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Feisal party at Versailles Conference
Feisal party at Versailles Conference. Left to right: Rustum Haidar, Nuri as-Said, Prince Faisal (front), Captain Pisani (rear), T. E. Lawrence, Faisal's slave, Captain Hassan Khadri, 1919, Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public Domain
Paris – Syrien
Über zu kurze Wege in der öffentlichen Debatte nach den Anschlägen vom 13. November 2015 in Paris
von
Teresa Koloma Beck
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Veröffentlicht: Dezember 2015

Am Abend des 13. November 2015 kamen in Paris mindestens 150 Menschen in einer Serie koordinierter Anschläge ums Leben. Politische Gewalt dieses Ausmaßes hat es in Europa seit den Zuganschlägen von Madrid am 3. April 2004 nicht mehr gegeben. Rasch werden Verbindungen der Täter zur militärisch im Irak und Syrien operierenden bewaffneten Gruppe »Islamischer Staat« (IS) deutlich. Seitdem scheint die Agenda der europäischen Politik von diesem Thema bestimmt: Wie war das möglich? Und was ist nun zu tun?

Es zählt zu den zentralen Einsichten der neueren Gewaltsoziologie, dass die kollektive Auseinandersetzung mit Gewaltereignissen für europäische Gesellschaften stets einen Prozess der Selbstvergewisserung darstellt.[1] Zygmunt Bauman war der Erste, der in einer ausführlicheren Studie auf dieses Problem aufmerksam machte. In seinem bis heute einflussreichen Werk Modernity and the Holocaust beschäftigt er sich mit dem Schweigen der Soziologie zum Mord an den Juden Europas.[2] Er kommt zu der Einsicht, dass dieses vor allem auf die Verstrickung der Disziplin in das Projekt der Moderne zurückzuführen ist, die sich – dem eigenen Selbstverständnis nach – von anderen Gesellschaftsformationen vor allem dadurch unterscheidet, dass sie das Problem der Gewalt in den Griff bekommen hat. Zivilität und Gewaltarmut gelten als zentrale Charakteristika moderner Gesellschaften. In der Konsequenz wird Gewalt nicht anders denn als Anomie, Abweichung oder Störung denkbar. Sie liegt außerhalb der Moderne – in früheren Zeiten, fernen (noch) nicht zivilisierten Weltgegenden oder in den gesellschaftlich unerreichbaren Tiefen von Psyche und Nervensystem. Die Soziologie schweigt zum Holocaust und ähnlichen Gewaltprozessen, weil ihre Entstehung als Disziplin aufs engste mit dem Projekt der Moderne verknüpft ist und sie deshalb zentrale Elemente moderner Selbstbeschreibung als implizite Grundannahmen übernimmt.

Wie sich Europa in der Auseinandersetzung mit dem Problem der Gewalt seiner selbst vergewissert, kann man nun nach den Anschlägen von Paris einmal mehr in vivo beobachten. Dass die Anschläge ein »Akt der Barbarei« gewesen seien – und damit der historisch-kulturellen Sphäre angehören, gegen die sich moderne europäische Gesellschaften seit der Aufklärung abzugrenzen suchen –, hatte der französische Staatspräsident François Hollande bereits kurz nach den Anschlägen konstatiert. Die Formulierung wurde von allen Leitmedien aufgegriffen. Doch haben sich in den öffentlichen Debatten darüber hinaus weitere Topoi konsolidiert, in deren Zentrum die Vorstellung steht, die Gewalt der Anschläge von Paris sei eine Gewalt von außen gewesen. »Meine lieben Mitbürger«, erklärte Hollande am Tag nach den Anschlägen, »was sich gestern in Paris und in Saint-Denis nahe dem Stade de France ereignet hat, ist ein Kriegsakt, und konfrontiert mit einem Kriegsakt muss das Land angemessene Entscheidungen treffen. Es ist ein Kriegsakt, der verübt wurde von einer terroristischen Armee, dem IS, einer Armee von Dschihadisten, gegen Frankreich, gegen die Werte, die wir überall in der Welt verteidigen […]. Es ist ein Kriegsakt, der von außen vorbereitet, organisiert und geplant wurde mit Beihilfe von innen […].«[3] So führte die öffentliche Debatte um die Ursachen und Gründe der Attentate innerhalb weniger Stunden von Paris nach Raqqa. Und auch die sich aus den Ermittlungen ergebende Einsicht, dass die Urheber und Ausführenden der Anschläge aus Belgien und Frankreich stammten, konnte sie von dort nicht zurückholen. In der Konsequenz besteht bis heute die entschiedenste Antwort auf die Anschläge in Paris in einer militärischen Operation in Syrien, der sich inzwischen auch Deutschland und Großbritannien angeschlossen haben. So konsolidiert die politische Praxis das Argument, die Gewalt sei von außen gekommen, vom IS, der in Syrien operiert, was auch impliziert, dass MigrantInnen – auch und vielleicht gerade Flüchtlinge – für Europa ein Sicherheitsrisiko darstellen.[4]

Nun besteht kein Zweifel, dass der IS eine wichtige Rolle in der Radikalisierung der Täter von Paris gespielt hat. Die meisten von ihnen hatten zuvor an militärischen Operationen dieser bewaffneten Gruppe in Syrien teilgenommen.[5] Dennoch scheint auf der Suche nach Ursachen und Lösungen eine Bombardierung von IS-Stellungen in Syrien am eigentlichen Problem vorbeizugehen. Die primäre Frage, die es nach den Anschlägen von Paris aus meiner Sicht zu beantworten gilt, lautet nicht, ob und wie der IS militärisch zerschlagen werden kann. Die Frage, mit der sich die europäischen Gesellschaften konfrontieren müssen, ist, wie es kommt, dass sich junge EuropäerInnen so sehr von einer solchen Gruppe faszinieren lassen, dass sie bereit sind, dafür zu töten und ihr eigenes Leben zu geben. Wenn diese Frage zur Zeit überhaupt aufkommt, wird sie in einer Semantik sozialer Probleme diskutiert, man verweist auf Exklusions- und Diskriminierungserfahrungen in prekären migrantischen Milieus. Doch schon ein kurzer Blick auf die Biographien der Täter zeigt, dass diese Sichtweise zu kurz greift: Unter ihnen war ein Busfahrer, ein Besitzer eines Lokals und ein Monteur der Brüsseler Metro-Gesellschaft. Der Anführer der Gruppe hatte eine katholische Privatschule besucht, und sein Vater war Inhaber eines kleinen Bekleidungsgeschäftes.[6] Es stimmt: Die Attentäter waren Muslime, die aus Familien mit sogenanntem Migrationshintergrund kamen. Doch es stimmt nicht, dass sie außerdem auch zu den ökonomisch völlig Abgehängten gehörten.[7] Sie waren nicht jene »radikalen Verlierer«, die ihr Selbstwertgefühl nur noch dadurch retten können, dass sie zu »Schreckensmännern« werden, wie es Hans-Magnus Enzensberger in einem Essay von 2006 nahelegt.[8] Um zu ergründen, wie der Weg aus einem weitgehend säkularisierten familiären Umfeld und aus einem mehr oder weniger unverdächtigen Berufsleben tatsächlich nach Syrien führt, reicht der Verweis auf Frustrationserfahrungen, die in Aggressionsverhalten münden, nicht aus. Was wir – zumindest aus sozialwissenschaftlicher Perspektive – brauchen, ist nicht primär eine Analyse der individuellen Psyche von Tätern, sondern der Blick auf die gesellschaftlichen Umstände, in deren Kontext sich deren Handeln entfaltet. Dabei weist die hier zu verhandelnde Frage weit über die Problematik »sozialer Ungleichheit« oder »Integration« hinaus. Denn die Geschichte der Tat und der Täter von Paris macht auf schmerzliche Weise deutlich, dass gut ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Entkolonialisierung alles andere als klar ist, wie auf dem europäischen Kontinent mit dem Erbe von mehr als 500 Jahren Verflechtungsgeschichte umgegangen werden soll. Diese Verflechtungsgeschichte hat den Kontinent längst eingeholt; sie ist nicht mehr nur Gegenstand von Außenpolitik und Entwicklungshilfe, sondern vor allem Gegenstand alltäglichen Miteinanders in einer sich diversifizierenden Gesellschaft. Die Frage, die sich heute stellt, ist die nach dem politischen Status der Alterität.[9] Und diese Frage führt nicht nach Syrien, sondern zurück an den Ausgangspunkt der europäischen Moderne selbst: zur Idee, die Menschlichkeit immer auch im Anderen erkennen zu wollen, und zum Versuch, politische Ordnungen zu entwickeln, die diese Idee zum leitenden Organisationsprinzip erheben.


[1] Hierzu ausführlich unter anderem Reemtsma, Jan Philipp, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburger Edition, Hamburg, 2008; Trotha, Trutz von, Zur Soziologie der Gewalt, in Trutz von Trotha (Hg.), Soziologie der Gewalt, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1997, S. 9-56.
[2] Bauman, Zygmunt, Modernity and the Holocaust, Cornell University Press, Ithaca, NY, 1993.
[3] France 24/AFP: Hollande : "C'est un acte de guerre commis par une armée terroriste, Daech", 14.11.2014 (Übersetzung TKB).
[4] Für eine detaillierte Diskussion dieser Diskurse siehe einen Kommentar von Elvan Isikozlu, Friedens- und Konfliktforscherin am BICC (Bonn International Center for Conversion). Die Frage, inwiefern die diskursive Verbindung von Paris und Syrien überhaupt angemessen ist, bleibt hier leider ausgeblendet.
[5] Andrew Higgins /Kimiko de Freytas-Tamura (New York Times): An ISIS Militant From Belgium Whose Own Family Wanted Him Dead, 17.11.2015.
[6] Rukmini Callimachi / Katrin Bennhold /Laure Fourquet (New York Times):How the Paris Attackers Honed Their Assault Through Trial and Error, 30.11.2015.
[7] Zu den komplexen Dynamiken der Identifikation und Identifizierung deutscher Musliminnen und Muslime siehe unter anderem Foroutan, Naika. Hybridität als Gleichzeitigkeit von Differenz? Überlegungen zu Identitätsbildungsstrategien zwischen Abgrenzung, Akkulturation und Assimilation, in Matthias David und Theda Borde (Hg.), Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit in der Migration. Wie beeinflussen Migration und Akkulturation soziale und medizinische Parameter?, Frankfurt/Main: Mabuse 2011, S. 39-45; Hafez, Kai und Sabrina Schmidt, Die Wahrnehmung des Islams in Deutschland. Bertelsmann, Gütersloh, 2015; Spielhaus, Riem,Wer ist hier Muslim? Die Entwicklung eines islamischen Bewusstseins in Deutschland zwischen Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung. Ergon, Würzburg, 2011.
[8] Enzensberger, Hans Magnus, Schreckens Männer. Versuch über den radikalen Verlierer, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 2006.
[9] Siehe hierzu auch Hark, Sabine (Blog feministische-studien): Welt teilen (16.11.2015).