Druckversion

Von Köln nach Bielefeld. Geschichte eines Fehlstarts

Das erste Semester meines Geschichtsstudiums habe ich in Köln verbracht. Ich war in Bielefeld aufgewachsen und nach dem Abitur mit Aktion Sühnezeichen nach Israel gegangen. Auf keinen Fall wollte ich zurück in die ostwestfälische Provinz. Da ich Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft im Nebenfach studieren wollte, schrieb ich mich in Köln ein. Ich hatte von nichts eine Ahnung – nicht davon, dass Bielefeld zu dieser Zeit eine der besten Adressen für ein Geschichtsstudium war, und auch nicht davon, dass in Köln – man schrieb das Jahr 1987 – noch Andreas Hillgruber den Ton angab. Sein Buch Zweierlei Untergang: Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums hatte im Vorjahr, neben Texten von Ernst Nolte, Michael Stürmer und Klaus Hildebrand, den bundesdeutschen Historikerstreit ausgelöst, in dem sich neben Jürgen Habermas auch einige Bielefelder zu Wort meldeten. Irgendwann im Lauf des Wintersemesters 1987/88 begriff ich, dass ich an der völlig falschen Adresse gelandet war. Ich schrieb pflichtschuldig noch eine Hausarbeit über die Potsdamer Konferenz und brachte eine Klausur hinter mich (die einzige Klausur im ganzen Studium). Dann packte ich meine Sachen und zog, kurz vor Ausbruch des Karnevals, nach Bielefeld zurück.

Mein wirkliches erstes Semester fand also erst im zweiten statt. In Bielefeld herrschte zu dieser Zeit eine große sozialgeschichtliche Euphorie. Dort lehrten Jürgen Kocka, Christoph Kleßmann, Hans-Ulrich Wehler und Reinhart Koselleck – sie alle habe ich mehr oder weniger verpasst, ebenso wie Niklas Luhmann und Karl-Heinz Bohrer in den benachbarten Fachbereichen. Bis ich begriffen hatte, wo der Hase langlief, war Herr Koselleck im Ruhestand und Herr Kocka in Berlin. Christoph Kleßmann war zwar noch da, wurde aber, als ich mich der Zeitgeschichte zuwandte, von Dorothee Wierling vertreten. Ihr habe ich die erste Begegnung mit der DDR-Geschichte zu verdanken. Um Herrn Wehler habe ich, wie einige Gleichgesinnte, einen großen Bogen gemacht, weil ich den Kult um seine Person und die Umgangsformen im Kolloquium nicht mochte. Diejenigen, die sich Herrn Wehler andienten, nannten wir spöttisch »die Kofferträger«.

Deutlich in Erinnerung habe ich aus diesem ersten/zweiten Semester zweierlei: das Engagement der Bielefelder Fachschaft, die sich durch die Zusammenstellung eines Readers zum Historikerstreit verdient machte, und den Computerraum, in dem die ersten Kommilitonen ihre Hausarbeiten schrieben, während ich noch mit Schreibmaschine, Schere und Tesafilm zugange war (die Fußnoten wurden getrennt getippt und dann eingeklebt). Dass ich wieder in der ostwestfälischen Provinz gelandet war (die eigentlich ganz nett ist), habe ich schnell verwunden. Und der Fehlstart in Köln hat das seine dazu getan, dass ich die Bielefelder Geschichtsfakultät sehr zu schätzen lernte.

Annette Vowinckel, Oktober 2018