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Glienicker Brücke im Jahr 2012. Zwischen 1962 und 1986 wurden hier drei Mal hochrangige Agenten aus der Sowjetunion und den USA gegeneinander ausgetauscht. 
Foto: Manfred Brückels (Wikimedia Commons; CC-BY-SA 3.0 DE)

Glienicker Brücke im Jahr 2012. Zwischen 1962 und 1986 wurden hier drei Mal hochrangige Agenten aus der Sowjetunion und den USA gegeneinander ausgetauscht. 
Foto: Manfred Brückels (Wikimedia Commons; CC-BY-SA 3.0 DE)

Geheimdienstkonfrontation im Kalten Krieg
Ein Forschungsprojekt beim BStU
von
Daniela Münkel und Elke Stadelmann-Wenz
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In den sechziger Jahren schickte sich der BND unter seinem Präsidenten Reinhard Gehlen an, das Image des Nachrichtendienstes in der Öffentlichkeit zu verbessern. Ein Medium für eine solche Imagekampagne war schnell gefunden: der Film.
Produziert wurde, in James-Bond-Manier, der Film „Mister Dynamit – morgen küsst euch der Tod“[1] aus dem Jahr 1967 mit einem BND-Agenten im Mittelpunkt der Handlung – in der Hauptrolle der damals äußerst populäre Schauspieler Lex Barker.[2] Der Film basierte auf einer Romanvorlage von C. H. Günther. In diesem Fall gelang es dem BND, auf das geplante Filmprojekt Einfluss zu nehmen. Allerdings floppte der Film, und schließlich wurde eine geplante Fortsetzung verworfen.

Wesentlich erfolgreicher agierte dagegen das MfS auf dem Feld der medialen Geheimdienstpropaganda. So war bereits 1963 der Film „For Eyes Only (Streng geheim)“[3] als Antwort auf James Bond ein großer Publikumserfolg in den Kinos der DDR.[4] In den Jahren zwischen 1973 und 1979 inszenierte die Staatssicherheit eine ganze Serie von Spionagefilmen für das Fernsehen. In „Das unsichtbare Visier“[5] agierte ein MfS-Agent als „Kundschafter des Friedens“ in der Bundesrepublik, die als ein von Nazi-Netzwerken durchsetzter, korrupter und dekadenter Staat inszeniert wurde. Die Serie mit Armin Müller-Stahl in der Hauptrolle war ein „Straßenfeger“ in der DDR und polierte das Image der Auslandsaktivitäten des MfS erheblich auf.
Während sich die Konfrontation der Geheimdienste in den sechziger und siebziger Jahren vor allem auf der Leinwand abspielte, fand sie in den fünfziger Jahren auf den Straßen, in den Amtsstuben und den Betrieben in Ost- und Westdeutschland statt, das geteilte Berlin stets im Mittelpunkt.
Zu Beginn der fünfziger Jahre hatte die „Organisation Gehlen“, die Vorläuferorganisation des BND, bereits ein weit gespanntes, wenn auch nicht sehr effektives Netz von Informanten in der DDR aufgebaut. Das MfS versuchte Ähnliches in der Bundesrepublik. Solange die Grenzen zwischen Ost und West noch durchlässig waren, lieferten sich die Geheimdienste einen regelrechten Krieg. Die Auseinandersetzungen fanden nicht nur auf dem Feld von Spionage und Spionageabwehr, sondern darüber hinaus auch im Bereich der Propagandaarbeit auf beiden Seiten statt. Dem MfS gelang es, in den Jahren 1953 bis 1955 im Rahmen der sogenannten „Konzentrierten Schläge“ das Informantennetz der „Organisation Gehlen“ in der DDR weitgehend zu zerschlagen. Die Staatssicherheit verhaftete bei mehreren stabsmäßig geplanten Aktionen Hunderte Personen in der DDR, die zu meist langen Haftstrafen, einige sogar zum Tode, verurteilt wurden. Dabei gerieten aber nicht nur DDR-Bürger ins Visier des MfS. Einige Personen wurden auch aus dem Westteil Berlins verschleppt und vor DDR-Gerichten wegen Spionage verurteilt.[6] An diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt „Geheimdienstkonfrontation im Kalten Krieg: MfS contra BND“, das im Jahr 2013 in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten begonnen wurde, an.
Im Zentrum der Untersuchung stehen Spionageabwehr und Gegenspionage des MfS gegen die westdeutschen Geheimdienste. Der zeitliche Rahmen des Projektes erstreckt sich von 1950 bis 1972 und erfasst damit sowohl die Hochphase des Geheimdienstkrieges Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre als auch die Zäsur des Mauerbaus 1961 und die damit einhergehenden Veränderungen, die sich auf die Spionagetätigkeit beider Seiten des Eisernen Vorhangs auswirkten.
Eine zeitliche Begrenzung stellt der Beginn der neuen Deutschland- und Ostpolitik Willy Brandts Anfang der siebziger Jahre dar: Von da an wurde der Rahmen der deutsch-deutschen Beziehungen neu definiert, was nicht zuletzt großen Einfluss auf die operative Praxis der Geheimdienste hatte.
Ziel des Forschungsprojektes ist die Einordnung der deutsch-deutschen Geheimdienstkonfrontation als ein Problemfeld des Kalten Krieges in die asymmetrisch verflochtene Geschichte der beiden deutschen Staaten. Dabei sollen die wechselseitigen Bezüge und Verflechtungen, spezifischen Handlungspraktiken und Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der jeweiligen Akteure untersucht werden.
Zunächst geht es jedoch um die  Darstellung der Strategien der Spionageabwehr innerhalb des MfS und um die Frage nach den Abwehraktivitäten des MfS auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“. In diesem Zusammenhang ist zu erläutern, wie groß der Kenntnisstand der Staatssicherheit über die Spionageaktivitäten der westdeutschen Geheimdienste in der DDR überhaupt war.
Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich der innen- und außenpolitischen Instrumentalisierung dieser Erkenntnisse durch die SED-Führung, insbesondere innerhalb deutschlandpolitischer Entscheidungsprozesse. Auch wird die strategische Rolle der medialen Propaganda unter der Regie der Staatssicherheit in den Blick genommen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle in diesen Prozessen spielten die Vorgaben und die tatsächliche Einmischung des sowjetischen Geheimdienstes auf die operative und propagandistische Praxis des MfS – auch danach wird gefragt.
Das Projekt behandelt darüber hinaus die von beiden Seiten eingesetzten, nicht hauptamtlichen „Agenten“ als spezifische Gruppe in ihrem historischen Kontext. Dabei werden neben jenen  Informanten, die als DDR-Bürger für den BND tätig waren, auch die für die Spionageabwehr eingesetzten „Geheimen Mitarbeiter“ des MfS untersucht. Analysiert werden biographische Gemeinsamkeiten/Unterschiede, die soziale und geschlechtsspezifische Zusammensetzung der Akteure und die Bedeutung der NS-Vergangenheit bei der Rekrutierung der Informanten.

Bis 2015 entsteht eine Studie zur „Aktion Feuerwerk“, dem Auftakt der „konzentrierten Schläge“, in Kooperation mit der „Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des BND“ (UHK). Diese Kooperation ermöglicht erstmals, Dokumente der Staatssicherheit und des Bundesnachrichtendienstes abzugleichen. Für 2016 ist eine umfassende Monographie zur Spionageabwehr des MfS gegen den BND in den fünfziger und sechziger Jahren vorgesehen.

 




[1] Gottlieb, Franz Josef (Regie) (1967): Mister Dynamit – Morgen küßt euch der Tod. [Film]. BRD: Nora-Film.
[2] Vgl. dazu ausführlich Bodo Hechelhammer: „Jedenfalls kommt der BND ganz groß raus…“. Der Bundesnachrichtendienst und das Filmprojekt  Mr. Dynamit (Mitteilungen der Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“, Nr.7), Berlin 2014.
[3]Veiczi, János (Regie) (1963): For Eyes Only (Streng geheim). [Film]. DDR: DEFA.
[4] Vgl. Bernd Stöver: „Das ist die Wahrheit, die volle Wahrheit“. Befreiungspolitik im DDR-Spielfilm der 1950er und 1960er Jahre. In: Thomas Lindenberger: Massenmedien im Kalten Krieg. Akteure, Bilder, Resonanzen. Köln, Weimar, Wien 2006, S. 49-76, hier besonders S. 62-75.
[5] Hagen, Peter (Regie) (1973-1979): Das unsichtbare Visier. [Fernsehserie]. DDR: Fernsehen der DDR.
[6] Vgl. Fricke, Karl Wilhelm; Engelmann, Roger: "Konzentrierte Schläge". Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953-1956. Berlin 1998.