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Wandbild "Aufbau der Republik" von Max Lingner in der Vorhalle des Detlev-Rohwedder-Hauses in Berlin

Wandbild "Aufbau der Republik" von Max Lingner in der Vorhalle des Detlev-Rohwedder-Hauses in Berlin, 01.01.2010, Foto: Manfred Brückels, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Atlas des Kommunismus“ - Experten des Alltags erzählen Geschichten aus der DDR
Theater in der Komfortzone oder politische Bildung für die Nachgeborenen?
von
René Schlott und Jakob Saß
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Veröffentlicht am 1. Februar 2017

Sämtliche Vorstellungen sind ausverkauft. Publikum und Feuilleton zeigen sich begeistert.
Im Dokumentartheaterstück „Atlas des Kommunismus" der argentinischen Regisseurin Lola Arias erzählen fünf Frauen ihre Lebensgeschichten, die sich überwiegend in der DDR abspielten. Drei weitere Darsteller/innen stehen für die nachfolgenden Generationen: „Wende“ und „Einheit“.
Zwei Redakteure von Zeitgeschichte-online haben sich das Stück angesehen, einer der beiden (Jakob Saß) wurde kurz vor dem Ende der DDR geboren, der andere (René Schlott) ist Jahrgang 1977.
Das Ergebnis ihrer Beobachtungen könnte unterschiedlicher nicht sein. René Schlott berichtet über einen Abend im „Wohlfühltheater“ mit geradezu anheimelnden Geschichten aus der DDR. Jakob Saß hingegen ist ob der „multiperspektivischen Erzählungen“ der Darsteller/innen mehr als begeistert.

 

Das Wohlfühltheater erzählt Geschichten aus der DDR und bleibt dabei in der Komfortzone
von René Schlott

Natürlich dauerte es nicht lange, bis der Name Andrej Holm fiel, als sich die etwa fünfzig Zuschauerinnen und Zuschauer nach dem Stück „Atlas des Kommunismus“ im Maxim Gorki Theater zur Diskussion mit den LaiendarstellerInnen eingefunden hatten.
Um es vorwegzunehmen, zu hitzigen Diskussionen und Kontroversen kam es nicht. „In der Debatte um Holm traute ich mich ja gar nicht mehr, zu meiner DDR-Biographie zu stehen. Der Abend hat mir dazu wieder Mut gemacht“, mit diesem Einwurf brachte eine Zuschauerin den allgemeinen Konsens im Saal auf den Punkt. Eine andere Diskutantin zog aus der Inszenierung die Schlussfolgerung, dass es notwendig sei, sich gegenseitig die Lebensgeschichten zu erzählen, um Verständnis füreinander zu entwickeln. Lediglich ein einziger Zuschauer erlaubte sich eine kurze Intervention, wonach sich die Diskussion nach einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung anfühle, und schloss die Frage an, wo denn die Konflikte auf der Bühne geblieben seien. Allein sein Versuch, die Harmonie im Saal zu hinterfragen, blieb erfolglos. Das Publikum verharrte in der Komfortzone: Willkommen im Wohlfühltheater! Denn das war es vor allem, was zuvor auf der Bühne geboten wurde.

Die Inszenierung der 1976 geborenen argentinischen Regisseurin Lola Arias folgt einem schon länger andauernden Dokumentartheater-Trend, der die Protagonisten selbst auf die Bühne stellt und die Rollen nicht mit ausgebildeten Schauspielern besetzt. Versprecher und Aussetzer werden nicht als Fehler wahrgenommen, sondern suggerieren Authentizität.
In Arias' Stück „Atlas des Kommunismus“ erzählen acht Personen unterschiedlichen Alters ihre Lebensgeschichte. Fast alle eint ihre DDR-Biographie, beziehungsweise die Tatsache in der DDR geboren worden zu sein. Mit einer Ausnahme sind es Frauen, eine bewusste Entscheidung der Regisseurin nach der ermüdenden Erfahrung mit männlichen Zeitzeugen, die sie in der Vorrecherche für das Stück getroffen hatte. Die beiden jüngsten Protagonistinnen unter den acht DarstellerInnen kennen den 1990 untergegangenen Staat nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern.

Die einzige professionelle Schauspielerin auf der Bühne ist Ruth Reinecke, die seit 1979 am Gorki spielt. Sie sorgt für eine der dramaturgisch interessantesten Szenen der Inszenierung, als sie in die Rolle der „Mette“ in der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun schlüpft, die sie 1988 am Gorki spielte. Auf einem Tisch stehend, schreit Reinecke mit den Worten Brauns ihre Verzweiflung über die erstarrten Verhältnisse in der späten DDR heraus: „Wie klein diese Punkte sind, zwischen denen wir unsere Linien ziehen jeden Tag mit dem Lineal, wie die Schulkinder, diese Wahrheiten und nicht darüber hinaus. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Die Strichmänner der Planung. Ich will alles aus mir holen, meine Angst, meine Lust, meine Scheiße, mein Blut. Ich will Tag und Nacht sein. Ich will über die Grenze gehen." Die SchauspielerInnen tragen anschließend Aussagen aus dem damals aufgezeichneten Publikumsgespräch vor, die vor Augen führen, wie fragil die Situation des Landes und wie aufgeheizt die Stimmung bei den Zuschauerinnen und Zuschauern in der Endzeit der DDR war.

Das Stück heute ist von der manchmal psychedelischen Livemusik (Jens Friebe) bis hin zum durch einen Vorhang zweigeteilten Bühnenbild (Jo Schramm) mit Leninkopf stimmig inszeniert. Eine Position, eine Haltung zur DDR hat es dagegen nicht.
Die Inszenierung bietet verschiedene Deutungsangebote der DDR-Geschichte in einem ähnlich breiten Spektrum, wie es die zeithistorische Forschung mit ihren Begriffen von der „Konsensdiktatur“ (Martin Sabrow) bis hin zum „Unrechtsstaat“( Ilko-Sascha Kowalczuk) tut. Anders ausgedrückt bot der Abend lediglich ein biographisches Potpourri, und das in einer Zeit, wo vom Theater Mut und Haltung zu gegenwärtigen Problemen gefragt ist. Und so herrschte im Zuschauerraum, nachdem der Vorhang fiel, vor allem Ratlosigkeit, über die jedoch mit tosendem Applaus hinweg geklatscht wurde. Denn der Antwort auf die Frage, was die DDR nun gewesen sei, hatte sich die Inszenierung verweigert. Vielmehr legte sich im Verlauf der vorangegangenen Stunden vor allem Nostalgie wie Mehltau über Bühne und Zuschauerraum. Selbst jene Akteure auf der Bühne, die für jede Art Vergangenheitsbeschwörungen eigentlich noch zu jung sind, schwelgten in Nostalgie getreu dem Motto eines Stückes nach Joachim Meyerhoff, das einst auch in diesem Haus gegeben wurde: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“

Nach Stück und Diskussion geht es kurz vor Mitternacht auf den Heimweg in Richtung Bahnhof Friedrichstraße vorbei am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität, das Studierende aus Solidarität mit Andrej Holm seit mehr als einer Woche besetzt halten.
Spontan kommen dem Vorübereilenden die ersten Sätze aus dem Buch „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf in den Sinn: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“

 

Wenn „Experten des Alltags“ erzählen. Kommentar eines Einheitskindes zum Stück „Atlas des Kommunismus“ im Maxim Gorki Theater
von Jakob Saß

Ein wiedervereinigtes Deutschland war für mich als Kind genauso selbstverständlich wie der „Abendgruß“ des Sandmännchens vor dem Schlafengehen. Als Vertreter der „Generation Einheit“ des Jahrgangs 1990 wurde ich mit dem abendlichen Fernsehritual zum Zeugen einer „ostdeutschen Erfolgsstory“.[1] Der „Sandmann“ war immerhin die einzige DDR-Kindersendung, die nach der Wiedervereinigung nahtlos übernommen wurde. Das war mir in meinem jungen Alter ebenso wenig bewusst wie die Tricks meiner Eltern, die mir nicht selten über den Videorekorder aufgezeichnete Sendungen zeigten, wenn sie mich früher ins Bett schicken wollten. Ein „Erinnerungsort“[2] bedeuteten Pittiplatsch und Co. für mich allerdings nicht, sondern lediglich eine positive Kindheitserinnerung.

Reale „Erinnerungsorte“ waren dagegen die Erzählungen aus dem Kreis meiner Familie, die aus der ehemaligen DDR stammt. Sie ergänzten mein Geschichtsbild aus dem Schulunterricht, stellten es gleichzeitig jedoch oft auf den Kopf. Mir wurde daher von meinen Eltern eingeschärft, alles kritisch zu hinterfragen und von allen Seiten zu beleuchten. Dies mag ein Grund sein, warum mich das Stück „Atlas des Kommunismus“ am Maxim Gorki Theater so fasziniert hat. Denn hier wird, gemäß eines Leitsatzes aus meinem Public-History-Studium, Geschichte in Geschichten erzählt. Und zwar von ZeitzeugInnen, den „Experten des Alltags“ (Lola Arias). Die sehr verschiedenen Lebensgeschichten der ProtagonistInnen machen das Stück außergewöhnlich.
Einige der DarstellerInnen entschieden sich freiwillig für ein Leben in der DDR, andere wurden dort geboren, die jüngsten kennen den Mauerfall ebenso wie ich nur aus Erzählungen. Es ist somit weniger ein „Atlas des Kommunismus“ als vielmehr eine bunte Collage von Schicksalen aus dem realen Sozialismus und schließlich Anekdoten aus der Nachwendezeit. Dadurch jedoch nicht minder spannend und bewegend, denn alle erzählen offen von ihren Erfahrungen, Träumen und Enttäuschungen und nicht selten auch von traumatischen Erlebnissen.

Die Inszenierung lebt zudem von drei geschichtsdidaktischen Konzepten: Multiperspektivität, Narrativität und Rekonstruktion.
Allein durch die verschiedenen Jahrgänge der ErzählerInnen ergeben sich konkurrierende Deutungsmuster der Geschichte, beispielsweise zur Wiedervereinigung. So kam etwa Mai-Phuong Kollath im Jahr 1981 als vietnamesische Vertragsarbeiterin nach Rostock. Ein Leben in der DDR hieß für sie fünf Quadratmeter in einem Plattenbau in Rostock-Lichtenhagen, Isolation und Einsamkeit, lange Arbeitstage und das Einüben vietnamesischer Kampflieder nach Feierabend. Integrieren konnte sie sich erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands.
Auch für die ehemalige Punk-Sängerin Jana Schlosser begann 1990 ein neues Leben. Zu DDR-Zeiten wurde sie wegen ihrer systemkritischen Texte inhaftiert.  Die ehemalige Dolmetscherin Monika Zimmering spricht dagegen nicht von „Wende“, sondern vom „Untergang unseres Landes“. Zwar hatte sie noch am 9. November 1989 auf der Pressekonferenz die legendären Worte Günter Schabowskis ins Französische übersetzt, nach der Wiedervereinigung aber Schwierigkeiten gehabt, ihren Job zu behalten.

Die Erzählebenen der DarstellerInnen gehen fließend ineinander über: Auf der ersten Ebene spielen die Darstellerinnen und der einzige männliche Protagonist Tucké Royale einzelne biographische Geschichten nach. Sie tun dies trotz ihrer verschiedenen Ansichten gemeinsam. Auf eine Leinwand projizierte private Fotos und sogar Ausschnitte aus den eigenen Stasi-Akten sorgen für ein Gefühl von Authentizität. Auf der zweiten Ebene erzählen die Personen von ihrem heutigen Leben und reflektieren ihre Vergangenheit in Interaktion mit den anderen. So muss sich beispielsweise Salomea Genin im Verlauf des Stücks immer wieder kritische Fragen stellen lassen, warum sie 18 Jahre lang als „IM“ für die Staatssicherheit gearbeitet habe.

Auf einer dritten Erzählebene wird das eigene Stück hinterfragt, welche Wirkung es für diejenigen auf und jene vor der Bühne habe. Dabei wird deutlich, dass die Beteiligten keineswegs versuchen, einen Konsens zu erlangen oder dem Publikum eine Botschaft zu vermitteln. Die Botschaft ist vielmehr die, einen offenen Dialog zu führen.
Erschüttert, aber auch mit Respekt vor dem Mut der DarstellerInnen hörte ich, wie einige ZeitzeugInnen sich vor ausverkauftem Saal zu ihrer Tätigkeit bei der Stasi oder ihrer SED-Mitgliedschaft bekannten. Das wirkte angesichts der Debatte um den ehemaligen hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter Andrej Holm umso bemerkenswerter. Auch wenn die Konflikte zwischen den DarstellerInnen nicht konsequent auf der Bühne ausgetragen werden, leben sie genau das vor, was der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk vor kurzem von der „Linkspartei, Staatssekretär Holm und der Berliner Landesregierung“ forderte: eine „aktive und offensive Erinnerungspolitik“.[3]

„Offenheit ist in Deutschland nicht üblich“, sagte eine der DarstellerInnen in der Diskussionsrunde nach Ende des Stücks. „Gerade deswegen wollten wir die Zuschauer und Zuschauerinnen anregen, kritisch zu denken, zu diskutieren, sich aufzuregen, aber sich schließlich dann auch die Zeit zu nehmen, um anderen zuzuhören.“ Das gelte für die DDR-Vergangenheit ebenso wie für aktuelle Probleme wie etwa den Umgang mit Flüchtlingen, für die sich die 17-jährige Aktivistin Helena Simon im Stück wie im Leben engagiert. Sie selbst habe während der Probephase mehr über die DDR gelernt als jemals zuvor, erzählt sie.[4]
Auch mich hat der Abend zum Nachdenken angeregt.
Tatsächlich schafft ein Stück wie „Atlas des Kommunismus“ mit seinen multiperspektivischen, aber leicht verständlichen Geschichtserzählungen womöglich gerade für jüngere Generationen mehr Anreiz, sich mit dem Thema zu beschäftigen als jede Unterrichtseinheit. Das gilt auch für meine Generation. Zwar können wir unbeschwert darüber reden, ob unsere Familien aus dem Westen oder Osten stammen – ich gebe mich sogar oft ungewollt zu erkennen, wenn ich „Kaufhalle“ sage anstatt „Supermarkt“. Beim Umgang jedoch mit „belasteten“ Stasi-MitarbeiterInnen gehen die Meinungen auch in unserer Generation weit auseinander, wie der „Fall Andrej Holm" zeigt. Und das ist auch gut so, solange man darüber offen diskutiert.
Es mag einiges an Überwindung kosten, sich abends  nach einem anstrengenden Arbeits- oder Unitag nicht von seichter Unterhaltung einlullen zu lassen – wie damals als Kind mit dem Sandmännchen. Im Falle eines Theaterabends, der zum Nachdenken anregt, wie dies der „Atlas des Kommunismus“ tat, lohnt es sich.

 




[1]Christoph Classen, Das Sandmännchen, in: Martin Sabrow (Hg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009, S. 342-350, hier S. 342.
[2]Ebd.
[3] Einmal Stasi- immer Stasi. Der „Fall Andrej Holm“ und der gesellschaftliche Umgang mit der jüngsten Vergangenheit, in: Zeitgeschichte-online, Januar 2017, (zuletzt am 1.2.2017).
[4] Vgl. Oliver Kranz, Leben mit und im Kommunismus, in: Deutschlandfunk, 12.10.2016, (letzter Zugriff: 29.1.2017).