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Russland, Zwangsarbeit von Juden. Quelle: Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0) © Bundesarchiv, Bild 101I-138-1083-25/Kessler, Rudolf

Originalunterschrift der Propagandakompanie der Wehrmacht: Russland, Mogilew. Arbeitseinsatz von Juden. Gruppe jüdischer Männer mit aufgenähten Judensternen und geschultertem Spaten und Besen, Deutsche Soldaten; PK 689
Quelle: Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0 DE) © Bundesarchiv, Bild 101I-138-1083-25/Kessler, Rudolf

 

Ein Schriftdenkmal für zwei Millionen Tote
Zum Erscheinen von Band 8 der Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“
von
Bert Hoppe und René Schlott
Druckversion

Veröffentlicht: März 2016

Sechzehn Bände mit je 800 Druckseiten. Mehr als einhundert beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Übersetzerinnen und Übersetzer. Getragen von einem Millionenbudget. Das Editionsprojekt „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ will die umfangreichste gedruckte Quellensammlung für das Gesamtgeschehen des Holocaust in deutscher Sprache vorlegen. Seit 2005 laufen die Forschungsarbeiten, drei Jahre später erschien schließlich der erste Band der nach Territorien gegliederten Reihe, die in einem multiperspektivischen Zugang sowohl Täter- wie Opfer- und Zuschauerdokumente vereinen soll: „Die Edition macht somit einer Leserschaft, die sich bereits in einer Fülle von Monographien und Synthesen über das Thema kundig machen konnte, Dokumente zur Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden nach dem neuesten Stand der Forschung zugänglich.“[1]

Mit dem kürzlich erschienenen Band 8, der das Mordgeschehen in Weißrussland, der Ukraine und den 1939 von der Sowjetunion annektierten Gebieten Ostpolens dokumentiert, liegt nunmehr der neunte von 16 geplanten Bänden vor. Ulrich Herbert, einer der Herausgeber der Reihe, stellte den neuen Band der Edition am 23. Februar 2016 aus Anlass einer Lesung im Centrum Judaicum in Berlin vor. Herbert nannte das Buch dabei ein Schriftdenkmal für zwei Millionen getötete jüdische Männer, Frauen und Kinder und stellte den signifikanten Unterschied des Judenmordes in der Sowjetunion, den anonymen Tötungen in den Vernichtungslagern im besetzten Polen gegenüber: Jedes der Opfer an den Erschießungsgräben in der Ukraine oder in Weißrussland habe einen individuellen Mörder gehabt, der den tödlichen Schuss abgab: „the Holocaust by Bullets“ (Patrick Desbois). Bei der Lektüre der Dokumentenauswahl sei ihm besonders aufgefallen, wie euphemistisch die Täter ihre Mordtaten beschrieben, oft mit den Worten: Die Juden seien zur „Grube geführt“ worden. Die fast 300 Dokumente aus 45 Archiven reichen dabei von der lapidaren schriftlichen Bitte eines 13-jährigen Schülers im Oktober 1941, ihm das Akkordeon eines Juden zu übergeben, bis zu den Abhörprotokollen von Wehrmachtssoldaten in britischer Kriegsgefangenschaft, die sich über ein Massaker in der Ukraine unterhielten, und weiter bis zu den Inschriften an den Wänden der Synagoge im ehemals ostpolnischen Kowel, im letzten Augenblick verfasst von Juden, die dort auf ihre Exekution warteten.

René Schlott sprach mit Bert Hoppe, dem Bearbeiter des aktuellen Quellenbandes über seine Arbeit. Das Gespräch fand am 29. Februar 2016 in Berlin statt und wurde zunächst aufgezeichnet, transkribiert und schließlich von Bert Hoppe autorisiert.

R.S.: Wie würden Sie den Band 8 der Edition charakterisieren?

Bert Hoppe: Die Edition an sich ist eine Gratwanderung, da sie die Geschichte der Judenverfolgung nicht schreibt, dafür ist die Auswahl der Dokumente zu ausschnittartig. Es ist zwar ein Band von fast 800 Seiten, aber es ist dennoch lediglich ein Panorama unzähliger Aspekte, die diese Geschichte hat.

R.S.: Seit wann haben Sie an dem Band gearbeitet?

Bert Hoppe: Ungefähr seit Anfang 2010, allerdings mit einer Unterbrechung von zwei Jahren. Die Arbeit an den Dokumenten und der Einleitung habe ich zu Beginn des Jahres 2015 abgeschlossen, danach begann der umfangreiche Prozess des Lektorats. Zuvor habe ich bereits an Band 7 gearbeitet, der sich mit dem Judenmord in den besetzten sowjetischen Gebieten unter der Militärverwaltung, im Baltikum und in Transnistrien befasst und der im Jahr 2011 erschienen ist. Letztlich muss man beide Bände als Einheit begreifen, um sich ein Bild vom Holocaust im Verlauf des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion 1941 bis 1945 verschaffen zu können.

R.S.: Welchen neuen Beitrag leisten die Bände für die Holocaustforschung zum Judenmord in der Sowjetunion?

Bert Hoppe: Die beiden Bände enthalten zahlreiche Dokumente, die zuvor für viele Holocaustforscher aufgrund der Sprachbarriere nicht zugänglich waren. Insgesamt enthalten sie Quellen, die aus 13 Sprachen übersetzt wurden, plus die im Original deutschsprachigen Dokumente. Schon aus diesem Grund wird die bisher täterzentrierte Perspektive mit diesen beiden Bänden aufgebrochen.

R.S.: Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele, bislang noch nicht veröffentlichte Quellen zu edieren. Wie sind Sie bei der Quellensuche vorgegangen?

Bert Hoppe: Zum einen kann man ganz klassisch in die Archive gehen und sich die Findbücher der einschlägigen Bestände anschauen. Man kann dabei auch auf thematisch nicht unbedingt naheliegende Bestände achten, in denen sich möglicherweise auch auf den Judenmord bezogene Dokumente finden, wie etwa in der Finanzverwaltung. Zum anderen kann und muss man sich bei der Suche sehr stark auf die Arbeit anderer Forscherinnen und Forscher stützen und schauen, auf welche Dokumente sie in den Fußnoten ihrer Werke verweisen. So wird man auf weitere Bestände aufmerksam. Angesichts der Weite des Raumes, der in den Bänden abgehandelt wird, und der vielen Einzelaspekte, die wir in der Edition abbilden wollen, hätte man die beiden Bände zu den besetzten sowjetischen Gebieten anders auch kaum in einem verantwortbaren Zeitraum fertig stellen können.

Wichtig war es uns, neben den bislang nicht edierten Dokumenten auch zentrale Schlüsseldokumente abzudrucken, in diesem Band etwa die „Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage“, die Alfred Rosenberg als Minister für die besetzten Ostgebiete im August 1941 erließ. Darin heißt es unter anderem, dass „(...) die bei der Behandlung der Judenfrage in den besetzten Ostgebieten gemachten Erfahrungen für die Lösung des Gesamt-Problems richtungweisend“ sein könnten. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Deutschen in den besetzten Ostgebieten dazu über, den antijüdischen Terror zu einem Völkermord an den Juden auszuweiten.

R.S.: Welches waren die wichtigsten Forschungsarbeiten, auf die Sie bei Ihrer Quellenrecherche zurückgriffen?

Bert Hoppe: Als wichtiger Impulsgeber ist an erster Stelle Raul Hilberg zu nennen, dessen Werk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ nach wie vor die Referenz schlechthin ist und das über eine enorme Quellendichte verfügt, obwohl er sich „nur“ auf die Beweisstücke der Nürnberger Prozesse und das Archiv des YIVO (Institute for Jewish Research) stützen konnte. Weitere wichtige Werke waren für mich unter anderem die einschlägigen Monographien von Christian Gerlach, Peter Klein und Götz Aly, von Martin Dean, Yitzhak Arad und Yehuda Bauer sowie natürlich die Forschungsarbeiten der Kollegen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wie Aleksandr I. Kruglov.

R.S.: Wohin haben Sie die Archivreisen geführt?

Bert Hoppe: Die Hauptarbeit habe ich in den Archiven des Holocaust-Museums in Washington und in Yad Vashem vorgenommen, da diese beiden Institutionen über riesige Sammlungen von Quellen aus zahlreichen osteuropäischen Archiven verfügen, die nun auf Mikrofilmen an einem Ort verfügbar sind. Zudem habe ich hauptsächlich in Moskau und Kiew nach Dokumenten gesucht.

R.S.: Wie sind Sie bei der Auswahl der Quellen vorgegangen?

Bert Hoppe: Zunächst war es wichtig, Dokumente zu finden, die wir vollständig abdrucken können und die inhaltlich für sich stehen und eine „Geschichte“ erzählen, also nicht allzu viele Querbezüge oder erklärungsbedürftige Kontexte enthielten. Alle in Frage kommenden Dokumente sind dann in eine Tabelle mit kurzen Inhaltsangaben eingetragen und mit den Herausgebern besprochen worden. Sie haben darauf geachtet, ob bei der Auswahl die verschiedenen Perspektiven angemessen vertreten sind, und gegebenenfalls Anregungen gegeben, welche Aspekte stärker berücksichtigt werden müssen. In einer zweiten Runde habe ich den Herausgebern dann die Kopien der vollständigen Dokumente zur Verfügung gestellt. Auf dieser Grundlage wurde dann die endgültige Auswahl getroffen.

R.S.: Wie sind Sie vorgegangen, um die Perspektiven von Tätern, Opfern und Zuschauern in einem Band vereinen zu können?

Bert Hoppe: Es war sehr schwierig, Opferdokumente zu finden, die nicht erst nach Kriegsende entstanden sind und deshalb für unsere Edition nicht in Frage kommen. Zeugnisse aus der Zeit nach 1945 werden deshalb nicht abgedruckt, weil sie quellenkritisch problematisch sind – häufig sind Erinnerungen davon beeinflusst, was Menschen später von Dritten über die Ereignisse erfahren haben. Außerdem haben die Deutschen ihre Opfer vielfach so schnell umgebracht, dass diese schlicht nichts dokumentieren konnten. Und denjenigen, die in den häufig nur kurze Zeit bestehenden Ghettos lebten, mangelte es an Papier, um etwa ein Tagebuch zu führen. An der Materialität der wenigen erhaltenen Dokumente bemerkt man zudem die schlechte Qualität des Papiers.

Bei den Bystanders können wir nur schwer sagen, warum es so wenige Dokumente gibt. Man muss sich jedoch vergegenwärtigen, dass die Verfolgung der Juden für die nicht-jüdischen Nachbarn nur ein Aspekt der allgegenwärtigen Gewalt war. Die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen im deutschen Gewahrsam hat die nicht-jüdischen Sowjetbürger beispielsweise häufig stärker betroffen, als etwa Massaker, die an Juden verübt wurden. Zudem gab es auch eine verständliche Furcht der Zeugen, aufzuschreiben, was sie beobachtet haben.
Um die Perspektive der Opfer und der Bystander dennoch einzufangen, habe ich auf die Vernehmungsprotokolle des sowjetischen NKVD (des Volkskommissariats des Inneren der UdSSR) zurückgegriffen, die unmittelbar nach der Befreiung der Gebiete durch die Rote Armee entstanden. Allerdings sind diese Dokumente kritisch zu lesen und mit Quellen anderer Herkunft abzugleichen. Zudem handelt es sich bei den Protokollen nur in seltenen Fällen um wortgenaue Stenogramme der Befragungen, sondern meist um Zusammenfassungen der jeweiligen Aussagen, und daher sind diese Texte meist in der Sprache der Fragenden verfasst.

R.S.: Hatten Sie bei der Arbeit an dem Band einen imaginären Leser vor Augen?

Bert Hoppe: Eigentlich nicht. Die Bände der Edition sind so angelegt, dass sie unterschiedlichen Lesergruppen neue Erkenntnisse bieten, von Schülern und Studenten bis hin zu den professionellen Holocaustforschern. Grundsätzlich sollen die Dokumente auch für Leser verständlich sein, die wenig Vorwissen mitbringen. Dennoch gibt es auch Texte, die sehr schwer zugänglich sind. Ein solches Dokument „für Fortgeschrittene“, wie es einer der Herausgeber formulierte, ist im Band 8 beispielsweise das vom britischen Geheimdienst dechiffrierte Funktelegramm der Ordnungspolizei. Die vielen Funkkennungen verwirren hier, die Sprache ist bedingt durch das Medium äußerst knapp, und die eigentliche Meldung über jüdische Familien, die sich in den Wäldern verbergen, umfasst nur einen Halbsatz.

R.S.: Warum war es Ihnen wichtig, es trotzdem aufzunehmen?

Bert Hoppe: Weil das zum Prinzip der Edition gehört, die Dokumente möglichst ungekürzt abzudrucken, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Judenverfolgung im Kontext dieser Militär- und Polizeiverwaltung ausgesehen hat. Wenn man bei diesem Dokument die vielen verschiedenen Funkcodes ansieht, dann bekommt man auch einen Eindruck davon, wie intensiv die Kommunikation zwischen Berlin und dem Feld war und welche unterschiedlichen Funksprüche da hin und her gingen. Von einer Sekretärin, die genug davon hat, an der Front eingesetzt zu sein und die zurück nach Berlin möchte, bis hin zu der unglaublichen Meldung über den Mord an Juden. Und alle Meldungen in dieser immer gleichen technischen Sprache. Und nicht zuletzt zeugt das Dokument auch vom Wissen der Alliierten über die Morde.

R.S.: Welche Erkenntnisse für die Forschung können darüber hinaus aus der Lektüre der in Band 8 versammelten Dokumente gewonnen werden?

Bert Hoppe: Das lässt sich schwer in prägnante Thesen fassen, da die Aufgabe der Edition ja vorrangig darin besteht, möglichst viele Aspekte und Perspektiven abzubilden. Zunächst einmal können wir zahlreiche Forschungsergebnisse bestätigen. Etwa das schon sehr früh von Raul Hilberg formulierte Paradigma vom Holocaust als einem arbeitsteiligen Vorgang, an dem neben Polizei und SS auch die Angehörigen der Wehrmacht und vor allem der zivilen Besatzungsverwaltung mitgewirkt haben. Was die Dokumente der Opfer angeht, so zeigen sie häufig, für wie aussichtlos diese ihre Lage einschätzten. Teilweise kehrten Menschen, die aus den Ghettos geflohen waren, wieder dorthin zurück, weil sie fürchteten, im Wald zu verhungern.

R.S.: Was resultierte aus dem Gefühl der Aussichtslosigkeit bei den Verfolgten?

Bert Hoppe: Vor allem Resignation. Ein weißrussischer Jude aus Nowogródek hielt im August 1942 in seinem Tagebuch fest: „Die Stimmung ist gedrückt. Die Sache ist bereits klar. Ganz Europa soll judenrein werden. Für jeden Einzelnen von uns ist das Todesurteil bereits unterschrieben. Nur die Exekution der Übriggebliebenen ist noch für kurze Zeit aufgeschoben. […] Zustand der Resignation. Es gibt keinen Ausweg, man kann nichts mehr tun.“ Dieses auf Hebräisch verfasste und heute im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau gelagerte Dokument wird in diesem Band zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt und auszugsweise abgedruckt. Es ist uns allerdings nicht gelungen etwas über das Schicksal seines Verfassers, dessen Name Bejnisz Berkowicz lautete, herauszufinden.

R.S.: Haben Sie Belege für einen jüdischen Widerstand gefunden?

Bert Hoppe: Ja, diese Quellen gibt es. Allerdings geht aus ihnen auch hervor, dass es zu aktiven und insbesondere zu bewaffneten Widerstandsaktionen erst kam, als die Deutschen bereits die meisten Juden ermordet hatten. Vorher klammerten sich die Ghettobewohner an die Hoffnung, sich durch ihre Arbeit unentbehrlich zu machen. Zudem erfuhren sie durch die Rückkehrer aus den Wäldern, wie schwer das Überleben außerhalb der Ghettos war. Die Aufstände gegen die Deutschen wurden daher durchweg erst dann durchgeführt, wenn die Ghettos von einheimischen und deutschen Polizisten umstellt waren und die Insassen wussten, dass ihnen der sichere Tod bevorstand.

R.S.: Welche Erkenntnisse resultieren in sprachlicher Hinsicht aus der Lektüre der Quellen? Wie wurde das, was wir heute als Holocaust bezeichnen, von den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen benannt?

Bert Hoppe: In den russischsprachigen Quellen ist im Zusammenhang mit den Judenmorden oft von „Pogromen“ die Rede. Für uns klingt dieser Begriff heute geradezu verharmlosend, er verweist aber auf den Bezugsrahmen, in dem die antijüdische Gewalt wahrgenommen wurde. Das war die brutale Verfolgung der Juden in Russland und der Ukraine am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals hatten einheimische Nationalisten und warlords zwar ebenfalls tausende Juden massakriert, die Welle der Gewalt war aber schließlich abgeebbt. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum viele hofften, nach den ersten Massenerschießungen durch deutsche Polizisten im Sommer und Herbst 1941 werde auch dieses Mal wieder Ruhe einkehren.

R.S.: Wie unterscheidet sich die Sprache in den Täter-, Opfer- und Zuschauerquellen?

Bert Hoppe: Sie unterscheidet sich vor allem in ihrer Emotionalität. Die Dokumente der Opfer sind zudem oft von der Überraschung darüber gekennzeichnet, dass die Deutschen Juden ermordeten. Schließlich hatten sie sich diesen gegenüber während der Besatzungszeit im Ersten Weltkrieg relativ korrekt verhalten. Die vorherrschende Erwartungshaltung der Juden ging zudem von kultivierten und ordnungsliebenden Deutschen aus.

R.S.: Der Historiker Timothy Snyder hat in seinen letzten Büchern dezidierte und in der Forschung äußerst umstrittene Aussagen zum Holocaust gerade für den geographischen Raum gemacht, der auch im Mittelpunkt des neuen Quellenbandes steht. Würden Sie nach dem intensiven Studium der Quellen Snyders Aussagen etwa von der Ukraine als „Gewaltraum“ bestätigen ?

Bert Hoppe: Ich würde ihm hier eher widersprechen. Seine in „Bloodlands“[2] formulierten Thesen erinnern mich ein wenig an Ernst Noltes Aussage, wonach der GULAG ursprünglicher als Auschwitz sei. Er hebt auf die Interaktion zwischen den Verbrechen des sowjetischen NKVD und der deutschen Sicherheitspolizei ab, und berücksichtigt meines Erachtens zu wenig, dass die Nationalsozialisten keinerlei Anregungen benötigten, um ihre Morde in Gang zu setzen. Die grundlegenden „verbrecherischen Befehle“, mit denen die deutsche Führung die Regeln der Kriegsführung außer Kraft setzte und die Juden als wesentliche Opfergruppe von Mordaktionen definierte, wurden schon Wochen und Monate vor dem Überfall auf die Sowjetunion verfasst. Snyders zuletzt in „Black Earth“ formulierte Ansicht, wonach die mangelnde Staatlichkeit dieser Gebiete Voraussetzung für das Ausmaß des Judenmordes gewesen sei, lassen unberücksichtigt, wie stark die Deutschen dabei auf die Zuarbeit der örtlichen Verwaltungen angewiesen waren.[3]

R.S.: Welches der Dokumente hat Sie persönlich besonders beeindruckt?

Bert Hoppe: Das Tagebuch des Schülers Roman Kravčenko (1926-2011), der als 16-jähriger die Deportation der Juden aus seiner Heimatstadt Kremenec (Ukraine, bis 1939 polnisch: Krzemieniec) dokumentiert hat. Ich habe Kravcenko leider nicht persönlich treffen können, weil er inzwischen in Murmansk lebte, aber wir standen per E-Mail in Kontakt – und er schrieb in einem wunderbaren, leicht antiquierten Deutsch. Auf diese Weise konnte ich diese Quelle plötzlich mit einem konkreten Menschen verbinden, und sie wurde quasi lebendig.

R.S.: Haben Sie mit Ihrer Familie oder mit Freunden über die Arbeit an dem Band gesprochen?

Bert Hoppe: Nein, mit der Familie so gut wie nie. Auch mit Freunden nur sehr selten; Völkermord ist ein sehr beklemmendes Thema, das ich in persönlichen Gesprächen nicht von mir aus anschneide. Wenn ich nach dieser Arbeit gefragt werde, erzähle ich davon, ansonsten stehen die Bände für sich.

R.S.: Wie sind Sie selbst damit umgegangen, täglich mit dem Holocaust konfrontiert zu werden?

Bert Hoppe: Eine solche Arbeit lässt sich nur leisten, wenn man eine professionelle Distanz zum Thema aufbaut. Man kann das mit der Arbeit eines Arztes vergleichen, der sich zwar für seine Patienten interessieren muss, ihr Schicksal aber nicht mit nach Hause nehmen darf. Im Arbeitsalltag hat geholfen, dass ich das Gesamtgeschehen meist nur ausschnittartig auf einer Mikroebene wahrgenommen und auf konkrete Fragen heruntergebrochen habe, die dann ebenso konkret zu beantworten waren.

 

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[1] Moshe Zimmermann, Stationen kumulativer Radikalisierung. Das Editionsprojekt "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland", in: Neue Politische Literatur 59 (2014), S. 10-22, hier S. 22; Siehe auch: Andrej Angrick, Dokumentation, Interpretation, Impuls. Das Editionsprojekt „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden 1933–1945", in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 5 (2008), S. 446-450.
[2] Timothy Snyder, Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin, München 20155.
[3] Timothy Snyder, Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015.