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Photograph of Queen Elizabeth II and Commonwealth leaders

Queen Elizabeth II and Commonwealth leaders, taken at the 1960 Commonwealth Conference, Windsor Castle (May 1960). 
Foto: Not known/Diefenbaker Centre credits British Government, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: Public Domain

 

 

The Wind of Change
Dekolonisation im Zeichen des Kalten Krieges
von
Victor Wagner
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Veröffentlicht am 26. Juni 2017

Zum Artikelbild: Front row: (left to right) E. J. Cooray, Walter Nash, Jawaharlal Nehru, Elizabeth II, John Diefenbaker, Robert Menzies, Eric Louw. Back row: Tunku Abdul Rahman, Roy Welensky, Harold Macmillan, Mohammed Ayub Khan, Kwame Nkrumah.

 

Das Brexit-Referendum hat die britischen Bemühungen um eine stärkere Anbindung an Europa vorläufig beendet. Ob es eine Rückkehr zur „splendid isolation“ bedeutet, sei dahingestellt – nostalgisches Schwelgen in imperialem Glanz ist jedenfalls fehl am Platz. Denn die zögerliche Hinwendung zu Europa erfolgte erst im Zeichen zweier globaler Phänomene der Nachkriegszeit, die den Niedergang des British Empire begleiteten: dem Kalten Krieg und der Dekolonisation.

Im Februar 1960 signalisierte der britische Premierminister Harold Macmillan der Weltöffentlichkeit unmissverständlich, dass London zur Dekolonisation der verbliebenen britischen Besitzungen in Afrika bereit war und die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen anerkannte. Nüchtern stellte Macmillan fest: „The wind of change is blowing through this continent and whether we like it or not, this growth of national consciousness is a political fact“[1]. Seine Einschätzung der Lage war wegweisend: Bis 1970 hatten sämtliche Kolonien des britischen Weltreichs in Afrika die Unabhängigkeit erlangt.[2] Die „Wind of change“-Rede ist geprägt von einer zutiefst bipolaren Weltsicht: Während der Kalte Krieg zu einem globalen Konflikt anwuchs, stellte Macmillan die Dekolonisation als Mittel zur Stärkung des westlichen Bündnisses dar, denn eine neutrale Position zwischen den Blöcken war ihm zufolge unhaltbar – die entstehenden Staaten in Afrika mussten sich im globalisierten Konflikt zwischen Ost und West entscheiden. Um sie zum Anschluss an die „Free World“[3] zu bewegen, müsse das Ziel die zügige Gewährung der Unabhängigkeit für die Kolonien sein, betonte Macmillan. Nur so könne man der kommunistischen Einflussnahme vorbeugen. Tatsächlich dominierte der Kalte Krieg viele Überlegungen zur Dekolonisation. Aber hat er den Rückzug der Briten aus Afrika tatsächlich beschleunigt? Der Blick auf politische und strategische Leitgedanken der Regierung Macmillan (1957-1963) lässt daran zweifeln.

Akute Isolationsfurcht: „The embarrassing legacy of colonial rule“

Für Macmillan waren die Glaubwürdigkeit und Integrität Großbritanniens von besonderer Wichtigkeit, um die neuen afrikanischen Staaten vom Anschluss an das sowjetische Lager abzuhalten.[4] Doch das Bild des British Empire als liberale Kolonialmacht verschlechterte sich zusehends: Das Konzept der langfristigen kolonialen Entwicklung Afrikas war längst gescheitert, während sich die Briten durch militärische Eingriffe wie in der Suezkrise diskreditierten und weder die brutale Unterdrückung von Aufständen (z.B. im „Mau-Mau-Krieg“) noch die Inhaftierung afrikanischer Führungspersönlichkeiten wie Hastings Banda oder Kwame Nkrumah die Befreiungsbewegungen schwächen konnte.[5] Von moralischer Überlegenheit konnte hier kaum die Rede sein – Großbritannien wurde weltweit zum Ziel anti-imperialistischer Kampagnen, während sogar die eigenen Verbündeten die Dekolonisation forderten.

„[T]he international witch-hunt against ‘colonialism’“[6] war allerdings kein Produkt des Kalten Krieges, sondern ein unabhängiges Phänomen der Nachkriegszeit. Die Länder der „Dritten Welt“, die „Blockfreien Staaten“ und die Organisation der Vereinten Nationen waren neue Akteure der Weltpolitik, die der Blockbildung entgegen wirkten. Ihr Einfluss auf die britische Kolonialpolitik war beachtlich: Kritik aus Commonwealth-Staaten wie Indien, Pakistan oder Ceylon war für Großbritannien ein schwerwiegenderes Problem als sowjetische Anfeindungen. Das Festhalten am Empire drohte den Zusammenhalt des Commonwealth of Nations, d.h. der verbleibenden britischen Einflusssphäre zu gefährden.[7] Gleichzeitig setzten die Vereinten Nationen als Sprachrohr des Antikolonialismus die britische Regierung zunehmend unter Druck.[8] In London gab es bald akute Ängste, dass man mit der völlig isolierten Kolonialmacht und Militärdiktatur Portugal verglichen werden könnte.[9]

Die beiden Supermächte des Kalten Krieges wirkten derweil in unterschiedlichem Maße auf die Kolonialpolitik. Die USA hatten enormen Einfluss auf die Regierung in London, ihren Forderungen wurde Gehör geschenkt – immerhin war es eine politische Leitlinie Macmillans, die Beziehungen nach der Suezkrise zu verbessern.[10] Einerseits unterstützten die Vereinigten Staaten die Dekolonisation, um das unliebsame Thema der kommunistischen Agitation zu entziehen. Andererseits war der Kommunismus selbst am Ende doch die größere Bedrohung, und sein Einfluss konnte durch eine funktionierende koloniale Administration der Verbündeten zweifellos begrenzt werden. Seit den Präsidentschaften Eisenhowers und Kennedys verringerte sich daher der Druck auf Großbritannien.[11] Die Dekolonisationsforderungen der UdSSR waren naturgemäß ausdauernder und radikaler, standen aber nicht immer im Einklang mit den Vorstellungen der „blockfreien Staaten“. Diese forderten eine baldige, aber nicht überstürzte Dekolonisation und bremsten die sowjetischen Vorstöße.[12]

Der Wunsch der Briten „to cast off the embarrassing legacy of colonial rule wherever possible“[13] beruhte also in politischer Hinsicht nicht auf dem Einfluss der Supermächte, sondern auf der für Kolonialismus sensibler gewordenen internationalen Öffentlichkeit. Die schnelle Dekolonisation beruhte in dieser Hinsicht weniger auf dem Kalten Krieg, sondern vielmehr auf der Furcht der Briten, durch politische Isolation ihren globalen Einfluss zu verlieren.

Strategische Überlegungen in Afrika

Mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 hatte das Empire seinen zentralen Bestandteil verloren, sodass die ehemals peripheren Gebiete in Afrika zu seinem neuen Herzstück avancierten.[14] Als der Dekolonisationsprozess Ende der 1950er Jahre Afrika erreichte, spielte der Kalte Krieg eine zweifelhafte Rolle in den britischen Rückzugsplänen und stützte sogar die Reste strategischer Großmachtpolitik. Denn die drohende militärische Konfrontation machte die Kontrolle über Militärbasen im Falle eines Dritten Weltkriegs nachvollziehbarer: Mögliche Gegenschläge außerhalb Europas und die schnelle Truppenverlegung in der Indikregion waren ohne die ostafrikanischen Kolonien undenkbar. Insbesondere Kenya sollte als „fortress colony“[15] bis nach 1975 in britischer Hand bleiben. Der Kalte Krieg bot hier eine willkommene Gelegenheit, um zumindest die NATO-Verbündeten von den Gefahren einer übereilten Dekolonisation zu überzeugen.[16]

Während militärische Überlegungen die Dekolonisation hemmten, war den afrikanischen Nationalbewegungen auf lange Sicht wenig entgegenzusetzen. Die militärische und wirtschaftliche Überforderung Großbritanniens führte zu der Erkenntnis, dass dauerhafter Einfluss nur über stabile, gemäßigte Regierungen in den neuen Staaten Afrikas und deren Beitritt zum Commonwealth erhalten werden konnte. Daher wurde die Unabhängigkeit in vielen Fällen umgesetzt, bevor die fähigsten afrikanischen PolitikerInnen ausgeschaltet waren oder sich unwiderruflich gegen Großbritannien gewandt hatten.[17] Die Möglichkeit einer solchen post-kolonialen Isolation durch feindliche Regierungen mischte sich mit der ständigen Angst vor sowjetischer Unterwanderung. Dies mag angesichts der misslungenen Dekolonisation im Kongo sowie der Entwicklungen in Ostasien nicht unbegründet gewesen sein, doch an der britischen Globalstrategie und den afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen hat der Ost-West-Konflikt wenig geändert.[18]

Fazit: Die Grenzen des Kalten Krieges

Die Dekolonisation Afrikas beruhte somit vor allem auf den lokalen Unabhängigkeitsbestrebungen und der militärischen wie wirtschaftlichen Schwäche Großbritanniens.[19] Der allgegenwärtige Kalte Krieg trug durch kommunistische Agitation und Unterwanderungsängste dazu bei, rechtfertigte aber auch das Verweilen in den Kolonien. Ohne den Ost-West-Konflikt wären die britischen Verbündeten und die globale, anti-koloniale Öffentlichkeit wohl weitaus kritischer gewesen. Unabhängig vom Kalten Krieg, aber viel wichtiger für die zeitnahe Dekolonisation waren indes die politische Isolation und der drohende Einflussverlust des Vereinigten Königreichs, sollten die Kolonien anti-britischen Kräften zufallen – ganz gleich, welche Ideologie dabei im Hintergrund wirkte.[20]

So vielschichtig und komplex sich das lange Zusammenspiel von Dekolonisation und Kaltem Krieg gestalten mag: In dem begrenzten Feld der hier erläuterten Aspekte scheint eine Beschleunigung des Dekolonisationsprozesses unwahrscheinlich.

 

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[1]   Harold Macmillan: The Wind of change, in: African Yearbook of Rhetoric, 2/3 (2011), S. 27-39, hier 31.  [zuletzt 6.5.2017]
[2]   Eine Ausnahme bildet Rhodesien, dessen einseitige Unabhängigkeitserklärung international nicht anerkannt wurde. Stuart Ward: Run Before the Tempest: The „Wind of Change“ and the British World, in: Geschichte und Gesellschaft, 37/2 (2011), S. 198-219, hier 214.
[3]   Macmillan, S. 32.
[4]   John Darwin: Britain and Decolonisation: The retreat from empire in the post-war world (= The Making of the 20th Century), Basingstoke [u.a.] 1988, S. 226-227; Dierk Walter, Kolonialkrieg, Globalstrategie und Kalter Krieg. Die Emergencies in Malaya und Kenya 1948–1960, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 2 (2005), H. 1, Druckausgabe: S. 35-54., hier 52.
[5]   Andreas Eckert: „We Are All Planners Now“: Planung und Dekolonisation in Afrika, in: Geschichte und Gesellschaft, 34/3 (2008), S. 375-397, hier 392-396; Walter, S. 45-49; Gerhard Altmann: Abschied vom Empire: Die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945-1985 (= Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, VIII), Göttingen 2005, S. 154-176, hier 192-193; Darwin, S. 177.
[6]   Ronald Hyam: Britain´s Declining Empire: The Road to Decolonisation, 1918-1968, Cambridge [u.a.] 2006, S. 289.
[7]   Darwin, S. 226; Altmann, S. 118-119; Hyam, S. 307-312.
[8]   Siehe z.B. UN-Resolution 1514 (XV) [zuletzt: 5.5.2017].
[9]   Hyam, S. 265-266; Darwin, S. 231-232.
[10] Darwin, S. 224-225.
[11] Altmann, S. 117; Hyam, 301-304.
[12] Hyam, S. 305.
[13] Darwin, S. 169.
[14] Rudolf von Albertini: Das Ende des Empire: Bemerkungen zur britischen Dekolonisation, in: Historische Zeitschrift, 249/3 (1989), S. 583-617, hier 603; Walter, S. 39.
[15] Darwin, S. 194.
[16] Walter, S. 40.
[17] Hyam, S. 266, 310-317. Vielerorts wurde zunächst der Versuch gemacht, die gemäßigten Nationalisten an die Macht zu bringen, doch man zeigte sich in den meisten Fällen auch bereit, die Regierungsgewalt an radikale Kräfte zu übergeben, anstatt diese endlos zu bekämpfen. Darwin, S. 168; von Albertini, S. 612.
[18] Walter, S. 40-41. Die übermäßige Kontextualisierung von Kolonialpolitik und Kaltem Krieg wurde bereits von Zeitgenossen kritisiert. Hyam, 301.  
[19] Darwin, S. 222, 235-244.
[20] Walter, S. 40, 45-53; Hyam, S. 301-303.