April 2019

Die Relevanz der zeithistorischen Forschung

30 Jahre nach dem Mauerfall

Veröffentlicht am 12. April 2019

In diesem Jahr begehen wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls, 2020 feiern wir 30 Jahre Deutsche Einheit. Diese überaus bedeutsamen und auch heute in der Erinnerung noch sehr bewegenden Ereignisse gehören zu den größten Glücksmomenten der deutschen Geschichte. Unvergessen ist der Satz von Willy Brandt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“

Der Weg zur Friedlichen Revolution in der DDR bis in die ersten Jahre im vereinigten Deutschland ist einer der wichtigsten und weitreichendsten Prozesse der deutschen Zeitgeschichte. Gerade oder vielleicht, weil die Einheit heute eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint und bereits eine Generation herangewachsen ist, die nur das geeinte Deutschland erlebt hat, kommen der Forschung und der Vermittlung der Transformationsgeschichte große Bedeutung zu. Nicht zuletzt erhalten die Forschungsergebnisse zur Transformationsgeschichte auch deshalb viel Aufmerksamkeit, weil das Gefühl der Ungleichheit noch immer vorhanden ist, trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs vieler ostdeutscher Regionen. Diese Wahrnehmung ist keineswegs unberechtigt: So sind etwa Ostdeutsche in Führungspositionen von Wirtschaft und Wissenschaft weiterhin unterrepräsentiert.

 

Umwälzungen in Folge der Wiedervereinigung

Für viele Menschen in der damaligen DDR brachte die Wiedervereinigung massive Umwälzungen in einer kurzen Zeitspanne: Neben dem Zusammenbruch des politischen und gesellschaftlichen Systems änderten sich quasi über Nacht die Rahmenbedingungen für das persönliche Leben: ganze Industriesektoren wurden binnen weniger Monate abgewickelt wodurch Arbeitsplätze in ungeheurer Zahl wegfielen. Ein Großteil der Ostdeutschen konnte im erlernten Beruf nicht weiterarbeiten. In der DDR erworbene berufliche und akademische Abschlüsse wurden nur eingeschränkt anerkannt. Viele Menschen mussten Umschulungen absolvieren, Arbeitsplätze mehrmals wechseln, waren zeitweise arbeitslos oder lange Zeit befristet beschäftigt.

Die Verwerfungen und Unsicherheiten der Wendezeit zeigten erhebliche Auswirkungen. So sank etwa die Geburtenzahl in den neuen Ländern von 1990 bis 1994 von jährlich 178.000 auf 79.000.[1] Eine ganze Generation schrumpfte zahlenmäßig auf die Hälfte ihrer Vorgängergeneration. Die Zahlen haben sich erfreulicherweise seitdem wieder erholt; dennoch zeigen der Einbruch der Geburtenzahlen und die starke Abwanderung der ersten 15 Jahre nach 1990 enorme Auswirkungen auf die Gegenwartsgesellschaft und reichen schließlich bis in die Zukunft: Die Alterung der Bevölkerung schreitet vor allem in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands viel schneller voran als in vergleichbaren westdeutschen Gebieten.

Die Erfahrungswelten der Wendezeit liegen zudem keineswegs in ferner Vergangenheit. Die in den frühen 1990er Jahren geborenen Kinder befinden sich jetzt in den ersten Jahren ihres Arbeitslebens, viele sind heute in einem ähnlichen Alter wie ihre Eltern zum Zeitpunkt der Wende. Die Folgen der Umwälzungen der deutsch-deutschen Vereinigungsgeschichte sind in allen Familien präsent. Biographische Erfahrungen werden weitergegeben und prägen kommende Generationen.
Voltaires Aphorismus „Die Zeit heilt alle Wunden“ hilft hier nicht weiter -  wir brauchen auch weiterhin eine aktive gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Phase der deutschen Geschichte.

Leistungen der Ostdeutschen würdigen

Die Bürgerbewegung in der DDR engagierte sich gegen ein Unrechtssystem, das Meinungsfreiheit und Demokratie unterdrückte. Dass sich Menschen in Ostdeutschland unter schwierigen Bedingungen, verbunden mit erheblichen persönlichen Nachteilen für einen politischen Wechsel engagierten, ist eine kaum zu überschätzende Leistung.

Durch die Entwicklung einer Erinnerungs- und Gedenkkultur an Opfer und Verfolgte in der DDR, durch die Gestaltung von Gedenkorten und Ausstellungen wurde die Aufarbeitung der Geschichte vorangebracht. Diesen Weg wollen wir in Zukunft weiter fortsetzen. Das ist auch deswegen dringend erforderlich, da bei jungen Menschen in Ost- und Westdeutschland das Wissen über die Geschichte und die Realität in der DDR oft unvollständig ist – viele sogar recht wenig darüber wissen.

Die Erfahrungen der Menschen in der DDR-Zeit ernst zu nehmen, bedeutet auch, das Leben und die Lebensleistung ihrer Bewohner*innen zu würdigen: Die Menschen in der DDR  haben sich beruflich qualifiziert, Familien gegründet, Kinder groß gezogen, ein Leben aufgebaut und sich gegenseitig unterstützt, häufig unter schwierigeren Rahmenbedingungen als dies im Westen der Fall war. Diese Leistungen verdienen Anerkennung und sind es wert, erzählt zu werden. Würde man die Biografien der Menschen mit dem Scheitern der DDR gleichsetzen, wären sie ein zweites Mal Leidtragende dieses Unrechtssystems, weil diese Zuordnung vergangenen Lebenswirklichkeiten nicht gerecht würde.

Die zeithistorische Transformationsforschung kann einen Beitrag leisten zur Reflektion unserer gegenwärtigen Gesellschaft und Konzepte für die historisch-politischen Bildung entwickeln helfen.  

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterstreicht, dass die Erfahrungen der Menschen in Ostdeutschland mehr als bisher Teil der gesamtdeutschen Erzählung werden müssen:  

„Ostdeutsche haben nach der Wiedervereinigung Brüche erlebt, wie sie meine Generation im Westen nie kannte. Und dennoch sind diese ostdeutschen Geschichten kein solch fester Bestandteil unseres "Wir" geworden wie die des Westens. Ich finde, es ist an der Zeit, dass sie es werden.“[2]

Die Transformationsforschung bedeutet nicht zuletzt eine Wertschätzung der Biografien der Menschen in Ostdeutschland. Es geht darum, mit Hilfe der zeithistorischen Forschung ein differenziertes Bild der Transformation zu erhalten. Die Forschung kann verdeutlichen, wie die unterschiedlichen Lebenserfahrungen von Menschen aus Ost und West heutige Diskurse im vereinigten Deutschland beeinflussen. Notwendig dafür ist es, den Ostdeutschen Fragen zu stellen, ihnen zuzuhören und ihre Erinnerungen und Erfahrungen aus dieser Zeit ernst zu nehmen. Dabei geht es nicht darum, neue Trennlinien zu ziehen, Positionen zu pauschalisieren oder unterschiedliche Meinungen zu kaschieren. Vielmehr soll die Vermittlung der Zeitgeschichte eine gemeinsame Entwicklung möglich machen und befördern. 

 

Transformationsforschung für die Zukunft

Die Erfahrungen der Jahre nach 1990 sind für die Zeitgeschichte und ebenso für die heutige gesellschaftliche Entwicklung von hoher Relevanz. Die – wie es Matthias Platzeck formuliert – „tatkräftige, zupackende Grundhaltung“, mit der die Ostdeutschen Freiheit und Einheit errangen, war und ist eine entscheidende Basis dafür, dass nach und aus den enormen Veränderungen heraus eine neue Stärke erwachsen konnte. Viele Menschen ließen sich eben nicht entmutigen, sondern nahmen die neuen Herausforderungen an.

Das Land Brandenburg steht in vielen Bereichen heute besser da als je zuvor. Die Wirtschaftskraft hat erheblich zugenommen, die Arbeitslosigkeit ist auf einem niedrigen Niveau. Neue Unternehmen wurden gegründet, Städte wurden saniert, wertvolles kulturelles Erbe gesichert und eine exzellente Wissenschafts- und Forschungslandschaft aufgebaut, die international sehr viel Renommee genießt. Die entstandenen Arbeitsplätze und die hohe Lebensqualität tragen dazu bei, dass Menschen nach Brandenburg ziehen beziehungsweise nach Brandenburg zurückkehren. Das zeigt, wie positiv sich die wirtschaftliche Lage und die Wahrnehmung des Landes verändert haben.

Das, was erreicht worden ist, ist ganz wesentlich den Bewohner*innen der neuen Länder zu verdanken. Ihre Leistungsbereitschaft und Tatkraft bildeten entscheidende Grundlagen dafür, dass seit 1989 zusammengewachsen ist, was zusammengehört. Diese Leistung verdient Anerkennung und Wertschätzung und trägt als Teil einer gemeinsamen Erzählung sowohl zur Geschichte als auch zur Zukunft Deutschlands bei.


[1] Statistisches Bundesamt: Geburten in Deutschland 2007, Wiesbaden 2007, S. 8 [zuletzt abgerufen am 12. April 2019].
[2] Die Rede Frank Walter Steinmeiers aus Anlass des Festaktes zum Tag der Deutschen Einheit, Mainz am 3. Oktober 2017 [zuletzt abgerufen am 12. April 2019].