November 2017

Voneinander lernen, miteinander arbeiten

Ein Plädoyer für mehr Verständigung zwischen Historikern und Soziologen im Bereich der Holocaustforschung

von Anna Corsten

Veröffentlicht am 23. November 2017

Eine Antwort auf Stefan Kühls Kommentar auf Zeitgeschichte-online vom 8. November 2017[1]

Diejenigen, die sich als HolocaustforscherInnen verstehen, HistorikerInnen, SoziologenInnen, SprachwissenschaftlerInnen und SozialpsychologInnen – sind Stefan Kühl zu Dank verpflichtet. Bereits in seinem 2014 erschienenen Buch Ganz normale Organisationen hat er gezeigt, wie die Holocaustforschung von einem dezidiert soziologischen Ansatz profitieren kann.[2] Eine soziologische Perspektive nimmt er auch in seinem Beitrag zur Tagung anlässlich des 10. Todestages des Holocaustforschers Raul Hilberg ein.[3] In seinem Text erinnert Kühl an das Wissenschaftsverständnis Hilbergs. Dieser sah Aufgabe der Wissenschaft nämlich nicht darin, über disziplinäre Ansätze oder Zuständigkeiten zu streiten. Ihm ging es vielmehr darum, wissenschaftliche Erkenntnisse zu produzieren. Für die Holocaustforschung bedeutet dies, dass nicht die jeweilige Disziplin im Vordergrund stehen sollte, die neue Ergebnisse hervorgebracht hat. Hilberg sah die Bedeutung der Holocaustforschung vielmehr aus einer ganzheitlichen Perspektive, d.h. verschiedene Fragestellungen und Methoden können zu Fortschritten bei der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels führen.


Die interdisziplinäre Tradition der frühen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust

Wie sowohl auf der Tagung als auch im Beitrag von Stefan Kühl hervorgehoben wurde, war Raul Hilbergs Werk, in dem er den bürokratischen Prozess der Ermordung der europäischen Juden untersuchte, soziologisch geprägt. Seine Herangehensweise orientierte sich an dem Bürokratieverständnis Max Webers, das ihm seine Mentoren Franz Neumann und Hans Rosenberg nahe gebracht hatten.[4] Beide Geisteswissenschaftler waren in den 1930er Jahren aus Deutschland geflüchtet. Sie setzten sich bereits früh für einen wissenschaftlichen Austausch jenseits disziplinärer Grenzen ein. Neumann war ein nahe an den Quellen arbeitender Politologe, Rosenberg ein an sozialwissenschaftlichen Perspektiven interessierter Historiker. Da sich die deutsche Geschichtswissenschaft während der Weimarer Republik von benachbarten Disziplinen isolierte, und kultur- und sozialhistorische Ansätze tabuisiert wurden, konnte der lange Zeit ideengeschichtlich arbeitende Hans Rosenberg erst nach seiner Emigration weitere Konzepte, insbesondere aus der Soziologie, in seine Forschungsarbeiten aufnehmen.[5] In den 1940er und 1950er Jahren gaben beide Wissenschaftler wichtige Impulse für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus.[6]

Die strikte Trennung zwischen den verschiedenen Disziplinen innerhalb der Geisteswissenschaften versuchten Neumann, Rosenberg und andere WissenschaftlerInnen zu überwinden. In den USA kam es bereits in den 1950er Jahren zu einer interdisziplinären Öffnung. In Westdeutschland setzte ein ähnlicher Prozess in den späten 1960er Jahren ein. Für die Geschichtswissenschaft prominent zu nennen ist das Beispiel der „Bielefelder Schule“.[7]

Mittlerweile ist die Forderung nach Interdisziplinarität in den Geisteswissenschaften programmatisch. Sie wird etwa von Seiten fördernder Institutionen explizit eingefordert. Dass Stefan Kühl aktuell darauf hinweist, dass sich die Geschichtswissenschaft (erneut) ignorant gegenüber anderen Disziplinen zeigt, muss ernst genommen werden. Zwar hat sie sich in den letzten Jahrzehnten gegenüber anderen Disziplinen geöffnet, Kühl zufolge entwickelt sich vor allem die Holocaustforschung jedoch in eine andere Richtung. Dabei haben einzelne Beiträge auf der Tagung in Berlin, etwa von Wulf Kansteiner, Noah Shenker und Harald Welzer, gezeigt, wie produktiv eine enge Zusammenarbeit von Geschichts-, Medien-, SprachwissenschaftlerInnen und SozialpsychologInnen bei der Erforschung des Holocaust sein kann. Und auch bei wichtigen VorreiterInnen der Holocaustforschung rückten disziplinäre Zuordnungen in den Hintergrund.

Die Ambivalenz disziplinärer Zuschreibungen

Raul Hilberg studierte Politikwissenschaft und Geschichte, schrieb in den frühen 1950er Jahren, ein von soziologischen Ansätzen geprägtes opus magnum (The Destruction of the European Jews) und arbeitete dafür sehr intensiv mit Quellen. Seine Dissertation reichte er im Fach Politikwissenschaft ein. An der University of Vermont war er ebenfalls am Institut für Politikwissenschaft angestellt. Hilberg ist nicht der einzige Forscher, bei dem der Versuch einer Zuordnung zu einer bestimmten Disziplin schwierig ist. Hannah Arendt etwa wird häufig als Philosophin bezeichnet, war an der New School for Social Research in New York am philosophischen Department tätig, beharrte allerdings darauf, eine politische Theoretikerin zu sein.[8]

Doch welche Rolle spielen solche disziplinären Zuschreibungen eigentlich? Oder anders gefragt: Warum ist es für die Holocaustforschung so wichtig, ob Beiträge zur Aufarbeitung von dem Soziologen Theodor W. Adorno stammen, der politischen Theoretikerin Hannah Arendt, dem Politikwissenschaftler Raul Hilberg oder dem Historiker Saul Friedländer?


Alles eine Frage der Perspektive

Auf der Tagung in Berlin wurde deutlich, dass stets aus einer bestimmten (Fach-)Perspektive über den Holocaust geschrieben wird – sei es einer interdisziplinären oder einer rein historischen, soziologischen usw. Die jeweilige Perspektive wirkt sich auf die (historische) Beschreibung und Erklärung der ForscherInnen aus. Die Aufgabe der Holocaust-Historiographie besteht u.a. darin, diese Perspektive offenzulegen. Dadurch gerät – wie Kühl bemerkt – der Holocaust selbst in den Hintergrund und andere Schwierigkeiten rücken in den Fokus der Betrachtung. Kühl interpretiert diese „Selbstbespiegelung“ als Zeichen einer Krise der Holocaustforschung, die sich zunehmend in Details verliert. Die Reflexion über die eigene Perspektivität führt jedoch zu neuen Erkenntnissen, aus denen eine zukünftige Holocaustforschung lernen kann.

Wie relevant die Perspektive der ForscherInnen für ihre wissenschaftliche Arbeit ist, merkt Kühl selbst an. Zu Recht weist er darauf hin, dass es einen Unterschied macht, ob jemand aus der Perspektive einer distanzierten BeobachterIn über die frühe Holocaustforschung spricht, als ForscherIn mit eigenen Erfahrungen oder als ZeitzeugIn berichtet. Die Holocaustforschung kann jedoch durchaus davon profitieren, diese verschiedenen Perspektiven einzubeziehen. Ein Plädoyer dafür, über die eigenen Fachgrenzen hinauszublicken, sollte sich also nicht allein auf das Thema Interdisziplinarität beschränken. Neben der interdisziplinären Perspektive kann auch die Perspektive derjenigen, die die Entwicklung der Holocaustforschung miterlebt haben, neue Impulse schaffen, wenn sie kritisch hinterfragt wird.

Auch ein Blick auf Kühls eigene Forschungen kann helfen, seine Argumentation besser zu verstehen. In seiner „Soziologie des Holocaust“ unternimmt er den Versuch, den Blickwinkel weg von den EinzeltäterInnen und den „ganz normalen Männer“- Gruppierungen, die Christopher Browning konstatierte,[9] hin zu den "ganz normalen Organisationen" zu verschieben. Damit gelangt er nicht nur zurück zu einer institutionellen Perspektive, die bereits Hilberg einnahm. Kühl reklamiert darüber hinausgehend eine neuere Perspektive der systemtheoretischen Soziologie für sich, die das gruppensoziologische Verständnis der 1930er und 1940er Jahre, auf das die Holocaustforschung in Arbeiten zu Kameradschaft zurückgriff,[10] überwunden hat. Mittels dieses Ansatzes will er eine „dezidiert soziologische Antwort“ [11] auf eine wichtige Frage der Holocaustforschung liefern, und zwar auf die Frage, warum „ganz normale Männer und Frauen“ in der Lage waren, Tausende Menschen auf brutale Weise zu ermorden.

Aus historiographischer Perspektive ist es bemerkenswert, dass heute trotz der Erwartung, interdisziplinär zu arbeiten, immer noch sehr stark aus disziplinären Differenzen heraus gedacht wird. Wie tief verwurzelt dieses Denken in Fachgrenzen innerhalb der Geisteswissenschaften ist, zeigt Kühl in seinem Buch und in seinem Artikel. Zwar kritisiert er darin die disziplinäre Geschlossenheit einer geschichtswissenschaftlich dominierten Holocaustforschung, nimmt gleichzeitig jedoch eine dezidiert soziologische Perspektive ein. Ulrich Herbert wirft er etwa vor, die Bedeutung soziologischer Studien innerhalb der Holocaustforschung zu negieren. Zudem betont er, dass innerhalb der aktuellen Holocaustforschung sozialpsychologische und narratologische Ansätze besonders originell seien. Wie viel disziplinäres Denken verbirgt sich hinter diesen Vorstellungen? Werden auf diese Weise nicht bestimmte disziplinäre Standpunkte als Außenseiterstandpunkte reklamiert bzw. inszeniert? Und sorgt eine solche Argumentation nicht auch für die Aufrechterhaltung disziplinärer Grenzen?

So ist es nicht nur die Tagung, sondern Kühl selbst, der insbesondere die Unterschiede zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie hervorhebt und damit zur Aufrechterhaltung disziplinärer Grenzen beiträgt. Dieses Denken in Grenzen verwehrt die Chancen auf Innovationen und neue Erkenntnisse sowohl innerhalb einer geschichtswissenschaftlichen als auch innerhalb einer soziologischen Holocaustforschung.


Warum eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Disziplin sinnvoll ist

Das Plädoyer, aus Kühls Kritik zu lernen, ist also keineswegs als Einbahnstraße zu verstehen. Es gilt nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern auch für die Soziologie und jede andere Fachrichtung. Dass die Holocaustforschung nicht nur von den HistorikerInnen, sondern auch von SoziologInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen und PhilosophInnen lernen kann, beweist nicht nur Stefan Kühl. Anstatt sich also über Herangehensweisen im Streit zu verlieren, sollten die verschiedenen Disziplinen voneinander profitieren und Grenzen überwinden. So gibt sich auch Kühl hoffnungsvoll, dass eine disziplinäre Schließung der Holocaustforschung dadurch überwunden werden kann, dass wir uns bewusst machen, wie und von wem die Holocaustforschung vorangetrieben wurde. Gleichzeitig macht Kühl auch darauf aufmerksam, dass eine solche Historisierung Nebenprodukte haben kann. Sowohl eine Heroisierung der VordenkerInnen, aber auch eine Skandalisierung des langen Schweigens um den Holocaust können problematisch sein.
Auf der anderen Seite trägt die Aufarbeitung sowohl von Leistungen und Grenzen früher Werke zum Holocaust dazu bei, dass weitere innovative Arbeiten zur Erforschung des Holocaust entstehen. Dies wurde etwa in dem Vortrag Christoph Dieckmanns deutlich, der Hilberg einerseits als Giganten bezeichnete, gleichzeitig aber Schwächen in Hilbergs Werk aufzeigte, aus denen wir heute lernen können.

Auch wenn die Gefahr besteht, dass wir uns in Reflexionsschleifen verlieren, ist ein Nachdenken über fachliche Versäumnisse wichtig und richtig. Es trägt erstens zu einer vollständigen Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust entscheidend bei wie etwa der Geschichtstheoretiker Georg Iggers verdeutlicht:

„Ich war stets bestrebt, jegliche Mythen nationaler Überlegenheit zu überwinden, die von einem großen Teil der professionellen Geschichtsschreibung propagiert wurde, besonders, aber nicht nur, in Deutschland durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch bis über die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinaus.“[12]

Daran anknüpfend deckt es zweitens wissenschaftliche Verfehlungen auf, die nicht nur einzelne HistorikerInnen oder die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen während und nach dem Nationalsozialismus betrafen.
Eine Beschäftigung mit den Ursprüngen der Holocaustforschung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte der Aufarbeitung des Holocaust. Auf diese Weise werden Momente des Schweigens und der Tabuisierung innerhalb der Gesellschaft hervorgehoben, aber auch der Mut und die Entschlossenheit einzelner Individuen, sich dem Schweigen entgegenzustellen. Es handelt sich also auch um eine Geschichte der persönlichen Aufarbeitung. Über Personen wie Raul Hilberg lernen wir etwas darüber, wie gebürtige Deutsche und Österreicher ihre Heimat nach den Erfahrungen von Verfolgung und Vertreibung wahrnahmen, welche Fortschritte sie sahen, aber auch welche Gefahren erkennbar waren und noch heute sind. Folgen wir allein einer systemtheoretischen Perspektive à la Kühl werden solche Erkenntnisse ausgeblendet. Über die eigenen Fortschritte und Versäumnisse zu reflektieren, sollte jedoch nicht nur zur Angelegenheit einer Disziplin werden. Das sollte gerade Stefan Kühl zugestehen, der immerhin zu jenen SoziologInnen gehört, die die bisherigen Bemühungen um die Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust in der Soziologie[13] scharf kritisiert haben.[14]




[1] Besonderer Dank gilt Dirk van Laak und René Schlott, die mich zur Veröffentlichung dieses Papiers ermutigt haben und mich mit wichtigen Anregungen unterstützt haben.
[2] Vgl. Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. Berlin 2014.
[3] Vgl. Stefan Kühl: Die Holocaustforschung beforscht sich selbst. Soziologische Perspektiven auf die Probleme der Zeitgeschichtsforschung, in: Zeitgeschichte-online, November 2017, [letzter Aufruf: 15.11.2017].
[4] Vgl. Raul Hilberg/Alfons Söllner: »Das Schweigen zum Sprechen bringen. Ein Gespräch über Franz Neumann und die Entwicklung der Holocaust-Forschung«. In: Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt am Main 1988, S. 175-200; Raul Hilberg: Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers. Frankfurt am Main 1994.
[5] Vgl. Georg G. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen 2007; Lutz Raphael: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München 2010.
[6] Vgl. Hans Rosenberg: Bureaucracy, aristocracy, and autocracy. The Prussian experience, 1660-1815. Boston 1958; Franz L. Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Frankfurt am Main 1977.
[7] Vgl. etwa Philipp Stelzel: Rethinking Modern German History. Critical Social History as a Transatlantic Enterprise, 1945-1989. Chapel Hill 2010.
[8] Vgl. Günter Gaus: »Fernsehinterview mit Hannah Arendt (1964)«. In: Hannah Arendt (Hg.): Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. München, Zürich 2005, S. 46-72, hier S. 52.
[9] Vgl. Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen. Reinbek bei Hamburg 2013.
[10] Vgl. S. Kühl: Ganz normale Organisationen, S. 156.
[11] Ebd., S. 8.
[12] Originalzitat: "I was always committed to overcoming all myths of national superiority propagated by much of professional historiography, particularly but not only in Germany, throughout the nineteenth until past the catastrophes of the twentieth century." (Georg G. Iggers: »History and Social Action Beyond National and Continental Borders«. In: Andreas Daum/Hartmut Lehmann/James Sheehan (Hg.): The Second Generation. Émigres from Nazi Germany as Historians. New York 2016, S. 82-96, hier S. 94.)
[13] Zur Debatte um die Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust in der Soziologie: Vgl. etwa: Michael Becker: »Politik des Beschweigens. Plädoyer für eine historisch-soziologische Rekonstruktion des Verhältnisses der Soziologie zum Nationalsozialismus«. In: Soziologie 43 (2014), S. 251-277; Silke van Dyk/Alexandra Schauer: "… daß die offizielle Soziologie versagt hat". Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. Wiesbaden 2015; Michaela Christ/Maja Suderland (Hg.): Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven. Berlin 2014.
[14] Vgl. Stefan Kühl: Ein letzter kläglicher Versuch der Verdrängung. Zur Diskussion über den Ort des Nationalsozialismus in der Soziologie, Working Paper 5/ 2013, [letzter Aufruf: 19.11.2017]; Ders.: Im Prinzip ganz einfach. Zur Klärung des Verhältnisses der Soziologie zum Nationalsozialismus. Working Paper 6/2013, [letzter Aufruf: 19.11.2017].