Dezember 2017

Fragmentierte Formationsräume

Geschichtsbilder im Netz – ein Expeditionsbericht

Veröffentlicht am 8. Dezember 2017

Am Anfang war ein Traum: Mitte der 1990er Jahre begann das Internet mit dem Piepen und Blubbern von teuren Modems seinen Siegeszug über die gesamte Welt. Nicht weniger als die Verbindung und Verständigung von Menschen über Grenzen, Sprachen und Unterdrückungen hinweg sollte es bringen, zu einem allumfassenden Informationsraum werden. Letztlich wurde das Internet zu einem (nicht einhaltbaren) Freiheitsversprechen für die ganze Welt gemacht. Und so wurde, wie es der Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke einmal ausdrückte,[1] aus dem Informationsraum auch ein Formationsraum, in dem Menschen Fraktionen bilden, nach außen abschirmen und konsolidieren können.

Diese Formationsräume betreffen nahezu alle denkbaren Lebensbereiche – und damit auch die Sphären von Erinnerungskultur, Geschichtspolitik und kollektivem Gedenken. Ebenso wie Computerspiele und aufwändige Fernsehserien sind sie zu großen Einflussfaktoren des gesellschaftlichen Umgangs mit Vergangenheit und Vergangenheitskonstruktionen geworden. Im Gegensatz zu den genannten aufwändigen Produktionen sind sie allerdings noch weitestgehend unerforscht, vermutlich weil sie sich in ihrer Dezentralität und Kleinteiligkeit etablierten Zugriffsmethoden weitgehend entziehen.

Auf der Suche nach der Theorie

Im Rahmen der Übung „Geschichtsbilder und -narrative im Internet“ versuchten neun Studierende und ein Dozent der Universität Heidelberg im Sommersemester 2017, genau an diesem Punkt anzusetzen: Wie können wir Internet-Communities und ihre Geschichtsbilder wissenschaftlich beobachten, inwieweit sind Entwicklungen nachvollziehbar, und welchen Impact haben diese Geschichtsbilder dann von der Community erst in die digitale und schließlich die analoge Welt?

Solchen Fragestellungen nachzugehen, erzeugt die Schwierigkeit der fehlenden Theoriebildung – historische Untersuchungen zu Internetgemeinden sind Mangelware, wenn überhaupt findet sich selbstreferenzielle, aber unwissenschaftliche Literatur zu den Frühzeiten des Web-Austauschs in Usenet und IRC. Grundlegende kommunikations- und medienwissenschaftliche Konzepte wie Echokammern, Filterblasen, Relevanzparadoxa und Schweigespiralen mussten somit als Grundlage dienen, ohne in jedem Fall passgenaue Erklärungsansätze zu liefern.

So übernahmen alle Studierenden jeweils die „Patenschaft“ für eine Community, die über das gesamte Semester im Hinblick auf die in ihr produzierten, debattierten und verbreiteten Geschichtsbilder zu beobachten war. Hierzu gehörten weltanschaulich eindeutig positionierte Gruppen, aber auch vollkommen unpolitische Zusammenschlüsse gemeinsamer Interessen. Die Communities ließen sich grundsätzlich in zwei Kategorien aufteilen: Eine Gruppe war in ihrer Anlage klar inhaltlich mit Geschichte verknüpft, in der anderen diente Geschichte als Vehikel von Argumentation und Selbstvergewisserung.

Von Kreuzzügen und Friedenspfeifen

In politisch rechts stehenden Communities wie dem Reddit-Unterforum „The_Donald“ (ca. 500.000 UserInnen)[2] sowie der Facebook-Gruppe „10th Crusade Enthusiasts“ (zwischenzeitlich von Facebook gelöscht), die sich seit Jahren vor allem durch Ablehnung von Islam bzw. Islamismus profilieren, stehen bei den historischen Inhalten oft die Kreuzzüge im Vordergrund, die hier als mittelalterliche Vorläufer eines heutigen Kulturkampfes zwischen (weißem) Christentum und Islam rezipiert werden.
 

 

Meme zu „Deus Vult!“ als Beispiel für antiislamische bzw. rassistische Äußerungen.

„Kampf der Kulturen“: In jungen, rechtsgerichteten Communities werden die Kreuzzüge als positive Vorlage für einen Kriege zwischen Christenheit und Islam verwendet.

 

Diese Auseinandersetzung findet vor allem über sogenannte Memes[3] und nicht über inhaltliche Diskussionen statt, so über das Meme „Deus Vult“, das einen Tempelritter mit gezücktem Schwert zeigt, dem islamophobe bzw. rassistische Äußerungen („There is no need for a muslim ban if there are no muslims“) in den Mund gelegt werden. Beide beobachteten Communities sind dabei stark autoritär moderiert, Dissens findet dort keinen Platz. Wer Gegenmeinungen zum von den AdministratorInnen gewünschten Kurs äußert, wird meist für weitere Äußerungen gesperrt.

An anderer Stelle im politischen Spektrum findet sich die antideutsche Facebook-Community „Deutsch mich nicht voll“ (ca. 4.000 Mitglieder), die zuletzt Medienaufmerksamkeit erfuhr, weil ein dort getätigtes Posting einer Politikerin der Linken öffentlich wurde.[4] Die ModeratorInnen dieser Community werden jährlich demokratisch unter allen Mitgliedern gewählt, Löschungen und Sperren finden in den meisten Fällen nur statt, wenn persönliche Beleidigungen überhand nehmen bzw. der Verdacht besteht, dass Inhalte der Gruppe an politische GegnerInnen übertragen werden sollen.
 

 

Der israelische Merkava-Panzer wird zum Sehnsuchtsmoment einer israelsolidarischen Linken funktionalisiert

Der israelische Merkava-Panzer wird zum Sehnsuchtsmoment einer israelsolidarischen Linken funktionalisiert.

 

Generell folgt die Gruppe dem antideutschen Konsens der Ablehnung von herkömmlichem anti-imperialistischen Linkssein sowie bedingungsloser Solidarität mit Israel und (bis zur flächendeckenden Einführung des Kommunismus) den USA. Diese Weltsicht bedingt bestimmte Geschichtsbilder, so dass vom Deutschen Sonderweg und spezifisch antisemitischen Nationalcharakter sowie der einseitigen arabischen Verantwortung für den andauernden Nahostkonflikt. Das inhaltliche Niveau der Community ist breitgefächert: Mitunter werden theoretische Grundlagentexte (beispielsweise von Adorno) hochgeladen und inhaltlich diskutiert, daneben stehen mit gleicher Resonanz Meme-Grafiken.

Neben den politischen Gruppen gibt es allerdings auch solche, die sich voll und ganz einzelnen historischen Phänomenen verschrieben haben. Hierzu gehört die Gruppe „Indianer, Wölfe, Cowboys, Mythen & Weisheiten...“, der fast 10.000 deutschsprachige Facebook-NutzerInnen angehören. Wie in fast allen länger bestehenden Communities haben sich dort, kaum moderiert (lediglich Werbung wird gelöscht), eigene Gepflogenheiten entwickelt.
 

 

Ästhetik zwischen Post- und Antimoderne: Amerikanische Ureinwohner als idealtypischer Lebensentwurf

Ästhetik zwischen Post- und Antimoderne: Amerikanische Ureinwohner als idealtypischer Lebensentwurf.

 

Hauptsächlich tauschen die Menschen dort untereinander Freundlichkeiten und künstlerische Abbildungen bzw. Fotos von amerikanischen UreinwohnerInnen, Wölfen und Grizzlybären aus, ohne diese inhaltlich zu diskutieren. Im Gegensatz zu den oben genannten Communities besteht das Geschichtsbild daher nicht aus einer Reflexion über die eigene Herkunft oder Geschichte, sondern aus der Schaffung einer Gemeinschaft einer imaginierten, naturromantischen und zeitlosen Vergangenheit. Mit unverkennbaren Anleihen bei Lederstrumpf und Winnetou wird das „Indianertum“ (Cowboys finden kaum statt) somit auch zur positiven Projektionsfläche einer als schnelllebig, oberflächlich und verschwenderisch empfundenen gegenwärtigen Realität. Solche Gedanken werden explizit allerdings höchst selten reflektiert, eine zuletzt geäußerte Problematisierung des Titelbegriffs „Indianer“ wurde von fast allen DiskutantInnen mit völliger Verständnislosigkeit quittiert.[5]

Aus dem Netz in die Welt

Zugegeben: Für die Wirkung und Reproduktion von Geschichtsbildern sind Internet-Communities bislang weniger relevant als Kinofilme, TV-Dokumentationen und der Geschichtsunterricht. Das bedeutet aber nicht, dass das auf ewig so bleiben muss. Insbesondere die jüngeren Generationen der „digital natives“ wechseln zunehmend vom großen TV- auf den kleinen Smartphone-Bildschirm, zudem bilden sich im postfaktischen Zeitalter zunehmend Narrative jenseits des als „Fake News“ geschmähten Meinungs- und Medienmainstreams. Der qualitative Unterschied von Internet-Communities zu früheren Subkulturen besteht tatsächlich in seiner quantitativen Dimension: Dürfte es Menschen früher schwergefallen sein, in ihrem Dorf Gleichgesinnte zu finden, bietet sich durch das Internet eine einfache Netzwerkmöglichkeit für Menschen, die an eine von Altnazis bevölkerte Hohlerde glauben oder den Anschlag auf das World Trade Center für eine per Hologramm inszenierte Live-Fälschung halten. Dadurch, dass sich diese Menschen freiwillig in die Echoräume ihrer Überzeugung begeben, verfestigen sie die Fragmentierung und Abgeschlossenheit von Welt- und Geschichtsbildern. Wo man sich aber nicht einmal mehr auf gemeinsame Grundlagen verständigen kann, werden konstruktive Diskurse unmöglich, seien sie historischer, sozialer oder gegenwartspolitischer Natur. Wenn von deutschen Landespolitikern eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert wird, dann ist und war ihnen der Applaus ihres Echoraums (in diesem Fall eines konkreten physischen Dresdner Saals) sicher. Durch das Internet sind unzählige weitere Kleinst-Echoräume hinzugekommen, die den Gedanken der geschichtskulturellen Wende bereitwillig in die analogen Räume weiterverbreiten.

 

[1] Stefan Niggemeier: „Was Medienjournalisten machen, würde uns niemals jemand durchgehen lassen“, in: ÜberMedien vom 13.01.2017 [07.12.2017].
[2] Vgl. Subreddit The_Donald, auf: Reddit [07.12.2017].
[3] Zum in diesen Zirkeln beliebten „Deus vult!“-Meme vgl. den Thread auf Know Your Meme [07.12.2017].
[4] Meedia Redaktion: „Grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben“: Linken-Kandidatin tritt nach „antideutschem“ Facebook-Post zurück, in: Meedia vomn 07.09.2017 [07.12.2017].
[5] Diese Gruppe ist geschlossen, d. h. Sie müssen beitreten, um den Inhalt sehen zu können.