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Smithsonian National Air and Space Museum (NASM 2003-3754)

Raketentests 1930 in Berlin © Smithsonian National Air and Space Museum (NASM 2003-3754)

Berliner Welträume im 20. Jahrhundert
Ein Interview mit Jana Bruggmann und Tilmann Siebeneichner
von
Jana Bruggmann und Tilmann Siebeneichner und Constanze Seifert
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Veröffentlicht: März 2016

Constanze Seifert interviewte Jana Bruggmann und Tilmann Siebeneichner von der Emmy Noether-Forschergruppe „Die Zukunft in den Sternen: Europäischer Astrofuturismus und außerirdisches Leben im 20. Jahrhundert“ zur Weltraumbegeisterung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin. Ihr Workshop „Berliner Welträume im 20. Jahrhundert“ [1], der am 30. März 2015 stattfand, untersuchte die verschiedenen Formen und Funktionen der imaginativen wie praktischen Erschließung des Weltraums von der Gründung der Berliner Urania 1888 bis zu den Astronautenparaden in den 1970er Jahren. Am Beispiel der Urania und des Raketenflugplatzes in Berlin-Tegel erklären Jana Bruggmann und Tilmann Siebeneichner unterschiedliche Weltraumkonzepte sowie ihre Vermittlungsformen, deren Einflüsse bis in die Gegenwart hineinreichen.


C.S.:
Was war der Anlass für den Workshop „Berliner Welträume“, und welche Rolle spielte Berlin als Ort europäischer Weltraumgeschichte im 20. Jahrhundert?

Bruggmann:
Mit dem Workshop „Berliner Welträume“ haben wir ein doppeltes Ziel verfolgt. Einerseits wollten wir Berlin in den Fokus nehmen und andererseits den Wandel verschiedener Weltraumkonzepte im Laufe des 20. Jahrhunderts rekonstruieren. Obwohl der Weltraum bis weit ins 20. Jahrhundert hinein physisch unzugänglich blieb, versuchte man schon weit früher, sich den Weltraum anzueignen. Wir wollten am Beispiel eines bestimmten Ortes den Wandel der Weltraumvorstellungen – bzw. ‚Berliner Welträume’ – nachvollziehen und dabei wichtige lokale Institutionen genauer untersuchen: von der Gründung der Urania Ende des 19. Jahrhunderts, dem Planetarium am Zoo Anfang des 20. Jahrhunderts über den Raketenflugplatz in den späten 1920er Jahren bis zu den Astronauten- und Kosmonautenparaden in den 1970er Jahren. Mit der Berliner Urania anzufangen, war uns wichtig, da diese neben der hauseigenen Sternwarte, den Physiksälen und der Mikroskopischen Abteilung auch ein ‚Wissenschaftliches Theater’ besaß, das Weltraumvorstellungen schon sehr früh – nämlich seit 1889 – auf die Bühne brachte. Zudem wurde Berlin dank der Urania zu einem Zentrum europäischer Wissenschaftspopularisierung. Aber auch der weltweit erste Raketenflugplatz in Berlin-Tegel sowie die wechselhafte Geschichte der Stadt selbst machen Berlin zu einem geeigneten Untersuchungsgegenstand für Weltraumbegeisterung und deren lokalen Ausprägungen.

Siebeneichner:
Als kulturgeschichtliche Forschungsgruppe beschäftigen wir uns mit dem Weltraum und den damit verknüpften Wahrnehmungen, Zuschreibungen und Bedeutungen. Hierbei stehen die Mehrdeutigkeit und die Veränderungen, denen dieser Raum unterliegt, im Fokus. Es gibt zwar nur den einen Weltraum, aber verschiedene Arten ihn zu interpretieren und auszudeuten. Das sollte mit dem Begriff „Berliner Welträume“ angezeigt werden. Sicherlich wäre es sehr interessant und angebracht, Paris, London oder auch Rom unter diesen Prämissen näher zu beleuchten, aber das Ergebnis wäre jeweils ein anderes. Berlin ist nicht nur wegen den politischen Verwerfungen, die sich hier niederschlugen und das städtische Leben prägten, extrem spannend, sondern auch deshalb, weil hier wesentliche Entwicklungen im Bereich der Raumfahrt angestoßen worden sind. Wir haben verschiedene Zugänge gewählt, die durch unterschiedliche historisch-politische Konstellationen und Brüche beeinflusst wurden. Die Beschäftigung mit der Raumfahrt verweist immer auch auf spezifische Zukunftsutopien. Das Versprechen einer besseren Zukunft, das mit dem Griff nach den Sternen jeweils verbunden war, schien uns besonders spannend an einem Ort, dessen Zukunft sowohl nach 1918 als auch 1945 unbestimmt war und an dem die verschiedensten utopischen Projekte an Konjunktur gewannen.

 Das wissenschaftliche Theater der Urania Berlin Max Wilhelm Meyer: Die Urania zu Berlin. Bericht des Direktors Dr. M. Wilhelm Meyer, Berlin 1891.  © Urania Berlin

Das wissenschaftliche Theater der Urania Berlin
Max Wilhelm Meyer: Die Urania zu Berlin.
Bericht des Direktors Dr. M. Wilhelm Meyer, Berlin 1891.

© Urania Berlin

 

C.S.: Die Berliner Urania, das ‚erste Science Center der Welt‘, gibt es schon seit über 125 Jahren. Ihr Weltraumtheater und die Stücke „Von der Erde bis zum Monde“ und „Kinder der Sonne“ wurden zwischen 1889 und 1906 als „Astronomie auf der Bühne“ aufgeführt. Welche Weltraumvorstellungen zeigen sich im Wissenschaftlichen Theater, und worauf beruhen diese?

Bruggmann:
Das Wissenschaftliche Theater der Berliner Urania wurde vom Astronomen Max Wilhelm Meyer ins Leben gerufen, dem ersten Direktor der Urania. Es beruhte auf Ideen, die Meyer bereits einige Jahre zuvor in Wien realisieren wollte. Erst in Berlin und in Verbindung mit der Gründung der Urania gelang jedoch eine finanziell tragbare Umsetzung. Die Gründung der Urania wurde 1888 durch eine Aktiengesellschaft unterschiedlichster Interessengruppen ermöglicht, und so konnte sie bereits 1889 eröffnet werden. Darunter waren Bankiers und Industrielle, wie Werner von Siemens, aber auch Kleingewerbler. Dieser breite Rückhalt zeigt, dass die Verbreitung wissenschaftlicher und technischer Kenntnisse im 19. Jahrhundert zu einer gesellschaftlich unaufschiebbaren Notwendigkeit geworden war. Die Bevölkerung sah sich im Zuge der Industrialisierung mit technisch-wissenschaftlichen Innovationen konfrontiert, die Erklärungen und einer Integration in den Alltag bedurften.
Zusammen mit dem zweiten Gründervater der Urania, dem Astronomen Wilhelm Foerster, schuf Meyer ein ‚gestaffeltes Angebot’. Man konnte sich dort einerseits ohne Vorwissen unterhalten lassen – insbesondere im Theater –, während wissenschaftliche Vorträge sowie die Urania-Zeitschrift Himmel und Erde [2] wesentlich anspruchsvollere Inhalte boten. Das war sicher ein Grund, warum das Modell ‚Urania’ so erfolgreich war: Es sprach sowohl Laien als auch Experten an. Dabei ist allerdings anzumerken, dass gerade letztere den wissenschaftlichen Anspruch der Urania oft in Frage stellten und dem Aspekt der ‚Unterhaltung’ skeptisch gegenüberstanden. Trotz dieser Kritik avancierte das Modell ‚Urania’ rasch zu einem Meilenstein der Wissenschaftspopularisierung, deren Idee in andere Städte wie Zürich, Prag und Wien exportiert wurde. Das Theater gelangte sogar bis in die USA, wo es 1892 in der New Yorker Carnegie Hall gastierte.

Das Theater war nach Meyer als erste Einstiegsstufe zu betrachten, die zu einer späteren, tieferen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen motivieren sollte. Insbesondere das astronomische Stück „Von der Erde bis zum Monde“ zog ein breites Publikum an. Das Theater ermöglichte es jeweils 400 Personen pro Vorführung, in die Sternenwelt einzutauchen. Meyer wollte alle Sinne der Zuschauer ansprechen und bemühte dazu sämtliche Künste der Theatertechnik. Interessant ist aus historischer Sicht, dass sich an diesen astronomischen Stücken die spezifischen Weltraumvorstellungen rekonstruieren lassen, die von damaligen Überzeugungen sowie dem zeitgenössischen Wissenstand geprägt waren. Im Theaterstück „Kinder der Sonne“ wurde beispielsweise eine vegetationsreiche Marslandschaft mit ‚Marskanälen’ präsentiert, die man mit dem Fernrohr nicht zweifelsohne sehen konnte, von deren Existenz jedoch eine Vielzahl von Forschern überzeugt war. Hatte der öffentlichkeitswirksame ‚große Mondschwindel’ (Great Moon Hoax) 1835 noch Leben auf dem Mond behauptet, wurde der Mond gut 50 Jahre später in der Urania als ein ‚wandelnder Leichnam’ ohne jede Spur von Leben bezeichnet. Dies ist ein Beispiel dafür, wie sich Weltraumvorstellungen über die Zeit gewandelt haben und warum unser Workshop explizit multiple Welträume thematisiert hat.

C.S: Was sollte dem Publikum mit dem „Weltraumtheater“ vermittelt werden, und was machte die visuelle Faszination der astronomischen Stücke aus?

Bruggmann:
Ein Ziel des Wissenschaftlichen Theaters war es, in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften im Schulwesen noch wenig etabliert waren, Weltraumvorstellungen zu verwissenschaftlichen. Wobei Meyer an einem ganzheitlichen, an Alexander von Humboldt orientierten Weltraumverständnis festhielt. Ein Kritiker schrieb anlässlich eines Theaterbesuchs, jeder Naturforscher wisse, dass selbst die Gebildeten über den Weltraum „die kindlichsten Vorstellungen“ hätten, wenn sie denn überhaupt je über die Erde hinausdächten. Die Urania war von einem aufklärerischen Impetus getragen. Vor diesem Hintergrund ist es aufschlussreich, dass Werner von Siemens gerade einmal zwei Jahre vor der Urania-Gründung das „Naturwissenschaftliche Zeitalter“ ausgerufen hatte.[3] In diesem Geiste wurde auch die im Wissenschaftlichen Theater aufgeführte Reise zum Mond von Meyer als eine „eingebildete“ deklariert, denn leider würde es nie Mittel geben, um den Menschen in den Weltraum zu befördern. Dennoch wurde er nicht müde, die wissenschaftliche Korrektheit der Weltraumdarstellung in seinem Theater zu bekräftigen. Im Einklang mit einer auf Empirie begründeten Wissenschaftspraxis erklärte er, dass das Publikum mit „leiblichen Augen“ nur das sehen werde, „was nach dem untrüglichen Zeugnis unseres Geistes“ wirklich im Weltraum vorhanden sein müsse. Natürlich war dieser Geist im Rückblick nicht immer ganz so ‚untrüglich’, wie es das Beispiel der Vegetation auf dem Mars gezeigt hat.

Wenn es um die Faszination solcher Stücke geht, ist es jedoch auch wichtig sich zu vergegenwärtigen, was 1889 medientechnisch überhaupt möglich war. Der Mensch konnte die Erde noch nicht verlassen und sich mit „leiblichen Augen“ ein Bild von Erde und Weltraum machen. Umso mehr war die Kollektivierung von Weltraumvorstellungen auf bildgebende Medien angewiesen. Allerdings waren die heute so selbstverständlichen Bildmedien erst in der Entwicklung: Die Möglichkeit Filme zu zeigen begann 1895, Fotografien konnten erst um 1900 preisgünstig hergestellt werden, und das Planetarium am Zoo wurde ganze 37 Jahre nach der Urania eröffnet. Weltraumbilder waren also rar. Das Theater ermöglichte es, den Weltraum erlebnisorientiert und in ganz neuer Form darzustellen. Die dort aufgeführten Stücke luden das Publikum ein, quasi auf den Gestirnen spazieren zu gehen. So wurde der Flug zu anderen Planeten simuliert. Mittels bewegter Kulissen, dem Einsatz aufwändiger Bühnentechnik und Lichteffekten wurden sowohl Kometenschauer, Sonnen- und Mondfinsternisse imitiert als auch die Erkundung von Mond-, Venus- und Marslandschaften geboten – das faszinierte das Publikum, zumindest in den ersten Jahren der Urania.

Techniker beim Projizieren von Mondschein und Wasser hinter der Bühne des Urania-Theaters  © Urania BerlinTechniker beim Projizieren von Mondschein und Wasser
hinter der Bühne des Urania-Theaters

© Urania Berlin

 

C.S.: Die Berliner Urania gibt es noch heute. Was ist übrig geblieben von den Ideen, die diese Institution Ende des 19. Jahrhunderts prägten?

Bruggmann:
Die Berliner Urania von heute ist im Vergleich zum frühen 20. Jahrhundert etwas komplett Anderes, mit der Ausnahme, dass es auch heute um Wissenschaftspopularisierung geht. Experimentiersäle, ein Wissenschaftliches Theater und Mikroskopische Abteilungen, mithin das, was wir heute als Science Center bezeichnen würden und eher in den Technikmuseen in München oder Berlin finden, gibt es dort nicht mehr. Die Idee der ursprünglichen Urania mit eigener Sternwarte hat sich zunehmend aufgelöst. Schon der Umzug von der Invalidenstraße in die Taubenstraße im Jahr 1896 hatte dazu geführt, dass die Experimentierräume und die Sternwarte nicht mehr unter einem Dach waren. Während des Ersten Weltkrieges wurden vor allem nationale, völkische Themen bedient und über den Kriegsverlauf berichtet. Als sie wieder zu wissenschaftlichen Vorträgen aus den Bereichen Physik, Chemie und Astronomie übergehen wollten, konnten sie den Imagewechsel nur schlecht durchsetzen und boten zudem wenig Neues. Die Weltwirtschaftskrise sowie der Siegeszug des Kinos führten in der Zwischenkriegszeit schließlich zur Auflösung der Aktiengesellschaft. Der Verein blieb zwar bestehen, musste allerdings sein Gebäude verkaufen und war damit gezwungen, sein Programm an wechselnden Veranstaltungsorten durchzuführen. Das Wissenschaftliche Theater hatte zu jener Zeit jedoch längst an Bedeutung eingebüßt. Es wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach und nach durch Filmvorführungen und Projektionsvorträge abgelöst. In Zusammenhang mit unserem Workshop besonders bemerkenswert: Ausgerechnet mit dem Vortrag „Fahrt und Flug mit Raketenkraft“ des Raketenpioniers und Mitglieds des ‚Vereins für Raumschiffahrt’ Max Valier wurde 1929, nach zweieinhalbjähriger Pause, ein Neuanfang gewagt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Urania allerdings „arisiert“; „nichtarische“ Mitglieder wurden zum Austritt gezwungen, und neben den nach wie vor beliebten Vorträgen über Reisen fanden Veranstaltungen über „Rassenkunde“ statt. Im Jahr 1954 wurde die Urania wiedereröffnet und erhielt 1962 ein neues Haus. Im Osten Berlins entstand im gleichen Zeitraum eine populärwissenschaftliche Vereinigung, die ‚Neue Urania’, die ab 1962 in den Räumen der Staatsbibliothek Unter den Linden untergebracht war. Man kann die wechselhafte Geschichte Berlins im 20. Jahrhundert anhand der Urania damit bestens nachzeichnen.

Interessant ist, dass das Zeiss-Großplanetarium in Berlin derzeit das Wissenschaftliche Theater und den interdisziplinären Ansatz der Urania gewissermaßen ‚reaktiviert’.[4] Unter dem Motto „Wissenschaftstheater der Zukunft“ will sich das Planetarium allen naturwissenschaftlichen Themen öffnen und eine wichtige Mittlerrolle zwischen Forschung und Öffentlichkeit einnehmen. Dank Fulldome-Projektion sollen dort ab dem Frühjahr 2016 die neuesten Ergebnisse der astrophysikalischen Institute Berlins und Brandenburgs tagesaktuell visualisiert und erläutert werden. Aber auch der pädagogische Anspruch hinter dem neuen Planetarium erinnert stark an Motive, die schon Meyer formuliert hatte: Dem Menschen des 21. Jahrhunderts soll in einer sich stetig verändernden Umwelt und Gesellschaft Orientierung darüber verschafft werden, wo sich sein Platz im großen Zusammenhang des Kosmos befinde.

Raketentests im Juli/August 1930 in Berlin: (Von links nach rechts) Rudolf Nebel im weißen Mantel und Dr. Ritter von der Chemisch-Technischen Reichsanstalt Berlin. Rechts neben der Rakete stehen Hermann Oberth, Klaus Riedel mit der Feststoffrakete ‚Mirak’ in der Hand und der achtzehnjährige Wernher von Braun dahinter. Fotograf Rolf Engel  © Smithsonian National Air and Space Museum (NASM 2003-3754)Raketentests im Juli/August 1930 in Berlin:
(Von links nach rechts) Rudolf Nebel im weißen Mantel und Dr. Ritter von der Chemisch-Technischen Reichsanstalt Berlin. Rechts neben der Rakete stehen Hermann Oberth, Klaus Riedel mit der Feststoffrakete ‚Mirak’ in der Hand und der achtzehnjährige Wernher von Braun dahinter. Fotograf Rolf Engel

© Smithsonian National Air and Space Museum (NASM 2003-3754)

 

C.S.: Auf dem Berliner Raketenflugplatz, dem ehemaligen Schießplatz und Luftschiffhafen in Tegel, haben zwischen 1929 und 1934 die sogenannten Gründerväter der deutschen Raketen- und Raumfahrttechnik gearbeitet. Wie kam es zu dieser Ortswahl, und warum werden sie als die ‚Narren von Tegel‘ bezeichnet?

Siebeneichner:
Mit den ‚Narren von Tegel’ waren die Betreiber des Raketenflugplatzes gemeint. Rudolf Nebel, der Begründer und die treibende Kraft hinter den dortigen Aktivitäten, verwendete diesen Begriff als Titel seiner Autobiografie.[5] Willy Ley, ein Mitbegründer des Platzes, führt ihn allerdings auf die Erfindung von Berliner Journalisten zurück, die die fantastischen Vorhaben, Raumschiffe oder Weltraumraketen zu bauen, entsprechend auf die Schippe nahmen. Tatsächlich war es letztendlich eine Verkettung glücklicher Umstände, die zur Gründung des Raketenflugplatzes führten: Der Filmemacher Fritz Lang wollte in seinem letzten großen Stummfilm „Frau im Mond“ die in der Öffentlichkeit virulente Weltraumbegeisterung aufgreifen. Er stieß dabei auf Hermann Oberths „Die Rakete zu den Planetenräumen“ von 1923, einen Klassiker der Raumfahrtforschung, und engagierte den Autor umgehend als wissenschaftlichen Berater. Höhepunkt der Kooperation war eine PR-Aktion, bei der während der Filmpremiere eine Rakete publikumswirksam starten sollte. Diese Rakete zu bauen, oblag wiederum Nebel, einem Kampfpiloten aus dem Ersten Weltkrieg, der mittlerweile als Oberths Assistent tätig war und über gute Kontakte zum Militär verfügte. Nebel erwirkte auch, dass den Raketen-Enthusiasten nach Abschluss der Dreharbeiten der ehemalige Schießplatz in Berlin-Tegel für einen symbolischen Mietpreis von 5 Reichsmark pro Jahr für Experimente zur Verfügung gestellt wurde.

Skizze des Raketenflugplatzes, ca. 1932 in: Karl Werner Günzel: Raketenpionier Klaus Riedel. Versuchsgelände Bernstadt/Oberlausitz und Raketenflugplatz Berlin, Klitzschen 2005.Skizze des Raketenflugplatzes, ca. 1932
in: Karl Werner Günzel: Raketenpionier Klaus Riedel. Versuchsgelände Bernstadt/Oberlausitz und Raketenflugplatz Berlin, Klitzschen 2005.

 

C.S.: Wie entwickelte sich die Raketenforschung in der Weimarer Republik und welche Raumfahrtträume und -Erfolge gab es? Was sollte erforscht werden?

Siebeneichner:
Die Raketenforschung entwickelte sich Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre an mehreren Orten in der Welt gleichzeitig, aber unabhängig voneinander: Robert Goddard etwa gelang 1926 der erste erfolgreiche Start einer Flüssigkeitsrakete in den USA. Der Russe Konstantin Ėduardovič Ciolkovskij wiederum hatte sich bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit der Erschließung des Weltraums beschäftigt, und in Breslau war 1927 der ‚Verein für Raumschiffahrt’ von dem dort ansässigen Ingenieur Johannes Winkler gegründet worden. Der Raketenflugplatz in Tegel rückte auch deshalb in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit, weil er ein erstes Zentrum der Vernetzung astrofuturistischer Ambitionen und Akteure darstellte. Bereits zum Zeitpunkt seiner Gründung wurde dem Ort großes Interesse entgegengebracht, aber auch in den folgenden Jahren warteten viele Berliner Zeitungen wiederholt mit Neuigkeiten vom Raketenflugplatz auf und berichteten von den dortigen Vorführungen, auf die der Verein immer wieder selbst aufmerksam machte. Das Verhältnis zwischen den ‚Narren von Tegel' und der Stadt(öffentlichkeit) ist jedoch durchaus als Spannungsverhältnis zu betrachten: Einerseits rühmte sich Berlin des Raketenflugplatzes, untermauerte der Ort und die dort betriebene Forschung doch offenkundig Fortschrittsglauben, Zukunftsgewandtheit und die Weltoffenheit Berlins. Andererseits – und das wird durch die Bezeichnung der ‚Narren von Tegel' ja besonders deutlich – wurde auch durchaus skeptisch rezipiert, was da auf dem Raketenflugplatz wirklich vor sich ging und wie ernst zu nehmen das eigentlich war. Während Raumfahrt-Enthusiasten wie Max Valier bis dahin überwiegend mit Schwarzpulver-Raketen experimentiert hatten – besondere Aufmerksamkeit erfuhren dessen Versuche mit Raketen-betriebenen Autos in Zusammenarbeit mit Opel –, beschäftigte man sich auf dem Raketenflugplatz vornehmlich mit der Erprobung von Flüssigkeitsraketen. Die Zielsetzungen richteten sich sowohl auf die Erde wie auf den Weltraum: Eine immer wieder kommunizierte Idee war, solche Raketen zur Postbeförderung über den Atlantik zu nutzen. Gleichzeitig beschwor man jedoch auch fantastischere Ziele, etwa mit einer größeren Rakete zu anderen Planeten zu fliegen. Einerseits waren die Raumfahrt-Enthusiasten bemüht, in Zeiten wirtschaftlicher Krisen die praktischen (und ökonomischen) Vorteile ihrer Technologie anzupreisen, gleichzeitig träumten sie jedoch auch von Flügen in die Weiten des Weltalls.

C.S.: Wernher von Braun wechselte 1933 vom Raketenflugplatz in die Heeresversuchsanstalten in Kummersdorf bei Berlin und 1936 nach Peenemünde. Warum wurde der Raketenflugplatz geschlossen, und was geschah mit den „Raketenpionieren“?

Siebeneichner:
Ihr Ende fanden die Aktivitäten auf dem Raketenflugplatz mit der Verhaftung von Rudolf Nebel im Sommer 1934. Nebel hatte einen durchaus zwielichtigen Ruf und soll als Präsident des ‚Vereins für Raumschiffahrt’ Gelder veruntreut haben. Da er jedwede Kooperation mit dem Militär entschieden ablehnte, geriet er zudem in Konflikt mit anderen Mitgliedern des Raketenflugplatzes. Diese hatten sich seit 1932 dem Militär angeschlossen, da man dort über Forschungseinrichtungen verfügte, mit denen die improvisierten Verhältnisse auf dem Raketenflugplatz nicht mithalten konnten. Als entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Raketenflugplatzes gilt eine geheime Vorführung, die 1932 in der Versuchsanstalt des Heeres in Berlin-Kummersdorf stattfand. Angelockt durch finanzielle Versprechungen von Seiten des Militärs führten die ‚Narren von Tegel' im Rahmen einer geheimen Vorführung ihre Errungenschaften vor. Allerdings wurden die Erwartungen des Militärs enttäuscht, denn die gebaute Rakete verfehlte die vereinbarte Mindesthöhe. Wernher von Braun, der an dieser Vorführung teilnahm, machte jedoch als Einziger einen derart seriösen Eindruck auf die Militärs, dass man ihn für ihre Forschung anwarb.

Wichtig ist dabei festzuhalten, dass sich das Militär schon vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 für die Raumfahrt-Enthusiasten interessierte und diese anzuwerben begann. Der Niedergang des Raketenflugplatzes setzte also nicht erst 1933 ein. Nebel machte auch nach 1933 weiter, bis er im Zusammenhang mit dem „Röhm-Putsch" verhaftet wurde; zudem führte die Gestapo eine Razzia auf dem Raketenflugplatz durch. Schwindende Mitglieder auf der einen und restriktive staatliche Vorgaben auf der anderen Seite – beispielsweise unterlag alles, was mit der Raketentechnologie zu tun hatte, nun strengster Geheimhaltung – führten dazu, dass sich der ‚Verein für Raumschiffahrt’ schließlich selbst auflöste beziehungsweise in einen eher obskuren „eingetragenen Verein für fortschrittliche Technik“ integriert wurde. Die Hinwendung seiner Mitglieder zum Militär ist also weniger ideologisch als vor allem pragmatisch zu erklären: Die Ausstattung in der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf war sehr viel besser als auf dem Raketenflugplatz. Unter der Ägide von Wernher von Braun und ehemaligen Mitarbeitern wurden erste Raketenmodelle wie das Aggregat 1 entwickelt, die als Vorläufer der im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Vergeltungswaffen (V-Waffen) betrachtet werden können. Ab 1935/36 wurden diese Aktivitäten – wiederum vor allem auch aus Geheimhaltungsgründen – in die eigens zu diesem Zweck gegründete Heeresversuchsanstalt nach Peenemünde auf der Insel Usedom verlegt, wo u.a. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge bei den Tests und der Raketenproduktion eingesetzt wurden. Peenemünde, abgeschieden an der Ostsee, gilt als erste „In-House-Facility“ der Welt, d.h. hier waren erstmals alle für die Entwicklung und Erprobung der Raketentechnologie wichtigen Zweige und Einrichtungen an einem Ort konzentriert. Berühmt-berüchtigt geworden ist die Heeresversuchsanstalt vor allem aufgrund der Entwicklung der A4, später V2 genannt, die am 3. Oktober 1942 als erste Rakete bis in den Weltraum flog.

Ihre Mitarbeit am Massenvernichtungswaffen-Programm des NS-Regimes sollte bei allen späteren Erfolgen für immer einen Schatten auf die Biografien der Ingenieure von Peenemünde werfen, für den sie sich wiederholt rechtfertigen mussten. Das taten sie, indem sie auf pragmatische Gründe verwiesen: Um wirklich flugfähige Raketen bauen zu können, hätte man mehr Geld gebraucht als durch private Spenden und Sponsoren aufzubringen war. Nur das Militär sei in der Lage gewesen, ein entsprechendes Programm effektiv finanzieren zu können, weshalb man schließlich in seine Reihen übergewechselt sei. Dabei sei es den Raumfahrt-Enthusiasten weniger darum gegangen, Massenvernichtungswaffen zu konstruieren, als vielmehr ihre eigenen Forschungen voranzutreiben, ein Kompromiss gewissermaßen, der jedoch höchst fragwürdige Konsequenzen zeitigen sollte.
Nach 1945 wurden die Ingenieure aus Peenemünde und Mittelbau-Dora - wo die Raketen ab 1943 unter Tage von KZ-Häftlingen für den Kriegseinsatz in großer Stückzahl produziert werden mussten - in die entstehenden Raumfahrtprogramme der USA, der Sowjetunion und anderer europäischer Staaten integriert. Ihre NS-Vergangenheit wurde dabei zunächst geheim gehalten. Aber je erfolgreicher sich ihre Forschungen gestalteten, umso mehr wurden sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Die Peenemünder Ingenieure, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Operation Overcast (Paperclip)[6] in die USA gebracht wurden, sagten weiterhin aus, sie hätten immer nur Raketen zur Erschließung des Weltraums bauen wollen. Im Rahmen des amerikanischen Raumfahrtprogrammes in Huntsville waren sie an der Entwicklung der Saturn-Rakete für die Apollo-Mission zum Mond beteiligt. Tatsächlich arbeiteten sie erneut auch an militärischen Projekten mit. Ohnehin lässt sich mit Blick auf die Raketentechnologie konstatieren, dass sie sowohl zu friedlichen wie auch zu militärischen Zwecken verwendet werden kann. Was die Forschung mit dem Begriff des dual-use bezeichnet, überlässt es also konkreten Nutzern, ob eine Rakete zu friedlichen oder zu militärischen Zwecken verwendet wird - oder auch beidem, wenn man etwa an die heutige Nutzung von Kommunikations- und Überwachungssatelliten denkt. Mit Blick auf die Forschungen, die in Peenemünde betrieben wurden, lässt sich jedoch sagen, dass es sich hier um ein eindeutig und ausschließlich militärisches Programm handelte.


C.S.:
Was ist vom Raketenflugplatz in Berlin übriggeblieben?

Siebeneichner:
Die Betreiber des Flughafens Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ nehmen neben dem Pionier der Luftfahrt auch die Pioniere der Raumfahrt für sich in Anspruch. Lilienthals Versuche fanden außerhalb Berlins statt, aber der Raketenflugplatz befand sich auf einem Teil des heutigen Flughafens. In der Eingangshalle des Flughafens sind an der ersten Säule Gedenkplatten mit Reliefs von Wernher von Braun, Rudolf Nebel und Hermann Oberth zu finden, die einem allerdings nicht unmittelbar ins Auge springen.

 

Reliefplatten von Hermann Oberth, Rudolf Nebel und Wernher von Braun in der Eingangshalle des Flughafens Berlin-Tegel. Von dem Bildhauer und Künstler Erich „Fritz“ Reuter, 1974.  Quelle: Wikimedia Commons, User: OTFW, CC BY-SA 3.0Reliefplatten von Hermann Oberth, Rudolf Nebel und Wernher von Braun in der Eingangshalle des Flughafens Berlin-Tegel.
Von dem Bildhauer und Künstler Erich „Fritz“ Reuter, 1974.

Quelle: Wikimedia Commons, User: OTFW, CC BY-SA 3.0

 

Dass auch Nebel hier gedacht wird, ist interessant. Schließlich galt er schon den Zeitgenossen als Aufschneider, dem kaum Vertrauen entgegengebracht wurde. Auch wenn es ihm gelang, Aufmerksamkeit für die Raumfahrtforschung zu wecken, ist sein technischer Beitrag zur ersten erfolgreichen Flüssigstoffrakete nicht belegt. Auf dem Flughafengelände Tegel wird auf den ehemaligen Raketenflugplatz nicht weiter hingewiesen, was wiederum zeigt, wie schwierig es ist, mit dieser Episode angemessen umzugehen. Einen Heldenkult um die Raumfahrtpioniere zu inszenieren, ist aufgrund ihrer späteren Verwicklungen in das Massenvernichtungswaffen-Programm der Nationalsozialisten sehr problematisch. Rudolf Nebel ist in dieser Hinsicht noch am wenigsten belastet, weil er nicht für das NS-Regime gearbeitet hat. Herman Oberths Rolle in Peenemünde dagegen ist weitgehend ungeklärt. Bei Wernher von Braun, gewissermaßen dem ‚Posterboy’ der deutschen Raumfahrtpioniere, verhält es sich noch komplizierter. Seinen größten Erfolg feierte er mit dem Apollo-Programm in den USA. Zuvor war er an mehreren Disney-Produktionen beteiligt, die der Popularisierung des Raumfahrtgedankens gewidmet waren. Er unterstützte Walt Disney auch bei der Konzeption der Themenparks Tomorrowland und Futureland. Von Braun wird häufig als Opportunist charakterisiert. Solange Interesse, Geld und Anerkennung vorhanden waren, um seine Ziele zu unterstützen, war er mit dabei. Somit erfüllte Wernher von Braun eine Doppelfunktion: Er war einerseits an der technischen Raketenentwicklung beteiligt, andererseits förderte er als öffentliche Person ein allgemeines Interesse für die Raumfahrt und konnte mit Weltraumutopien Jugendliche faszinieren. Er übernahm damit vielleicht eine ähnliche Rolle, wie sie Jules Verne für seine Generation - wie auch für die Generation von Hermann Oberth - innegehabt hatte, die eines Inspirators.


C.S.:
Wie würden Sie die Entwicklung der Raketen- und Weltraumeuphorie in Berlin und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beurteilen? Wie lässt sich diese Weltraumgeschichte in Berlin heute noch verorten?

Siebeneichner:
Die Weltraum- bzw. Raketeneuphorie in der Weimarer Republik lässt sich mit zwei Schlagworten zusammenfassen: Eskapismus und Nationalismus. Einerseits wurde der Weltraum in der Nachkriegszeit und Mangelgesellschaft zum Sehnsuchts- und Fluchtort. Die andere Lesart konzentriert sich auf die militärischen Implikationen, welche von der Geschichtswissenschaft immer wieder thematisiert werden. Durch die Auflagen des Versailler Vertrages erfuhr die deutsche Armee die Limitierung auf eine Stärke von 100.000 Mann, zudem gab es strenge Auflagen für schwere Waffen. Mit der Rakete, so glaubte man etwa im Heereswaffenamt der Reichswehr, würde man nicht nur die Vereinbarungen des Versailler Vertrages unterlaufen, sondern sich auch in den Besitz einer Art Geheimwaffe bringen. Diese versprach, die Kriegsführung zu revolutionieren und Deutschlands „Weltgeltung“ (wieder)herzustellen. Letzteres wird beispielsweise auch im Gründungsaufruf zum Raketenflugplatz deutlich.

In der Raumfahrtforschung und in utopischen Projekten hat es immer charismatische Persönlichkeiten gebraucht, die ‚Narren von Tegel’ gehörten auf jeden Fall zu diesem Typus. Zumindest sind sie ein gutes Beispiel dafür, in welchem Maße Utopien und Ideen von der Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft jener Personen abhängen, die diese Ideen vertreten. Die 1920er und 1930er Jahre sind eine Phase, in der das aufgeklärte und rationale Denken in eine Krise gerät und charismatische Persönlichkeiten und ihre Utopien an Aufmerksamkeit und letztendlich auch Zuspruch gewinnen. Auch in dieser Hinsicht war Berlin als politische und kulturelle Hauptstadt ein Brennpunkt, wodurch weitere Wechselwirkungen entstanden. Ein Ergebnis des Workshops „Berliner Welträume“ war die Darstellung des Zusammenhangs zwischen Mikro- und Makrogeschichte. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass man durch eine analytische Sichtweise auf den Standort Berlin auch die großen historischen Entwicklungslinien nachvollziehen kann. Dazu gehören der Raketenrummel in den 1920er Jahren, das Space Age ab 1957 und sein Ende in den 1970er Jahren. Ab den 1970er Jahren gerät die Raumfahrt in eine Krise, in der sie bis heute steckt. Der Kalte Krieg ist dabei nach wie vor ein wichtiger Deutungsrahmen. In dem Moment, wo er vorbei ist, verliert auch die Raumfahrt an Dynamik. Allerdings habe ich gegenwärtig den Eindruck, dass es wieder ein verstärktes Interesse, wenn nicht sogar einen Hype gibt. Chinas geplante Mondlandung oder auch der deutsche Geophysiker Alexander Gerst, der ein halbes Jahr auf der International Space Station (ISS) forschte, erfahren große mediale Aufmerksamkeit. Diese gegenwärtigen Entwicklungen zu bewerten, überschreiten jedoch unsere Kompetenzen als HistorikerInnen. Das gegenwärtige Interesse am Weltraum geht einher mit Gerüchten und angeblichen Parallelen zu einem neuen ‚Kalten Krieg’, etwa mit China oder Russland. Vor diesem Hintergrund wird dem „Weltraum“ wieder eine zentrale strategische, politische und technologische Bedeutung zugesprochen. Das finde ich verblüffend.

Bruggmann:
Tatsächlich sind wir auch auf Skepsis gestoßen, als wir Berlin zur ‚Weltraumstadt’ erklärten und die Stadt in den Fokus unseres Workshops rückten. Berlin eignet sich jedoch besonders gut dazu, die Weltraumbegeisterung über einen langen Zeitraum hinweg zu untersuchen und den Wandel von Weltraumvorstellungen in einen Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen sowie technisch-medialen Entwicklungen zu stellen. Heute lassen sich Spuren dieser Geschichte an unterschiedlichen Orten in der Stadt finden, wobei sie einem vielleicht nicht immer direkt ins Auge springen. So befindet sich das Fernrohr der Urania heute noch in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Berlin und der Theatersaal im ehemaligen Urania-Gebäude an der Invalidenstraße ist ebenfalls erhalten. Und auch wenn der Weltraum im Programm der heutigen Urania keine Hauptrolle mehr spielt, war eine der ersten großen Ausstellungen im neuen Gebäude „Raumforschung zum Nutzen der Menschheit“ 1963 dem Weltraum gewidmet und entstand in Zusammenarbeit mit der NASA.

 

Postkarte Ausstellung „Raumforschung zum Nutzen der Menschheit“, 1963  © Urania BerlinPostkarte Ausstellung „Raumforschung zum Nutzen der Menschheit“, 1963

© Urania Berlin

 

Dass es jetzt wieder eine Tendenz gibt, Meyers Ansätze aufzuarbeiten und in die Neukonzeption des Zeiss-Großplanetariums einfließen zu lassen, finde ich interessant. Sicherlich wird die Raumfahrt heute noch als prestigeträchtig angesehen und vermag es stetig, Schlagzeile zu machen. Auf der anderen Seite spitzen sich die Debatten um den Schutz der Erde bereits seit den 1970er Jahren zu. Dieser Wandel wurde oft mit den Weltraumfotografien ‚Earthrise’ (Apollo 8, 1968) und ‚Blue Marble’ (Apollo 17, 1972) in Verbindung gebracht. Das „Raumschiff Erde“ habe keinen Notausgang, so ein zeitgenössischer Slogan, und spätestens seit der Ausrufung des „Anthropozän“ wird der Mensch für das weitere Schicksal des Planeten in die Verantwortung genommen. Dies ist auch deshalb spannend, weil bereits das Stück „Von der Erde bis zum Monde“ einen naturnahen Anblick der Erde aus der Weltraumperspektive bot. Auf dem Mond angekommen, zeigte das Stück die Erde am Himmel des Mondes, die sich als „grünumrankter Wohnsitz“ scharf von der lunaren „Todesöde“ abhob. Anders als gemeinhin angenommen, hat der Blick zurück zur Erde eine lange (Medialisierungs-)Geschichte, die mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht und unter anderem nach Berlin führt. Ein genauerer Blick auf Berlin hat sich also durchaus gelohnt, um die Beziehungen zwischen der wechselvollen Geschichte einer Metropole sowie den jeweiligen Weltraumkonzeptionen zu untersuchen.

Tatsächlich stellt der Blick auf Berlin nur ein Untersuchungsfeld der Emmy Noether-Forschergruppe dar. Die Ergebnisse unseres Workshops sollen im Laufe dieses Jahres veröffentlicht werden. Derzeit planen wir die Abschlusskonferenz "Futuring the Stars: Europe in the Age of Space", die vom 18. bis 19. März 2016 in Berlin stattfinden wird. Sicherlich wird es dabei erneut auch um Berlin und seine Bedeutung innerhalb der europäischen und internationalen Astrokultur gehen. Zweck und Ziel wird es in erster Linie sein, die verschiedenen Forschungsschwerpunkte der Gruppenmitglieder, die von der Kulturgeschichte der Rakete über die Visualisierung und Militarisierung des Weltraums bis hin zu UFOs und dem Weltraum als Ort spiritueller Erneuerung reichen, vorzustellen und mit Experten aus Europa und den Vereinigten Staaten zu diskutieren.




[1] Workshop „Berliner Welträume im 20. Jahrhundert“: Abstracts.
[2] Die hauseigene Zeitschrift der Urania ‚Himmel und Erde’ wurde zwischen 1889 und 1915 herausgegeben und von Max Wilhelm Meyer geleitet.
[3] Werner von Siemens: Das naturwissenschaftliche Zeitalter, Berlin 1886.
[4] Zeiss Großplanetarium: Auf dem Weg zum modernen Wissenschaftstheater, Medien-Info vom 26. März 2014.
[5] Rudolph Nebel: Die Narren von Tegel. Ein Pionier der Raumfahrt erzählt, Düsseldorf 1972.
[6] Die Operation Overcast (Paperclip) der USA führte seit dem März 1946 auch die Peenemünder Ingenieure in die USA über, die ab 1950 im Redstone Military Arsenal in Huntsville (ab 1960 George C. Marshall Space Flight Center) in Alabama an Mittelstreckenraketen arbeiteten. Mit der Operation OSOAWIACHIM (Gesellschaft zur Förderung der Verteidigung, des Flugwesens und der Chemie) flog die Sowjetunion ca. 308 Raketenexperten in das Raketeninstitut NI-88 in Podlipki bei Moskau und nach Kasachstan, die anschließend bis 1953 auf der Insel Gorodomilia arbeiteten. Vgl. Annie Jacobson: Operation Paperclip: The Secret Intelligence Program that brought Nazi Scientists to America, New York 2014; Reiner Eisfeld. Mondsüchtig: Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei, Reinbek bei Hamburg 2000.