Zwischen nationalen und globalen Identitäten
Zur gesellschaftlichen Konstruktion des Fremden aus soziologischer Sicht
von
Benjamin Köhler
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Veröffentlicht am 19. Juni 2016

Um die vergleichsweise hohe Zahl der Einwanderung von Geflüchteten und Vertriebenen im Jahr 2015 zu beschreiben, wurde quer durch alle Medien, ob Nachrichtenagenturen, Fernsehsender, Tages- oder Wochenzeitungen, von Flüchtlingsströmen oder Fluchtwellen gesprochen. Dies erweckt den Anschein, es handele sich um eine homogene Gruppe, die als nicht dazugehörig oder exotisch empfunden wird und sich fundamental von dem unterscheiden soll, was hierzulande als bekannt und normal angesehen wird. Dahinter steht die Frage nach der nationalen Identität, in der Handlungsspielräume und -grenzen derjenigen, die dazugekommen sind oder noch dazukommen werden, ausgehandelt werden, und die damit soziale Beziehungen als fremd oder nicht fremd festlegt.

Um genauer verstehen zu können, wie nationale Identitäten und soziale Beziehungen voneinander abgegrenzt werden, wird die Konstruktion von Fremdheit im Folgenden aus soziologischer Perspektive betrachtet.
Einer der Begründer der deutschen Soziologie, Georg Simmel, versteht den Fremden als einen „Wanderer, der heute kommt, und morgen bleibt“[1], als jemanden, der zumindest mittelfristig am sozialen Leben teilnehmen will. Dieser Wandernde tritt dabei in einen sozial bereits besetzten Raum, in dem eigene Regeln ausgehandelt wurden und der besonderen Gewohnheiten, kulturellen Codes und (rechtlichen und politischen) Ordnungsvorstellungen unterliegt.

Für den Kultursoziologen Alois Hahn dagegen ist Fremdheit keine naturgegebene Eigenschaft, sondern eine Definition über die Beziehungen zwischen Menschen.[2] Diese Beziehungen werden immer wieder neu ausgehandelt und sind durch den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext geprägt. In dieser Konstruktion spiegeln sich die kulturelle Verfasstheit der Gesellschaft ebenso wie die großen historischen Narrative wider. Fremdheit ist Hahn zufolge nicht nur die Definition einer Beziehung zu einem vermeintlich Anderen, sondern vor allem die Bestimmung der Identität der Mehrheit, die die Narrative und Diskurse festgelegt und damit die Deutungsmacht besitzt.

Grundlage dieses „Othering“ bilden, wie der Sozialforscher Siegfried Lamnek herausgearbeitet hat, Etikettierungen, die beliebige Eigenschaften und Praktiken einer Gruppe herausgreifen und diese als exotisch, abweichend oder minderwertig und damit als mögliches Ausgrenzungsmerkmal stigmatisieren.[3] Diese Zuschreibungen können dabei sowohl phänotypische Merkmale, aber auch Religion, Herkunft und Geschlecht oder auch bestimmte Wohn-, Berufs- oder Konsumpraktiken in den Vordergrund stellen und als vermeintliche Abweichung von den Praktiken der kulturellen Hegemonie klassifizieren. Beispiele für solche Etikettierungen finden sich etwa in den großen Erzählungen vieler Nationalstaaten. Stereotype über die Gruppen der „Zigeuner“, in denen historisch vielfach ein unkontrollierbares, exotisches und ungebildetes Wandervolk konstruiert wurde und die sich auch heute in Zuschreibungen von Sinti- und Roma-Gruppen wieder finden, zeigen sich in den großen nationalen Erzählungen überall in Europa. Ebenso ist die Beziehung zu Muslimen durch kulturelle Bilder und Erzählungen geprägt, die trotz der jahrhundertelangen Einflüsse des Osmanischen Reiches auf Europa und trotz der intensiven Handelsbeziehungen seit der frühen Neuzeit in deutschen Geschichtsbüchern als nicht dazugehörig definiert und somit kulturell ausgegrenzt werden.

Hervorzuheben ist dabei, dass die Konstruktion von Fremden nicht nur externe, noch nicht dazugehörige Wandernde einschließt, sondern auch langjährige Mitglieder einer Gesellschaft, die allerdings zu den Minderheiten gehören. So zeigen kulturelle Stereotype der schon erwähnten Gruppen von Sinti und Roma, aber auch von People of Colour und jüdischen Glaubensangehörigen, dass selbst die Geburt in Deutschland oder die jahrzehnte- bis jahrhundertelange Kulturalisation in der deutschen Gesellschaft nicht ausreichen, um den Status des Fremden verlassen zu können. Am Beispiel der sogenannten deutschen „Spätaussiedler“-Familien, die in den 1990er Jahren aus Russland und Polen nach Deutschland kamen, zeigt sich, in welchem Spannungsfeld sich die Beziehung zwischen fremd und dazugehörig entladen kann, wenn historische Wurzeln zum deutschen Staat, aber auch die kulturelle Prägung der Herkunftsregion eine nationale Verbundenheit konstruieren.

Die Herstellung der Differenz in der Konstruktion von Fremdheit scheint nach Alois Hahn so groß, dass die Konfrontation mit dem festgelegten Fremden dann als symbolische Gefährdung des eigenen Weltvertrauens empfunden wird und existenzielle Ängste verursacht.[4] Fremdenfeindlichkeit kann daher als Reflex auf die Angst vor Erschütterung des Selbstverständlichen und als Ausdruck eines vermeintlichen Identitätsverlustes verstanden werden.[5] Das Eigene, wie die Kultursoziologin Julia Reuter in ihrem Buch „Ordnungen des Anderen“ treffend zusammenfasst, wird zum unantastbaren Ort der Eindeutigkeit, der immer durch spezifische Konstruktionen des Fremden gekennzeichnet ist und durch den Fremden mit seinen kulturellen Alternativerzählungen gestört wird, sodass dieser entweder ausgegrenzt oder zur Assimilation gezwungen werden muss. Es geht dabei immer auch um die eigene Selbstpositionierung und Selbstvergewisserung in der Gesellschaft. Dabei wird versucht, das „Wir“ von „Die“ abzugrenzen, wodurch verschiedene Formen von Stigmatisierungen und Diskriminierungen erzeugt werden. Die Praktik der Ausgrenzung zieht dabei einen „kulturellen Zaun“ um den Fremden, der ihn als permanenten Anderen mit jeweils eigenen Wertvorstellungen und einer anderen Historizität festhält und aus dem Feld des Eigenen und Gewöhnlichen herausdrängt und damit sozial minderwertiger macht.[6]

Rudolf Stichweh, ein wichtiger Vertreter der Luhmann‘schen Systemtheorie, unterstreicht, wie die soziale Gruppe, die die Definitionsmacht hat, über die Inklusion und Exklusion von Fremden und somit anderen Akteuren eines Sozialgefüges entscheidet.[7] Inklusion verlangt dabei die kulturelle Assimilation in die bestehende Ordnung, in dessen Rahmen zum einen verschiedene Aufnahmeriten durchstanden, zum anderen Identitäten aufgegeben werden müssen. Diese können sich beispielsweise in der Forderung nach dem Erlernen der deutschen Sprache bis hin zur Unterordnung unter einer deutschen „Leitkultur“ – wie auch immer diese definiert werden mag – ausdrücken. Exklusion wird hingegen in der Vielzahl von Beschränkungen und Verboten, Separationen und Vertreibungen bis hin zur Vernichtung erkennbar, die sich aktuell in der Beschränkung von Arbeitstätigkeiten und des Wohnraums für AsylbewerberInnen, in Aufenthaltsverboten  für andere Landkreise, in der Definition von sicheren Herkunftsländern und der Überführung in diese Länder ausdrücken kann.

Der Fremde, wie Alois Hahn ihn problematisiert, wird grundsätzlich als störend empfunden, die bestehenden Verteilungsverhältnisse scheinen durch den Fremden bedroht, was zur Konkurrenz um ökonomische Chancen, Arbeitsplätze und wohlfahrtsstaatliche Leistungen führen kann.[8] Akzeptiert wird der Fremde nur, wenn dieser zur ökonomischen Ressource in Arbeits- und Wirtschaftsbeziehungen avanciert und dabei wirtschaftliche Nischen und Marktlücken ausfüllt, neue Produkte oder Tätigkeiten anbietet. Beispiele finden sich im Aufblühen asiatischer Nagelstudios oder türkischem Fastfood. Oftmals werden darüber hinaus von Fremden auch sozial geächtete oder verbotene, aber nachgefragte Aktivitäten ausgeübt. Historische Beispiele finden sich im Hausierhandel, in der Kreditvergabe oder in der Prostitution.
Zygmunt Bauman, Soziologe und historischer Sozialforscher, macht für die Konstruktion des Fremden auf einen weiteren Zusammenhang aufmerksam: Die kulturelle Homogenisierung der Mitglieder zur Ordnung eines Sozialgefüges führt demnach immer auch zur Ab- und Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen, die nicht dazugehören sollen und damit Muster des Fremden schaffen. Mit der Ausdehnung des Sozialgefüges von der mittelalterlichen Stadt, über die kurfürstlichen und königlichen Staaten der Frühen Neuzeit bis hin zu den europäischen Nationalstaaten und postnationalen Gebilden wurden und werden auch homogene kulturelle Erzählungen standardisiert, die definieren, wer dazugehört und wer nicht.[9]

Im beginnenden 21. Jahrhundert ist die Europäische Union ein solches postnationales Gebilde, das seine kulturelle Dominanz und Deutungshoheit im Weltsystem ungebrochen verteidigt und aktuell an seinen Außengrenzen entscheidet, wer dazugehören darf und wer nicht. Interessant dabei ist, dass das Erzählen vermeintlich nationaler Chronologien selbst in einer globalisierten und medial hochvernetzten Welt Bestand hat, obwohl doch Wirtschaftsbeziehungen länderübergreifend sind und soziale Beziehungen beispielsweise zum Spielzeughersteller oder zur Näherin in Südostasien, zum Großfischer in Ostafrika ebenso wie zum Obstbauern in Südamerika oder zum Waffenabnehmer in Saudi-Arabien bestehen. Allerdings hat auch der ungerechte Welthandel seine Grundlage in diesen westlichen Großerzählungen, die soziale Beziehungen definieren und hierarchisieren, sodass deren Auflösung zum Zusammenbruch des kulturellen Selbstverständnisses einerseits und zum Verlust des hohen Lebensstandards andererseits führen würde. Was bliebe, wäre die Bestimmung eines globalen „Wir“, dass die ohnehin bereits global bestehenden Beziehungen beispielsweise zum Produzenten in Asien ebenso wenig als fremd konstruiert wie gegenüber denjenigen, die aufgrund von globalen Konflikten, wie beispielsweise derzeit aus dem Nahen Osten, zu uns flüchten.

Mehr dazu in den Zeithistorischen Forschungen:
Bernhard Waldenfels, Das Fremde denken, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007), H. 3, Druckausgabe: S. 361-368.
und
Michael Wildt, Das Fremdmachen als historischer Prozess. Kommentar zu Bernhard Waldenfels, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007), H. 3, Druckausgabe: S. 369-374.

 


[1] Georg Simmel (1968 [1908]): Exkurs über den Fremden. In: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin, S. 509.
[2] Vgl. Alois Hahn (1994): Die soziale Konstruktion des Fremden. In: Sprondel, Walter M. (Hrsg.): Die Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Konstruktion, Frankfurt/Main, S. 140-163, hier S. 140ff.
[3] Vgl. Siegfried Lamnek (1997): Neue Theorien abweichenden Verhaltens. München. S. 23.
[4] Vgl. Alois Hahn (1994): Die soziale Konstruktion des Fremden. In: Sprondel, Walter M. (Hrsg.): Die Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Konstruktion. Frankfurt/Main, S. 140-163, hier S. 153.
[5] Vgl. Alois Hahn (1997): „Partizipative“ Identitäten. In: Münkler, Herfried (Hrsg.): Furcht und Faszination: Facetten der Fremdheit. Berlin, S.115-158, S. 146.
[6] Vgl. Julia Reuter (2002): Ordnungen des Anderen. Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden. Bielefeld, S. 10, 20ff., 72f., 123f.
[7] Vgl. Rudolf Stichweh (2010): Der Fremde. Studien zu Soziologie und Sozialgeschichte. Berlin, S. 76.
[8] Vgl. Alois Hahn (1994): Die soziale Konstruktion des Fremden. In: Sprondel, Walter M. (Hrsg.): Die Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Konstruktion. Frankfurt/Main, S. 140-163, hier S. 150ff.
[9] Vgl. Zygmunt Bauman (2005 [1991]): Moderne und Ambivalenz. Hamburg, S. 56f., 95f.