Filmbesprechung zu „Swoi“/„Die Unsrigen“
Russland 2004, Regie: Dmitrij Meshiev
von
Simone Schlindwein
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Veröffentlichung: Mai 2005

 

Der russische Kriegsfilm „Svoi“ („Die Unsrigen“) beschreibt den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 aus einem ganz neuen, für Russland eher untypischen Blickwinkel. Die Protagonisten sind keine eisernen Helden, die dem Kanonengetöse tapfer entgegen treten, sondern drei sehr unterschiedliche Menschen, denen es gelingt, aus deutscher Kriegsgefangenschaft zu fliehen. Sie verstecken sich in einer Scheune in einem kleinen Bauerndorf und ermöglichen so dem Zuschauer, den „Großen Vaterländischen Krieg“ aus einer sehr begrenzten Perspektive heraus wahrzunehmen. Dabei werden Aspekte des Kriegsgeschehens thematisiert, die früher tabuisiert worden waren und auch heute eher weniger in das Schema des offiziellen Patriotismus passen, welches anlässlich des 60. Jahrestags in Russland inszeniert wird.
Der Film erhielt 2004 beim 26. Internationalen Filmfestival in Moskau dennoch - oder gerade deswegen - den Preis für den besten Wettbewerbsfilm. Die Auszeichnung für die beste Regie ging an Dmitrij Meshiev, und der Titel des besten Darstellers wurde Bogdan Stupka für die Rolle des Dorfältesten verliehen. Das ungewöhnliche Kriegsdrama ist ebenso umstritten wie hoch gelobt, denn er macht das „wenig Heldenhafte“ zum eigentlichen Thema und zeigt auf, wie Menschen durch den Krieg in unterschiedlichem Maße geprägt wurden. Der Krieg selbst, seine Schlachtfelder und die Siege werden bewusst ausgeblendet. Er konstituiert lediglich die Rahmenhandlung des Films, der zu Beginn unerwartet und mit lautem Bombenhagel über die Rote Armee und den Zuschauer hereinbricht.
Die drei Soldaten, der Tschekist Tolja, der jüdische Politoffizier Lifshits und der Scharfschütze Mitja können aus dem langen Zug der deutschen Kriegsgefangenen ausbrechen und flüchten in ein nahe gelegenes Dorf. Als Versteck dient ihnen die Scheune von Mitjas Vater, vom Heuboden aus sehen sie deutsche Landser, die - nach ihnen suchend - durch das Dorf ziehen. Erst hier lernen sich die Soldaten näher kennen, das Schicksal schweißt sie zwangsläufig zusammen, und sie werden zu Partisanen, die aus ihrem Versteck heraus Fahrzeuge der Wehrmacht überfallen. Doch die eigentliche Handlung des Films spielt sich in der Scheune ab, der Krieg bleibt lediglich Staffage, eine drohende Wolke über der rettenden Unterkunft.
Gefährlicher als die Deutschen werden ihnen die Einwohner des Dorfes, in welchem sich ihre Zuflucht befindet. Mitjas Vater Ivan kollaboriert als Dorfältester mit den Besatzern, er hatte lange Zeit im Arbeitslager zugebracht und macht aus seiner antisowjetischen Gesinnung keinen Hehl. Er versteckt die drei Soldaten lediglich, weil sie zu „den Unsrigen“ gehören. Dennoch laufen diese stets Gefahr, verraten zu werden, besonders da die örtliche Hilfspolizei - Marionetten in der Hand der Deutschen - die Töchter Ivans gefangen hält, um ihn zur Kollaboration zu zwingen.
Es ist ein Kampf ums tägliche Überleben, den die drei Männer führen müssen, und sie leiden unter den Entbehrungen dieses Krieges. Der eiserne und disziplinierte Offizier Tolja beobachtet stundenlang durch ein Loch im Heuboden die auf dem Hof arbeitenden Frauen. Er führt einen inneren Kampf mit seinen sexuellen Trieben - sein persönlicher Krieg ist der zwischen körperlichem Verlangen und seiner antrainierter Disziplin. Mitja dagegen gibt seinen Begierden sofort nach. Er vergnügt sich mit der blonden Nachbarin Tanja, was deren Vater überhaupt nicht erfreut -denn das, was er bei ihr sucht, ist rein körperlicher Natur. Hier entbehrt der Film jeglicher Romantik und will mit einer besonderen Absicht keine Liebesgeschichte inszenieren. Im Gegenteil, die kleinen zwischenmenschlichen Fronten innerhalb des Dorfes verlaufen nicht selten entlang der Geschlechter und innerhalb der Familie. Lifshits wird aufgrund der Entbehrungen des Krieges schwer krank und führt einen erbitterten Kampf mit dem Tod. Nur durch die Fürsorge der Frauen kann er genesen, doch bleibt er körperlich stark geschwächt. Für ihn steht bald fest: eine weitere Flucht vor der Wehrmacht würde er nicht überstehen. Noch stehen ihm seine Kameraden bei, doch was würden diese für sein Wohlergehen auf sich nehmen? Als einzige Rettung bleibt also nur das Versteck in der Scheune des Dorfältesten Ivan, der, um ihnen zu helfen, sowohl gegen das Wohl seiner Töchter als auch gegen seine Gesinnung handelt. Es müssen Entscheidungen getroffen und Kompromisse eingegangen werden.
Besonders die Dialoge zwischen Ivan, dem verbitterten Kollaborateur, und Tolja, dem eingefleischten Tschekisten, zeigen, dass die Konfliktlinien nicht zwischen Freund und Feind, sondern zwischen „den Unsrigen“ verlaufen. So werden die nächtlichen Gespräche in der Scheune zum eigentlichen Schlachtfeld des Krieges. Doch geht es dabei nicht um den Kampf zwischen Deutschen und Russen bzw. um das Ringen zwischen Gut oder Böse. Im Gegenteil: Die Fronten bleiben stets verschwommen, verändern sich oder lösen sich zum Teil völlig auf. Es bleibt die Frage, wem man in Zeiten des Krieges überhaupt noch trauen kann - der Familie, den Schicksalsgenossen, oder nur sich selbst? „Svoi“ kann als Gegenentwurf zu der aus Sowjetzeiten herrührenden, die Kriegsereignisse beschönigenden und heroisierenden Erinnerungskultur in Russland verstanden werden. Die drei Soldaten stehen sinnbildlich als Antihelden im Mittelpunkt eines Dramas, das sich am Rande des „Großen Vaterländischen Krieges“ abgespielt haben könnte, aber aus dem kollektiven Gedächtnis konsequent ausgeblendet wird. Der Film zeigt einen Krieg, der jeden der Soldaten auf die ein oder andere Art und Weise trifft und prägt, doch jeder erlebt ihn anders und führt seinen eigenen Kampf. Ein Kampf um das tägliche Überleben, durch welchen in erster Linie die Schattenseiten der Charaktere an den Tag gelegt werden – keine Helden, sondern leidende Menschen im Krieg. Der Film hat seine ganz eigene Farb- und Bild -Ästhetik. Die Einstellungen wirken wie fotografierte Momentaufnahmen, die sorgfältig aneinandergereiht werden. Es sind keine Massen, die hier in Szene gesetzt sind, sondern einzelne Schicksale. Die Kamera weiß jeden der Charaktere, insbesondere die drei Hauptprotagonist en, in seinem persönlichen, inneren Konflikt einzufangen und wagt sich dabei nah an die Gesichter der Menschen heran. Dies verleiht dem Zuschauer die Möglichkeit eines Zugangs zum eigentlichen, inneren Krieg, der in „Svoi“ dargestellt werden soll.