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Jaime aus Kolumbien und die „Bremer Hausfrauenzeitung“ waren mein Glück

Mein erstes Semester begann im Oktober 1992 an der Universität Bremen. Ich war knapp dreißig Jahre alt und hatte acht Jahre als Buchhändlerin gearbeitet. Nun wollte ich noch einmal etwas Neues beginnen, auch wenn ein Geschichtsstudium zu dieser Zeit ziemlich wahrscheinlich in die Arbeitslosigkeit führen würde, das war allen klar, die damals solch ein verwegenes Unterfangen starteten. Aber ich konnte ja jederzeit in die Buchhandlung zurückkehren und war guter Dinge, als ich den Betoncampus der Reformuniversität (früher von ihren Gegnern auch „rote Kaderschmiede“ genannt) betrat. Die Bremer Uni, erbaut Anfang der 1970er Jahre im Marschgebiet draußen vor der Stadt, war das Ergebnis der sozialdemokratischen Bildungsoffensive. Grau in Grau und von entwaffnender Scheußlichkeit machte sie es uns nicht leicht: So verloren hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ich lief alleine auf den unwirtlichen Betonbrücken umher, verirrte mich im Block GW2 (Geisteswissenschaften 2) wie im Mehrzweck-Hochhaus (!) und zweifelte ziemlich an meiner Lebensentscheidung.

Vor dem Eingang der Bibliothek sprach mich Jaime an. Er war für das Studium aus Kolumbien nach Bremen gekommen, kannte auch niemanden, sprach so gut wie kein Deutsch und litt fürchterlich unter dem kalten, alles durchdringenden Bremer Dauerregen im Oktober. Ich sollte ihm helfen, so seine Vorstellung, all das irgendwie in einen Erfolg umzumünzen. Und er war so überzeugend, dass es keine Wahl für mich gab. Am Tag zwei hatte ich nun zumindest eine Begleitung beim Mittagessen und jemanden, mit dem ich mehrfach in der Woche Deutsch übte: Zu zweit ist man weniger allein.

Die zweite entscheidende Begegnung fand in einem mit Asbest (das wussten wir damals aber noch nicht) verseuchten kleinen Raum im GW2 statt, in dem Eva Schöck-Quinteros eine Übung zur Geschichte der „Bremer Hausfrauenzeitung“ anbot. Keine Ahnung, warum ich mich dafür in meinem ersten Semester entschieden hatte. Aber es war die richtige Wahl und der Beginn einer bis heute bestehenden Freundschaft. Als ich dann noch das erste Mal – leider unter einem Tisch sitzend, mit Wollmäusen vor der Nase, da die Massenuniversität vor dem Ansturm ihrer Studierenden kapituliert hatte – Hans-Josef Steinberg im kölschen Tonfall und mit rheinischer Heiterkeit in einem Seminar zur Arbeitergeschichte erlebte, war mir klar, dass dieses Geschichtsstudium die richtige Entscheidung gewesen war. Sie ist es bis heute.

Christine Bartlitz, Oktober 2018