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Foto des Spielfelds von Bunul Gospodar

Foto des Spielfelds von Bunul Gospodar, 29.04.2009, © Petre Tutunea (Malvictis)

Bunul Gospodar (1980)
Sozialistisches Monopoly
von
Tanja Schauer und Lisa Vidotto
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Veröffentlicht am 20. Dezember 2017

Das im Jahre 1980 entstandene rumänische Brettspiel Bunul Gospodar, oder zu Deutsch „Der gute Wirtschafter“, kann als sozialistischer „Bruder“ eines zutiefst kapitalistischen Brettspiels gesehen werden. Ein einziger Blick auf die Aufmachung verrät, dass es sich um einen Klon des bereits 1930 in den USA veröffentlichten und weltweit bekannten Spiels Monopoly handelt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Gesellschaftsspielen ist allerdings das Ziel des Spiels. Dadurch werden die dem Spiel zugrunde liegenden Wertevorstellungen des jeweiligen Herkunftslandes rasch deutlich.

Wie bei Monopoly finden sich auf dem Spielbrett von Bunul Gospodar am seitlichen Rand zahlreiche Felder, die gewürfelt werden müssen. Die Optik und die Spielstrategie beider Ausführungen sind nahezu identisch.
Dennoch unterscheidet sich die rumänische Version des Klassikers maßgeblich vom kapitalistischen Vorbild. Das Spielziel des rumänischen Monopoly-Klons ist nicht etwa die Maximierung des eigenen Vermögens und der Sieg über die Mitspieler wie beim amerikanischen Original, sondern der Erwerb einer eigenen Wohnung und die Ausstattung mit begehrten Haushaltsgegenständen wie einer Waschmaschine, einer Nähmaschine oder einem Staubsauger.
Das Prinzip des marktwirtschaftlichen Handelns, das der ursprünglichen Version zugrunde liegt, wird hier unterlaufen. Im Unterschied zu Monopoly können die SpielerInnen keine eigenen Entscheidungen treffen. Einzig und allein das Würfelglück bestimmt den wirtschaftlichen Erfolg und die Möglichkeit, Waren zu erwerben. Die Felder, die man durch Würfeln erreicht, entscheiden, ob man Geld (oder Sachgegenstände) für seine Wohnung erhält oder durch alltägliche Aktivitäten wie eine Straßenbahnfahrt oder auch kulturelle Aktivitäten wie etwa einen Museumsbesuch verliert. Von Bedeutung sind auch die Ereigniskarten, bei denen man durch zusätzlichen Fleiß, wie beispielsweise besondere Verdienste am Arbeitsplatz, Boni erhalten kann.

Im Verlauf des Spiels werden die Intentionen der EntwicklerInnen deutlich. Ziel ist es, die SpielerInnen mit der rumänischen Variante des Staatsozialismus und ideologisch konnotierten Werten – Gleichheit, Solidarität und Genügsamkeit – vertraut zu machen und schließlich positive Emotionen für dieses Modell zu entwickeln. Das zeigt sich vor allem am Grundprinzip von Bunul Gospodar, das sich elementar vom klassischen Monopoly unterscheidet. Aufgabe des Spiels ist es eben nicht, Reichtum anzuhäufen und seine MitspielerInnen in den Ruin zu treiben, sondern die für alle gleichen (und im Spiel von allen zu erreichenden) Grundbedürfnisse des täglichen Lebens zu befriedigen und somit ein bescheidenes, aber erfülltes Leben zu führen. Bei den SpielerInnen sollte eine positive Sicht auf den Konsumsozialismus im damaligen Rumänien unter der Herrschaft NicolaeCeaușescu geschaffen werden. Das Regime Ceaușescus war Mitte der 1960er-Jahre gekennzeichnet durch eine tendenziell pro-westliche und im Vergleich zu anderen staatssozialistischen Ländern liberale Wirtschaftspolitik. Die politische Elite des Landes strebte zudem eine größtmögliche Unabhängigkeit von Moskau an. Doch nach Misserfolgen bei der Industrialisierung des Landes und aufgrund der nahezu zwanghaften Autarkiebestrebungen Ceaușescus wurde ein rigoroser Sparkurs eingeführt. Dieser Sparkurs war maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich die Lebensbedingungen der rumänischen Bevölkerung rapide verschlechterten. Der Bevölkerung blieb nichts anderes übrig, als sich mit sehr bescheidenen Lebensumständen abzufinden. Die politische Elite vertrat damit die Vorstellungen eines besonderen Konsumsozialismus. Verursacht durch schlechte Handelsbeziehungen zum Westen und einer außerordentlich prekären wirtschaftlichen Situation waren viele der kommunistischen Länder, wie eben Rumänien, nicht in der Lage, die Bevölkerung mit Luxusgegenständen (Fernseher, hochwertige Markenkleidung) zu versorgen. Deshalb wollte man das Konsumverhalten der Bevölkerung in eine vom Staat gewünschte Richtung lenken und den Kauf von einfachen Dingen wie z.B. einem Radio oder herkömmlicher Leinenkleidung fördern, um schließlich mehr Waren im eigenen Land herstellen und damit die eigene Wirtschaft ankurbeln zu können. Diese politisch inszenierte und gewünschte Genügsamkeit spiegelt sich letztlich im Spiel wider. Den SpielerInnen wird vermittelt, dass das höchste Ziel des eigenen Daseins eine eigene, mit dem Nötigsten ausgestattete Wohnung sei und es keinen Grund gebe, nach weiterem Besitz und Luxus zu streben.

Um diese Denkweise und eine positive Einstellung zum rumänischen Konsumsozialismus möglichst früh zu verinnerlichen, richtete sich das Spiel besonders an Kinder im Grundschulalter und wurde deshalb als didaktisches Hilfsmittel im Unterricht genutzt. Da Kinder in diesem Alter oft zum ersten Mal selbst KonsumentInnen sind, sollten durch das Spiel Bunul Gospodar bereits früh die Weichen für die ideologische Ausrichtung der jungen RumänInnen gestellt werden. Ziel war es, eine möglichst gute Ausgangslange für die Erschaffung einer spezifischen Version des in der neueren Forschung gut untersuchten Homo Sovieticus zu schaffen, eines aus Sicht des Regimes perfekten, kommunistisch denkenden Staatsbürgers.[1]




[1] Zum Homo Sovieticus und speziell der Bedeutung von Schulen für die Schaffung des „neuen Menschen“ vgl. A. Applebaum: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. München 2015, S. 304 und S. 349-355.