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Tanzende Wandervögel, Postkarte, Foto: Urheber unbekannt, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Die Erfindung des Biodeutschen
Von der Ernährung zur Eugenik: Eine Tagung schöpft aus den trüben Quellen von Feminismus und Veganertum
von
Bodo Mrozek
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Veröffentlicht am 14. November 2016

Als Erich Mühsam den Monte Verità bei Locarno erklomm, kam ihm „recht lächerlich“ vor, was er auf dem Berggipfel erblickte: Menschen mit langen Haaren und wallenden Bärten bar jeglicher Textilien bei der Feldarbeit. Den kommunistischen Schriftsteller Erich Weinert inspirierte die Szene wenig später zu einigen respektlosen Versen: „Wer sich von innen her beschaut / und Nietzsche liest, und Rüben kaut / was kümmern den die andern? / Juchu! Wir müssen wandern!“ Weinerts „Gesang der Edellatscher“ und Mühsams Spott, den der Essener Historiker Jürgen Reulecke auf einer Tagung über „Avantgarden der Biopolitik“ im Archiv der Jugendbewegung zitierte, scheinen einen maximalen Abstand zwischen der im Mythischen irrlichternden Lebensreform und der politischen Linken zu illustrieren. Doch der Schein trügt. Bevor Mühsam desillusioniert vom Berg hinabstieg, hatte auch er zur Schaufel gegriffen und die Hüllen fallen lassen: Seine Beobachtung war eine teilnehmende.

Was für Mühsam im Speziellen galt, traf auch für andere Utopisten zu. Um die Jahrhundertwende sammelten sich Neudeutsche und Linksradikale, Homoerotiker und Feministinnen, Sonnenanbeter und Mondsüchtige gleichermaßen um die Kraftzentren einer diffusen Reformbewegung, in der man die Welt nicht nur von innen her beschauen, sondern durch und durch „erneuern“ wollte. Als gemeinsame Klammer diente Rilkes Imperativ „Du musst dein Leben ändern!“. Unter dem von Michel Foucault entlehnten Begriff der Biopolitik nahmen Erziehungswissenschaftler und Historiker am historischen Ort auf der Wandervogelburg Ludwigstein im Hessischen nun jene Ideen und Praktiken in den Blick, die den Körper konkret verändern wollten. Dass „Strategien biologischer Aufrüstung“ mit rassistischen oder utopischen Zielen nicht nur eine Angelegenheit der völkischen Rechten waren, machten gleich mehrere Beiträge zu Sexualität und Ernährung deutlich.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die „Sexualnot der Jugend“ ins Zentrum vieler Debatten gerückt. In dem allgemein verbreiteten Topos stellten Zivilisationskritiker dem als sündhaft kritisierten großstädtischen Vergnügungsleben das Ideal einer „natürlichen Sexualität“ gegenüber, etwa in der Jugend-Zeitschrift „Der Anfang“. Unter deren Autoren befand sich Sexualaufklärer Siegfried Bernfeld ebenso wie der Wandervogel, Schriftsteller und spätere DDR-Kulturfunktionär Alfred Kurella. Das Heft hatte zwar nur eine Auflage von 800 Exemplaren, war Vanessa Tirzah Hautmann (Marburg) zufolge aber ein wichtiges Forum, das bislang vom Diskurs ausgeschlossene Gruppen wie Frauen und Jugendliche zu Wort kommen ließ und in dem sich das öffentliche Sprechen über Sexualität – wenn auch noch nicht über Sex – etablierte.

In den Zwanzigern rückten konkrete Sexualpolitiken ins Zentrum vieler Jugendbewegungen, wie der Erziehungswissenschaftler und Gastgeber der Tagung Karl Braun (Marburg) am Beispiel von Max Hodann (1894-1946) zeigte. Der Sozialmediziner wirkte als Aufklärer, plädierte gegen die bürgerliche Ehe und den Abtreibungsparagraphen und suchte die Onanie zu entpathologisieren. Dabei war auch er der Charakterologie des 19. Jahrhunderts verhaftet und hing dem bis weit ins 20. Jahrhundert wirksamen Dualismus einer intellektuellen Männlichkeit und einer intuitiven Weiblichkeit an. Braun legte Hodanns Wurzeln in der linken Jugendbewegung offen: 1913 hatte er am Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teilgenommen, auf dem Rohköstler und Pazifisten, Geigenzupfer und Reigenhüpfer ein Manifest zur Selbstbestimmung der Jugend verabschiedeten. Nur fünf Jahre danach gehörte er zu den Mitbegründern des Internationalen Jugend- und Kampfbundes um den sokratischen Philosophen Leonard Nelson, dessen Ideen noch nach 1945 starken Einfluss auf die SPD hatten.

Kann Hodann noch als Visionär dessen gelten, was heute Schulstoff ist, so beschritt die „Nacktpolitik“ seines Zeitgenossen Richard Ungewitter einen eher abseitigen Pfad der Lebensreform. Uwe Puschner (Berlin) erinnerte in einem reich bebilderten Vortrag an den Journalisten und Unternehmer, den nur wenige Fotos bekleidet zeigen. Der Propagandist einer „allseitigen germanischen Lebensführung“ sah in der Textilfreiheit nicht nur das kostengünstige Mittel einer unkonventionellen Natürlichkeit, sondern auch ein „rassisches Regenerationsprogramm“. War seine Nacktheit auch nicht sexuell motiviert, so vertrat der Gründer eines „Treubundes für aufsteigendes Leben“ doch ein eugenisches Züchtungsprogramm und gehörte damit ebenso wie Gustav Simons (1861-1914) zu den „völkischen Vereinsmenschen“ (Puschner), die sich gegen Rassenmischung und Weltbürgertum in Organisationen wie der „Germanischen Glaubensgemeinschaft“ zusammenfanden.

Der Erfinder des „Simonsbrotes“, das sich noch heute auf mancher Bio-Theke findet, wollte der Überfremdung durch napoleonisches Weißbrot sein angeblich germanisches Roggengebäck entgegensetzen, dessen gequollenes Korn „die Farbe blauer Augen“ habe. Laut Puschner wurden hier „Rasse und Ernährung auf dem Boden der Germanenideologie zusammengedacht“. Die Wurzel- und Kräuterapostel beließen es nicht bei Kochrezepten. In der Siedlung Wodanshöhe sollten für auserwählte Jünglinge eine große Schar empfangsbereiter Maiden bereitgehalten werden. Doch die Ideen fruchteten nicht, denn die völkischen Züchter hatten ein Frauenproblem: Es fanden sich kaum Probandinnen für das homozentrische Konzept, das auch gemischtgeschlechtliche Nacktwanderungen und eine strenge Leibeszucht einforderte.

Schwierigkeiten mit der Umsetzung seiner Reformideen hatte auch der Tanzpädagoge Friedrich „Muck“ Lamberty (1891-1984). Der ehemalige Wandervogel predigte Enthaltsamkeit und trotzte als Anführer der fahrenden Volkstanzgruppe „Neue Schar“ um 1920 mit historistischem Ringelreihen dem als „Trottelfox“ verabscheuten amerikanischen Foxtrott. Als aber gleich drei Volkstänzerinnen unehelich von dem selbsterklärten Asketen schwanger wurden, kam es zum medienwirksamen Skandal: Unter der Überschrift „Gegen Muck und Muckertum“ begann eine Auseinandersetzung, die Felix Linzner (München) als frühe Debatte über Freie Liebe beschrieb.

Der Publizist Hans Blüher hatte die These vertreten, die Jugendbewegung sei ein primär homoerotisches Phänomen, was in der Praxis oftmals zum organisierten Kindesmissbrauch führte, wie Sven Reiss (Kiel) zeigte. Im Widerspruch zu Blühers These formierten sich aber auch Mutterrechtlerinnen und Feministinnen unter dem Banner der Lebensreform. So verfocht die Schriftstellerin Gertrud Prellwitz, eine glühende Verehrerin Lambertys, die den langhaarigen Tanzprediger als „im Triebleben von der naiven Enthaltsamkeit eines Gottessuchenden“ beschrieb, nebenbei ein „Heldentum der Frau“ als Mutter. Meret Fehlmann (Zürich) benannte den populären Philosophen Johann Jakob Bachofen als wichtigsten Stichwortgeber.

Dessen Bestseller „Das Mutterrecht“ hatte schon 1861 eine „Gynaikokratie“ nach dem vermeintlichen Vorbild antiker Gesellschaften entworfen. Gut vierzig Jahre später entdeckten die Kosmiker um Ludwig Klages und Alfred Schuler das Buch für die Schwabinger Bohème wieder, verkehrten aber seine frauenfeindliche Botschaft ins Gegenteil. Der „mütterliche Urzustand“ wurde nun als positiver Gegenentwurf zum Patriarchat als einem Grundübel der Moderne idealisiert. Die antisemitische Frauenrechtlerin Sophie Rogge-Börner etwa lehnte Männerbünde als „fremdrassigen Ursprungs“ ab. Auch in der Frauenbewegung tummelten sich laut Fehlmann völkische Ideologinnen wie die deutschgläubige Publizistin Leonore Kühn, deren Buch „Magna Mater“ ebenfalls ein Matriarchat beschwor.

Manche Ideen der frühen Feministinnen standen denen des patriarchalen Nacktmenschen Ungewitter um nichts nach. Meike Sophia Baader (Hildesheim) zeigte dies anhand der Idee der „Keimverderbung“, derzufolge der Samen eines alkoholisierten Mannes die Erbanlagen der Frau irreparabel schädige. Mutterrechtlerinnen forderten daher die Sterilisation von Alkohol trinkenden Männern ebenso wie die von geistig Behinderten. Dass solche Ideen nicht nur von randständigen Spinnerinnen vertreten wurden, wies Baader anhand von weit verbreiteten Schriften wie Ellen Keys „Das Jahrhundert des Kindes“ (1902) oder dem von Adele Schreiber herausgegebenen „Buch vom Kinde“ (1907) nach. Darin wurden Kinderkörper vermessen und die Daten mit der Religionszugehörigkeit der Eltern korreliert, um antisemitische Vorurteile „wissenschaftlich“ zu begründen. Biopolitische Maßnahmen forderten im Namen einer „natürlichen Weiblichkeit“ das Stillen von Kindern als Beitrag zu deren späterer Wehrfähigkeit und stellten die Mutterschaft so in den Dienst militärisch-nationalistischer Zwecke.

Die Tagung schöpfte so ein ums andere Mal in den trüben Quellen von Strömungen, deren Früchte heute aktueller denn je erscheinen. Die Lebensreform scheint 100 Jahre nach ihrer Entstehung populär wie nie zuvor, und das modische Hipstertum kann nicht nur aufgrund seiner Rauschebärte als Spätfolge der Lebensreform gelten. Frutariertum, grüne Smoothies und Yoga als Ersatzreligion sind in diesen urbanen Milieus so verbreitet wie weiland Ariertum, Simonsbrot und Eurythmie. Und auch ethnische Reinheitsphantasien feiern im Umfeld populistischer Bewegungen wieder fröhliche Urständ. Erich Mühsam müsste heute keine Berge besteigen, um seinen Spott loszuwerden, auch wenn ihm das Lachen wohl an mancher Stelle im Halse stecken bliebe. Was er vom heiligen Eifer der „Verdauungsphilister und Naturtrottel“ hielt, goss auch er damals in Reime: „Wir essen Salat, ja wir essen Salat / und essen Gemüse früh und spat. / Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf / so schmeißen wir euch eine Walnuss an den Kopf.“

Die Tagung „Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien ‚biologischer Aufrüstung‘“ organisierte das Archiv der Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein vom 21.-23. Oktober 2016. Eine Ausstellung „Gegen Sumpf und Fäulnis – leuchtender Menschheitsmorgen“ ist noch bis zum 30. September 2017 im Archiv zu sehen.

(Eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien am 2.11.2016 in der geisteswissenschaftlichen Beilage der FAZ.)