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Schwarz-Weiß-Aufnahme von Stolpersteinen

Struikelsenen (Stolpersteine). Je struikelt erover, met je hoofd en met je hart, 18. Juni 2012, Foto: Joop van Dijk, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Ein Kunstdenkmal wirft Fragen auf
Die „Stolpersteine“ zwischen Anerkennung und Kritik
von
Anna Warda
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Veröffentlicht am 21. März  2017


Stolpersteine
: Ein einmaliges Kunstprojekt
Berlin-Kreuzberg im Mai 1996: Gunter Demnig kniet auf dem Gehweg der Oranienstraße, direkt am Moritzplatz, dort, wo noch immer das Haus mit der Nummer 158 steht. Er stemmt einen Teil des Gehwegs auf, entfernt ein paar der kleinen grauen Pflastersteine, die hier verlegt sind, und setzt zwei Messing-Betonquader für Lina und Willy Friedmann an ihre Stelle. Dann verschließt er den Weg wieder. An der Oberfläche, mitten auf dem Gehweg, bleiben kleine messingfarbene Rechtecke zurück, jedes nur 96 mal 96 Millimeter groß, glänzend und schlicht, mit einer Inschrift versehen. Die ersten Stolpersteine sind verlegt.[1]

Viel Aufmerksamkeit erhielten sie damals nicht. Kaum einer der Passanten am Kottbusser Tor nahm die Aktion wahr. Niemand kannte den Künstler mit Hut und Messingsteinen. Und auch Gunter Demnig selbst verstand die Verlegung im Rahmen des Projektes „Künstler forschen nach Auschwitz“ als einmalige Aktion.[2] Die Idee, weitere Steine zu verlegen, erschien ihm nahezu größenwahnsinnig.[3] Und wahrscheinlich wäre es auch bei einigen wenigen Steinen geblieben, hätte nicht in der Folgezeit Steven Robins (ursprünglich Robinski) aus Kapstadt die Steine entdeckt. Robins wandte sich an das Kreuzberg-Museum, weil er Steine für seinen Onkel und seine Tante verlegen lassen wollte. Beide wurden in Auschwitz ermordet, während sein Vater nach Südafrika flüchten konnte. Das Museum gab den Wunsch an Gunter Demnig weiter und aus einer Idee, die dieser Anfang der 1990er Jahre in Köln entwickelt hatte, wurde ein fortlaufendes Kunstprojekt. Ein Projekt, für das sich Demnig schließlich die notwendigen behördlichen Genehmigungen erstritt, um seine Steine im öffentlichen Raum verlegen zu dürfen.[4]


Das permanente Kunstdenkmal

Mittlerweile hat Gunter Demnig mehr als 60.000 Steine in 21 Ländern verlegt – und damit das größte dezentrale Kunstdenkmal Europas geschaffen. Ein Kunstdenkmal, das durch seine äußere Schlichtheit, ja: Unauffälligkeit besticht – und durch die dahinterliegende Komplexität: Die Stolpersteine integrieren verschiedenste Facetten von Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung.
Demnigs Projekt war von Anfang an der Kritik ausgesetzt und ist nach wie vor nicht unumstritten; dennoch wächst die Zahl der Stolpersteine stetig weiter. Die kleinen Steine scheinen eine große Wirkung zu haben.
Dieser Beitrag wird der Frage nachgehen, woher diese Wirkung rührt – und ob die Art und Weise, wie die Steine den öffentlichen Raum prägen, geeignet ist, die Kritik an dem Projekt zu entkräften. Ausgangspunkt für diese Annäherung soll dabei jene Funktion der Stolpersteine sein, die sich im langjährigen Verlauf des Projektes als zunehmend zentral herausgestellt hat: Die Funktion der Steine als verbindendes Element. Die Stolpersteine stellen zahlreiche Verbindungen her. Damit ist nicht nur eine Verbindung zur Vergangenheit gemeint, sondern auch zu Personen und zur lokalen Umgebung. Zunächst jedoch ist es wichtig, einen Blick auf das Projekt und seine Rezeptionsgeschichte zu werfen.


Das Kunstdenkmal zwischen Erfolg und Kritik

In Anlehnung an Joseph Beuys Erweiterten Kunstbegriff  können die Stolpersteine als soziale Skulptur gelesen werden. Seiner Theorie der Sozialen Plastik zufolge kann jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken.[5] Mittlerweile haben viele tausend Menschen Steine durch Gunter Demnig verlegen lassen und damit an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert und so schließlich Zeichen gesetzt. Dennoch erzeugen die Steine keinerlei Zwang, sich zu erinnern oder gar zu engagieren. Die Journalistin Elizabeth Kolbert vermutet, dass darin der Erfolg des Mahnmals liegen könnte.[6] Diese „Zwanglosigkeit“ allein kann aber nicht erklären, warum sich so viele Menschen europaweit für ein Kunstdenkmal einsetzen. Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt für den Erfolg der Steine, ist die Tatsache, dass der Beginn der Kunstaktion in eine Zeit fiel,  in der sowohl die Täter- als auch die Opfergeneration langsam ausstarb. Wichtig ist zudem die Verortung des Denkmals im lokalen Raum, ebenso wie die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum ganz allgemein.[7] Die Kulturwissenschaftlerin Dora Osborne bezieht sich mit ihrer Einschätzung auf den französischen Philosophen Jacques Derrida und sein Werk „Dem Archiv verschrieben“: Sie bezeichnet die Verlegung der Messingquader als einen Akt des Archivierens, des Archivierens der Geschichte, die nur noch aus Asche und Staub besteht. Die Biografien der Menschen wären, so Osborne, niemals recherchiert worden und somit für immer verloren gewesen.[8]

Die Historikerin Linde Apel betont, dass die Rechercheergebnisse der einzelnen Stolperstein Initiativen einen Beitrag zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus liefern. Der Fokus auf die Lebensgeschichten der Opfer sei mittlerweile ein zentrales Element der öffentlichen und lokalen Erinnerungskultur.[9] Tausende von Biografien, die andernfalls anonym geblieben wären, wurden aufgearbeitet. Motivation für die detaillierte Nachzeichnung, so Apel, seien Identifikation und Empathie mit den Opfern.[10] Auch könnten Menschen die Betroffenheit, die die Auseinandersetzung mit dem Holocaust erzeugt, durch Demnigs Projekt verarbeiten. Zum einen kann im Verlauf der Recherche die Komplexität der Verbrechen auf eine oder wenige Biografien heruntergebrochen werden. Zum anderen ist es möglich, öffentlich Empathie mit den Opfern zu demonstrieren. Mittlerweile haben sich die Verlegungen zu einem Moment des Kennenlernens entwickelt. Es gibt immer wieder Fälle, in denen die Mitglieder einer Familie, da sie über die ganze Welt verstreut leben, zum ersten Mal zusammen kommen oder gar voneinander erfahren. Oft betritt ein Großteil der Angehörigen und vor allem der Überlebenden zum ersten Mal (wieder) den Boden des „Täterlandes“. Über den Austausch entstehen neue Verbindungen, die fortwirken.

Es wäre allerdings falsch, die Stolpersteine nur unter dem Blickwinkel harmonischer Beziehungen zu sehen. Wo Verbindungen entstehen, stoßen Menschen und Ideen aufeinander. So kritisiert beispielsweise die Historikerin Kirsten Harjes, dass die verlegten Steine keine Informationen zum historischen Kontext bieten.[11] Gunter Demnig hingegen hat dies konzeptuell ganz bewusst so angelegt, da er ein gedankliches „Stolpern“ provozieren wollte. Die Steine sind keine Informationstafeln. Sie sollen stutzen lassen. Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema liegt beim Betrachter: In vielen Orten Europas ist es mittlerweile möglich, sich über Smartphone-Apps über die Biografien der, auf den Steinen erwähnten Personen zu informieren.[12]

Vielerorts in Europa kommt es allerdings zu heftigen Diskussionen über die Stolpersteine. Die Argumente für und gegen die Steine sind vielfältig. Man kann an den Steinen das lokale Gedenkverständnis ablesen. Dies böte Raum für Studien über Formen des europäischen Gedenkens und die europäische Erinnerungspolitik. Wobei sich viele Fragen stellen ließen: Warum wehren sich manche lokalen Eliten so vehement gegen die Steine? Und warum möchte man in einigen Städten alle Steine an einem Tag verlegen lassen? Warum werden in manchen Orten nur Steine für jüdische Opfer verlegt? Warum liegen bis heute in Frankreich weniger als zwei Dutzend Steine – und in Polen sogar nur fünf?[13]

In einigen Regionen wurde jahrelang über das Projekt gestritten bevor es schließlich einen großen Anklang erhielt. In den Niederlanden beispielsweise schien es zunächst unmöglich, dass ein deutscher Künstler an die NS-Verbrechen erinnern könnte. Nun hängen dort sogar die Fahnen auf Halbmast, wenn Verlegungen anstehen. Auch in Griechenland schien es lange Jahre unmöglich, die Gedenksteine zu verlegen, da sich die lokalen Autoritären dagegen sperrten. Vor zwei Jahren wurden in Thessaloniki die ersten Steine durch das Engagement einer lokalen Initiative verlegt und mittlerweile werden dort Verlegungen bis in das Jahr 2019 geplant.[14] In krassem Gegensatz dazu stehen Städte wie München, die dem Projekt die Genehmigung ganz verweigern.
Eines der Hauptargumente gegen die Steine ist die Tatsache, dass sie im Boden liegen und die Möglichkeit besteht, dass Fussgänger_innen auf die Namen treten. Dies wird von vielen als eine unangemessene Gedenkform gewertet. Dieser Einwand ist sicher nicht von der Hand zu weisen, vor allem wenn er, wie bei Charlotte Knobloch, aus einem persönlichen Trauma resultiert.[15] Dagegenhalten ließe sich, dass die meisten Menschen gar nicht auf die Steine treten: Die Ursprungsidee von Gunter Demnig war, dass das Messing durch das Betreten blank poliert wird – dies geht allerdings nicht auf und so müssen oft Putzpatenschaften dafür sorgen.

Es gab zudem Fälle, in denen sich Anwohner_innen gegen die Steine gewehrt haben. Ihr Argument war, dass ihre Häuser dadurch „stigmatisiert“ würden und der Wert des Grundstücks somit gemindert würde. In Stuttgart wurde die Klage eines Hausbesitzers vom Gericht abgewiesen[16] und vor wenigen Wochen hat ein Eigentümer in Frankfurt/M. einen Prozess gegen die Verlegung der Steine vor seinem Haus verloren.[17]

Gunter Demnig gedenkt mit seinem Projekt ausdrücklich auch der Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Sei es, dass sie sich verstecken konnten, ein Lager überlebt haben, flüchten oder auf andere Weise ihr Leben retten konnten. Das Schuldgefühl der Überlebenden, angesichts der Tatsache, dass sie überlebt haben, während ein großer Teil ihrer Familie und Freunde ermordet wurde, begleitet viele Überlebende ein Leben lang. Dennoch sprechen sich Menschen in vielen Orte dagegen aus, Steine für Überlebende zu verlegen. Als Argument gilt, dass es für die Überlebenden schließlich am Ende ihres Lebens Grabsteine gibt. Die Grabsteine weisen jedoch nicht auf das Verfolgungsschicksal hin und können Stolpersteine nicht ersetzen. Zudem würde das Ausschließen der Überlebenden das Prinzip der Familienzusammenführung unterwandern, welches elementar für die Stolpersteine ist, denn es werden Steine immer für alle Familienmitglieder gleichzeitig verlegt.
Ein Großteil jener Menschen, die überlebten, haben unfreiwillig ihre Heimat verlassen. Die Thematik der Flucht trifft einen sehr aktuellen Nerv: Rechtspopulismus ist in Europa momentan im Aufschwung. Die aktuellen Bilder der Flucht erinnern an die Zeit der Verfolgungen in Deutschland. Für die Stiftung – Spuren – Gunter Demnig ist es keine Frage, dass dem Schicksal der Menschen, die vor dem Nationalsozialismus flüchten mussten, gedacht werden muss. Und diese Fluchtgeschichten und das Ausmaß der Verbrechen werden durch die persönlichen Lebensgeschichten greifbar.


Stolpersteine
schaffen eine Verbindung zu realen Personen
Ziel der Nationalsozialisten war es, die Identität ganzer Gruppen auszulöschen. Auf den Transportlisten und in den Lagern wurden Menschen zu Nummern. Ihr gesamtes Hab und Gut, ihr materielles und geistiges Erbe, wurde geraubt oder vernichtet. Nichts sollte an die Verfolgten und ihr Leben erinnern. Die Idee der Stolpersteine ist es, diesen Prozess rückgängig zu machen. Gunter Demnig bezieht sich in seiner Arbeit auf den Talmud, in dem es heißt: „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn nicht mehr an seinen Namen erinnert wird.“[18] Die Gedenksteine geben den Opfern des Nationalsozialismus ihre Namen zurück. Überschrieben mit „Hier wohnte“ wird auf jedem Stein der Name eines Menschen eingeprägt, sein Geburtsdatum und die Stationen der Verfolgung. Die Erinnerung an den Holocaust wird dadurch personalisiert.[19] Es gibt einen Stein pro Person, jeder einzelne in Handarbeit von dem Bildhauer Michael Friedrichs-Friedlaender gefertigt. Daher kann jeweils nur eine begrenzte Anzahl an Steinen hergestellt und verlegt werden. Diese Beschränkung ist bewusst gewählt: Die Nationalsozialisten haben eine Massenvernichtung praktiziert; dem soll eine individuelle Gedenkkultur entgegengesetzt werden. Die Kulturgeographin Danielle Drozdzewski spricht davon, dass in der Erwähnung der Opferzahlen und in den großen Monumenten das Individuum verloren geht. Ihre Erfahrung zu den Stolpersteinen beschreibt sie im Gegensatz dazu wie folgt: „But if you read the name of one person, calculate his age, look at his old home and wonder behind which window he used to live, then the horror has a face to it.“[20]


Die Stolpersteine als alltäglicher Bestandteil der urbanen Landschaft

Es wird jedoch nicht nur eine Verbindung zur Person sondern auch ganz unmittelbar zum jeweiligen Ort hergestellt: Die Steinen erzählen davon, dass hier ein Verbrechen stattgefunden hat. Gunter Demnig bezeichnet die Stolpersteine als Spuren der Erinnerung.[21]Solche Spuren und Markierungen im öffentlichen Raum ziehen sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Schaffen[22]: Als Demnig im Jahr 1990 eine Farbspur durch Köln zog[23], konfrontierte ihn eine ältere Frau mit der Aussage, dass in ihrer Nachbarschaft keine Sinti und Roma gewohnt hätten.[24] Dies gab für Gunter Demnig den Ausschlag, ein Projekt zu initiieren, das den Wohnort der Opfer markierte und somit auch den Beginn der Verfolgung kennzeichnete.

Die Stolpersteine machen die Erinnerung auf unaufdringliche Weise omnipräsent. Das Straßenbild wir nicht von ihnen dominiert und sie können schnell übersehen werden. Der Blick kann aber auch hängen bleiben und es besteht die Möglichkeit, inne zu halten. Dies geschieht oft in einem unerwarteten Moment. Das Stehenbleiben ist kein Muss oder wie die Historikerin Dahlia Azran es ausdrückt: „They can mean everything, or nothing.“[25]Drodzewski beobachtete in ihrer Feldstudie, dass Menschen, nachdem sie die Inschriften gelesen hatten, anschließend den Blick hoben und das Gebäude betrachteten.[26] Durch die Platzierung im öffentlichen Raum kann sich der Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen verändern. Die Verbrechen begannen nicht in den Konzentrations- und Vernichtungslagern; Diskriminierung und Verfolgung setzten bereits in den Gemeinden ein. Die Steine verbinden einen konkreten Ort mit den Ereignissen in der Zeit des Nationalsozialismus.


Die Stolpersteine als partizipative Gedenkkultur

Die Idee zu dem Projekt stammt zwar von Gunter Demnig, er hatte die Stolpersteine ursprünglich als Konzeptkunstprojekt entworfen und verlegt sie bis heute meist selbst. Getragen wird das Projekt jedoch von zahlreichen Initiativen in ganz Europa. Erst die große Nachfrage machte die Stolpersteine zu einem europäischen Kunstdenkmal.[27] Die Stolpersteine können als grass root project verstanden werden: Der Wunsch nach den Gedenksteinen kommt von „unten“; er kommt von Angehörigen und Initiativen. Die Historikerin Kirsten Harjes geht sogar soweit, die Steine im Gegensatz zu staatlich initiierten Monumenten als „countermonument“[28] zu bezeichnen.

In mehr als 5.000 Orten in Europa recherchieren Menschen die Lebensgeschichten der Verfolgten und Ermordeten. Sie kümmern sich um Genehmigungen für die Verlegung der Steine, organisieren ein Rahmenprogramm, schaffen Öffentlichkeit und suchen weltweit nach den Angehörigen der Opfer. An den Steinen kann man daher auch den Wunsch vieler Europäer nach Aufarbeitung und Erinnerung ablesen: Die Stolpersteine sind Teil der europäischen Vergangenheitsbewältigung.[29] Die Verbindung Einzelner zu einem europaweiten Netzwerk und einer Gemeinschaft trägt erheblich zum Erfolg des Kunstdenkmals bei.


Die Stolpersteine als Teil des öffentlichen Gedenkens

Die Verlegung der Steine ist ein öffentlicher Akt. Oft bleiben Passanten stehen und wohnen der Zeremonie bei: Begleitet von Musik verlesen Schüler_innen die Biografien der Personen, es werden Blumen niedergelegt. Die Bandbreite der Gestaltung dieser Zeremonien ist groß und es wird auf verschiedenste Weise versucht, den Opfern ein Gesicht zu geben. Gunter Demnig über den Prozess des Verlegens: „Es ist schmerzhaft den STOLPERSTEIN zu legen, aber es ist auch gut, weil da etwas zurückkehrt… wenigstens die Erinnerung.“[30] Viele Angehörige äußern nach einer Verlegung, dass sie diese wie eine Heimkehr für ihren Verwandten empfunden hätten. 

Auch in den Medien findet eine Auseinandersetzung statt: Presse, Rundfunk und Fernsehen berichten von den Verlegungen. Besonders die Jüngeren tauschen sich über die sozialen Netzwerke wie Twitter, Instagram, Tumblr und Facebook aus. In Berlin wurden gerade mithilfe einer Crowdfunding-Aktion Steine für die Opfer der sogenannten „Polenaktion“ finanziert.[31] Die Berichte und der Austausch gehen in vielen Fällen über die Ankündigung der Steine hinaus: Oft werden in Publikationen wie Flyern, Broschüren, Webseiten und Blogs die Biografien der Opfer noch einmal aufgearbeitet und auch deren Angehörigen eine Stimme gegeben. Nicht selten kommen alte Briefe und Fotografien der Opfer zutage. Nach der Verlegung werden die Stolpersteine in vielen Metropolen Europas Bestandteil von Stadtführungen. Gruppen treffen sich regelmäßig an Gedenktagen, um die Steine zu polieren. Geradezu konträr zu dem deutschen Künstler Jochen Gerz und seinen Unsichtbaren Mahnmalen in Saarbrücken und Hamburg machen die Stolpersteine die Namen der Menschen sichtbar. Während Gerz die Namen in der Erde versenkt, holen Demnigs Stolpersteine sie wieder an die Oberfläche und in den öffentlichen Raum zurück – und stellen damit eine Verbindung zur Öffentlichkeit in der Gegenwart her.


Die Stolpersteine als Inspiration und Reibungspunkt

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde das Kunstprojekt in naher Zukunft beendet werden. Zunächst erschien es Gunter Demnig aufgrund der riesigen Opferzahl abschreckend, das Projekt in dieser Größe anzugehen. Aber mittlerweile sieht er es als Gewinn, dass die Steine über viele Jahrzehnte verlegt werden und so verschiedene Generationen erreichen können. Gunter Demnig hat 2015 entschieden, dass das Kunstdenkmal auch ohne ihn weiterleben soll. Zu diesem Zweck hat er die bereits genannte Stiftung – Spuren – Gunter Demnig ins Leben gerufen. Diese hat zur Aufgabe, sein Lebenswerk fortzusetzen und vor allem das Kunstdenkmal Stolpersteine – Stolperschwellen[32] fortzuführen. Die Spurenlegung in Form von Stolpersteinen soll die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus 1933–1945 weiterhin wach halten. In der Stiftungssatzung wurde daher verankert, dass die Zusammenarbeit mit Jugendlichen auch in Zukunft Priorität haben soll. Dies soll vor allem die gegenwärtige Entwicklung unterstützen und zunehmend als Zeichen gegen den wachsenden Rechtspopulismus gewertet werden.

Als soziale Skulptur können die kleinen Steine eine gesellschaftsverändernde Komponente enthalten.[33] Das dezentrale Monument wirkt im Sinne von Memorialization[34] in die Gesellschaft hinein. Mittlerweile endet das Projekt nicht mehr mit der Verlegung der Steine, sondern wirkt weiter: Die Steine inspirieren eine Vielzahl von Menschenrechtsaktivisten_innen, Künstler_innen sowie Engagierte weltweit.[35] In Karlsruhe wurde ein Theaterstück basierend auf den Biografien der Opfer inszeniert.[36] Die deutsche Band Gloria singt über die Steine. Die ARD hat gemeinsam mit dem Radiosender N-Joy und dem SWR Stolpersteine zum Hören entwickelt. Eine Studentin in Berlin entwickelt ein Konzept, um die Steine auch für Blinde erfahrbar zu machen.

Während manche sich gegen die Steine wehren, lassen andere sich von ihnen inspirieren. In Argentinien wurden Fliesen für die Opfer der Militärdiktatur verlegt und in den USA möchte eine Initiative mit sogenannten Stopping Stones, den afrikanischen Sklaven gedenken.[37] Besonders zu unterstützen ist das Projekt last address.[38]Die Initiatoren dieses Projektes bringen in Moskau und St. Petersburg nach dem Vorbild der Stolpersteine Plaketten an Häusern an, in denen Opfer der stalinistischen Herrschaft wohnten. Dabei sehen sich die Initiatoren des Projektes heftigen staatlichen Repressionen ausgesetzt. Gunter Demnig reiste im Frühjahr 2016 nach Seoul. Dort ließen sich Studenten_innen von seinem Projekt inspirieren. Zusammen mit Gunter Demnig verlegten sie Stepping Stones in Erinnerung an die Frauen, die in den japanischen Kriegsbordellen des Zweiten Weltkriegs zwangsprostituiert wurden. Die sogenannten comfort women kämpfen bis heute um die öffentliche Anerkennung ihres Leids.[39]

Vor wenigen Monaten wurden die ersten Steine für Menschen, die als „asozial“ stigmatisiert wurden, am Berliner Alexanderplatz verlegt.[40] In der Zeit des Nationalsozialismus galten beispielsweise Bettler, Sinti und Roma, Wohnsitzlose, Alkoholabhängige, Prostituierte, Zuhälter sowie sogenannte „Arbeitsscheue“ als „asozial“ und wurden aufgrund ihrer angeblichen Anpassungs- und Leistungsdefizite verfolgt. Opfergruppen wie diese werden auch in der Erinnerungsarbeit nach wie vor marginalisiert. Diese Leerstellen gilt es zu beseitigen und so wird das Projekt weiter wachsen, sich verändern und neue Fragen zur europäische Erinnerungskultur aufwerfen.




[1] Rede von Gunter Demnig anlässlich einer Festveranstaltung zu „20 Jahre Stolpersteine in Berlin“ in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (ngbk) am 9. Mai 2016. Siehe auch Lackmann, Thomas: Berlins erster Stolperstein. Lauf mal drüber nach. In: Tagesspiegel vom 7.6.2013. Zugriff am 29.11.2016.
[2]„Künstler forschen nach Auschwitz“ war ein ein Ausstellungsprojekt der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (ngbk) in Kooperation mit dem Kunstamt Schöneberg, mit der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, dem Fritz-Bauer-Institut, Frankfurt am Main, und mit Unterstützung der Dezentralen Kulturarbeit Kreuzberg sowie des British Council, in welchen Künstler und Künstlerinnen über Auschwitz forschen und ihre Recherchenerlebnissen zum Teil ihrer Arbeiten machen sollten. Siehe dazu das Archiv der ngbk. Zugriff am 29.11.2016.
[3] Lindinger, Gabriele; Schmidt, Karlheinz (Hg.): Grössenwahn: Kunstprojekte für Europa. Regensburg 1993.
[4] Die erste Genehmigung erhielt er 1997 in Salzburg und in Folge im Jahr 2000 in Köln. Siehe: STOLPERSTEINE. Gunter Demnig und sein Projekt. Hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum Köln. Köln 2007, S. 13.
[5] Lange, Barbara: Soziale Plastik. In: Butin, Hubertus (Hg.): Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst. Köln, 2014, S. 323-326.
[6] Vgl. Kolbert, Elizabeth: The Last Trial. A great-grandmother, Auschwitz, and the arc of justice. In: New Yorker Magazine vom 16. Februar 2015. Zugriff am 29.11.2016.
[7] Siehe dazu: Sommer, Brinda: Gesellschaftliches Erinnern an den Nationalsozialismus: Stolpersteine wider das Vergessen. Berlin 2007, S. 45 – 65.
[8] Vgl. Osborne, Dora: Mal d’archive: On the Growth of Gunter Demnig’s Stolperstein-Project. In: Paragraph, 11/2014, Vol. 37 Issue 3, S. 372-386.
[9] Apel, Linde: Stumbling blocks in Germany. In: Rethinking History. The Journal of Theory and Practice. London 6/2014,  18/2, S. 185.
[10] Ebd.
[11] Vgl. Harjes, Kirsten: Stumbling Stones. In: German Politics & Society. 2005, Vol. 23 Issue 1, S. 147-148.
[12] Die OpenMap von StolperGuide bietet eine deutschlandweite App an, in welche sich die jeweiligen Orte eintragen können. Einige große Städte, wie beispielsweise Berlin, haben ihre eigenen Anwendungen. Zugriff am 29.11.2016.
[13] Eine Einordnung in den europäischen Diskurs um Erinnerung an den Holocaust findet sich bei Cook, Matthew: Redefining Memorial Landscapes: The Stolpersteine Project in Berlin. Master's Thesis, University of Tennessee, 2012, sowie bei Fritsche, Petra: Stolpersteine – das Gedächtnis einer Straße. Berlin 2014, S. 165-193.
[14] Siehe dazu die Informationen der Deutschen Botschaft in Griechenland. Zugriff am 29.11.2016.
[15] Wetzel, Jakob: Gedenken, das entzweit. Debatte um Stolpersteine. In: Süddeutsche vom 13.10.2014. Zugriff am 29.11.2016.
[16] Borgmann, Thomas: Stolpersteine dürfen bleiben. In: Stuttgarter Zeitung vom 18.3.2011. Zugriff am 29.11.2016.
[17] Göpfert, Claus-Jürgen: Steine der Erinnerung. Nazi-Opfer in Frankfurt. In: Frankfurter Rundschau vom 24.11.2016. Zugriff am 29.11.2016.
[18] Siehe Homepage des Kunstprojekts Stolpersteine.
[19] Vgl. Cook: Redefining, S. 12.
[20] Zitiert nach Grieshaber, Kirsten: Plaques for Nazi Victims Offer a Personal Impact. In: The New York Times vom 29.11.2003. Zugriff am 29.11.2016.
[21] Vgl. Interview mit Uta Franke aus dem Jahr 2002. Im persönlichen Besitz der Autorin.
[22] Vgl. Cook: Redefining, S. 64.
[23] Vgl. STOLPERSTEINE. Gunter Demnig und sein Projekt. Hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum Köln. Köln 2007, S. 12.
[24] Vgl. ebd., S. 46.
[25] Azran, Dahlia:  Stolpersteine: Challenges of Remembrance from Berlin to Ground Zero. In: Honors Theses - All; United States: WesScholar  2013, S. 11.
[26] Drozdzewski, Danielle: Encountering memory in the everyday city. In: Drozdzewski, Danielle; De Nardi, Sarah; Waterton, Emma (Hg.): Memory, Place and Identity. Commemoration and remembrance of war and conflict. Abingdon & New York 2016, S. 26.
[27] Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Dora Osborne beschäftigt sich mit deutscher Erinnerungskultur und beschreibt Gunter Demnigs Weg von einem Konzeptprojekt hin zu einem dezentralen Gedenk-Kunstwerk. Osborne, Dora: Mal d’archive: On the Growth of Gunter Demnig’s Stolperstein-Project. In: Paragraph, 11/2014, Vol. 37 Issue 3, S. 372-386.
[28] Harjes, Kirsten: Stumbling Stones. In: German Politics & Society. 2005, Vol. 23 Issue 1, S. 138-151.
[29] Vgl. Azran: Stolpersteine, S. 11.
[30] STOLPERSTEINE. Gunter Demnig und sein Projekt, S. 37.
[31] Seite des Crowdfundings. Zugriff am 29.11.2016.
[32] Stolperschwellen sind Gedenkblöcke, die Gunter Demnig für die Orte konzipiert hat, an denen die Zahl der Opfer mit Stolpersteinen nicht abzubilden ist, da es sich um eine zu große Anzahl handelt. Siehe dazu die Homepage der Stolpersteine. Zugriff am 29.11.2016.
[33] Kavčič, Silvija: Kunstprojekt Stolpersteine – eine »Soziale Skulptur« in Berlin. In: Stolpersteine in Berlin #2. 12 Kiezspaziergänge. Hrsg. vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand Berlin e.V., Berlin 2004, S. 9.
[34] Memorialization and Democracy: State Policy and Civic Action. Hrsg. von Canadian International Development Agency (CIDA), the Andes and Southern Cone office of the Ford Foundation, the Heinrich Böll Foundation, the Goethe Institute (Santiago), the National Endowment for Democracy, and the Open Society Institute. Santiago de Chile 2007. Zugriff am 29.11.2016.
[35] Thomas, Anne; Warda, Anna: Weder Stillstand noch Unbehagen. In: In: Stolpersteine in Berlin #2. 12 Kiezspaziergänge. Hrsg. vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand Berlin e.V., Berlin 2004, S.  18.
[36] Informationen und Trailer finden sich auf der Homepage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Zugriff am 29.11.2016.
[37] Homepage der Initiative. Zugriff am 13.03.2017.
[38] Homepage der Initiative. Zugriff am 29.11.2016.
Siehe auch: Lipman, Masha: Humble Memorials for Stalin’s Victims in Moscow. In: The New Yorker vom 13.12.2014. Zugriff am 29.11.2016.
[39] Hansen, Sven: „Trostfrauen“ lehnen Trostpflaster ab. Umstrittenes Abkommen Südkorea-Japan. In: TAZ vom 30.12.2015. Zugriff am 29.11.2016.
[40] Informationen zu der Verlegung auf der Homepage der Humboldt-Universität zu Berlin. Zugriff am 29.11.2016.