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Filmstill aus der Fernsehserie Holocaust

© Filmstill aus der Fernsehserie "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss". Screenshot, mit freundlicher Genehmigung von Christoph Classen

Zum Themenschwerpunkt: Die Fernsehserie „Holocaust“ (1979)
Hg. von
Christoph Classen
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Veröffentlicht: Oktober 2005.

 

Die Fernsehserie „Holocaust“ (1979) – Rückblicke auf eine „betroffene Nation“

Zum Themenschwerpunkt

Im Januar 2004 war es 25 Jahre her, dass die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ erstmals auf den Bildschirmen der (West-)Deutschen zu sehen war. Bis dahin war der Begriff „Holocaust“ als Synonym für den Massenmord an den europäischen Juden hierzulande nur den wenigsten geläufig, und zweifellos hat die Ausstrahlung der Serie ihren Teil dazu beigetragen, dass sich dies inzwischen grundlegend geändert hat. Die Redaktion von „Zeitgeschichte-online“ möchte daher dieses Ereignis zum Anlass nehmen, um an die Serie selbst, die Diskussionen in ihrem Umfeld und die damaligen Reaktionen zu erinnern, sowie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Fernsehen auch über den engen Zusammenhang der Serie hinaus zum Thema zu machen.

Tatsächlich erscheint die vierteilige Sendung über die Familienschicksale zweier deutscher Familien, einer jüdischen und einer nationalsozialistischen, aus heutiger Sicht als Schlüsselereignis, nicht nur im Hinblick auf ihre begriffsprägende Kraft. Das inzwischen längst auch in Deutschland etablierte Narrativ, das den industriellen Massenmord an den Juden als „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) ins Zentrum der Erinnerungskultur rückt, artikuliert sich hier zum ersten Mal mit aller Wucht. Denn in der Erinnerungskultur war am Anfang eben nicht „Auschwitz“ oder „Holocaust“, sondern viel eher der Krieg – und das gilt zunächst für seine Gewinner nicht anders als für die Verlierer.

In Deutschland bezog sich einer der Vorbehalte seinerzeit auf die amerikanische Herkunft der Serie, wobei spürbar ein nationales Ressentiment mitschwang; Edgar Reitz etwa sah „unsere Geschichte“ durch die Amerikaner enteignet und setzte mit seiner Serie „Heimat“ explizit ein nationales Narrativ dagegen. Retrospektiv betrachtet wirken solche Versuche, eine eigene, nationale Erinnerungskultur zu bewahren, wie ein letztes Aufbäumen gegen die zunehmende Verschränkung und Globalisierung auch auf diesem Sektor, und der Erfolg der Serie gerade im „Land der Täter“ hätte ahnen lassen können, wie wenig diese Entwicklung aufzuhalten sein würde.

Drittens scheint „Holocaust“ am Anfang einer Entwicklung der Dramatisierung und Kommerzialisierung des Themas zu stehen, die sich aus damit verbundenen Emotionen und dem hohen Aufmerksamkeitswert speist. Was damals aus Sicht der Produzenten noch ein Wagnis war, nämlich die unterhaltsame Zurichtung dieses heiklen Themas, wird heutzutage von ganzen Redaktionen professionell und „in Serie“ betrieben. Schlimmer noch: Heutzutage hat die Instrumentalisierung für diverse mehr oder weniger honorige Anliegen längst ein Ausmaß angenommen, das anscheinend jede Geschmacklosigkeit zulässt, sei es die Ausstaffierung von Kampfhunden mit Judensternen oder der Vergleich von Konzentrationslagern mit Legebatterien.

Schließlich kann man das Ereignis auch als endgültigen Beleg für die Etablierung des Fernsehens als hegemonialem und globalem Massenmedium interpretieren. Wie selbstverständlich übernahm das Fernsehen im Zuge der Ausstrahlung die Rolle des Leitmediums, das die Aufmerksamkeit aller anderen Medien auf sich zog – ein Umstand, der nur eine Dekade zuvor schwer denkbar gewesen wäre. Zwar fand das Ereignis noch einige Jahre vor der Zulassung kommerzieller Fernsehsender in der Bundesrepublik statt, doch als Zukauf eines kommerziellen amerikanischen Networks nahm die Serie bereits die angedeuteten, so eng mit dem Medium verknüpften Tendenzen zur Kommerzialisierung und Globalisierung vorweg. Gerade „Holocaust“ konnte auch als letzter Beweis dafür gelten, dass das Potenzial des Mediums weniger im Bereich der rationalen Aufklärung als in der emotional-unterhaltenden Ansprache des Publikums liegt.

Ein „Medienereignis“ war „Holocaust“ bei der deutschen Erstausstrahlung 1979 zweifellos, davon zeugen die ungewöhnlich hohen Einschaltquoten ebenso wie die kaum zu bewältigende Flut von Anrufen und Zuschriften, die den zuständigen Sender im Anschluss erreichten – so Jürgen Wilke in seinem Essay über die vierteilige Serie, der ihre Entstehungshintergründe, die Debatten, die ihre Ausstrahlung in der Bundesrepublik begleiteten, und die Reaktionen der Zuschauer behandelt. Er verweist darauf, dass eine solche Konzentration der öffentlichen Aufmerksamkeit nur unter den Bedingungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehmonopols mit seinen lediglich drei Kanälen möglich war; in der heutigen, fragmentierten Medienlandschaft wäre sie kaum wiederholbar. Und schließlich deutet Wilke an, dass die ungeheure Resonanz von „Holocaust“ eine Voraussetzung auch in der kontinuierlichen Thematisierung der NSVergangenheit im Medium Fernsehen schon seit den 1960er Jahren hatte, die gewissermaßen erst die Basis für den durchschlagenden Erfolg geschaffen habe.

Dieser letztgenannte Aspekt korrespondiert mit den Überlegungen von Harald Schmid zum geschichtskulturellen Kontext in der Bundesrepublik der späten 1970er Jahre. Der außerordentliche Erfolg der Serie müsse vor dem Hintergrund eines umfassenden politischkulturellen Wandels bereits im Vorfeld, also seit den späten 60er Jahren gesehen werden, der, ausgelöst durch eine komplexe Verknüpfung politischer, sozio-ökonomischer und kultureller Wandlungsprozesse, auch die Geschichtskultur und speziell das Verhältnis zum Nationalsozialismus erfasst habe. Einen ersten Höhepunkt stellte dabei in seiner Sicht bereits der 40. Jahrestag des Novemberpogroms im Jahr 1978 dar, der eine bis dahin unbekannte gesellschaftliche Aufmerksamkeit erfahren habe – ein Umstand, der durch den Erfolg von „Holocaust“ nur zwei Monate später praktisch in Vergessenheit geraten sei. Schmids Ausführungen zeigen, wie wichtig es ist, das singuläre Ereignis im geschichtskulturellen Zusammenhang zu betrachten und vor dem Hintergrund langfristiger Prozesse und generationeller Umbrüche zu interpretieren.

Heidemarie Uhl untersucht die Ausstrahlung der Serie im Frühjahr 1979 ebenfalls im Hinblick auf die nationale Erinnerungskultur, allerdings für Österreich. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Serie dort tatsächlich einen langfristig wirksamen Paradigmenwechsel herbeigeführt habe. Erstmals sei nämlich in der öffentlichen Debatte, die dieses Ereignis begleitete, nach dem spezifisch „österreichischen Beitrag“ zu Nationalsozialismus und Holocaust gefragt worden. Zwar war auch in Österreich der lange wirksame nationale „Versöhnungs“-Konsens schon zuvor erodiert, doch blieben diese Kontroversen im Rahmen einer mehr oder minder parteipolitisch polarisierten Debatte über den Beitrag des bürgerlichen respektive des proletarischen Milieus am Untergang der Ersten Republik. Vor dem Hintergrund der Diskussionen um „Holcaust“ wurde dieses „Schuldnarrativ“ umcodiert: Jetzt rückte die Frage einer gesamtgesellschaftlichen Mitverantwortung für die Verbrechen selbst in den Vordergrund, und damit zeichnete sich ein Ende jener „Externalisierung“ ab, als die M. Rainer Lepsius die österreichische Variante des Umgangs mit der Vergangenheit idealtypisch bezeichnet hat.

Zwei weitere Beiträge widmen sich anderen Sendungen zum Nationalsozialismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Bundesrepublik zwischen den 1960er und den frühen 1980er Jahren. Wulf Kansteiner analysiert drei besonders populäre fiktionale Geschichtssendungen des ZDF, nämlich das Dokumentarspiel „Bernhard Lichtenberg“ (1965), den amerikanischen Spielfilm „Der längste Tag“ über die Landung in der Normandie (1974) und schließlich die Verfilmung von Walter Kempowskis Erfolgsroman „Tadellöser & Wolff“ (1979) durch Eberhard Fechner. Den ungewöhnlich großen Erfolg dieser drei Produktionen führt er darauf zurück, dass sie jeweils aktuelle (und zum Teil unterschiedlich gelagerte) Erinnerungsinteressen innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft bedienten, und jeweils kaum zufällig das „verstörende Erbe der ‚Endlösung’“ ausklammerten.

Die durchaus autoritativ verwaltete Gedächtnispolitik des Fernsehens in der Zeit des Monopols von ARD und ZDF ist auch das Thema von Edgar Lersch. Enger bezogen auf die Thematisierung des Holocaust interpretiert er die beiden „großen“ Geschichtsdokumentationen des Süddeutschen Rundfunks zu diesem Thema, die Reihen „Das Dritte Reich“ (1960/61) und „Europa unterm Hakenkreuz – Städte und Stationen“ (1982/83) als Anfangs- und Endpunkt eines aufklärerisch-didaktischen Diskurses, der dem Glauben verhaftet war, im Wesentlichen auf die Vermittlung von Fakten und zeitgenössischen Dokumenten bauen zu können. Freilich war dieses Konzept Anfang der 1980er Jahre – nicht zuletzt durch den Erfolg der auf Emotionalisierung setzenden „Holocaust“-Serie – schon stark unter Druck geraten. Dementsprechend umstritten war die Gestaltung von „Europa unterm Hakenkreuz“ innerhalb der Redaktion, und entsprechend unbefriedigend blieb auch – folgt man Lersch – der Kompromiss zwischen klassischem Kompilationsfilm einerseits und halbherzigen Zugeständnissen an eine zuschauerfreundlichere Dramaturgie und das Bekenntnis zu subjektiven Perspektiven andererseits.

Die beiden folgenden Beiträge abstrahieren von der Serie selbst und weiten den Blick auf den Umgang des Fernsehens mit dem Nationalsozialismus in zeitlicher Perspektive. Judith Keilbach wirft mit ihrer Untersuchung zur Behandlung des 50. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager im deutschen und im amerikanischen Fernsehen ein Schlaglicht auf die 1990er Jahre. Sie zeigt dabei, wie die Erinnerung an den Holocaust in beiden Ländern dazu genutzt wurde, sich in aktuellen politischen Fragen und im Hinblick auf kollektive Selbstverständnisse zu verorten. Die Thematisierung historischer Gegenstände sagt offenbar immer mindestens so viel über die Gegenwart wie über die Vergangenheit aus – gerade das macht sie für kulturgeschichtliche Analysen so interessant. Gewissermaßen am „anderen Ende“ der Zeitachse ist mein eigener Beitrag angesiedelt: Er thematisiert mit den 1950er Jahren jene Zeit, als der Mord an den europäischen Juden noch kaum ins Bewusstsein der Deutschen gedrungen war und die Behandlung der NS-Vergangenheit sich statt dessen nahezu vollständig an den Problemhorizonten der deutschen Nachkriegsgesellschaft orientierte. Trotz augenfälliger Parallelen im Hinblick auf die Selbstwahrnehmung als Opfer hat dies – so die Argumentation – mit den neueren Tendenzen zu einem national zentrierten Opfer-Narrativ wenig zu tun. Seinerzeit konstituierte das Fernsehen noch keine Öffentlichkeit, die von Aufmerksamkeitsökonomien geprägt gewesen wäre, und während man für die damalige Zeit noch von einer relativ intakten „Erinnerungsgemeinschaft“ ausgehen kann, so erscheint diese heute längst generationell und anderweitig fragmentiert.

Einen Überblick über die öffentliche Debatte um die Serie, Auszüge wichtiger zeitgenössischer Pressestimmen und eine Auswahlbibliographie bietet die Dokumentation von Jens Müller-Bauseneik. Dabei wird nicht nur deutlich, dass die Debatte auf ganz verschiedenen Ebenen geführt wurde, sondern auch, dass die anfangs große Zahl von kritischen Stimmen, die die Serie aus unterschiedlichen Motiven ablehnten, im Verlauf der Debatte immer mehr verstummten; stattdessen artikulierte sich in der Presse zunehmend ein Konsens, der die positiven Wirkungen auf die deutsche Gesellschaft hervorhob. In der DDR (wo „Holocaust“ wegen der Ausstrahlung in den Dritten Programmen nur sehr vereinzelt empfangen werden konnte) kam es dagegen kaum zu öffentlichen Reaktionen. Wo es sie ausnahmsweise doch gab, galt das Ereignis nur als weiterer Beleg für die sattsam bekannte These vom defizitären Umgang mit der faschistischen Vergangenheit im Westen und seinem Gegenpol, dem vorbildlichen Antifaschismus der DDR.

Robert Skwirblies, Jens Müller-Bauseneik und Jan-Holger Kirsch haben schließlich Nachweise wissenschaftlicher Literatur nicht nur zur Serie selbst, sondern auch zu medialen Repräsentationen der NS-Vergangenheit allgemein zusammengefasst und (zusammen mit André Kockisch und Maren Brodersen) Verweise auf im Internet verfügbare Ressourcen sowie Rezensionen zum Thema recherchiert. Ergänzungen und Hinweise aus dem Kreise der Nutzer nimmt die Redaktion gern entgegen.

Christoph Classen

 

Zitierempfehlung:

Christoph Classen, Zum Themenschwerpunkt, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Die Fernsehserie „Holocaust“ – Rückblicke auf eine „betroffene Nation“, hrsg. von Christoph Classen, März 2004/Oktober 2005, URL: <http://www.zeitgeschichteonline.de/md=FSHolocaust-Vorwort-Classen>

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