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Bertrand Russell & his wife Edith Russell lead anti-nuclear march, 18. Februar 1961

Bertrand Russell & his wife Edith Russell lead anti-nuclear march by the Committee of 100 in London on Sat 18 Feb 1961 along with Michael Randle (2nd left), Rev Michael Scott (next right), Ralph Schoenman (next to Edith Russell), Ian Dixon (holding banner, right) and Terry Chandler (far right), 19. September 2010. Foto: Tony French, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Zwischen Forschung und Friedenspolitik: Zur intellektuellen Verarbeitung des Atombombenabwurfs
Teil 4
von
Susanne Quitmann und Thomas Clausen
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Veröffentlicht am 13. April 2017

Hiroshima: Vom Ereignis zum Symbol

Genau fünfzig Jahre nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurde Joseph Rotblat, der am Manhattan Project geforscht hatte, der Friedensnobelpreis verliehen. Rotblat erhielt die Auszeichnung nicht aufgrund seiner Arbeit in Los Alamos, wo er von Februar bis November 1944 am US-Atombombenprogramm gearbeitet hatte. Was den polnisch-britischen Physiker zu einem geeigneten Kandidaten machte, war sein unermüdlicher Einsatz für Frieden und nukleare Abrüstung seit 1945.[1]Früh hatte Rotblat begriffen, dass die Trennung von Politik und Naturwissenschaften spätestens seit der Erfindung der Atombombe nicht länger zu vertreten war.[2] „Es bestehen noch Reste der Elfenbeinturmmentalität“, erörterte Rotblat in seiner Nobelpreisrede 1995, „obwohl der Elfenbeinturm selbst durch die Hiroshima-Bombe zerstört worden ist.“[3]

Dieses Kapitel befasst sich mit der Frage, wie die Grenzen zwischen naturwissenschaftlicher Forschung, moralischen Überlegungen und politischer Verantwortung als Reaktion auf den Atombombenabwurf verliefen. Eine entscheidende Rolle in diesen Diskursen spielten engagierte WissenschaftlerInnen, die sich in Zusammenarbeit mit PhilosophInnen, TheologInnen und anderen Intellektuellen den Gefahren von Krieg, Nukleartechnologie und einer von sozialer Verantwortung losgelösten Naturwissenschaft zu stellen suchten. Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet die, nicht zuletzt durch das Manhattan Project, forcierte Vernetzung von NaturwissenschaftlerInnen. Die durch die Geheimhaltungspolitik der Kriegsjahre lahmgelegten Netzwerke wurden nach 1945 reaktiviert und erweitert, um dem Bedrohungsszenario eines nuklearen Dritten Weltkrieges auf transnationaler Ebene entgegenzutreten. Neue, sich dezidiert global verstehende Institutionen wie das Bulletin of Atomic Scientists oder die Pugwash-Bewegung entstanden, welche die Grenzen nationaler Politik und Öffentlichkeit zu überwinden suchten. Diese Form der in den Naturwissenschaften wurzelnden und global vernetzten Auseinandersetzung mit „Hiroshima“ unterschied sich qualitativ von herkömmlichen, rein geistesgeschichtlich argumentierenden Antworten wie die des britischen Theologen Ronald Knox. Allen Bewegungen jedoch galt „Hiroshima“ als Symbol für eine neuartige Bedrohung von globalem Ausmaß, die nach einer globalen Antwort verlangte. Dass sich NaturwissenschaftlerInnen in den Nachkriegsdiskursen um die militärische und zivile Nutzung der Atomenergie nicht auf die Rolle des Technologielieferanten beschränken wollten, brachte sie schließlich dazu, die Rolle von „public intellectuals“ zu übernehmen, die interdisziplinär und international agierten und „Hiroshima“ als Ausgangspunkt ihrer Aktivitäten wahrnahmen. Es war schließlich Verbindung von Expertise, Öffentlichkeitsarbeit und internationaler Institutionalisierung, welche der Pugwash-Bewegung und ähnlichen Initiativen eine über den zeitlichen Kontext herausreichende Relevanz verschaffte.


Nach „Hiroshima“: Kontinuitäten und Umbrüche im Verständnis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

Die Atombombenabwürfe waren für die am Manhattan Project beteiligten WissenschaftlerInnen ein im Voraus kalkuliertes Ereignis. Aus diesem Grund stellte „Hiroshima“ in der Wahrnehmung der WissenschaftlerInnen weniger eine Zäsur als vielmehr eine Expansion ihres Handlungsspielraums dar. Nach „Hiroshima“ war die Geheimhaltung der vorangegangenen Entwicklungsphase beendet und zugleich das Interesse von Politik und Gesellschaft an der neuen Nukleartechnologie geweckt. Dadurch eröffneten sich den WissenschaftlerInnen neue Möglichkeiten, ihr Anliegen in politischen Debatten und öffentlichen Diskussionen zur Sprache zu bringen.[4] Die Atombombe, so beschreibt es Robert Oppenheimer, habe in ihrer Wirkung eine universelle Sprache jenseits wissenschaftlicher Abstraktion geschaffen. Bei der Entgegennahme des Army-Navy “Excellence” Award für das Los Alamos Laboratory am 16. November 1945 erklärte er:

“Die Völker dieser Welt müssen sich vereinigen oder sie werden untergehen. Diese Worte sind vom Krieg geschrieben worden, der so viel von dieser Erde zerstört hat. Die Atombombe hat sie für alle Menschen verständlich ausgesprochen.“[5]

Häufig traten WissenschaftlerInnen des Manhattan Projects nach 1945 als ExpertInnen in politischen Gremien und öffentlichen Foren auf. Sie bedienten sich dabei einer Rhetorik des Umbruchs: Die Geschichte ließe sich nun in ein Vor und Nach „Hiroshima“ teilen und vom neuen „Atomzeitalter“ sei die gesamte Menschheit betroffen. Im Moment des revolutionären Umbruchs erschienen Fortschritt und Friede ebenso möglich wie Vernichtung und Krieg.Diese Vorstellungen und Bilder waren allerdings nicht neu. Speziell der Fortschrittsgedanke war bereits zuvor Kern jeder Präsentation wissenschaftlichen Entwicklung gewesen.[6]

Die Atombombenentwicklung begann – etwa zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten – mit Appellen von Wissenschaftlern an die Politik. Es waren die mit der Materie vertrauten Experten, die mit Blick auf die zunehmenden Spannungen in Europa an die Regierungen in den USA, in Großbritannien, in Deutschland und Japan herantraten und ein Programm zur Entwicklung einer neuen Waffe forderten. In Großbritannien und den USA waren es europäische Emigranten, die aus Angst, die Nationalsozialisten könnten ihnen zuvorkommen, an die Regierungen ihrer jeweils neuen Heimat appellierten.[7] Die britische ebenso wie die US-amerikanische Regierung setzten daraufhin Komitees zur Abwägung und zur Umsetzung eines Atombombenentwicklungsprogramms ein. Zwar waren auch WissenschaftlerInnen als ExpertInnen in diesen Komitees vertreten, aus Sicherheitsgründen blieben aber vor allem die europäischen Immigranten ausgeschlossen.[8]

Schon vor Beginn der Atomwaffenentwicklung zeigten führende WissenschaftlerInnen ein Bewusstsein für die moralische Dimension einer solchen Entwicklung. In ihrem Schreiben an die britische Regierung argumentierten die Physiker Rudolf Peierls und Otto Frisch wie folgt: „Aufgrund der Verbreitung radioaktiver Substanzen durch den Wind, kann die Bombe vermutlich nicht genutzt werden ohne den Tod einer großen Zahl an Zivilisten in Kauf zu nehmen, und das könnte sie ungeeignet machen für den Einsatz durch dieses Land. [9] Ein Brief Albert Einsteins an Präsident Roosevelt vom März 1945 deutet darauf hin, dass die WissenschaftlerInnen, die maßgeblich an der Initiierung des Atombombenprogramms beteiligt gewesen waren – die zunehmende politisch-militärische Vereinnahmung ihrer Forschung und die Eigendynamiken des Projekts fürchteten.[10] Zwar wurden im Mai 1945 im Scientific Panel des Interim Committee auch WissenschaftlerInnen beauftragt, Empfehlungen zu Vorgehensweise und Schauplatz eines ersten Atombombeneinsatzes auszusprechen, ihr Rat jedoch wurde nicht befolgt. Während das Scientific Panel sich uneins darüber gewesen war, ob eine zunächst technische Demonstration der Bombe einer direkten militärischen Anwendung vorzuziehen sei, hatte man, die möglichen Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen abwägend, einmütig geraten, Partnerstaaten frühzeitig zu informieren und gemeinsam einen Umgang mit der neuen Waffe zu finden.[11]

Für eine rein technische Demonstration der neuen Waffe plädierten im Frühjahr 1945 zahlreiche WissenschaftlerInnen des Manhattan Projects im sogenannten Franck-Report sowie nach dessen Scheitern mit einer vom aus Ungarn stammenden Physiker Léo Szilárd initiierten Petition an Präsident Truman. [12] Der Franck-Report an US-Kriegsminister Stimson warnte mit Blick auf den Stand der Atomwaffenforschung in anderen Ländern vor einem internationalen Rüstungswettlauf und vor der „totalen gegenseitigen Zerstörung“,[13] die nur ein internationales Atomwaffenkontrollabkommen verhindern könne. Der Franck-Report machte auf die Grenzen der Wissenschaften aufmerksam, die keinen Schutz vor der neuen Waffe zu bieten hätten. Diese Grenzen waren es, welche die WissenschaftlerInnen zwangen, dem Problem auf andere Weise, auf der Ebene der Politik zu begegnen. Von Bedeutung sind hier neben jenen WissenschaftlerInnen, die von der US-Regierung ein Ende der Geheimhaltungspolitik forderten, auch die am Manhattan Project beteiligten WissenschaftlerInnen, die im Spionagedienst tätig waren. Deren Motive wiederum sind schwer zu fassen, neben finanziellen Anreizen gab es vielfältige individuelle Beweggründe. Als Theodore Halls Spionagetätigkeit dem FBI in den 1950er Jahren bekannt wurde, nannte er in einer Befragung als Motiv die Überzeugung, dass die Atombombe nicht ausschließlich im Besitz einer einzige Nation sein solle.[14] Rund dreißig Jahre später gab auch Wen Ho Lee in seiner Befragung im Spionagefall Tiger Trap den Wunsch nach Förderung des wissenschaftlichen Austauschs als Motiv an. Der FBI-Agent Ed Appel äußerte daraufhin:

 “Ich habe mehr Angst vor dem Besuch eines Physikers als vor dem eines Geheimagenten. Ich mache mir Sorgen über den Wissenschaftler, der seine Formel mit dem anderen Kerl teilt, weil sie ein Zwinkern, ein Lächeln und einen Händedruck austauschen, oder sie die Welt gemeinsam retten werden.“[15]

Mit den Atombombenabwürfen und der Veröffentlichung des Official Report on the Development of the Atomic Bomb Under the Auspices of the United States Government, 1940–1945, dem sogenannten Smyth Report, wurden die Atombombe und das Manhattan Project – die zuvor strengster Geheimhaltung unterlagen – Gegenstand öffentlicher Debatten.[16] Nicht zuletzt die plötzliche Freistellung vom Projekt, die Suche nach neuen Aufgabenbereichen durch die beteiligten WissenschaftlerInnen, begünstigte, dass diese nun die Öffentlichkeit suchten. Insbesondere nach der langen wissenschaftlichen und zum Teil auch sozialen Isolation muss das Agieren in öffentlichen und transnationalen Sphären als befreiend empfunden worden sein. Der Wissenschaftshistoriker Jonathan Harwood sieht darüber hinaus in der philosophisch orientierten Naturwissenschaftskultur der deutschen Immigranten einen Faktor für die öffentliche Auseinandersetzung der Manhattan-WissenschaftlerInnen in den USA mit gesellschaftspolitischen oder philosophischen Fragen.[17]

Eine dieser philosophischen Fragen war jene nach der Schuld an den Katastrophen in Hiroshima und Nagasaki. Der am Manhattan Project beteiligte Physiker Bernard T. Feld äußerte im Jahr 1982: „Ich war am Sündenfall beteiligt, und ich habe einen Großteil meines restlichen Lebens mit Buße verbracht.“[18] Der von den Folgen seiner eigenen Erfindung geplagte Wissenschaftler (und zunehmend auch die Wissenschaftlerin) war aber keineswegs ein neues Phänomen – Alfred Nobel, der das Dynamit entwickelte, ist nur eines von mehreren früheren Beispielen.[19] Im Fall der Atombombe waren jedoch wesentlich mehr Menschen an ihrer Entwicklung beteiligt, als dies bei anderen Technologien der Fall gewesen war. Das „Kollektiv“ der Beteiligten war keine abstrakte „scientific community“, sondern konstituierte sich in der Realität eines abgeschotteten Forschungszentrums.Außerdem wurden die Auswirkungen der über Japan abgeworfenen Atombomben ebenso wie die Effekte eines potentiellen Atomkriegs in der Öffentlichkeit nicht nur als extrem dramatisch wahrgenommen, sondern auch in ein Narrativ über die zerstörerische Kraft wissenschaftlichen Fortschritts eingebunden.


„Epistemic Communities“: Institutionalisierung und Transnationalisierung der Experten- und Friedensgruppen

Nachdem sich bereits im August 1945 die erste Vereinigung ehemaliger Wissenschaftler des Manhattan Projects gebildet hatte, wurde im Dezember schließlich das Bulletin oft the Atomic Scientists of Chicago gegründet, das bald darauf schlicht in Bulletin of the Atomic Scientists umbenannt wurde.[20] Die WissenschaftlerInnen waren die ersten, die sich zu den moralischen Dimensionen ihrer Erfindung äußerten und öffentlich Möglichkeiten der Kontrolle diskutierten. Im Manhattan Project waren sie in politische Entscheidungsprozesse eingebunden gewesen, was ihnen bei der Institutionalisierung ihres Anliegens zugutekommen sollte.[21] Viele der im Manhattan Project geknüpften Verbindungen verstetigten sich in den neuen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die die Strukturen des Wissenschaftsbetriebes auf die gesellschaftspolitische Ebene übertrugen.

Unmittelbar auf den Strukturen des Manhattan Projects beruhte die im November 1945 gegründete Federation of Atomic Scientists (FAS). Als Dachorganisation fasste sie zahlreiche Gruppen zusammen, die sich unmittelbar nach Kriegsende an den verschiedenen Standorten des Projekts gebildet hatten. Ihr gemeinsames Ziel war es, die Öffentlichkeit über Nuklearwaffen und deren Gefahren zu informieren. Die Umbenennung der Organisation zur Federation of American Scientists (FAS) im Jahr 1946 sollte sie für andere Themen und für WissenschaftlerInnen öffnen, die nicht am Manhattan Projects beteiligt gewesen waren.[22] Obwohl die zivilgesellschaftlichen Gruppierungen der WissenschaftlerInnen gerade zu Beginn national oder, wie etwa im Fall der Union of Concerned Scientists amMIT, lokal organisiert waren, stützten sie sich auf transnationale Wissenschaftsnetzwerke.[23]

Politisch aktiv, allerding unter anderen Vorzeichen, war auch der ungarisch-amerikanische Physiker Edward Teller. Teller warb bei der US-Regierung für die ihm notwendig erscheinende Weiterführung geheimer, nationaler Atomwaffenforschung und die Entwicklung einer Wasserstoffbombe. Zudem war Teller in den 1960er Jahren Berater für das israelische Atomwaffenprogramm.[24] Die Wasserstoffbombenentwicklung, an der Teller schon vor 1945 zu arbeiten begonnen hatte, begründete er als überlebensnotwendig.[25] In seiner schriftlichen Reaktion auf die ihm im Juli 1945 von Szilárd zur Unterschrift vorgelegte Petition, die eine rein technische Demonstration der Bombe statt ihres Einsatzes forderte, zog sich Teller auf die traditionelle Rolle des Wissenschaftlers zurück: Zwar sei er Urheber des Produkts, die Entscheidung über dessen Verwendung aber liege bei den Politikern.[26]

Mit Ausnahme Edward Tellers waren – nach der Politik der nationalen Wissenskontrolle im Zweiten Weltkrieg und während ihrer Fortführung im Kalten Krieg – die meisten NuklearwissenschaftlerInnen aktiv um die (Re-)Internationalisierung der Wissenschaft bemüht. Neben der Formierung von Lobbygruppen gegen Gesetzesvorhaben zur Beschränkung des internationalen wissenschaftlichen Austauschs sollte vor allem die Gründung internationaler Forschungseinrichtungen wie der des CERN ( European Organization for Nuclear Research) diesem Ziel dienen.[27] Für die Gründung des CERN hatten sich WissenschaftlerInnen aus ganz Europa, darunter Niels Bohr, auf internationaler Ebene – bei der UNESCO – eingesetzt.[28]

Auch von Seiten der Politik wurden den WissenschaftlerInnen neue Foren zur Artikulation ihrer Anliegen geöffnet. Beispiel dafür ist das wissenschaftliche Beratungsgremium der US-amerikanischen Atomic Energy Commission, das General Advisory Committee. Das Komitee, ein überwiegend mit Wissenschaftlern aus dem Manhattan Project besetztes Gremium, wurde vor dem Hintergrund der sowjetischen Atombombenentwicklung mit der Bewertung eines Dringlichkeitsprogramms zum Bau einer Wasserstoffbombe beauftragt. In seinem Abschlussbericht vom Oktober 1949 argumentierte das General Advisory Committee, dass die Zerstörungskraft einer solchen Bombe prinzipiell unendlich sei und die gesamte Menschheit gefährde, weshalb von dem Programm abzusehen sei.[29] Die Argumentation der WissenschaftlerInnen folgte dabei jener, die sie bereits bei der Atombombe angeführt hatten.

Die Komplexität von Technik und wissenschaftlicher Erkenntnis in der Moderne wurde zunehmend auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Mit „Hiroshima“ wurde diese Wahrnehmung mit einem wirkmächtigen Symbol versehen. In diesem Klima der allgemeinen Verunsicherung wurde die Rolle des „Experten“ beziehungsweise der „Expertin“ an Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen herangetragen und ermöglichte es ihnen, Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu gewinnen. Zahlreiche WissenschaftlerInnen, insbesondere ehemalige Mitarbeiter des Manhattan Projects, wurden als BeraterInnen in verschiedene nationalstaatliche und später auch in internationale Gremien berufen, wie es bereits im MAUD Committee oder im President’s Advisory Committee, dem ursprünglichen britischen und dem US-amerikanischen Planungskomitee für den Atombombenbau, der Fall gewesen war. [30] Auch die nicht-staatlich organisierten Vereinigungen der WissenschaftlerInnen gewannen als Expertengemeinschaften an Bedeutung, wobei eine Wechselwirkung mit der wachsenden Rolle von non-governmental organizations (NGOs) überhaupt im Zuge der Globalisierung anzunehmen ist.[31]

Die nationalen oder transnationalen Expertengemeinschaften lassen sich gut beschreiben mit dem vom Politologen Peter M. Haas geprägten Begriff der „Epistemic Communities“.[32] Mit ihrem unumstrittenen Anspruch auf Deutungshoheit in den Nuklearwissenschaften als neuem politikrelevanten Feld eröffneten sich diesen Gruppen über die Weitergabe ihres für diesen Bereich relevanten Wissens an politische Entscheidungsträger neue Einflussmöglichkeiten auf nationaler und internationaler Ebene. Ebenso wie Haas sie für „Epistemic Communities“ im Allgemeinen beschreibt, ist für die Expertengemeinschaften im Bereich der Nuklearwissenschaften ein Prozess zunehmender Bürokratisierung und Professionalisierung zu beobachten. Gleiches gilt für die von Haas beschriebene Transnationalisierung national gegründeter Gemeinschaften. Transnationale Kooperation, Kommunikation und Kontakte wurden von WissenschaftlerInnen zwar bereits 1945 anvisiert, aber erst die neuartige Bedrohungslage in den 1950er und 1960er Jahren gab ihren Ideen Auftrieb und ermöglichte den Austausch über internationale Rüstungskontrolle und Abrüstung.[33] Das technologische Expertenwissen, welche die NaturwissenschaftlerInnen zu einer gewichtigen militär- und geostrategischen Ressource hatte werden lassen, sowie die Netzwerke, welche sich nicht zuletzt in Los Alamos gegründet hatten, konnten nach 1945 erneut nutzbar gemacht werden – diesmal allerdings im Kontext von Öffentlichkeiten, die angesichts von Rüstungswettlauf und Systemkonkurrenz nach neuen normativen Leitmustern suchten.


Ronald Knox: Eine Stimme in der britischen Öffentlichkeit

Dies staatlichen und transnationalen Initiativen lassen sich nur begreifen, wenn sie in den Kontext der Reaktionen auf den Abwurf in der breiteren Öffentlichkeit gestellt werden. Die Existenz einer „Weltöffentlichkeit“ kann dabei selbstverständlich nicht vorausgesetzt werden und lässt sich am ehesten als Ideal in den Augen der transnational vernetzten WissenschaftlerInnen verstehen.
Im Folgenden wird die Reaktion des britischen Theologen Ronald Knox auf den Abwurf der Atombombe betrachtet werden. Sein Text „God and the Atom“ ist geprägt von seinem katholischen Universalitätsanspruch und steht beispielhaft für die Existenz von verschiedenen Öffentlichkeiten, in denen ein und dasselbe Ereignis entlang nationaler, sozialer und konfessioneller Grenzen unterschiedlich interpretiert wurde.

„In einem Moment, als es schien als könne uns nichts mehr überraschen, an einem Tag im letzten August, öffneten wir die Zeitung um herauszufinden, dass wir falsch lagen. Etwas war passiert, dass wohl selbst die Parlamentswahlen oder den Victory Day unwichtig erscheinen lassen sollte. Eine japanische Stadt, mit einer Bevölkerung größer denn Southampton, hatte plötzlich aufgehört zu existieren.“[34]

Man habe zwar gewusst, so schrieb Knox weiter, dass NaturwissenschaftlerInnen an der Kernspaltung geforscht hätten, doch kam der Abwurf für Knox in höchstem Maße unerwartet und entfaltete dadurch einen besonderen Schrecken.[35] Aus einem nicht abgeschickten Leserbrief, der unter dem Eindruck der Kapitulation Japans stand und an die Times gehen sollte, war nach zwei Monaten intensiver Arbeit eines der bemerkenswertesten Bücher des katholischen Gelehrten entstanden.[36] Drei für dieses Kapitel zentrale Dimensionen der ideengeschichtlichen Auswirkungen des Atombombenabwurfs lassen sich in diesen wenigen Sätzen bereits identifizieren: die medial konstituierte Öffentlichkeit, die geographischen und nationalen Verortungen seiner Ausführungen sowie die Rolle der Naturwissenschaften, insbesondere die der Physik. „Hiroshima“ wirkte als Katalysator, der das Verhältnis von öffentlicher Meinung, internationalen Beziehungen und wissenschaftlichem Expertentum nachhaltig veränderte.[37]

Ebenso wie „Hiroshima“ waren auch der überraschende Sieg der britischen Labour Partei im Juli und die Niederlage der Achsenmächte Symbol für tiefere Verschiebungen politischer, sozialer und wirtschaftlicher Natur. Dass der Atombombenabwurf für Knox so bedeutsam war, erklärt sich letztlich auch aus seiner Gewichtung der verschiedenen historischen Entwicklungslinien: Der Abwurf erschien Knox als Ausdruck technologischer, moralischer und gesellschaftlicher Entwicklungen mit schwerwiegenden Folgen nicht zuletzt für das Christentums. Auf 143 Seiten kritisierte Knox nicht nur die Entscheidung, die Bombe auf bewohntes Gebiet abzuwerfen, sondern er analysierte zudem die politischen, moralischen und theologischen Konsequenzen die aus dem Abwurf der Atombombe und der Nuklearphysik überhaupt entstanden.[38] Selbst Bertrand Russell, eigentlich ein Gegenspieler des streitbaren Katholiken, äußerte im selben Zeitraum ähnliche moralische Bedenken.[39]

Die Interventionen Russells und Knox markieren den Beginn einer intensiven Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Atombombenabwurfs in der britischen Öffentlichkeit. Obwohl beide die Neuartigkeit der durch das enorme Zerstörungspotenzial der Bombe hervorgerufenen Bedrohung betonten, lassen sich deutlich argumentative Kontinuitäten zu ihren bisherigen Standpunkten feststellen. Der nicht zuletzt durch seine apologetischen Schriften bekannt gewordene Knox vertrat die Meinung, dass eine genuin ethische Entscheidung zugunsten christlicher Milde nur vom Menschen, dem Atom der Humanität („man, the atom of humanity“) hätte getroffen werden können.[40] Die Entscheidung für den Atombombenabwurf sei im Kontext staatlicher Machtpolitik gefallen, welche der christlichen, im freien Willen des Individuums verankerten, Moralvorstellung entgegenstünde.[41] Dementsprechend sah Knox die Lösung nicht in „weltumspannenden Bewegungen oder öffentlichen Treffen“, sondern in einem Appell an das jeweils individuelle Gewissen.[42] Im Gegensatz zu Russell gelang es ihm damit nicht, wesentlich über seinen englischen Wirkungskreis herauszugreifen und seine Analyse fiel wenig später weitestgehend dem Vergessen anheim.
Anders sollte es sich mit der von Russell mit-initiierten Pugwash-Bewegung verhalten. Ausgehend von einem internationalen Treffen von NaturwissenschaftlerInnen im kanadischen Nova Scotia im Jahr 1957 kam es in den darauffolgenden Jahren zur Bildung einer der wirkmächtigsten NGOs auf dem Gebiet der Friedens- und Technologiepolitik. Dass sich die auf diese Weise gebildeten Netzwerke auch über die Kreise der NaturwissenschaftlerInnen erweiterten und eine breitere Öffentlichkeit erreichten, lag in den Anfangsjahren nicht zuletzt am Engagement des Philosophen Bertrand Russell und seines Freundes Joseph Rotblat.[43] Russell schaffte es in den 1950er Jahren, sich mit WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft zu verständigen und sich weitreichenden gesellschaftlichen und politischen Einfluss zu verschaffen.
Knox dagegen geriet nahezu in Vergessenheit, was nicht nur an seinem frühen Tod im Jahr 1957, sondern auch an der, von ihm hellsichtig erkannten, zunehmenden Säkularisierung der britischen Gesellschaft lag.[44] Zwar findet sich auch bei christlichen Denkern eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften und der Atombombe, doch scheint dieser Diskurs von jenen Diskursen der forschenden Wissenschaftselite isoliert gewesen zu sein.[45]


Bertrand Russell und die Pugwash-Bewegung: Vom Elfenbeinturm in die Realpolitik

In diesem Abschnitt soll der Weg Russells von der Kritik an der Atombombe hin zum sogenannten Russell-Einstein-Manifesto und der Gründung der Pugwash-Bewegung skizziert werden.
Benannt ist die Bewegung nach dem Ort im kanadischen Nova Scotia, in dem sich auf Anregung des Philanthropen Cyrus Eaton 1957 eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern traf, um sich mit der neuen nuklearen Bedrohung auseinanderzusetzen. Aus dieser Bewegung entwickelte sich eine bis heute bedeutende Nichtregierungsorganisationen, die sich auf wissenschaftlicher, philosophischer und politischer Ebene mit Rüstungskontrolle, Nuklearforschung und dem Erbe von „Hiroshima“ auseinandersetzt.

Bertrand Russell hatte bereits im Ersten Weltkrieg eine dezidiert pazifistische Position eingenommen. Außerdem hatte er sich durch vielfältige Kontakte zu NaturwissenschaftlerInnen stets über den technologischen Fortschritt auf dem Laufenden gehalten und mit seiner bereits auf den ersten Weltkrieg zurückgehenden pazifistischen Haltung verbunden.[46] Nach „Hiroshima“ äußerte er bereits am 18. August 1945:

“Nie zuvor sah die Zukunft des Menschen so düster aus. Die Menschheit ist konfrontiert mit zwei klaren Alternativen: entweder werden wir alle untergehen, oder wir müssen uns eine Portion gesunden Menschenverstand erarbeiten. Es benötigt eine große Menge an politischem Denken, um die vollständige Katastrophe abzuwenden.“[47]

Nach einer kurzen Skizze der physikalischen Hintergründe und der Entwicklungsgeschichte der Nuklearphysik wendete sich Russell der Zukunft zu. Sowohl die Sowjetunion als auch das Vereinigte Königreich würden nun nach der Bombe streben. Dies würde nicht nur zu neuen Kriegen um Uran führen, sondern gäbe konkurrierenden Mächten auch die Werkzeuge gegenseitiger Vernichtung in die Hand, die im Kriegsfall ein neues „dark age“ hervorrufen würden. Dem gegenüber stellte Russell zwei Optionen: zum einen den Pax Americana, der den weltweiten Frieden durch ein amerikanisches Nuklearmonopol wahren sollte; oder aber die von Russell eindeutig bevorzugte, gleichzeitig jedoch als „utopisch“ beschriebene Errichtung eines Systems internationaler Rüstungskontrolle, bei der die Uranvorkommen und Nukleartechnik in die Hände internationaler Kontrollorgane gelegt würden. Trotz des apokalyptischen Tons endete Russell mit einer optimistischen Note, die nicht zuletzt von seiner Technikbegeisterung zeugt: Die Naturwissenschaften seien in der Lage, die Last von Krankheiten, Arbeit und Armut zu lindern, würde nur das Gefahrenpotenzial durch „gesellschaftliche und insbesondere internationale Organisation“ eingehegt.[48]

Die 1947 eingeführte Verwendung der Doomsday Clock auf dem Cover des Bulletins unterstreicht, wie sehr die Wissenschaftler „ihre“ Erfindung mit einem geänderten Bewusstsein von Zeitlichkeit angesichts einer existenziellen Bedrohung verbanden. Diese „Uhr des Jüngsten Gerichts“ stellt symbolisch dar, wie nah die Menschheit der nuklearen Apokalypse durch einen Atomkrieg gekommen ist und bezieht dabei Ereignisse wie Atomwaffentests, Rüstungsverträge oder relevante Regierungswechsel mit ein. Gerade in den ersten Monaten nach der Enthüllung des „Geheimnisses” um die Forschung an der Atombombe schienen die Möglichkeiten für eine Einhegung der Technologie zu schwinden. Russell drückte sehr treffend in einem 1946 veröffentlichten Gastbeitrag aus:

“Sollte der nächste große Krieg in den nächsten zwei oder drei Jahren stattfinden würde er wahrscheinlich zu einem schnellen Sieg für die Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten führen. […] Aber falls es keinen Krieg in der nahen Zukunft gibt, dann wird Russland die Zeit gehabt haben um Atomwaffen herzustellen – und nicht nur Russland, sondern viele andere Nationen, groß und klein.“[49]

Im November 1949 erschien Russell vor dem House of Lords und führte aus, dass der beste Weg zu internationaler Kooperation über Treffen von westlichen und sowjetischen WissenschaftlerInnen führen würde.[50] Im Rückblick sicherlich sehr hellsichtig erkannte Russell, wie klein das Zeitfenster für eine unilaterale Lösung des “nuklearen Problems” war. Drei Jahre später, am 29. August 1949 wurde die erste sowjetische Atombombe erfolgreich gezündet.[51]
Trotz Russells Engagement sollte es noch einige Jahre dauern, bis aus den Forderungen blockübergreifende Initiativen entstanden. Selbst nationale Initiativen trafen auf Hindernisse. Zwar bildete sich im September 1945 die bereits erwähnte Federation of Atomic Scientists (FAS), die ebenfalls vor allem aus ehemaligen Mitgliedern des Manhattan Project bestand. Ungeachtet der fortwährenden Arbeit des Bulletins und weiterer kritischer Vereinigungen von WissenschaftlerInnen kam dieser frühe Aktivismus 1948 aber nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Kommunisten-Verfolgungen während der McCarthy-Ära ins Stocken.[52] Es waren schließlich vor allem die Entwicklung der Wasserstoffbombe und der berüchtigte Test dieser Bombe über dem Bikini-Atoll im März 1954, die die Notwendigkeit einer konzertierten Aktion Gleichgesinnter immer dringlicher erscheinen ließen und Rotblat und Russell zum zweiten Mal zusammenbrachten.[53] Die Anfänge dieser Kooperation lassen sich anhand der Briefwechsel Rotblats, die im Archiv des Churchill College in Cambridge (UK) gelagert sind, gut nachvollziehen und sind, nicht zuletzt durch Rotblats eigenen auto-historiographischen Text, gut dokumentiert.[54] Russell als „public intellectual“ und Joseph Rotblat als Gründungsmitglied der Atomic Scientists Association of Britain, ein Partner der FAS, mobilisierten ihre Netzwerke, um die führenden Akteure der Nuklearforschung von einer Unterschrift unter das Russell-Einstein-Manifesto zu überzeugen.[55] Gleichzeitig stellten sie Überlegungen zur Öffentlichkeitswirksamkeit, aber auch zur institutionellen Verankerung der Abrüstungsbestrebungen auf globaler Ebene an. So wandten sie sich unter anderem an Jawaharlal Nehru, der als Führer der sogenannten „Dritten Welt“ ein idealer Moderator zu sein schien, um eine Konferenz von WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen mit der nötigen politischen Schlagkraft auf der Ebene der internationalen Beziehungen zu versehen. „Wir sind eine Gruppe von WissenschaftlerInnen, von denen einige mit dem Atomenergieprojekt befasst sind oder waren, und wir fühlen alle die Verantwortung, alles uns Mögliche zu tun, um die weitere Nutzung von Atomwaffen zu verhindern.”, schrieb die am Londoner University College lehrende Kathleen Lonsdale damals an Nehru, von dem sie auf ihre Bitte um Unterstützung allerdings nur eine ausweichende Antwort erhielt.[56] Im Laufe des Jahres 1954 intensiviert sich die Kommunikation zwischen den engagiertesten WissenschaftlerInnen, insbesondere zwischens Kathleen Lonsdale, Joseph Rotblat und dem Editor des Bulletins, Eugene Rabinowitch. In einem Brief an den Physiker Harrie S.W. Massey formulierte Rabinowitch den Plan „ein internationales Treffen zu organisieren, um unsere eigenen Ideen über die Bedeutung der Naturwissenschaft für die Gegenwart zu klären und um neue Möglichkeiten der internationalen Kontrolle von Atomenergie [und] die Gefahr der Radioaktivität für Leben und Vererbung, etc. [zu diskutieren].“[57]

Dass die für 1956 geplante Konferenz in Indien nicht stattfinden konnte, lag schließlich an der Suez-Krise, die es fraglich erscheinen ließ, ob alle WissenschaftlerInnen nach Indien würden reisen können – ein Zeichen nicht nur für die Verwundbarkeit globaler Transport- und Kommunikationsnetzwerke, sondern vor allem auch eine Erinnerung daran, dass die weltweite Vernetzung von WissenschaftlerInnen nicht unabhängig von globalen politischen Transformationsprozessen und insbesondere der Dekolonisierung war.[58]

Die Bemühungen von Rotblat, Russell und anderen WissenschaftlerInnen mündete schließlich in eine Pressekonferenz in London am 9. Juli 1955, in der, der zu diesem Zeitpunkt bereits geadelte Bertrand Russell ein von elf führenden Wissenschaftlern unterzeichnetes Manifesto vorstellte, das eindringlich vor den Gefahren eines Atomkrieges warnte. Das Selbstverständnis des Russell-Einstein-Manifesto war global: “Wir sprechen heute nicht als Mitglieder einer Nation, eines Kontinents, oder eines Glaubens, sondern als Menschen, als Mitglieder der menschlichen Rasse, deren weitere Existenz in Zweifel steht.“ Vor allem das zerstörerische Potenzial der Wasserstoffbombe stand den Unterzeichnern vor Augen, als sie vor den unabsehbaren Folgen eines möglichen Krieges zwischen Nuklearmächten warnten – eine Aussicht, die angesichts der sich stetig verschärfenden Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion alles andere als abwegig war. Die gerade einmal knapp zehn Jahre zurückliegenden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erschienen nur noch als ferner Bezugspunkt, um die zukünftige, weitaus größere Gefahr greifbar zu machen. Der globale Anspruch des Manifests ergab sich somit direkt aus den erwarteten Folgen einer Nutzung von Wasserstoffbomben. Die physikalische Dimension implizierte gleichzeitig eine politische: weil jeder mit diesen Bomben ausgetragene Konflikt automatisch den ganzen Globus und damit die Menschheit an sich betreffen würde, so sei es auch eine zentrale Aufgabe aller Regierungen, Konflikte auf friedlichem Wege zu lösen. Die eigentlichen AdressatInnen des Manifests waren aber nicht die einzelne Regierungen, sondern „die WissenschaftlerInnen dieser Welt und die breitere [general] Öffentlichkeit“.[59] Zwei Jahre nach dem erscheinen des Manifesto, im Juli 1957 kam es dann zum berühmten Treffen in Pugwash, an dem neben westlichen Wissenschaftlern auch drei Physiker aus der Sowjetunion und drei Japaner teilnahmen. Kurz nach der Konferenz äußerte man sich nun zuversichtlich, dass eine neue Form des Austausches gefunden worden war und wollte den Pfad weitergehen. 1957 schrieb der japanische Nuklearphysiker Shoichi Sakata an seinen britischen Kollegen Cecil Frank Powell:

„Vielleicht wäre es in dieser Situation vorteilhaft, private und offene Gespräche zwischen Menschen zu ermöglichen, die ohne die Bürde unmittelbarer politischer Verantwortung sprechen könnten, die aber in der Lage sind, die wissenschaftliche Seite der gegenwärtigen Probleme, die schwerwiegende Bedeutung der Gefahr und die Schwierigkeiten der politischen Lösung zu verstehen.“[60]

Bereits vor den Atombombenabwürfen hatten WissenschaftlerInnen die Forderung nach freiem Austausch über nationale und ideologische Grenzen hinweg erhoben; in der Pugwash-Bewegung wurde diese Forderung weiter vorangetrieben und mit der Gründung der U.S.-Soviet Study Group for Arms Control and Disarmament institutionalisiert. [61] Wie insbesondere Sandra Ionno Butcher, die „Haushistorikerin“ der Pugwash-Bewegung, in jüngster Zeit herausgearbeitet hat, kommt dem Manifesto, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es sich um Albert Einsteins letzte große Intervention handelte, eine besondere Bedeutung zu.[62] In seiner eingangs zitierten Nobelpreisrede sprach Rotblat davon, dass die Atombombe den Elfenbeinturm der Wissenschaft zertrümmert habe. Dementsprechend war seine erste Reaktion, als er im August 1945 in der BBC vom Ereignis „Hiroshima“ hörte, „Schock und Angst“, da er trotz des Wissens um die Entwicklung der Bombe stets die Hoffnung gehegt hatte, dass die Erfindung nicht funktionieren oder zumindest nicht gegen Zivilisten eingesetzt werden würde.[63] Die Beschäftigung mit den Gefahren eines Atomkriegs wurde schlagartig von einer kleinen, klandestinen Gruppe auf die gesamte Menschheit ausgedehnt, da das Bewusstsein um die Möglichkeiten der Bombe und den Konsequenzen ihres Einsatzes im Ereignis des Abwurfes konkretisiert wurden. Für Rotblat war „Hiroshima“, aber auch die Verarbeitung des Ereignisses in Form des Russell-Einstein-Manifesto, eine Zäsur. Eine der größten Konsequenzen war dabei auch die Bekenntnis zu einer neuen Form des „public intellectuals“, der Naturwissenschaft, Friedenspolitik und öffentlichkeitswirksames Engagement verband.


Naturwissenschaft und Öffentlichkeit: Eine neue Form des ‚public intellectuals‘?

Dass Rotblat nicht der Einzige war, der das Verhältnis von Technologie und Moral in der Öffentlichkeit neu dachte, lässt sich schließlich an den Beispielen Ronald Knox und Bertrand Russell nachweisen. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze lassen sich einige Gemeinsamkeiten ausmachen: Beide verbanden ihre Ausführungen mit einem Exkurs in die technischen und physikalischen Details der Atombombe. Zwar gab Knox zu, dass es sich dabei lediglich um „vorgegebenes“ Wissen handelte, doch betonte er, dass eine philosophisch-theologische Argumentation im „Atomzeitalter“ nicht auf die technologisch-naturwissenschaftliche Dimension verzichten könne.[64] Ebenso begann Russell seine Ausführungen nicht etwa mit politischen oder philosophischen Überlegungen, sondern „vom Standpunkt der Wissenschaft“[65] aus.

Trotz der Unterschiede in den Texten von Knox und Russell kristallisieren sich damit drei gemeinsame zentrale Fragen heraus, die die jeweiligen Reaktionen auf den Atombombenabwurf leiteten: die Rolle der Natur- bzw. der Nuklearwissenschaften bei der Beantwortung zentraler Menschheitsfragen, die Rolle der Öffentlichkeit und schließlich die Rolle der nationalen und internationalen Politik. Trotz des globalen Anspruches, wie er zum Beispiel von der Pugwash-Bewegung formuliert wurde, kann man die Rezeptionsgeschichte nicht vollständig von den jeweiligen nationalen Kontexten lösen.

Obgleich zahlreiche wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklungslinien in einem „Weltereignis“ zusammenzutreffen schienen, darf nicht vergessen werden, dass ihr bisheriger Verlauf oft national oder gar regional begrenzt oder zumindest geprägt war. Anders gesagt: Gerade die Beschreibung des ersten Atombombenabwurfs als „Weltereignis“ kann die tatsächliche globalhistorische Dimension verdecken, indem die Existenz eines Ereignisses postuliert wird, während dieses zu einer Vielzahl wahrgenommener Ereignisse desselben Namens wurde, die sich aus spezifischen nationalen Geschichtsdeutungsnarrativen ergaben.[66] In den aus der globalen Wissenschaftskultur hervorgehenden „public intellectuals“ finden sich allerdings Akteure, die diese „nationalen Weltereignisse“ zumindest teilweise zur Überlappung brachten oder, wie im Falle der Pugwash-Bewegung, diese Überlappung im Dienste einer global denkenden Friedensbewegung bewusst forcierten.

Die Frage bleibt, wie sehr der zum Intellektuellen gewordene Spezialist in die Speichen des von ihm selbst so beschleunigten Rades der Geschichte eingreifen konnte. Ist der Appell Rotblats und seiner Verbündeten für eine nuklearwaffenfreie Welt gleichbedeutend mit dem hilflosen Versuch des Zauberlehrlings, die bösen Geister zurückzurufen?[67] Der Einfluss der friedenspolitisch aktiven Natur- und GeisteswissenschaftlerInnen ist schwer zu quantifizieren. Schlussendlich waren es nicht ideengeschichtliche Strömungen sondern PolitikerInnen, die Entscheidungen über Krieg und Frieden sowie über die Proliferation und Verwendung von Nuklearwaffen trafen. Ohne den Einfluss der FriedensaktivistInnen quantifizieren zu wollen, wurde in diesem Kapitel versucht zu skizzieren, wie aus NaturwissenschaftlerInnen Intellektuelle, aus Intellektuellen NaturwissenschaftlerInnen und aus beiden politische AktivistInnen wurden. Von Bedeutung ist hierbei der Versuch der NaturwissenschaftlerInnen, moralisches Handeln anzuleiten, das die Geister wenn nicht zurückzurufen so doch zumindest einzudämmen versuchte.

Trotz des geballten Intellekts, des naturwissenschaftlichen Know Hows und der nicht unerheblichen Rolle als „Kommunikator“ zwischen verfeindeten Staaten blieben sowohl die Pugwash-Bewegung als auch ihre Vertreter wie Russell und Rotblat Außenseiter – wenngleich von großer Prominenz.[68] Sie konnten zwar in die Interpretationspolitik von „Hiroshima“ eingreifen und gesellschaftlichen Druck aufbauen, ihr tatsächlicher Einfluss auf die globalen Machtspiele blieb jedoch begrenzt.


Fazit: Hin zu einer friedlichen Weltrepublik der Wissenschaften

In seinem Buch über die res publica littera “Worlds Made by Words” konzentriert sich der Historiker Anthony Grafton auf die europäischen HumanistInnen und ihre NachfolgerInnen in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten.[69] Doch in den Briefen, die zwischen Großbritannien, den USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Schweden versandt wurden, drückt sich eine ganz eigene res publica literaria scientiaque aus, die, wie der Historiker Andrew J. Rotter in seinem Buch „Hiroshima – The World’s Bomb“ hervorhebt, schon vor dem Ersten Weltkrieg bestand und die durch die Anwendung von Giftgas schwer erschüttert wurde.[70] Die gemeinsamen Erfahrungen als WissenschaftlerInnen und Betroffene des Zweiten Weltkriegs ermöglichten trotz aller Hindernisse eine grenzüberschreitende Kommunikation, die in dieser Form ohne die Veränderungen der internationalen Wissenschaftsstrukturen durch die Atombombenprojekte der Kriegszeit, ebenso wie ohne die erneute Zuspitzung der internationalen Beziehungen im Kalten Krieg nicht denkbar gewesen wäre. Wenn Rotblat in seiner Nobelpreisrede im Jahr 1995 Hiroshima immer noch als Vergleichsmaßstab nutzt, indem er von „15000 Waffen mit der durchschnittlichen Kraft von 20 Hiroshima-Bomben“ spricht, so ist „Hiroshima“ hier eine Chiffre für die Bombe und ihre Zerstörungskraft geworden. Das Ereignis wird zu einem Symbol von globaler Reichweite.[71] Das erlebte und erinnerte Ereignis „Hiroshima“ blieb zwar ein wesentlicher Bezugspunkt, um das Zerstörungspotenzial hinter der abstrakten Physik zu verdeutlichen und die Bedrohungen von Menschen und Menschlichkeit durch „die Bombe“ zu veranschaulichen, doch der Blick war in die Zukunft gerichtet.

„Hiroshima“  nimmt als Ereignis und als Chiffre eine wichtige Stellung in der internationalen intellektuellen Rezeption des Atomzeitalters ein. Diese geht vor allem aus einem neuen Selbstverständnis der Rolle von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hervor, die sich zunehmend als „public intellectuals“ verstanden und fachübergreifende „Epistemtic Communities“ bildeten. Sie suchten dabei nationale Narrative bewusst zu überwinden, um der weltweiten Dimension naturwissenschaftlicher Forschung ein öffentliches Diskursforum zur Seite zu stellen, das es ermöglichen sollte, die weitreichenden Wirkungen und Probleme technologischen Fortschritts zu diskutieren und politisch zu kontrollieren. Die alte, globale „Weltrepublik der Wissenschaft“ wollte also gleichsam eine neue friedenspolitisch untermauerte Weltrepublik schaffen. Ebenso unmöglich wie die Beibehaltung des Monopols über die Nukleartechnologie gestaltete sich dabei die Kontrolle der Diskurse über „Hiroshima“ und der Aktivitäten einiger WissenschaftlerInnen.




[1] Braun, Reiner (Hrsg.): Joseph Rotblat. Visionary for Peace, Weinheim 2007; Underwood, Martin: Joseph Rotblat. A Man of Conscience in the Nuclear Age, Brighton 2009; vgl.: Hinde, Robert A.; Rotblat, Joseph: War No More. Eliminating Conflict in the Nuclear Age, London 2003; Brown, Andrew: Keeper of the Nuclear Conscience. The Life and Work of Joseph Rotblat, Oxford 2012.
[2] Sonnert, Gerhard; Holton, Gerald James: Ivory Bridges. Connecting Science and Society, Cambridge, MA 2002, S. 61.
[3] Rotblat, Joseph: Remember Your Humanity (1995), in: Nobelprize.org.
[4] Ash, Mitchell G.: Wissenschaftswandlungen und politische Umbrüche im 20. Jahrhundert - was hatten sie miteinander zu tun?, in: Bruch, Rüdiger vom (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2006, S. 19-37.
[5] „The people of this world must unite or they will perish. This war that has ravaged so much of the earth, has written these words. The atomic bomb has spelled them out for all men to understand.“ Zit. nach Oppenheimer, Robert: Acceptance Speech, Army-Navy “Excellence” Award (16 November 1945), in: Los Alamos Science 4 (7), 1983, S. 25.
[6] Ebd.: „The people of this world must unite or they will perish.“; Vgl. Pierre Curie – umgekehrt positiv – in seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Physiknobelpreises von 1903, gehalten am 6. Juni 1905 in Stockholm: „The example of the discoveries of Nobel is characteristic, as powerful explosives have enabled man to do wonderful work. [… ] I am one of those who believe with Nobel that mankind will derive more good than harm from the new discoveries.“ (Curie, Pierre: Radioactive Substances, Especially Radium. Nobel Lecture (June 6, 1905), in: Nobelprize.org.
[7] Ash: Wissenschaftswandlungen und politische Umbrüche, S. 27–33.
[8] Peierls, gerade erst eingebürgert, und Frisch, noch immer ein „enemy alien“, waren vom MAUD Committee ausgeschlossen, ebenso wie später der aus Paris geflohene österreichische Physiker Hans von Halban (Gowing: Britain and Atomic Energy, London 1965, S. 45–49, 54).
[9] „Owing to the spread of radioactive substances with the wind, the bomb could probably not be used without killing large numbers of civilians, and this may make it unsuitable as a weapon for use by this country.“ zit. nach Frisch, Otto R.; Peierls, Rudolf: Frisch-Peierls Memorandum. Memorandum on the Properties of a Radioactive “Super-bomb” (March 1940), hg. von Atomic Archive.
[10] Einstein, Albert: Second Letter to President Roosevelt (1945), hg. von Atomic Archive.
[11] Oppenheimer, J. Robert: Science Panel’s Report to the Interim Committee. Recommendations on the Immediate Use of Nuclear Weapons (June 16, 1945), hg. von Atomic Archive5.
[12] Szilárd, Leo: A Petition to the President of the United States (July 17, 1945), hg. von Atomic Archive.
[13] “total mutual destruction”, zit. nach Report of the Committee on Political and Social Problems, Manhattan Project “Metallurgical Laboratory”, University of Chicago (The Franck Report) (June 11, 1945).
[14] Haynes, John Earl; Klehr, Harvey; Vassiliev, Alexander: Spies. The Rise and Fall of the KGB in America, New Haven 2009, S. 110–117.
[15] „I’m more afraid of a visiting physicist than I am of an intelligence agent. I worry about the scientist who shares his formula with the other guy because they have a wink, a smile, and a handshake, or they’re going to save the world together.“ Zit. nach Stober, Dan; Hoffman, Ian: A Convenient Spy. Wen Ho Lee and the Politics of Nuclear Espionage, London 2007, S. 66.
[16] Smyth: Atomic Energy for Military Purposes: The Official Report on the Development of the Atomic Bomb Under the Auspices of the United States Government, 1940–1945, Stanford 1989.

[17] Vgl. dazu Harwood, Jonathan: National Differences in Academic Culture. Science in Germany and the United States between the World Wars, in: Charle, Christophe; Schriewer, Jürgen; Wagner, Peter (Hrsg.): Transnational Intellectual Networks. Forms of Academic Knowledge and the Search for Cultural Identities, Frankfurt am Main/New York 2004, S. 68.
[18] „I was involved in the original sin, and I have spent a large part of the rest of my life atoning.“ Zit. nach MIT Tech Talk: Professor Bernard Feld dies at 73 (1993), hg. von MIT News.
[19] So auch von Pierre Curie: “The example of the discoveries of Nobel is characteristic, as powerful explosives have enabled man to do wonderful work. They are also a terrible means of destruction in the hands of great criminals who are leading the peoples towards war.“ Zit. nach Curie, Pierre: Radioactive substances, especially radium. Nobel Lecture (1905), hg. von Nobelprize.org.
[20] Grodzins, Morton; Rabinowitch, Eugene (Hrsg.): The Atomic Age. Scientists in National and World Affairs, Articles from the Bulletin of the Atomic Scientists 1945-1962, New York 1963.
[21] Exemplarisch: Herken, Gregg: Brotherhood of the Bomb, New York 2002.
[22] A Message from The Federation of American Scientists, in: Bulletin of the Atomic Scientists 2 (4), 1948, S. 65.
[23] Vgl. z. B. Union of Concerned Scientists: Founding Document, 1968, hg. von MIT Faculty Statement.
[24] Cohen, Avner: Israel and the Bomb, New York 1998, S. 298.
[25] Herken: Brotherhood of the Bomb, insb. S. 154.
[26] Teller, Edward: Reply to Szilárd’s Request (July 4, 1945), hg. von Atomic Archive.
[27] Exemplarisch: Ash, Mitchell G.; Söllner, Alfred: Introduction. Forced Migration and Scientific Change after 1933, in: Forced Migration and Scientific Change. Emigré German-Speaking Scientists and Scholars after 1933, hrsg. von dens., Washington 1996, S. 1–22, hier: S. 14.
[28] Blaedel, Niels: Harmony and Unity. The Life of Niels Bohr, Berlin 1988, S. 262.
[29] Oppenheimer, Robert: General Advisory Committee’s Majority and Minority Reports on Building the H-Bomb (October 30, 1949), in: PBS. American Experience. Website derzeit im Umbau (Stand 06.04.2017)
[30] Vgl. auch Goodman, Michael S.: Spying on the Nuclear Bear, Stanford 2007, S. 113–116.
[31] Exemplarisch: Achim Brunnengräber, Ansgar Klein, and Heike Walk, eds., NGOs Im Prozess Der Globalisierung: Mächtige Zwerge - Umstrittene Riesen (Wiesbaden: Springer VS, 2005).
[32] Haas, Peter M.: Epistemic Communities and International Policy Coordination, in: International Security 46, 1992, S. 1–35.
[33] Vgl. Fischer, David: History of the International Atomic Energy Agency. The First Forty Years, Wien 1997, S. 9.
[34] „At a moment when it seemed as if all our capacity for surprise were already exhausted, one day last August, we opened the paper to find that we were wrong. Something had happened compared with which the General Election, and even Victory Day, would probably seem unimportant in perspective. A Japanese town, rather more populous than Southampton, had suddenly ceased to exist.“ Zit. Ronald Arbuthnott Knox, God and the Atom (London: Sheed & Ward, 1945), 9; Auf Deutsch: Ronald Arbuthnott Knox, Gott und das Atom, ed. Milli Bau (Hamburg: Drei Türme, 1949).
[35] Knox, God and the Atom, 9f.
[36] Knox’ Freund Evelyn Waugh wertete es als „masterpiece of construction and expression“. Zit. nach Evelyn Waugh, The Life of the Right Reverend Ronald Knox (London: Chapman & Hall, 1959). Zum Kontext: David M. Rooney, The Wine of Certitude: A Literary Biography of Ronald Knox (San Francisco: Ignatius Press, 2009), 290–92.
[37] Zur Entwicklung des Expertentums siehe beispielhaft: Caspar Hirschi, ‘Moderne Eunuchen? Offizielle Experten im 18. und 21. Jahrhundert’, in Wissen, maßgeschneidert. Experten und Expertenkulturen im Europa der Vormoderne (München: Oldenbourg, 2012), 289–327.
[38] ‘I think the Allied Powers have done the next best thing to not dropping a bomb on Hiroshima. They have dropped it.’ Knox, God and the Atom, 131.
[39] Siehe z.B. Knox’ Kritik an Russell in Ronald Arbuthnott Knox, Broadcast Minds (London,: Sheed & Ward, 1932).
[40] Knox, God and the Atom, 129; Knox bekanntestes apologetisches Werk ist Ronald Arbuthnott Knox, The Belief of Catholics (London: Ernest Benn, 1927).
[41] Denkt man an die lange Auseinandersetzung des Christentums mit der Staatsräsonlehre kein überraschendes Argument. Dazu immer noch: Friedrich Meinecke, Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte [1924], ed. Walther Hofer, Friedrich Meinecke Werke, Bd. 1 (München: R. Oldenbourg, 1957); Trotz der Kritik in: Michael Stolleis, ‘Friedrich Meineckes “Die Idee der Staatsraison” und die neuere Forschung’, in Friedrich Meinecke heute: Bericht über ein Gedenk-Colloquium zu seinem 25. Todestag am 5. und 6. April 1979, ed. Michael Erbe, Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 31 (Berlin: Colloquium Verlag, 1981), 50–75.
[42] zit. nach Knox, God and the Atom, 142f. „I am not advocating world-movements or public meetings; too often, in our time, we have heard well-founded complaints of much cry and little wool. My appeal is rather to the individual conscience than to the public ear [...].
[43] Russell, Bertrand: The Bomb and Civilization, in: London 1945 (The collected papers of Bertrand Russell 24).
[44] Dazu insbesondere: Brown, Callum G.: The Death of Christian Britain Understanding Secularisation, 1800-2000, London/New York 2009; Davie, Grace: Religion in Britain since 1945. Believing without Belonging, Oxford; Cambridge, MA 1994; Day, Abby: Believing in Belonging. Belief and Social Identity in the Modern World, Oxford; New York 2011; Garnett, Jane: Redefining Christian Britain. Post-1945 Perspectives, London 2007; Morris, Jeremy: The Strange Death of Christian Britain. Another Look at the Secularization Debate, in: The Historical Journal 46 (4), 2003, S. 963–976 ; Wolffe, John: Religion and «Secularization», in: Johnson, Paul (Hrsg.): Twentieth-Century Britain. Economic, Social and Cultural Change, Harlow 1994, S. 427–441.
[45] Zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion: Thompson, Phillip M.: Between Science and Religion the Engagement of Catholic Intellectuals with Science and Technology in the Twentieth Century, Lanham, MD 2009; Dass dies kein zwangsläufiger Widerspruch sein musste, zeigt Bowler, Peter J.: Reconciling Science and Religion. The Debate in Early-Twentieth-Century Britain, Chicago 2001; Dementgen stehend natürlich Russell, Bertrand: Russell on Religion Selections from the Writings of Bertrand Russell, London; New York 1999, S. 131–142.
[46] Vgl. dazu auch die äußerst kritischen Biographien von Ray Monk: Monk, Ray: Bertrand Russell. The Spirit of Solitude, 1872-1921, London 1996; Monk, Ray: Bertrand Russell. The Ghost of Madness, 1921-1970, London 2001.
[47] „The prospect for the human race is sombre beyond all precedent. Mankind are faced with a clear-cut alternative: either we shall all perish, or we shall have to acquire some slight degree of common sense. A great deal of new political thinking will be necessary if utter disaster is to be averted.“ Zit. nach Russell: The Bomb and Civilization, 1945.
[48] "But if science is to bring benefits instead of death, we must bring to bear upon social, and especially international, organization, intelligence of the same high order that has enabled us to discover the structure of the atom." zit. nach: Ebd.
[49] „If the next great war were to occur within the next two or three years, it would probably lead to a quick victory for the United States and its allies […]. But if there is no war in the near future, there will have been time for Russia to manufacture atomic bombs—and not only Russia, but many other nations, great and small.” Zit. nach Russell, Bertrand: The Atomic Bomb and the Prevention of War, in: Bulletin of the Atomic Scientists 2 (5), 1946, S. 19.
[50] Rotblat, Joseph: Science and World Affairs. History of the Pugwash Conferences, London 1962, S. 6; vgl. auch Butcher, Sandra Ionno: The Origins of the Russell-Einstein Manifesto, in: Pugwash History Series 1, 2005, S. 1–40, hier: S. 12.
[51] Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg 1947 - 1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters, München 2011, S. 65.
[52] Sonnert; Holton: Ivory Bridges, 2002, S. 62f.
[53] Harris, Jack: Joseph Rotblat and Pugwash, in: Joseph Rotblat. Visionary for Peace, 2007, S. 1–13; Butcher, Russell-Einstein Manifesto, 2005.
[54] Rotblat: Science and World Affairs, 1962; hinzu kommen die in Anm. 21 erwähnten historiographischen Werke und die Akten in GBR/0014/RTBT 5; Rotblat, Joseph: Scientists in the Quest for Peace. A History of the Pugwash Conferences, Cambridge, MA 1972.
[55] Zum Konzept des Intellektuellen, neben Collinis Studie: Michael, John: Anxious Intellects. Academic Professionals, Public Intellectuals, and Enlightenment Values, Durham, NC.; London 2000; Posner, Richard A: Public Intellectuals. A Study of Decline, Cambridge, MA 2003.
[56] Lonsdale, Kathleen: Correspondence concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists, Schreiben an Jawaharlal Nehru, typed, 10.04.1954, Churchill Archives Centre, The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (1) ; Nehru, Jawaharlal: Correspondence concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists, Schreiben an Kathleen Lonsdale, typed [copy], 13.04.1954, Churchill Archives Centre, The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (1) ; Dickson [secretary to Kathleen Lonsdale], Barbara: Correspondence concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists, Schreiben an Peter Hodgson, typed, 25.08.1954, Churchill Archives Centre, The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (1).
[57] “to bring together an international meeting, primarily to clarify our own ideas about the implications of science for the present world; and to discuss new possibilities of international control of atomic energy, the danger of radioactivity to life and heredity, etc?” zit. Rabinowitch, Eugene: Correspondence concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists, Schreiben an Harrie S.W. Massey, typed, 26.04.1954, Churchill Archives Centre, The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (2).
[58] Rotblat: Science and World Affairs, 1962, S. 7 ; Zu Suez: Carlton, David: Britain and the Suez Crisis, Oxford; New York, NY 1989; Kyle, Keith: Suez, New York 1991; Im Kontext britischer Dekolonisation: Darwin, John: The Empire Project: the Rise and Fall of the British World-System, 1830-1970, Cambridge, UK; New York 2009.
[59] The Russell-Einstein-Manifesto [Appendix 1], in: Rotblat, Joseph; Russell, Bertrand; Einstein, Albert: Science and World Affairs. History of the Pugwash Conferences, London 1962, S. 39–41 ; siehe auch: Russell, Bertrand: Man’s Peril, 1954-55, London 2003.
[60] „Perhaps in this situation, there would be advantages in frank and private discussions between people who could speak without the burden of immediate political responsibility, but who would be well equipped to understand both the scientific aspects of present problems, the grave nature of the hazards, and the political difficulties to be overcome.”Shoichi Sakata to Cecil Frank Powell, ‘Correspondence Concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists’, typed, (7 November 1957), The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (4), Churchill Archives Centre.
[61] Kubbig, Bernd W.: Kommunikatoren im Kalten Krieg. Die Pugwash-Konferenzen, die Amerikanisch-Sowjetische Studiengruppe zur Rüstungskontrolle und die Grundlegung des ABM-Vertrages, in: Amerikastudien / American Studies 43 (2), 1998, S. 197–228.
[62] Butcher: Russell-Einstein Manifesto, 2005; Die Bewegung ist auch ansonsten gut erforscht: Evangelista, Matthew: Unarmed Forces. The Transnational Movement to End the Cold War, Ithaca, NY 1999.
[63] Krieger, David: Joseph Rotblat and Peace, in: Joseph Rotblat: Visionary for Peace, Berlin 2007, S. 43–55.
[64] Knox: God and the Atom, 1945, S. 132.
[65] „from the point of science“ zit. nach Russell: The Bomb and Civilization, 1945.
[66] Dazu auch: Bosworth, Explaining Auschwitz and Hiroshima, 168f.
[67] Rotblat, Joseph; Steinberger, Jack; Udgaonkar, Bhalchandra (Hrsg.): A Nuclear-Weapon-Free World. Desirable?, Feasible?, Boulder 1993; Rotblat, Joseph (Hrsg.): Nuclear Weapons. The Road to Zero, Boulder 1998; Rotter: Hiroshima, 2008, S. 300–303.
[68] Kubbig, Bernd W.: Kommunikatoren im Kalten Krieg. Die Pugwash-Konferenzen, die Amerikanisch-Sowjetische Studiengruppe zur Rüstungskontrolle und die Grundlegung des ABM-Vertrages, in: Amerikastudien/American Studies 43 (2), 1998, S. 197–228.
[69] Z.B.: Grafton, Anthony: Worlds Made by Words. Scholarship and Community in the Modern West, Cambridge, MA 2009, S. 188–288.
[70] Z.B.: Powell, Cecil Frank: Correspondence concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists, Schreiben an Shoichi Sakata, typed, 14.12.1957, Churchill Archives Centre, The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (4) ; Sakata, Shoichi: Correspondence concerning Plans to Hold a Meeting of Scientists, Schreiben an Cecil Frank Powell, typed, 07.11.1957, Churchill Archives Centre, The Papers of Professor Sir Joseph Rotblat, RTBT 5/1/1/1 (4) ; vgl.: Rotter, Andrew Jon: Hiroshima. The World’s Bomb, Oxford; New York 2008, S. 11–22.
[71] Rotblat, Joseph: Remember your Humanity, in: Medicine, Conflict and Survival 12 (3), 1996, S. 195–201.