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Soldatinnen des Battalion Zóska am 2. September 1944

Soldatinnen des Battalion Zóska am 2. September 1944
(Foto: Jerzy Tomaszewski, public domain)

„Ihre Mütter, ihre Väter“*
Die Reaktionen in Polen auf den ZDF-Mehrteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" - Ein Themenschwerpunkt
von
Maren Röger
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Im Juni 2013 strahlte das polnische öffentliche Fernsehen den ZDF-Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ aus. An drei aufeinanderfolgenden Abenden konnte man in Polen zur besten Sendezeit jenen Fernsehfilm sehen, der einige Wochen zuvor in Deutschland Rekordeinschaltquoten erzielte und ein breites Medienecho hervorrief.
Die Ausstrahlung des Films in Polen ist bemerkenswert, schließlich werden audiovisuelle Geschichtsdeutungen des westlichen Nachbarlandes nur sehr selten in Polen verbreitet. Vor allem in Deutschland etablierte filmische Repräsentationen des Zweiten Weltkriegs und der darauffolgenden Zwangsmigration der Deutschen sind Narrative, die mit den polnischen Darstellungen nicht vereinbar sind. Geschichtsfernsehen aus Deutschland macht daher in der Regel an der Grenze halt.
Warum bildet „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine Ausnahme? Der Grund für die zügige Übernahme der Sendung durch das polnische Fernsehen liegt vor allem in den heftigen Protesten in Polen, die der Film unmittelbar nach seiner Ausstrahlung in Deutschland hervorrief.
Die Kommentare der polnischen Presse bezogen sich zunächst auf die Darstellung einer Gruppe polnischer Partisanen, Angehörige der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa, AK). Gegen Ende des zweiten Teils schließt sich der deutsche Jude Viktor Goldstein (Ludwig Trepte) nach geglückter Flucht aus einem Deportationszug der Heimatarmee an. Im dritten Teil der ZDF-Serie stehen Viktor Goldstein und die Aktionen der polnischen Heimatarmee im Mittelpunkt des Geschehens. Dabei werden die Mitglieder der Gruppe ebenso wie ihre Kontaktpersonen außerhalb der Heimatarmee ausnahmslos als Antisemiten dargestellt.
Die rechtskonservativen polnischen Medien protestierten umgehend, woraufhin sich führende polnische Historiker für die Ausstrahlung des Films in Polen einsetzten, um dem Publikum zu ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Die Ausstrahlung führte prompt zu einem gewaltigen Medienecho. In den sozialen Medien tobte ein enormer Shitstorm. Rechte Gruppierungen platzierten an prominenten Orten Plakate, auf denen das polnische öffentliche Fernsehen verunglimpft wurde („TVP – deutsches oder polnisches Fernsehen?“). Den Deutschen wurde Geschichtsverfälschung und der Versuch, deutsche Verantwortung und Schuld auf die Polen zu übertragen, unterstellt.

 

„Dreckige deutsche Pfoten. Finger weg von der AK! – Achtung! Die Deutschen drehen – und das TVP, ist das deutsches oder polnisches Fernsehen?“[1]

 

 „Warschau 44. Liebe Deutsche, wir erinnern uns an unsere Geschichte, und ihr müsst lügen! Mach mit bei der Aktion yourfathers.eu“[2]

 

 „Odpowiedzialność - Responsibility – Verantwortung  für Holocaust, Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Sobibor, Dachau, Mauthausen... nur für Deutsche!“[3]

 

Bedeutender ist jedoch, dass die Kritik in den Medien aller politischen Richtungen vernichtend ausfiel und auch aus der Historikerzunft nur kritische Stimmen zu vernehmen waren, von denen nur wenige die deutsche Öffentlichkeit erreichten.[4]

In diesem Forum kommen vier polnische HistorikerInnen zu Wort, die jeweils unterschiedliche institutionelle Hintergründe und Forschungsinteressen haben. Prof. Tomasz Szarota (*1940), Professor am Institut für Geschichtswissenschaften an der renommierten Polnischen Akademie der Wissenschaften (Polska Akademia Nauk) und Autor zahlreicher Studien zum Zweiten Weltkrieg und zu den deutsch-polnischen Beziehungen, war unter den Befürwortern einer Ausstrahlung in Polen und diskutierte die Sendung im öffentlichen Fernsehen.
Ein zweiter Kommentar kommt von Dr. Marcin Urynowic (*1976), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamięci Narodowej, IPN). In diesem staatlich hoch subventionierten Institut werden zum einen Untersuchungen zu nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen durchgeführt und wird zum anderen historische Grundlagenforschung betrieben. Das Institut gehört zu den wichtigsten Akteuren der populärwissenschaftlichen Geschichtsvermittlung und betreibt eine aktive – Kritiker behaupten, eine patriotisch-affirmative – Geschichtspolitik. Marcin Urynowicz‘ Forschungsschwerpunkt liegt auf den polnisch-jüdischen Beziehungen in der Besatzungszeit.
Der dritte Beitrag stammt von Dr. Paweł Brudek (*1980), wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums des Warschauer Aufstandes (Muzeum Powstania Warszawskiego) und damit der Institution, die die Erinnerung an die Armia Krajowa (AK) in der polnischen Gesellschaft maßgeblich wach hält.[5] Paweł Brudek forscht über die Besatzungen in Polen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs.
Abgeschlossen wird das Forum von M.A. Katarzyna Chimiak (*1985), Doktorandin an der Universität Warschau. In ihrer Dissertation richtet sie einen vergleichenden Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit in England, Deutschland, Polen und der Ukraine.

Die Stellungnahmen der Autor/Innen – teils sehr persönlich, mitunter auch polemisch – eint die inhaltliche Kritik an „Unsere Mütter, unsere Väter“. Den pauschalen Antisemitismusvorwurf an die Armia Krajowa, der im Film deutlich wird, weisen alle Autor/Innen zurück. Hier liege, so die einhellige Meinung, eine sehr einseitige Darstellung und grobe Verzerrung der Vergangenheit vor, die an Geschichtsfälschung grenze. Wobei die AutorInnen nicht bestreiten, dass es antisemitische Haltungen innerhalb der polnischen Bevölkerung gegeben hat. Dies ist im Übrigen inzwischen Konsens innerhalb der polnischen Geschichtswissenschaft. Schließlich hat die historische Forschung, gerade in den letzten beiden Jahrzehnten, die Schattenseiten der polnisch-jüdischen Beziehungen während der deutschen Besatzung ans Licht gebracht. Breit diskutiert wurde etwa über die „Nachbarn“ in Jedwabne, jene Polen, die ihre jüdischen Mitbürger umbrachten, nachdem die deutschen Besatzer ihnen den Weg dazu bereitet hatten[6]; oder auch über die Szmalcownicy, Erpresser, die die Not jener Juden ausnutzten, die versuchten, sich auf der „arischen Seite“ zu verstecken.[7]

In der Armia Krajowa habe es einen „traditionellen Antisemitismus“ gegeben, schreibt Marcin Urynowicz, wie auch in der polnischen Gesellschaft insgesamt, denn die AK war in jeder Hinsicht „Polen im Kleinformat“ (Katarzyna Chimiak). Dennoch war sie keine „Bande von Antisemiten“, wie Tomasz Szarota ihre Darstellung im ZDF-Mehrteiler wahrnimmt. Vor allem war sie nicht barbarischer als die deutsche Wehrmacht oder die SS, wie Chimiak die Aussage des Films deutet und wie auch der polnische Journalist Bartosz Wieliński in Reaktion auf „Unsere Mütter, unsere Väter“ in der Gazeta Wyborcza fragte: „Wer erklärt den Deutschen, dass die AK nicht die SS war?“[8] Zur AK gehörte schließlich auch Jan Karski. Karski war ein Kurier des polnischen Untergrundstaates, der die britische und amerikanische Regierung über den Holocaust informierte und versuchte, die öffentliche Meinung gegen den Massenmord an den Juden zu mobilisieren.[9] In den Strukturen der AK existierte zudem die Żegota, ein Hilfskomitee für die polnischen Juden.
Allerdings gehen die AutorInnen in ihrer Argumentation gegen die pauschale Darstellung der AK als antisemitisch nicht darauf ein, dass diese andererseits auch keinen gemeinsamen Kampf mit den Juden für ein freies Polen führte. Es sind vor allem Forscher des Centrum Badań nad Zagładą Żydów (Polish Center for Holocaust Research), die betonen, dass Hilfsanfragen während des Warschauer Ghettoaufstandes 1943 verweigert wurden.[10]
Von der Heterogenität der AK – über die auch auf Deutsch bereits seit 2003 nachgelesen werden kann[11] – und den zahlreichen innerpolnischen Debatten über den Holocaust und das polnische-jüdische Verhältnis scheint in Deutschland, folgt man der Erzählung des Films, nur die Aussage angekommen zu sein, alle Polen seien Antisemiten gewesen.
Verstärkt wird dieser Eindruck nicht zuletzt dadurch, dass sogar der historische Berater des Films antisemitische Morde unterschiedlicher Gruppen und Zeiten (z. B. die Morde der Dorfbewohner in Jedwabne 1941 und Pogrome der Nachkriegszeit) gleichsetzt und als Argument für den Antisemitismus der AK benutzt.[12]

Ein weiterer Kritikpunkt der polnischen HistorikerInnen ist, dass Polen im deutschen Kriegsgedächtnis keinen Platz habe und die nicht-jüdischen Opfer der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik vergessen würden. Zu den wenigen positiven Reaktionen in der Presse gehörte übrigens ein Beitrag von Paweł Wroński, der lobte, dass überhaupt Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung in einem deutschen Film angesprochen wurden (und zwar die Deportationen von Zwangsarbeitern, deren Rechtlosigkeit, hier verdeutlicht durch sexuellen Missbrauch, sowie Exekutionen von Mitgliedern des polnischen Widerstands und deren Unterstützern).[13] Dass das im Jahr 2013 ein Grund zum Lob und keine Selbstverständlichkeit ist, irritiert.
Die massive Kritik am Film in Polen sollte nachdenklich stimmen. Und vielleicht macht die Kritik deutlich, dass ein Film von Deutschen für Deutsche über die Zeit des Nationalsozialismus genauso wenig funktioniert wie ein „Zentrum gegen Vertreibungen“, das nur an das deutsche Publikum gerichtet sein soll. Die Nachbarländer lesen bzw. schauen mit.
 

 

 

* Gazeta Wyborcza vom 21.06.2013, S. 3. Im Original: „Ich matki, ich ojcowie“. – Für Anmerkungen zum Text danke ich Dr. Katrin Stoll.




[1] Im Original: „Brudne szkopskie łapy wara od AK-owców!“ Szkopskie ist ein pejorativer Begriff für die Deutschen, der vor allem im Kontext des Zweiten Weltkrieges gebräuchlich war. Gerahmt wird das Plakat von der Formulierung: „Uwaga! Niemy kręca – a TVP – to telewizja polska czy niemiecka?“; Quelle: http://wpolityce.pl/artykuly/56257-brudne-szkopskie-lapy-wara-od-ak-owco... abgerufen am 17.09.2013. „wpolityce“ versteht sich als alternatives Medium zum Mainstream – hier gegen eine zu liberale, zu wenig patriotische Medienlandschaft.
[2] Im Original: „Warszawa 44. Drodzy Niemcy, my o swoich pamiętamy a wy musicie kłamać! Weź udział w akcji yourfathers.eu“; Quelle: Fotografie Maren Röger, aufgenommen am 15.09.2013, Warschau, Kreuzung ul. Filtrowa/ul. Raszyńska.
[3] Wie im Original. Quelle: http://wpolityce.pl/artykuly/62214-odpowiedzialnosc-fur-auschwitz-treblinka-sobibor-nur-fur-deutsche-reduta-dobrego-imienia-przypomina-seria-plakatow-o-prawdzie-historycznej; abgerufen am 17.09.2013.
[4] Ein weiterer Aspekt war, dass im Dezember 2013 der Weltverband der AK-Veteranen Klage gegen das ZDF eingereicht hatte. Vgl. dazu Gabriele Lesser: Keine Antisemiten?, in: Jüdische Allgemeine vom 12.12.2013, Onlineausgabe unter http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17847 (17.02.2014).
[5] Der Warschauer Aufstand im Jahr 1944 wurde von der polnischen Exilregierung in London und den Anführern der Heimatarmee in Polen beschlossen; Kämpfer der Heimatarmee, unterstützt von der Warschauer Zivilbevölkerung, waren an ihm beteiligt. Das Museum wurde 2004 eröffnet.
[6] Ausgelöst durch das Buch „Nachbarn“ des amerikanisch-polnischen Historikers Jan Gross diskutierte die polnische Gesellschaft über die Schuld der polnischen Bevölkerung an einem Pogrom des Jahres 1941, für das bislang stets die deutschen Besatzungsbehörden verantwortlich gemacht worden waren. Das Dorf Jedwabne stand dabei pars pro toto nicht nur für die Mitverantwortung an antijüdischen Übergriffen, sondern für die polnische Täterschaft überhaupt. Bis dahin war der Mythos gesellschaftlich weit verbreitet, dass Polen in der Geschichte immer nur Opfer gewesen seien. Die Jedwabne-Debatte bedeutete einen Schock für viele Polen. Vgl. Jan Tomasz Gross, Sąsiedzi: Historia zagłady żydowskiego miasteczka, Sejny 2000. Die deutsche Ausgabe erschien im Folgejahr unter dem Titel: Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne. Mit einem Vorwort von Adam Michnik, München 2001. Zu dem Pogrom in Jedwabne auf Deutsch: Edmund Dmitrów, Die Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes zu Beginn der Judenvernichtung im Gebiet von Łomża und Białystok im Sommer 1941, in: Ders. u. a. (Hrsg.), Der Beginn der Vernichtung. Zum Mord an den Juden in Jedwabne und Umgebung im Sommer 1941. Neue Forschungsergebnisse polnischer Historiker, Osnabrück 2004, S. 95-208. Dokumentiert ist die Jedwabne-Debatte auch auf Deutsch: Ruth Henning (Hrsg.), Die „Jedwabne-Debatte“ in polnischen Zeitungen und Zeitschriften. Dokumentation. Potsdam 2002.
[7] Vgl. zu Denunziationen vor allem die Publikationen von Barbara Engelking und Jan Grabowski: Jan Grabowski, "Ja tego Żyda znam!"Szantażowanie Żydów w Warszawie, 1939-1943, Warszawa 2004; Barbara Engelking, "Sehr geehrter Herr Gestapo". Denunziationen im deutsch besetzten Polen 1940/41, in: Klaus-Michael Mallmann, Bogdan Musial (Hrsg.), Genesis des Genozids. Polen 1939 – 1941, (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 3.) Darmstadt 2004, S. 206–220. – Auch in Presse, Fernsehen und Film wurde das ganze Spektrum polnisch-jüdischer Beziehungen dargestellt. Vgl. zum jüngeren Film & Fernsehen etwa Maren Röger, Narrating the Shoah in Poland: Post-1989 Movies about Polish-Jewish-relations in Times of German Extermination Politics, in: Liliya Berezhnaya, Christian Schmitt (Hrsg.), Iconic Turns. Nation and Religion in Eastern European Cinema since 1989. Leiden 2013, S. 201-216.
[8] Bartosz T. Wieliński, Kto wytłumaczy Niemcom, że AK to nie SS [Wer erklärt den Deutschen, dass die AK nicht die SS war], in: Gazeta Wyborzca vom 25.03.2013, hier zitiert nach der Online-Ausgabe: http://wyborcza.pl/1,75478,13622993.html (letzter Zugriff am 01.11.2013).
[9] Der Bericht von Jan Karski [im Original: Story of a Secret State (1944)] wurde erst 2011 erstmals auf Deutsch veröffentlicht: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund, München 2011. 
[10] Vgl. Barbara Engelkin, Dariusz Libionka, Żydzi w powstańczej Warszawie, Warszawa 2009, S. 30-39, 41-58.
[11] Vgl. den Sammelband von Bernhard Chiari (Hrsg.), Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg. Unter Mitarbeit von Jerzy Kochanowski. München 2003, insbesondere den Beitrag von Frank Golczewski, Die Heimatarmee und die Juden, S. 635-678.
[12] Vgl. das Interview mit Julius Schoeps mit TVP, das als Teil der Diskussionssendung am 19.06.2013 ausgestrahlt wurde. Link zur Sendung (in polnischer Sprache): http://vod.tvp.pl/audycje/publicystyka/na-pierwszym-planie/wideo/19062013-dyskusja/11470631
[13] Wroński schalt die Ignoranz gegenüber der polnischen Geschichte und die daraus entstandenen Verzerrungen in der ZDF-Serie. Vgl. Paweł Wroński, Warto popatrzeć nawet w krzywe zwierdciadło [Es lohnt sich sogar in einem Zerrspiegel zu schauen], in: Gazeta Wyborcza vom 21.06.2013, S. 3.