückschlägen geprägt.[3] Das tiefe, schwer zu durchschauende Geflecht aus sizilianischen Klientelbeziehungen, mafiöser Territorialkontrolle und wirkmächtigen Verbindungen in die sizilianische, aber auch italienische Politik- und Wirtschaftselite wurde lange Zeit nicht konsequent aufgedeckt und bekämpft – sodass bis in die 1980er Jahre nicht einmal klar war, was die Cosa Nostra eigentlich ist. Eine Organisation oder schlicht ein Teil der sizilianischen Kultur? Eine öffentliche Diskussion darüber war über ein Jahrhundert ein nur schwer möglich.

Dies hat sich heute geändert: die Cosa Nostra und der Kampf gegen sie sind vor allem in Sizilien in aller Munde. Gerade in diesen Wochen überstrahlt das Thema auf den Straßen Palermos und in den Gazetten der Insel vieles, denn vor 25 Jahren fielen die bekanntesten Antimafiakämpfer brutalen Attentaten der Mafia zum Opfer: am 23. Mai 1992 der bereits genannte Giovanni Falcone und kaum zwei Monate später, am 19. Juli, sein Freund und Kollege Paolo Borsellino. Diesen Ereignissen wird in Palermo in großen Gedenkveranstaltungen und Demonstrationszügen gedacht und beide Untersuchungsrichter werden als Helden des Antimafiakampfes verehrt. Während sich die italienische Regierung bis in die 1980er Jahre enorm schwer damit tat, das Thema Mafia überhaupt auf die nationale Agenda zu setzen, ziehen in den letzten Jahren an den genannten Tagen tausende Sizilianer durch die Straßen der Provinzhauptstadt und erinnern öffentlichkeitswirksam an den historischen und aktuellen Antimafiakampf.
Hat Falcones Ausspruch von der ewig von Rückschlägen geprägten Auseinandersetzung seitdem zumindest teilweise an Gültigkeit verloren? Die Jahrestage der Attentate nimmt dieser Artikel zum Anlass, um einen Blick auf die Entwicklung des Umgangs mit der Mafia in Italien zu werfen. Er zeigt zudem einige Facetten der vielfältigen Folgen, die diese Anschläge nach sich zogen und bewertet den gegenwärtigen Kampf gegen die Mafia.

Sizilien erwacht:  „Berühmte Leichen“ und der Maxiprozess von Palermo

Um die Veränderungen innerhalb der sizilianischen Bevölkerung, die zu den großen Demonstrationszügen gegen die Mafia führten, greifbar zu machen, ist ein Blick auf die Zeit vor den einschneidenden Attentaten notwendig. Der Ursprung der Wandlung liegt jedoch weder im Institutionengefüge noch in der Gesellschaft – sondern innerhalb der Cosa Nostra selbst. Gegen Ende der 1970er Jahre schickte sich eine Gruppe von, aus der Kleinstadt Corleone stammenden, Mafiabossen an, das auf strengen Hierarchien und territorialer sowie ökonomischer Machtaufteilung basierende Herrschaftsprinzip einzureißen: durch eine Serie von äußerst blutigen Attentaten beseitigten sie sämtliche Rivalen. Diese erfolgreiche Machtaneignung hatte jedoch zwei unerwünschte Nebeneffekte, die das bis dato oft von Duldung bis hin zur Kollaboration geprägte Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Mafia nachhaltig veränderten.

Erstens war die Mordserie derart erbarmungslos, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte der Cosa Nostra mehrere, auch hochrangige Mafiosi den Behörden stellten und infolgedessen unter der Bezeichnung pentiti (Reumütige) mit dem Staat zusammenarbeiteten. Das alte Schweigegelübde omertà geriet damit ins Wanken und der italienischen Öffentlichkeit wurden erstmals die inneren Strukturen der Cosa Nostra vor Augen geführt. Viele dieser Zeugenaussagen führten wenige Jahre später zum sogenannten Maxiprozess von Palermo, wo über 300 Mafiosi, darunter auch Hochrangigen, unter Federführung von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino öffentlich und medial inszeniert der Prozess gemacht wurde. Damit war auch der uralte Mythos von der mafiösen Straffreiheit zum ersten Mal empfindlich getroffen.

Zweitens ermordeten sowohl die Corleonesi also auch deren Rivalen als Demonstration der eigenen Stärke bekannte Exponenten des Staates – Anwälte, Journalisten, Carabinieri-Generäle und Politiker. Eine lange Liste dieser sogenannten cadaveri eccelenti (berühmte Leichen)zeugt von diesen Gräueltaten. Angesichts solcher Massaker regte sich erstmals massiver Widerstand in Staat und Gesellschaft. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der staatlichen Institutionen schreckten nicht zurück, trieben die Ermittlungs- und Enthüllungsarbeit weiter voran und die sizilianische Zivilgesellschaft bekundete erstmals öffentlich ihren Unmut über die bedrohlichen Zustände. Trauerfeiern nahmen immer häufiger auch die Gestalt von Protestkundgebungen an – gegen die Mafia, aber vor allem auch gegen den italienischen Staat, da dieser angesichts der verheerenden Attentate vollkommen hilflos wirkte und zum Teil der Mittäterschaft bezichtigt wurde.

Die Morde an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992 sind hinsichtlich dieses gesellschaftlichen Klimas daher eher Klimax als Ausgangspunkt eines breiten Widerstandes. Dennoch stellen diese Attentate die wichtigste Zäsur in der Antimafiageschichte dar. Sie waren ein symbolischer Akt, um dem Staat final den Krieg zu erklären: Entweder der Staat nimmt die Antimafia-Maßnahmen zurück oder die Gewalt trifft auch die obersten Stellen – nicht einmal die berühmtesten Antimafiakämpfer waren sicher.

Das Erbe von Capaci und Via d’Amelio

Vor diesem Hintergrund und dem öffentlichen Druck musste der Staat endlich entschlossen reagieren. Er schickte die Armee nach Sizilien und stärkte Polizei und Justiz. Bald zeigten sich erste Erfolge: Die Beamten konnten die wichtigsten Köpfe der Fraktion der Corleonesi, Totò Riina, Leoluca Bagarella und Bernardo Provenzano bis 2006 fassen. Sie befinden sich seitdem in Untersuchungshaft oder sind dort bereits verstorben. Auch die öffentliche Sicherheit auf Sizilien hat sich merklich verbessert.[4]

Dies sind jedoch nur die unmittelbaren Effekte. Als mindestens ebenso wichtig sind die gesellschaftlichen und staatlichen Initiativen seit 1992 zu bewerten: Die StudentInnen der sizilianischen Universitäten in Palermo, Catania und Messina organisieren sich in Antimafia-Gruppen und treiben die Öffentlichkeitsarbeit dazu voran. Es wurden einflussreiche zivilgesellschaftliche Organisationen wie Libera (1995) und Addiopizzo (2004)geschaffen, die sich gegen mafiösen Praktiken wie der Schutzgeldzahlung wenden und Unterstützung anbieten. Zudem sind auf der Insel vielfältige Formen von Erinnerungsarbeit entstanden: In der ehemaligen Mafiahochburg Corleone befindet sich beispielsweise das C.I.D.M.A. (Centro di Documentazione sulla Mafia e Movimento Antimafia)[5], ein Museum mit wichtigen Dokumenten der Antimafiabewegung. Gedenktafeln und Erinnerungssymbole verweisen auf herausragende Personen in der Auseinandersetzung und der Flughafen Palermos trägt heute den Beinamen „Falcone e Borsellino“. Solch eine offen zur Schau gestellte Antimafiahaltung wäre drei Jahrzehnten zuvor noch undenkbar gewesen.
    

Noch immer “Un passo avanti e tre indietro”?

Gleichzeitig aber ist der Kampf gegen die Mafia alles andere als gewonnen. Eine der großen Stärken der Cosa Nostra war stets ihre Anpassungsfähigkeit in politischen und gesellschaftlichen Umbruchsphasen. Diese scheint sie nach dem grausamen Interludium der Corleonesi-Regentschaft wieder umzusetzen. Zwar hat die Mafia ihre sichtbare Machtposition in Sizilien eingebüßt. Italienische Kriminalbeamte streichen jedoch immer wieder heraus, dass die Cosa Nostra noch heute ein mächtiges Wirtschaftsimperium umfasst, welches sich zum Teil auch in legale Bereiche diversifiziert hat. Der pizzo, die mafiösen Schutzgeldzahlungen, stellt zudem weiterhin ein Problem dar und bis heute gibt es selbst im Zentrum von Palermo einige Viertel, in welchem das Geschäfts- und Nachtleben von der Mafia zumindest mitkontrolliert wird. Nicht minder besorgniserregend ist die Tatsache, dass noch immer in regelmäßigen Abständen sizilianische Unternehmer und Politiker – mit Raffaele Lombardo und Salvatore Cuffaro sogar langjährige Regionalpräsidenten Siziliens – wegen Mafiatätigkeiten verhaftet werden. Der alte intreccio, die Verflechtung zwischen Mafia und sizilianischen Eliten, konnte bis heute nicht beseitigt werden.

Zudem kommt die nationale öffentliche Diskussion zum Thema Cosa Nostranicht zur Ruhe. Gerüchte über eine trattativa, eine Art Waffenstillstandspakt zwischen Staat und Mafia seit 1992, sorgen immer wieder für äußerst polemische Debatten auf der Halbinsel. Dies sorgt unter anderem dafür, dass bis heute Untersuchungen zum Thema Mafia stets von größter öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet sind und die Protagonisten dieser Untersuchungen sich immer wieder dem Vorwurf der persönlichen Geltungssucht erwehren müssen – eine Schmutzkampagne, die bereits Falcone und Borsellino in den 1980er Jahren ertragen mussten. Zudem wird bei aller zu begrüßenden Aufmerksamkeit hinsichtlich der Cosa Nostra deutlich weniger über die beiden anderen großen Mafiaphänomene des Landes diskutiert: Gerade die kalabrische  ‘Ndrangheta gilt heute in Expertenkreisen als nicht weniger mächtige und gefährliche Organisation als ihr sizilianisches Pendant – die öffentliche Debatte hierzu steht allerdings bestenfalls am Anfang.[6]

Das Thema Cosa Nostra beschäftigt Sizilien und Italien auch 25 Jahre nach den traumatischen Anschlägen von Capaci und Via d’Amelio. Über die eingangs erwähnte Dichotomie zwischen Fortschritten und Rückschlägen lässt sich wie folgt bilanzieren:
Was das öffentliche Bewusstsein angeht, hat der Antimafiakampf seitdem mehr und bedeutendere Schritte gemacht als je zuvor, allein die Massendemonstrationen zu jedem Jahrestag des Attentats von Capaci und Via d’Amelio zeugen davon. Gleichzeitig ist die Gefahr der Mafias in Italien keineswegs gebannt. Es bleibt daher zu hoffen, dass die sizilianischen Studentinnen und Studenten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Institutionen in ihrer Wachsamkeit nicht nachlassen, denn die Geschichte des Antimafiakampfes zeigt, dass auf Fortschritte auch immer wieder schmerzhafte Rückschritte folgen können.




[1] zit. nach: Francesco La Licata: Storia di Giovanni Falcone, Mailand 2002, S. 120.
[2] Die Begriffe “Mafia” und “Cosa Nostra” werden in diesem Artikel synonym verwendet. Neben der sizilianischen Mafia werden in der Forschung zumeist auch die neapolitanische Camorra sowie die kalabrische ‘Ndrangheta als Mafia bezeichnet. Der Artikel widmet sich jedoch ausschließlich der sizilianischen Organisation.
[3] Zur Geschichte der Mafia und dessen Bekämpfung, s. v.a. Salvatore Lupo: Die Geschichte der Mafia, Ostfildern.
[4] Dies lässt sich beispielsweise an Statistiken zur Mordrate ablesen, wo vor allem die sizilianischen Städte Catania und Palermo in den letzten  25 Jahren einen signifikanten Rückgang der Zahlen verzeichnen können. s. dazu Marzio Barbagli und Alssandra Minello, L’inarrestabile declino degli omicidi, in: lavoce.info vom 16. Mai.2017, zuletzt aufgerufen am 03.07.2017.
[5] Informationen zum Museum: Centro di Documentazione sulla Mafia e Movimento Antimafia.
[6] Letizia Paoli, Mafia and Organised crime in Italy: The Unacknowledged Success of Law Enforcement, in: West European Politics 2007, Vol. 30,  N. 4., S. 854 f.