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Demonstration der Homosexuellen Aktion Westberlin

Pfingstdemonstration der Homosexuellen Aktion Westberlin, 9. Juni 1973

Foto: Rüdiger Trautsch, Quelle: Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

„In Mönchengladbach war ich noch nicht schwul“
Über Jochen Hicks neuen Dokumentarfilm „Mein wunderbares West-Berlin“
von
Henrik Bispinck
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Veröffentlicht am 18. Juli 2017

Am letzten Sitzungstag der laufenden Legislaturperiode, dem 30. Juni 2017, beschloss der deutsche Bundestag, begleitet von großem Medienecho, die vollständige Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe. Damit scheint – zumindest auf rechtlicher Ebene – der Emanzipationskampf der Homosexuellen an ein vorläufiges Ende gekommen zu sein.
Wesentliche Schritte auf diesem Weg waren die Entschärfung des § 175 StGB im Jahr 1969, seine Abschaffung nach der deutschen Wiedervereinigung und schließlich die Einführung der eingetragenen Partnerschaft unter der ersten rot-grünen Bundesregierung. In den vergangenen Jahren wurden – überwiegend vom Bundesverfassungsgericht erzwungen – nach und nach Diskriminierungen im Steuer-, Arbeits- und Beamtenrecht beseitigt. Erst in diesem Jahr beschlossen wurde zudem die Rehabilitierung und Entschädigung der in der Bundesrepublik nach § 175 verurteilten Männer.

Jochen Hicks neuer Dokumentarfilm blickt in eine Zeit, in der diese Rechte erst erkämpft werden mussten und der positive Ausgang dieses Kampfes noch lange nicht absehbar war. Und er tut dies in einer Stadt, die sich wie kaum eine andere in den letzten Jahren zu einem, inzwischen vergangenem, Sehnsuchtsort entwickelt hat: Das „alte“ Westberlin. Spätestens der große Erfolg von Mark Reeders Essay-Film B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989 hat dies gezeigt: Das Westberlin der 1970er und 1980er Jahre wird – sowohl von denen, die es erlebt haben, als auch von der nachgeborenen Generation, zunehmend als Hort der Freiheit, der Popkultur und der sexuellen Freizügigkeit verklärt.

Hick indes setzt früher an: Mit dem ältesten seiner Protagonisten, dem 1937 geborenen Schneider Klaus Schumann, begleitet er den Zuschauer in die 1950er- und frühen 1960er-Jahre, in dem Westberlin noch gar nichts von einem Sehnsuchtsort hatte. Vielmehr war die Stadt in dieser Zeit geprägt von Trümmern, von Hinterhofelend und Armut. Schwule wurden als „Puppenjungen“ oder „175er“ bezeichnet, Razzien und Verhaftungen in einschlägigen Bars waren an der Tagesordnung. Noch in den 1960er-Jahren bezeichnete der Off-Kommentar einer SFB-Reportage die Strichjungen am Bahnhof Zoo als „Parasiten der Gesellschaft“. Es sind Einblicke wie diese, mit denen Hicks Film zeigt, dass eine Geschichte schwulen Lebens in Westberlin zugleich eine Kultur- und Politikgeschichte der Bundesrepublik und Westberlins insgesamt ist. Die Beibehaltung des § 175 in seiner unter den Nationalsozialisten verschärften Form war auch Ausdruck der Kontinuitäten zwischen „Drittem Reich“ und Bundesrepublik. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre wäre undenkbar ohne den Aufbruch der '68er und von den Zwangsräumungen besetzter Häuser in den 1980er Jahren war auch das Tuntenhaus in der Bülowstraße betroffen. Popkulturelle Entwicklungen wie die Disco-Welle und das Aufkommen von Techno sind ebenfalls untrennbar mit der schwulen Subkultur verbunden. Und: So wie zahlreiche junge Linksalternative seit den 1960er Jahren nach Westberlin zogen, um dem Mief der westdeutschen Provinz und nicht zuletzt dem Wehrdienst zu entfliehen, taten dies auch viele homosexuelle Männer: Manche flüchteten vor den Reaktionen von Familie und Umfeld auf ihr Coming-out, andere erlebten letzteres erst in dieser Stadt: Es war diese Stadt, die es ihnen überhaupt ermöglichte, ihre Gefühle zu entdecken, zu ihnen zu stehen und sie auszuleben. Der Satz „In Mönchengladbach war ich noch nicht schwul“ aus der gelungenen Bild-Ton-Collage, mit der der Film einsteigt, bringt dies auf den Punkt.

Hicks Interviewpartner sind überwiegend in den 1940er und 1950er Jahren geboren und fast sämtlich bekannte Pioniere der Westberliner Schwulenbewegung. Die Filmemacher Rosa von Praunheim und Wieland Speck finden sich darunter, der Aktivist und Mitgründer des Café „Anderes Ufer" Gerhard Hoffmann, die Verleger bzw. Buchhändler Egmont Fassbinder und Peter Hedenström. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, darunter der Visagist René Koch, eint sie ein im weiteren Sinne politisches Selbstverständnis: Knapp die Hälfte von ihnen waren Mitgründer oder Aktive der im Jahr 1971 gegründeten Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW), einem der wichtigsten Motoren der Schwulenbewegung der 1970er Jahre.

Dieses Jahrzehnt erhält denn auch den breitesten Raum innerhalb der Dokumentation. Hick nimmt hier nicht nur den allgemeinen Kampf um Anerkennung in den Blick, sondern auch die inneren Konflikte, Widersprüche und Bruchstellen der Schwulenbewegung: Rosa von Praunheims Debütfilm Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt war auch innerhalb der Bewegung hoch umstritten; innerhalb der HAW bildete sich in Abgrenzung von der „Normalität“ und „Männlichkeit“ betonenden Mehrheit die „Tuntenfraktion“. Ein Zusammengehen mit den Lesben blieb Episode, da die Frauen die Dominanz der Männer und die Fixierung auf das Sexuelle beklagten. Ausschnitte aus einer Gruppendiskussion aus dieser Zeit machen deutlich, dass man auch innerhalb der Schwulenbewegung nicht zimperlich miteinander umging. Parallel dazu differenzierte sich die schwule Szene nach und nach aus: Die erste Lederbar eröffnete, einige Jahre später die erste Bar mit Darkroom – für Romy Haag im Rückblick der Beginn der Intoleranz: Nur Männer erhielten Zutritt, womit auch Transen ausgeschlossen wurden.

Die 1980er-Jahre wiederum standen ganz im Zeichen des AIDS-Schocks. In „die Insel des Glücks“ – das Westberlin der 1970er Jahre – brach die Krankheit als „ein einziges Grauen“ ein, so formuliert es einer der Zeitzeugen. Auch hier macht der Film Ambivalenzen deutlich: Einerseits führte das Aufkommen der Immunschwächekrankheit zu einer neuen Welle von Diskriminierung, auf der anderen Seite fungierte AIDS als Transmissionsriemen, um Homosexualität in die Gesellschaft zu tragen. Hier spielte die von der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth vorangetriebene Aufklärungskampagne eine wichtige Rolle.

Jochen Hick hat für seinen Film interessantes Material in den Archiven gefunden und entlockt seinen Interviewpartnern so manches aufschlussreiche und amüsante Statement. Insgesamt jedoch bleibt der Film Stückwerk. Vieles wird angerissen, kaum etwas vertieft. Die große Zahl der Interviewpartner – etwa zwanzig sind es insgesamt – macht es fast unmöglich, dass diese Konturen gewinnen. Zudem fehlt ein für die Geschichte Westberlins zentrales Thema: Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung der geteilten Stadt. Gerade dieses Ereignis war für die Westberliner schwule Szene, ähnlich wie für die Linksalternativen, ein wesentlicher Einschnitt.

Bei den Zeitzeugen dominieren nostalgisch-verklärende Rückblicke: Früher sei die Bewegung politischer gewesen, es habe Hierarchiefreiheit geherrscht, mehr Zusammenhalt gegeben, und natürlich: mehr Sex. Es ist gut, das Wolfgang Theis, Jahrgang 1948 und Mitgründer des Schwulen Museums, hier interveniert: Die Vorstellung, die Schwulen sollten an der Seite der Arbeiterklasse kämpfen, sei von Anfang an „Schwachsinn“ gewesen. Nicht der Sozialismus habe die Schwulen befreit, sondern der Kapitalismus: „Der brauchte uns, der brauchte so was Hedonistisches, was shoppen geht und einkauft.“ Auch die These, die Schwulenbewegung habe eine "repressionsfreie Sexualität" geschaffen, hält er für eine Mär. Solche Interventionen sind erfrischend, ebenso wie die kritischen Fragen der Berliner Polit-Tunte Patsy l'Amour laLove, die derzeit über die Schwulenbewegung der 1970er Jahre promoviert und mit historischer Distanz auf das Thema blickt. Doch leider wird dieser Perspektive wenig Raum gegeben.

Zum Ende hin zerfasert der Film vollends. Plötzlich geht es um schwule Sexualität im Alter, um homosexuelle Flüchtlinge, um Gentrifizierung. Am Schluss gibt es noch ein kurzes Interview mit der Journalistin und Aktivistin Manuela Kay am Rande des „Dyke* March“. Das wirkt vor dem Hintergrund, dass Lesben in dem Film sonst praktisch gar nicht vorkommen, wie ein pflichtschuldiger Appendix. So tippt der Film viele Themen an, wird diesen aber ebenso wenig gerecht wie seinen Protagonisten. Eine Konzentration auf ein Jahrzehnt oder eine kleinere Gruppe, etwa die Aktivisten der Homosexuellen Aktion Westberlin, wäre sinnvoller gewesen. „Schwules Leben in Westberlin“ ist als thematische Klammer zu unspezifisch.

Der Film Mein wunderbares West-Berlin läuft seit dem 29. Juni 2017 in den Kinos.

Zum Weiterlesen empfehlen wir die Ausgabe 2/2014 der Zeithistorischen Forschungen über: West-Berlin