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Von Prenzlauer Berg nach Dahlem. Mein erstes Streik-Semester

Die FU war für mich nur zweite Wahl. Wie die meisten meiner Mitschüler, mit denen ich in Prenzlauer Berg das Abitur gemacht hatte, wollte ich eigentlich an der Humboldt-Universität studieren. Doch reichte meine Abinote nicht, um an der HU einen Studienplatz für mein Zweitfach Theaterwissenschaft zu erhalten. Also schrieb ich mich für Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität ein, so dass ich die beiden Fächer meiner Wunschkombination an einer Uni studieren konnte. Zudem hatte mir mein Vater zur FU geraten, weil er davon überzeugt war, dass ich in Dahlem das „Original“ erwarten konnte, während die HU von der zweiten Garde aus dem Westen „übernommen“ worden sei. Ich hatte allerdings die feste Absicht, spätestens zum zweiten Semester an die HU zu wechseln – zurück in den Osten, in dem ich wohnte.

Doch es sollte alles anders kommen. Mein erstes Semester im Winter 1997/98 war ein Streiksemester. Nach etwa vier Wochen traten die Studierenden in den Ausstand, um für bessere Studienbedingungen zu protestieren. Genau genommen, nahm das Gros der Studierenden den Streik zum Anlass, um einfach zu Hause zu bleiben, und wartete, bis die Lehrveranstaltungen wieder stattfanden. Nur eine kleine Minderheit der organisierten Studierendenschaft nutzte den Streik, um auf die studentischen Belange aufmerksam zu machen. Besonders aktiv war die Fachschaftsinitiative Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut, das sich damals noch in der Rost- und Silberlaube befand. Die Fachschaftsini wirbelte und warb kräftig unter den Erstsemestlern, zu denen ich gehörte.

Rasch war ich ein Mitglied der Fachschaftsini und engagierte mich für bessere Studienbedingungen. Ich wurde Mitglied der AG Kooperation, die den Schulterschluss mit den Professoren am Friedrich-Meinecke-Institut suchte. In der Überzeugung, dass die Dozenten dasselbe Interesse an einer Verbesserung der Zustände haben müssten wie die Studierenden, zog ich durch die Uni und suchte aufgeregt nach Professoren, die uns unterstützen würden. Da stieß ich irgendwo auf dem L-Gang der Rostlaube auf einen distinguierten Herren mit hoher Stirn und gebeugter Haltung, der mir wie ein Geschichtsprofessor aussah. Ich hielt ihn an und fragte ihn, ob er vielleicht Professor am Friedrich-Meinecke-Institut sei. „Das kann man so sagen“, antwortete der Mann kühl und schritt wortlos davon.

Später erfuhr ich, dass ich ausgerechnet Hagen Schulze angesprochen hatte. Der Ordinarius war damals einer der bekanntesten Historiker am Friedrich-Meinecke-Institut und nicht gewohnt, nicht erkannt zu werden. Meinem Enthusiasmus tat die peinliche Begegnung indes keinen Abbruch. Das Streiksemester war für mich eine intensive Einführung in die Strukturen der Hochschule. Die Kritik an den herrschenden Zuständen führte dazu, dass ich die Uni kennenlernte und mich mit ihr identifizierte, weil ich sie als meine Angelegenheit wahrnahm. Die FU wurde zu meiner Alma Mater und ist es bis heute. In nur einem Semester war ich im Westen angekommen und ein Wechsel an die HU kam für mich nicht mehr in Frage.

Hanno Hochmuth, Oktober 2018