Januar 2017

Europa an der Grenze

Zeithistorische Anmerkungen zur „Flüchtlingskrise“

von Annette Schuhmann, Christoph Plath

Letzte Veröffentlichung: September 2017

Zu den Zielen des Fachportals Zeitgeschichte-online gehört nicht zuletzt die Beobachtung der Gegenwart. Allerdings, und das unterscheidet das Portal vom Auftrag der sogenannten Leitmedien, beobachten wir aktuelle Ereignisse, Konflikte und Debatten aus der Perspektive der zeithistorischen Forschung.
Das Thema, das derzeit alle europäischen Gesellschaften am heftigsten umtreibt, sind die Migrationsbewegungen aus den Krisenländern der Welt.

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingsbewegungen nach Europa  ̶  die Mehrzahl der Kriegsflüchtlinge lebt ja längst nicht auf diesem Kontinent, sondern unter extremen Bedingungen in Jordanien, im Libanon und der Türkei  ̶  werden Konflikte sichtbar, deren Ursachen bis weit in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückreichen.
Die „Flüchtlingskrise“, wie sie allenthalben genannt wird, ist weder unangekündigt über Europa hereingebrochen, noch können sich die politischen Eliten in West- und Osteuropa damit beruhigen, mit den Ursachen dieser Krise nichts zu tun zu haben.  
Die Debatten um den Umgang mit den Flüchtlingsströmen werden schließlich von der jeweiligen Definition des „Fremden“, von absurden Abschottungsideen, von Verantwortungslosigkeit, Schuldzuweisungen und moralisch überladener Rhetorik bestimmt. Eine tiefergehende Ursachenforschung, der Verweis auf historische Kontinuitätslinien oder gar eine Diskussion über die Zukunftsfähigkeit des kapitalistischen Gesellschaftssystems, das derzeit in der Tat überfordert zu sein scheint, findet dagegen kaum statt.

Zwar verspricht eine Erweiterung der aktuellen Diskurse um die Perspektiven der zeithistorischen Forschung keine Lösung des Problems. Eine sachlichere und ehrlichere Analyse der Krisenhintergründe, der Verzicht auf Ost-/West- Stereotype und eine Debatte, die den historischen Verlauf nicht mehr unterschlägt, sollte jedoch möglich sein.
Um den Rahmen der Diskussionen zu erweitern, haben wir einen Themenschwerpunkt initiiert, der mit Beiträgen von Historiker/innen beginnt, die sich mit dem Phänomen der Fremdenfeindlichkeit und ihrer Geschichte in Osteuropa, in der ehemaligen DDR und dem heutigen Tschechien auseinandersetzen. Der Themenschwerpunkt wird sukzessive erweitert, denn die Krise hat gerade erst begonnen…

Annette Schuhmann

Beiträge

  • Ulrich Herbert
    Flucht und Asyl
    Zeithistorische Bemerkungen zu einem aktuellen Problem
  • Frieder Günther
    „Die Möglichkeit der sofortigen Abschiebung ausnutzen“
    Das Bundesinnenministerium und die jüdischen DPs im Lager Föhrenwald
  • Jan C. Behrends
    „Niemand hat euch eingeladen“*
    Einige Bemerkungen zum Umgang mit der Flüchtlingskrise in Osteuropa
  • Patrice Poutrus
    Das Fremde bleibt fremd! Zur Aktualität zeithistorischer Forschung
    Ein Kommentar zum Thesenpapier: „Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“ aus dem Jahr 2000
  • Martina Winkler
    Die Angst vor dem Schornsteinfeger
    Historische Perspektiven auf die aktuelle Lage in der Tschechischen Republik
  • Emmanuel Droit
    Es war einmal eine Aufnahmegesellschaft…
    Frankreich oder die Krise der republikanischen Willkommenskultur
  • Hedwig Richter
    Die Komplexität von Integration
    Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Deutschland von den fünfziger bis in die siebziger Jahre
  • Jens Brinkmann
    Von namenlosen Flüchtlingen und deutschen Zuständen
    Philip Scheffners Dokumentarfilm „Revision“ im Forum der Berlinale
  • Philipp Ther
    Kommentar zum Artikel „Flucht und Asyl“ von Ulrich Herbert
  • Mathias Beer
    Die „Flüchtlingsfrage“ in Deutschland nach 1945 und heute
    Ein Vergleich
  • Sandra Vacca, David Christopher Stoop
    „Bin ich Deutsch genug?“
    Die Ausstellung „Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“ im Deutschen Historischen Museum
  • Martina Winkler
    Die Angst des Philosophen vor der Grenzenlosigkeit....
    Globalgeschichte, Herr Sloterdijk und die AFD
  • Teresa Koloma Beck
    Paris – Syrien
    Über zu kurze Wege in der öffentlichen Debatte nach den Anschlägen vom 13. November 2015 in Paris
  • Frank Bösch
    Globalisierung am Wohnzimmertisch
    Unbürokratisches Engagement für Flüchtlinge: Zum Tod von Rupert Neudeck (1939-2016)
  • Benjamin Köhler
    Zwischen nationalen und globalen Identitäten
    Zur gesellschaftlichen Konstruktion des Fremden aus soziologischer Sicht
  • Jochen Oltmer
    Deutschland und die globale Flüchtlingsfrage
  • Marion Detjen
    Tabubruch und phänomenologische Ähnlichkeiten
    Zur Vergleichbarkeit der Fluchthilfe für DDR-Flüchtlinge nach dem Mauerbau und der Schleusertätigkeit heute
  • Hans-Ulrich Wagner
    #MyEscape
    Ein Dokumentarfilm zeigt Bilder der Flucht, die in den Medien nicht vorkommen