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Blick aus einem Fenster der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 28.6.2013
Foto: Adam Jones 

By Adam Jones, Ph.D. (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

 

  
„Wer hier weint, hört nicht mehr auf“
Zum Umgang mit der Wannsee-Konferenz und ihrem historischen Ort
von
Gerd Kühling und Hans-Christian Jasch
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Veröffentlicht am 18. Januar 2017

In einer repräsentativen Villa, idyllisch gelegen am Berliner Wannsee, kamen am 20. Januar 1942 fünfzehn hochrangige Vertreter der SS, der NSDAP und mehrerer Reichsministerien zu einer „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ zusammen. Der einzige Tagesordnungspunkt war die „Endlösung der Judenfrage“. Es war ein koordinierendes Treffen, denn der Massenmord an den Juden in Osteuropa hatte längst begonnen. Die Besprechung im Gästehaus des Reichssicherheitshauptamtes, die auf Einladung Reinhard Heydrichs erfolgte, ging nach 1945 unter der Bezeichnung „Wannsee-Konferenz“ in die Geschichtsbücher ein. In der Öffentlichkeit ist sie zum Symbol geworden für die „bürokratisch organisierte Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben, für staatlich organisierte Vernichtung, für die geplante und behördlich systematisierte Tötung der Juden Europas“ – in diese Worte fasste es zumindest Bundespräsident Christan Wulff, der 2012 als erster deutscher Bundespräsident die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz besuchte.[1] In diesem Jahr wird die Gedenkstätte 25 Jahre alt. Im Folgenden soll der wissenschaftliche und öffentliche Umgang mit der „Konferenz“ vom 20. Januar 1942 in den letzten Jahrzehnten in Deutschland skizziert werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der zunehmenden Emotionalisierung des historischen Ortes und der Bedeutung, die dieses Phänomen für die Arbeit der Gedenkstätte hat.

Die etablierte Geschichtswissenschaft in Deutschland war lange Zeit sehr zurückhaltend, was die Erforschung des Judenmordes und damit auch der Wannsee-Konferenz, ihrer Akteure und beteiligten Institutionen am Völkermord betraf. Erst nachdem sich die Forschung in den 1980er Jahren dem nun als „Holocaust“ bezeichneten Massenmord verstärkt zuwandte, legten 1992 (der jüngst verstorbene) Kurt Pätzold und Erika Schwarz mit ihrem Werk „Tagesordnung: Judenmord“ eine Untersuchung eigens zur Wannsee-Konferenz vor und führten hierin unter anderem Kurzbiographien aller beteiligten NS-Funktionäre auf. Als weitere grundlegende Arbeiten folgten Untersuchungen von Christian Gerlach (1997) in „Werkstatt Geschichte“, Peter Longerich zur „Politik der Vernichtung“ und Mark Roseman (2002).[2] Im Herbst 2016 legte Peter Longerich erneut eine Publikation zur Wannsee-Konferenz vor. In dieser unterstrich er, dass die Ermordung der europäischen Juden „über SS, Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst hinaus aktiv durch Reichskanzlei, Justiz, Innenministerium, Auswärtiges Amt, zivile Besatzungsbehörden, Vierjahresplan […] sowie Partei mitgetragen und mitverantwortet wurde“.[3]

Trotz dieser Forschungsergebnisse, die die NS-Verbrechen längst nicht mehr auf einen kleinen Kreis von Haupttätern reduzieren, herrscht in der Öffentlichkeit weiterhin ein Bild des „Dritten Reiches“  vor, das stark auf Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich oder Adolf Eichmann fokussiert ist. Mit diesem Umstand werden Mitarbeiter der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz regelmäßig konfrontiert, lautet doch eine häufige Frage von Besuchern, ob Hitler ebenfalls an der Besprechung teilgenommen habe. Zudem ist die öffentliche Sichtweise weiterhin stark von der Auffassung geprägt, am Wannsee sei die Ermordung der europäischen Juden beschlossen worden. Dies mag dem verbreiteten Bedürfnis geschuldet sein, außergewöhnliche geschichtliche Ereignisse mit konkreten Entscheidungssituationen und Orten zu belegen, wie Peter Klein in seiner Broschüre zur Wannsee-Konferenz überzeugend dargelegt hat.[4] Es herrscht somit eine „anhaltende Diskrepanz zwischen dem fachwissenschaftlichen Standpunkt und dem Bild in der Öffentlichkeit“, und es zeige sich – so der Historiker Mark Roseman –, „dass Fakten eine publikumswirksame Erzählung kaum berichtigen“. [5] Auch die eingangs zitierte Rede Christian Wulffs vom 20. Januar 2012 gibt davon einen Eindruck: „Hier, in dieser Gedenkstätte, ist es nachlesbar, anschaubar: Hier wurde die Koordinierung aller staatlichen Stellen zu dieser Vernichtung beschlossen. Hier wurde das unerhörte und unfassbare Menschheitsverbrechen in Verwaltungsakte deutscher Bürokratie umgesetzt.“[6] Zwar sprach Wulff nicht davon, dass auf der Wannsee-Konferenz der Beginn des Mordprogrammes beschlossen worden sei; auffallend sind jedoch die Zuschreibungen an den Ort der Konferenz: „Dieser Ort ist zu einem Ort der kalten Grausamkeit geworden, Auslöser der Vollstreckung eines systematischen Völkermordes, ein Ort deutscher Schande.“[7] 

Wie eingangs erwähnt, ist diese quasi-Personalisierung des historischen Ortes ein relativ neues Phänomen, das sich mit der Intensivierung des Gedenkens und der Forschung über die Wannsee-Konferenz verstärkte. In den 1960er Jahren, als die Wannsee-Konferenz und ihr historischer Ort erstmals von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden, waren derartige Zuschreibungen kaum präsent. Damals forderte der Auschwitz-Überlebende Joseph Wulf die Einrichtung eines „Internationalen Dokumentationszentrums zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“ in diesem Gebäude. Wulf wollte zwar ebenfalls die Symbolik des Hauses für sein Vorhaben nutzen. Es sollte allerdings nicht nur Gedenkstätte und „totes Museum“ sein. Vielmehr zielte er darauf ab, „dort eine lebendige, wissenschaftliche, internationale Forschungsstätte zu etablieren“. Negative Zuschreibungen an den historischen Ort artikulierten seinerzeit vor allem Gegner des kontrovers diskutierten Vorhabens. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz führte an, er wolle am Wannsee „keine makabre Kultstätte“ – ohne weiter auszuführen, was er damit meinte. Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier forderte sogar, die Villa abzureißen, sodass „keine Spur von dieser Schreckensstätte übrigbleibt“.[8] 

Als in den 1980er Jahren eine umfassendere gesellschaftspolitische und geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen erfolgte, häuften sich emotionsgeladene Zuschreibungen an die Wannsee-Konferenz. Einen ersten Höhepunkt erreichte dieses Phänomen mit der Eröffnung der Gedenkstätte im Januar 1992: „Dieses Haus macht Angst, womöglich hilflos“, hieß es.[9] Andere sprachen von einem „beklemmenden Ort“[10] oder berichteten: „Die Villa – ein idyllischer Ort des Grauens“.[11] Wieder andere sahen in der Villa ein „Haus des Schreckens“[12]. In seiner Rede auf der Eröffnungsveranstaltung führte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Heinz Galinski aus: „Was fühlt ein Jude an diesem Ort des Bösen, des Fluchs? Furcht und Beben, Zorn – unsäglichen Zorn. Weinen? Hier darf man nicht weinen! Wenn man anfängt, hört man nicht wieder auf.“[13] All dies schreckte die Besucher jedoch nicht ab, im Gegenteil: Bereits in den ersten zehn Tagen nach der Eröffnung besuchten über 5000 Menschen die Gedenkstätte mit ihrer Dauerausstellung, die auf die schockierende Kraft von Fotografien vertraute. Der große Besucherandrang stellte die Gedenkstätte anfangs durchaus vor Probleme. Das Ansinnen der Einrichtung, als „Lernort der Geschichte“ zu dienen, drohte verloren zu gehen, denn der qualifizierten Betreuung der vielen Besucher kam man zunächst kaum nach. Die Vertreter/innen der Bildungsarbeit des Hauses warnten, man brauche dringend mehr Personal, andernfalls drohe das Bildungskonzept zu einer Art „Holocaust-Tourismus“ zu verkommen.[14] 

Mittlerweile verzeichnet die Gedenk- und Bildungsstätte mehr als 100.000 Gäste im Jahr. In Zeiten des „Dark Tourism“, bei dem Besucher mehr an der Brutalität und am Hype um die Verbrecher interessiert sind als an der Geschichte, sind die Herausforderungen an die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte nicht geringer geworden. Die dämonisierenden Zuschreibungen an den historischen Ort tragen dazu sicherlich bei. Zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz verlautbarte der „Berliner Kurier“: „Sähe man Häusern an, was hinter ihren Mauern geschah, dann müsste einem vor der Villa in der Straße am Großen Wannsee in Berlin Angst eiskalt in die Knochen fahren. […] Wer weiß, was sich vor 70 Jahren hinter der pompösen Fassade ereignete, tritt über die Schwelle mit einem Frösteln. Der Tisch, an dem die perversen Organisationspläne für die Juden-Vernichtung präsentiert wurden, existiert nicht mehr. Es ist so, als ob sich das Haus seiner dunklen Geschichte schämte und das Mobiliar ausgespuckt hätte. Stühle, Tische, selbst Tassen und Teller – alles weg.“[15] Derartige Berichte sind geeignet, bei Besuchern Erwartungen zu wecken, die das Haus der Wannsee-Konferenz nicht erfüllen kann – und die die Bildungsarbeit des Hauses auch nicht bestätigen will. Anstatt eines „Nazi-Horrors“ sollen vielmehr die arbeitsteiligen Vorgänge des Massenmordes und die Mechanismen des NS-Systems beleuchtet werden, das nur funktionierte, weil viele daran beteiligt waren.

Vor allem aber war die Wannsee-Konferenz im Prozess der Vernichtung der europäischen Juden weder die einzige Zusammenkunft, auf der hohe Vertreter des NS-Staates die Ermordung von Millionen Menschen besprachen, noch war die Wannsee-Villa der einzige Ort, an dem Verbrechen koordiniert wurden. Das Besondere der Besprechung vom Januar 1942 ist „lediglich“, dass das Protokoll dieses Treffens nicht (wie Tausende andere) vernichtet wurde und die Wannsee-Villa nach 1945 erhalten blieb, ganz im Gegensatz etwa zum Gebäudekomplex des Reichssicherheitshauptamtes an der Wilhelmstraße/Prinz-Albrecht-Straße oder dem Gebäude des „Judenreferates“ Adolf Eichmanns in der Kurfürstenstraße 115/116, die abgerissen wurden. Da aber bis heute selbst noch in Schulbüchern die Falschinformation zu finden ist, auf der Wannsee-Konferenz sei der Beschluss zur „Endlösung der Judenfrage“ erfolgt[16], wäre es vermessen, sich über Medienberichte zu stellen, die ähnliche Aussagen reproduzieren. Vielmehr leben auch Gedenkstätten von öffentlicher Aufmerksamkeit und medialer Berichterstattung, je fundierter, desto besser. Als positives Beispiel sei etwa eine mehrseitige Reportage der „taz” hervorgehoben, die zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz erschien. Seit der Entdeckung des Protokolls im Jahr 1947 war dies im Übrigen der erste Beitrag in einer deutschen Tageszeitung, der alle Teilnehmer der Wannsee-Konferenz mit Namen, Funktion und Todesdatum nannte und diese inklusive Foto (sogar auf der Titelseite) abdruckte.[17] 

Die symbolische aufgeladene Betrachtung, nach der die Wannsee-Konferenz vereinfachend für „den Beschluss der Ermordung der Juden“ oder für einen „detailliert ausgearbeiteten Mordplan“ steht, wird wohl noch lange Bestand haben – der Berichterstattung ist dies weniger zu wünschen. Aufgabe von Gedenkstätten und zeitgeschichtlicher Forschung wird dabei weiterhin sein, dass Symbol und Erkenntnis nicht allzu weit auseinanderliegen.

 


[1] Christian Wulf, Gedenkstunde zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20.1.2012.
[2] Kurt Pätzold/Erika Schwarz, Tagesordnung: Judenmord. Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. Eine Dokumentation zur Organisation der „Endlösung“, Berlin 1992; Christian Gerlach, Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden, in: Werkstatt Geschichte, 18 (1997), S. 7–44; Peter Longerich, Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München 1998; Mark Roseman, The villa, the lake, the meeting. Wannsee and the final solution, London 2002.
[3] Peter Longerich, Wannseekonferenz. Der Weg zur „Endlösung“, München 2016, S. 9.
[4] Peter Klein, Die „Wannsee-Konferenz“ vom 20. Januar 1942. Eine Einführung, Berlin 2017, S. 22f.
[5] Mark Roseman, „Wannsee“ als Herausforderung. Die Historiker und die Konferenz, in: Norbert Kampe/Peter Klein (Hrsg.): Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Dokumente, Forschungsstand, Kontroversen, Köln/Weimar/Wien 2013, S. 402–414, hier S. 402.
[6] Christian Wulff, Gedenkstunde zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20.1.2012.
[7] Ebd.
[8] Zur Debatte um das Dokumentationszentrum siehe: Gerd Kühling, NS-Erinnerung in Berlin. Verfolgte des Dritten Reiches und geschichtspolitisches Engagement im Kalten Krieg 1945–1979, Berlin 2016, S. 366–499.
[9] Frieder Heinze, Dieses Haus macht Angst, womöglich hilflos, Neues Deutschland, 20.1.1992.
[10] Ekkehard Schwerk, Ein beklemmender Ort in schönster Uferlage, Der Tagesspiegel, 10.01.1992.
[11] Jola Merten, Im „Haus der Täter“: Ausstellung gedenkt der Opfer des Holocaust, Berliner Morgenpost, 19.1.1992.
[12] Ralf Melzer, Ein Lehrhaus der Demokratie in der Villa des Schreckens, Berliner Zeitung, 17.1.1992.
[13] Haus des Schreckens wurde zur Gedenkstätte für den Massenmord an den europäischen Juden, B. Z., 20.1.1992.
[14] „Holocaust-Tourismus“ in Wannsee-Villa, in: taz, 31.1.1992.
[15] Thomas Schrecker, Die rechte Hand des Teufels, Journal Berliner Kurier, 15.1.2012, S. 18f.
[16] Vgl. Thomas Sandkühler, Nach Stockholm: Holocaust-Geschichte und historische Erinnerung im neueren Schulgeschichtsbuch für die Sekundarstufen I und II, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik  (2012), S. 50–76.
[17] Klaus Hillenbrand, „Im Zuge der Endlösungsvorhaben …“, in: taz, 20.1.2012.