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Warschau am 2. September 1944

Soldaten des Bataillons "Radoslaw Regiment" in Warschau am 2. September 1944
(Foto: Jerzy Tomaszewski, Wikimedia Commons)

„Unsere Mütter, unsere Väter“ aus polnischer Sicht
von
Marcin Urynowicz
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Der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ konnte in Polen schon allein aus historischen Gründen kaum positiv aufgenommen werden. Dabei richtet sich die Kritik nicht nur auf die Darstellung von Polen und Deutschen, auch nicht auf die Interpretation der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. In den polnischen Debatten geht es um wesentlich mehr, als um die Darstellung der historischen Ereignisse.

Aus polnischer Perspektive ist dieser Film ein Beweis für die in der Tendenz feindselige Geschichtspolitik der Deutschen gegenüber Polen. Diese Form der Geschichtspolitik wiederum vertieft die Ungleichheit, die vom stärkeren westlichen Nachbarn forciert wird. So gibt es in Deutschland seit Jahren Versuche, die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges zu relativieren. Dahinter steht die Absicht, das eigene Land in der Opferrolle darzustellen. Dazu gehört etwa die, wenn auch kontrovers diskutierte, Politik des „Bundes der Vertriebenen“[1], das Projekt des „Zentrums gegen Vertreibungen“,[2] und die gemeinsamen Schulbücher für das Fach Geschichte, in denen die Armia Krajowa[3] nicht vorhanden ist oder in denen der deutsche Widerstand mit dem polnischen gleichgesetzt wird und immer wieder Bezeichnungen wie „polnische Vernichtungslager“ oder „polnische Konzentrationslager“ zu finden sind.
Daneben gibt es den Versuch, Polen (und anderen Nationen) eine Mitbeteiligung am Mord an den europäischen Juden zuzuschreiben, unter anderem indem versucht wird, polnische Bauern als Kollaborateure der Deutschen darzustellen.

Und schließlich existieren „Forschungsarbeiten“, die zu beweisen suchen, dass die Deutschen eine derart hohe Zahl an Menschen nicht getötet haben könnten.
Hinzu kommen Nachrichten aus der Politik, zum Beispiel über die Ungleichbehandlung von Polen in Deutschland, denen man den Status einer nationalen Minderheit abspricht (womit man an der nationalsozialistischen Gesetzgebung festhält[4]) oder Informationen über deutsch-russische Abkommen gegen den Willen Polens, über den Bau der nördlichen Gaspipeline und die zumindest zweideutige Haltung des ehemaligen deutschen Kanzlers, Gerhard Schröder, in dieser Frage.
Vor diesem Hintergrund ergeben die Erzählung unserer Eltern und Großeltern über die Gewalttaten der deutschen Besatzer sowie eigene Beobachtungen des deutsch-polnischen Verhältnisses ein stimmiges Bild, das – was noch viel schlimmer ist – anfängt, dem stereotypen, negativen Bild von „den Deutschen“ zu entsprechen. Dem Bild jener Deutschen, die seit Ewigkeiten nach Osten drängen und noch heute die polnischen Grenzen verschieben wollen, um am Ende, gemeinsam mit Russland, den polnischen Staat zu liquidieren. In Polen stellt man sich jedoch die Frage: Haben die Deutschen ihre Einstellung zu uns jemals geändert? Sieht so die europäische Solidarität aus?

Diese Fragen stellen sich seit der Ausstrahlung des Filmes „Unsere Mütter, unsere Väter“ zunehmend ein, denn der Zuschauer sieht vor allem edle, ausdrucksstarke deutsche Helden und abstoßende polnische Figuren. Ein Film, in dem man sich ebenso leicht mit den an der Ostfront Leidenden und den judenfreundlichen deutschen Soldaten identifiziert, wie man die Mitglieder der Armia Krajowa verabscheut, deren Angehörige als bösartige Antisemiten, als Kreaturen mit geringem Zivilisationsniveau dargestellt werden. In Polen kann man kaum etwas anderes darin erkennen, als antipolnische Stereotype, die die Autoren des Filmes inspiriert haben.

Man kann der Armia Krajowa vieles vorwerfen, jedoch nicht, dass sie eine antisemitische Organisation war. Erstens gab es aus der Führungsgruppe keinen einzigen Befehl, der Juden verunglimpfte. Im Gegenteil: Es sind Empfehlungen zur Zusammenarbeit mit dem jüdischen Untergrund bekannt, was nicht zuletzt die Solidaritätsaktionen an den Ghettomauern während des Aufstandes im Frühjahr 1943 beweisen. Zweitens kann man den traditionellen Antisemitismus, den es sicherlich auch unter den Mitgliedern der Armia Krajowa wie auch in anderen Kreisen der polnischen Gesellschaft gab, nicht mit dem nationalsozialistischen Plan des Völkermordes gleichsetzen. Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass es in keinem anderen europäischen Land außer Deutschland, nicht einmal in den mit Deutschland verbündeten Ländern, einen Plan zur Ermordung der Juden gegeben hat (auch nicht in Rumänien). Drittens waren es die Mitglieder der Armia Krajowa, die maßgeblich an der Errichtung des Komitees für die Unterstützung der Juden („Żegota“) beteiligt gewesen waren

Zudem gab es im Hauptsitz der Armia Krajowa eine Abteilung, die eng mit der „Żegota“ zusammenarbeitete. Viertens waren es Mitglieder der Armia Krajowa, die die Todesurteile vollstreckten, die das Gericht des Polnischen Untergrundstaates gegenüber Personen, die der Kollaboration beschuldigt wurden, aussprach.
Kann man also die Vorgehensweise der Autoren des Filmes als historisch korrekt betrachten? Lässt sich ein solcher Umgang mit der Geschichte in irgendeiner Weise erklären oder gar rechtfertigen?

Im Film geht es allerdings nicht nur um die Armia Krajowa. Für den polnischen Zuschauer ist der Beginn der Kriegserzählung im Jahr 1941 völlig unverständlich. Denn nicht nur für die Polen begann der Krieg im September 1939, als Deutschland und die Sowjetunion in Polen einfielen, als Frankreich und England dem Dritten Reich den Krieg erklärten, was zunächst zu einem europäischen und schließlich dem Zweiten Weltkrieg führte. Kann man so tun, als ob bis zum Jahr 1941 nichts passierte wäre, als ob nicht annähernd ganz Europa seiner Freiheit beraubt wurde, nicht an die hunderttausend Polen und Juden ermordet, nicht beinahe eine Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben, keine Ghettos eingerichtet wurden, in denen zahlreiche Menschen an Hunger und Krankheiten starben, und als ob das polnische Gebiet nicht zum Versuchsfeld der SS und anderer deutscher Okkupationsmächte wurde?
Ist es möglich, eingedenk der Kritik der Historiker, so zu tun, als sei der Film nur eine Erzählung über die Schicksale von fünf Freunden vor dem Hintergrund der Kriegsgeschehnisse? Zeigen die Autoren des Filmes ihr eigenes Polenbild, oder denken sie, dass sie ein glaubwürdiges Bild Polens im Zweiten Weltkrieg inszeniert haben?
Die Schicksale der fünf jungen Deutschen scheinen lediglich Vorwand zu sein, um den Deutschen ein gutes Gefühl bei der Interpretation des Zweiten Weltkrieges zu vermitteln: Die Deutschen waren heldenhaft, mutig und edel. Einzig das böse System, die diktatorische Macht zwang sie zur Teilnahme an einem Krieg, den sie nicht wollten. Unsichtbare Nazis (charakteristisch ist eine Szene im dritten Teil der Serie, in der die Soldaten gezwungen werden, sich eine Rede über Lautsprecher anzuhören) sind Schuld an der Tragödie des Krieges, die große Mehrheit war und bleibt makellos. Allein der Titel der Serie zeigt, dass es hier nicht um die Geschichte von fünf Personen geht, sondern dass der Film sich an die deutsche Gesellschaft insgesamt richtet, und vor allem an jene, deren Väter und Mütter (freiwillig oder nicht) mit Hitler in den Osten gezogen waren. Haben die Deutschen heute wirklich vergessen, dass sich nationalsozialistische Ideen bereits in den 1920er Jahren großer Popularität erfreuten, dass die NSDAP ganz legal an die Macht kam, dass Millionen für Hitler gestimmt und sogar viele Mitglieder der Opposition die Eroberungen im Osten befürwortet haben?

Gewiss wollten viele Deutsche, zumindest ein großer Teil, wahrscheinlich größer, als die Polen glauben, den Krieg natürlich nicht. Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein bedeutender Teil der deutschen Jugend gezwungen wurde, der Armee oder anderen Kampf- oder Hilfsverbänden beizutreten. Und dies muss die polnische Gesellschaft irgendwann anerkennen und akzeptieren und aufhören zu glauben, dass jeder Deutsche ein Nazi sei. Wenn es die Absicht der Autoren des Filmes war, dies zu beweisen, dann haben sie zumindest in Polen den genau gegenteiligen Effekt erzielt. Auf dem Weg der deutsch-polnischen Versöhnung stellt dieser Film einen Rückschritt dar. Die polnische Gesellschaft und vor allem jener Teil, der eine Germanophobie hegt, bekam vielmehr eine Bestätigung dafür, dass in Deutschland immer noch der Geist des Nationalsozialismus herrscht. Zudem ist die Serie nicht das Werk irgendeines Privatsenders, von dem sich staatliche Institutionen distanzieren könnten. Es ist eine hoch subventionierte Produktion eines staatlichen Senders.
Wenn Deutschland den Polen diesen Teil seiner Geschichte zeigen will, ist das nicht in dieser Form möglich. Die polnische Geschichte, die Sensibilitäten der Polen sollten in jedem Fall berücksichtigt werden. Polen will als gleichrangiger Partner anerkannt werden und das nicht nur im Bereich der Geschichtspolitik.

Die Tatsache, dass der Film Unsere Mütter, unsere Väter in Polen eine vernichtende Kritik traf, und es fast keine positiven Stimmen gab, sollte unseren deutschen Kollegen zu denken geben. Ich glaube daran, dass diese Kritik etwas bewirkt.
Das verlangt unser gemeinsames Wohlwollen.

 

Übersetzung: Elisa Hiemer




[1] Allein der Name ist für Polen nicht annehmbar. Er stellt nämlich die nach dem Krieg umgesiedelten Deutschen mit den Polen und Juden gleich, die  durch die nationalsozialistischen Besatzungsmächte brutal aus ihren Häusern geworfen wurden.
[2] Website des „Zentrum gegen Vertreibungen
[3] Polnische Heimatarmee (Anm. d. Ü.)
[4] Die Polen verloren diesen Status in Deutschland am 7. September 1939.