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John Kerry, Rede an die Fulbright Komission im April 1971. Quelle: Wikimedia Commons/Copyright status of work by the U.S. government (public domain), User: Cropbot, Datei: Kerry_Fulbright_Commission.jpg, Upload: 2:32, 30 March 2012

"How do you ask a man to be the last man to die in Vietnam?" - John Kerry, Vertreter der Vietnam Veterans Against the War (VVAW), während seiner Rede an die Fulbright Komission am 22.04.1971. Quelle: Wikimedia Commons/Copyright status of work by the U.S. government (public domain), User: Cropbot, Datei: Kerry_Fulbright_Commission.jpg, Upload: 30.03.2012

US-Außenminister John Kerry und der Krieg. Essay über biographische Kontinuität und amerikanische Politik
Teil I: John Kerry und der 22. April 1971
von
Ariane Leendertz
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Veröffentlicht: Mai 2016

Der Vietnamkrieg, prophezeite das Magazin Der Spiegel im Sommer 1971, ist für die USA auch dann noch nicht zu Ende, wenn der letzte G.I. Indochina verlassen hat.[1] In der Tat wurde der Vietnamkrieg Amerikas Vergangenheit, die nicht vergehen wollte. Die gesellschaftlichen und politischen Nachwirkungen des Krieges spürte das Land bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Konkurrierende Deutungen der Ereignisse prägten politische Kultur und öffentliche Debatten, gegensätzliche Positionen blieben auf Jahrzehnte latent, emotionale und ideologische Blockaden erschwerten einen  vergangenheitspolitischen Konsens. Die politische Biographie des amerikanischen Außenministers John Kerry ist untrennbar mit dieser Geschichte verflochten.

Vor 45 Jahren wurde Kerry, der von 1966 bis 1970 in der US-Navy diente, innerhalb weniger Monate zum öffentlichen Gesicht der Antikriegsbewegung in den USA. 1971 zählte er zu den Anführern einer mehrtägigen Protestaktion von Veteranen in Washington DC. Einen ihrer Höhepunkte markierte die Anhörung des eloquenten Absolventen der Eliteuniversität Yale vor dem Foreign Relations Committee des amerikanischen Senats am 22. April 1971, durch die Kerry auf einen Schlag die Aufmerksamkeit des politischen Establishments auf sich zog. Seine Sätze „How do you ask a man to be the last man to die in Vietnam? How do you ask a man to be the last man to die for a mistake?“ sind in das kulturelle und mediale Gedächtnis der Vereinigten Staaten eingegangen. Der folgende Essay soll dem Ursprung und den Folgen dieser Sätze nachgehen. Wie wurde aus einem idealistischen Offizier ein Wortführer der Antikriegsbewegung? Welche Rolle spielte die Kriegserfahrung für Kerrys politische Karriere als Senator, Präsidentschaftskandidat und US-Außenminister?

Teil I befasst sich mit John Kerrys Kriegsdienst, mit seiner Wandlung zum Kriegsgegner und schildert, wie es zu seiner Einladung ins Foreign Relations Committee des Senats und seiner Aussage am 22. April 1971 kam. Teil II widmet sich der Bedeutung des Vietnamkriegs für Kerrys politische Karriere als US-Senator zwischen 1985 und 2002. Wenig bekannt ist in Deutschland, dass Kerry in den 1990er Jahren maßgeblich an der Normalisierung der wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Vietnam beteiligt war. Während er sich 1991 in der Befürchtung einer Wiederholung von „Vietnam“ gegen den ersten Golfkrieg aussprach, votierte er 2002 mit Präsident George W. Bush für einen militärischen Einsatz gegen den Irak. Das Votum von 2002 stand bereits im Kontext von Kerrys Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten, womit sich Teil III befassen wird. Auf Kerrys Kriegsdienst wurde im Präsidentschaftswahlkampf 2004 auf vielfältige Weise Bezug genommen. Der Demokratischen Partei diente seine Vietnamvergangenheit als integraler Bestandteil der biographischen Konstruktion des Kandidaten als glaubwürdiger Commander in Chief. Im gegnerischen Lager der Republikaner um George W. Bush hingegen aktivierte der Vietnambezug jahrzehntealte Ressentiments derjenigen, die bereits 1971 gegen die Antikriegsbewegung polemisiert hatten. Mit dem Amtswechsel zu Barack Obama übernahm John Kerry schließlich 2009 den Vorsitz des Senate Foreign Relations Committee, vor dem er 1971 selbst Rede und Antwort gestanden hatte. Seit 2013 ist er Außenminister der Vereinigten Staaten. Als größter diplomatischer Erfolg seiner Amtszeit kann wohl das Atom-Abkommen mit Iran von 2015 gelten, mit dem eine weitere militärische Intervention der USA im Nahen Osten zunächst abgewendet werden konnte.[2]

 

Teil I: John Kerry und der 22. April 1971

In Anlehnung an Operationen des US-Militärs in Laos und Kambodscha nannten die Vietnam Veterans Against the War (VVAW) ihre Protestaktion vom 18. bis 23. April 1971 Dewey Canyon III – A limited incursion into the country of Congress. Sie wollten jetzt das Anliegen der zurückgekehrten Veteranen, die bis dahin wenig Gehör gefunden hatten, nach Washington tragen: in den Kongress und zu den politischen Entscheidungsträgern. Diese hatten Präsident Lyndon Johnson einst 1964 mit der Tonkin-Resolution den Freibrief dafür gegeben, alle Maßnahmen zur Verteidigung der amerikanischen Truppen und Verbündeten in Südvietnam zu ergreifen, die er für notwendig hielt.[3] 1965 hatte die US-Regierung den Krieg mit dem kommunistischen Nordvietnam ausgeweitet, und auf den Luftkrieg war der Einsatz amerikanischer Bodentruppen gefolgt. Insgesamt dienten bis 1975 rund 2,2 Millionen US-Soldaten in Vietnam, knapp eine Million erlebte Schätzungen zufolge Kampfhandlungen; rund 400.000 waren wie John Kerry in sogenannte Search and Destroy-Operationen involviert, die der militärischen Führung als Erfolgsstrategie im Dschungel- und Guerillakrieg erschienen: mehrtägige Kampfeinsätze im Feindgebiet mit dem Ziel, so viele Gegner wie möglich zu töten oder gefangen zu nehmen.[4]

Mit den amerikanischen Gefallenen wuchs die Zahl der Soldaten und Offiziere, die körperlich und seelisch verwundet in die Heimat zurückkehrten. Überproportional hoch waren Drogen- und Alkoholmissbrauch, Selbstmorde und Arbeitslosigkeit unter den Rückkehrern, von denen Tausende mit schweren gesundheitlichen Problemen durch Querschnittslähmungen oder Amputationen, mit Depressionen und psychischen Traumata zu kämpfen hatten. Skandalöse Zustände in unterfinanzierten Veteranenhospitälern, Verbitterung über fehlende Anerkennung in einem Krieg, der bereits als verloren galt, aber von der Regierung Nixon weiter in die Länge gezogen wurde: Dies einte die ehemaligen Soldaten, die im April 1971 nach Washington zogen. Hinzu kamen die Trauer über die verlorenen Leben von Freunden und Kameraden und die Gewalterfahrungen in einem „Krieg ohne Fronten“, der täglich weitere Opfer forderte. Der Impuls für den Protest in Washington ging von der Winter Soldier Investigation aus, einem von den VVAW organisierten Treffen im Januar 1971 in Detroit, wo rund 150 Veteranen über Gewalttaten und Kriegsgreuel berichteten, die sie selbst begangen oder bezeugt hatten.[5] Das Massaker von My Lai, für das zur selben Zeit der Armeeleutnant William Calley vor Gericht stand, war, so die Kernbotschaft der „Winter Soldiers“, kein Einzelfall: Gewalttaten an Zivilisten und Kriegsgefangenen, Folter und Vergewaltigungen gehörten zum Soldatenalltag in Vietnam. Schuld, Scham und Entsetzen über die eigene Verrohung begleiteten die Soldaten nach Hause.[6]

1. Vom Offizier zum Kriegsgegner

John Kerry nahm als aufmerksamer Zuhörer am Treffen in Detroit teil. Über seine Hinwendung zur Antikriegsbewegung hat er über die Jahrzehnte in Interviews mit Journalisten, Dokumentarfilmern und Historikern Auskunft gegeben. Zum Dienst in der US-Navy hatte er sich 1965 noch als Student freiwillig verpflichtet und gleich nach dem Collegeabschluss, 22 Jahre jung, die Ausbildung zum Offizier begonnen. Ihm und seinen engsten Freunden schien es selbstverständlich, dem eigenen Land zu dienen. Das Vorbild verkörperte die Generation ihrer Väter, die als gefeierte Helden aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt waren. Patriotismus, Idealismus, wohl auch Abenteuerlust ließen den Sohn eines US-Diplomaten den Spuren seines Idols John F. Kennedy folgen, hoch dekorierter Kommandeur eines Patrouillenbootes im Zweiten Weltkrieg. „Although I did have some doubts about the war in terms of policy“, so Kerry 1971 in einem Interview mit der New York Times, „at that time I believed very strongly in the code of service to one’s country.“[7] Wie sein Biograph Douglas Brinkley im Vorfeld des Präsidentschaftswahlkampfes von 2004 detailliert rekonstruiert hat, war Kerry zunächst auf einer Fregatte stationiert. 1968 ersuchte er um das Kommando auf einem sogenannten Swiftboat, einem Patrouillenboot mit fünf bis sechs Mann Besatzung, das die Navy in den Küstengewässern und auch in den Flüssen weit im vietnamesischen Inland einsetzte. Zwischen November 1968 und März 1969 kommandierte Kerry die Swiftboats PCF-44 und PCF-94, wurde mehrfach verwundet und mit den Tapferkeitsmedaillen Bronze Star und Silver Star ausgezeichnet.[8]

Die Verwundungen ermöglichten eine Versetzung in die USA, wo Kerry zunächst weiter für die Navy arbeitete. Seinen Wandel zum Kriegsgegner beschrieb er in einem Fernsehinterview 1988 als einen allmählichen Prozess, der nach seiner Rückkehr aus Vietnam im Frühjahr 1969 begann.[9] Aus Brinkleys Biographie geht hervor, dass dies zwar eine sehr persönliche Entwicklung war, die aber gleichzeitig, wie der Psychologe Robert Lifton zeigt, exemplarisch für viele der Veteranen war, die sich den VVAW anschlossen. Lifton, der die Bewegung damals begleitete und zahlreichen Veteranen bei der Aufarbeitung ihrer Kriegserlebnisse half, betont, dass die Transformation zugleich eine persönliche und soziale Dimension hatte. Anders als die „Helden“ des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurden die Vietnamveteranen nicht als Sieger empfangen. Die ehemaligen Soldaten mussten Ordnung in ihre Erfahrungen bringen, sich selbst gegenüber Rechenschaft über ihre Identität als Überlebende ablegen, verstehen, wie der Krieg sie verändert hatte, und ihre soziale Rolle finden. Die Mitglieder der VVAW fanden diese im öffentlichen Protest.[10]

Aus dem enthusiastischen Freiwilligen, der als Patriot dem Aufruf zur Verteidigung der freien Welt im Kampf gegen den Kommunismus in Südostasien gefolgt war, war schon am Kriegsschauplatz ein skeptischer Beobachter geworden. Dass die Essenz dessen, was ihnen zu Hause über den Sinn des Krieges erzählt worden war, ja dass der ganze Krieg „falsch“ war, sei ihm bald nach der Ankunft in Südvietnam klar geworden, so Kerry 1971 gegenüber der Washington Post. Die Amerikaner agierten aus seiner damaligen Sicht wie Besatzer; die Südvietnamesen, an deren Seite sie eigentlich gegen den kommunistischen Norden kämpften, behandelten sie wie Menschen zweiter Klasse. Die desillusionierende Wirklichkeit werde mit militärischem Pomp und Parolen überkleistert. „The bravado, the stupidity, the medals for nothing – all this gets to you.“[11]

Die öffentliche Rhetorik der politischen und militärischen Führung und die Realität in Südostasien  klafften auseinander. Kerrys Kritik an der militärischen Strategie, die sich ihm im Einsatz als fragwürdig erwiesen hatte, stieß im Quartier der Atlantikflotte in Brooklyn, wo er seit dem Frühjahr 1969 arbeitete, indes auf taube Ohren. Zunehmende Frustration paarte sich mit Trauer über den Verlust eines Kameraden; Brinkley berichtet von einer emotionalen Mélange aus Alpträumen, Schuldgefühlen und Wut, die sich im Laufe des Jahres aufstaute.[12] Nach den landesweiten Antikriegsdemonstrationen im Herbst 1969, dem sogenannten Moratorium to End the War in Vietnam, beantragte Kerry die frühzeitige Entlassung aus der Navy, um sich politisch zu engagieren. Mit dem Ziel, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, trat er im Februar 1970 kurzfristig in Massachusetts bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei für einen Sitz im Repräsentantenhaus an, unterlag aber einem anderen Kriegsgegner. Die Amerikaner müssten, so Kerry 1988, die Wahrheit über den Krieg erfahren. „I had a story to tell. I did what my conscience said I had to do and I did what I felt was right, and I did what I felt would save lives.“[13]

Kerry betonte das 1988 auch deshalb, weil er und andere Veteranen, die sich als Kriegsgegner exponierten, für ihr Verhalten damals wie in den Folgejahren hart angegriffen wurden. Andere Veteranen und Befürworter des Krieges („Falken“) warfen ihnen vor – und hier sehen wir einen Aspekt der gesellschaftlichen und politischen Bruchlinien, die in den USA aus dem Krieg hervorgingen –, durch ihren Protest die Moral der Truppe und der Heimatfront beschädigt zu haben und der Regierung in den Rücken gefallen zu sein. Der Krieg sei nicht in Vietnam, sondern zu Hause verloren worden. Für die deutsche Geschichte ist dieses Argumentationsmuster im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg als „Dolchstoßlegende“ bekannt. Kerry machte sich 1971 politische Feinde, die auch in späteren Senatswahlkämpfen aktiv wurden und deren Ressentiments sich im Präsidentschaftswahlkampf 2004 in einer medialen Schmutzkampagne manifestierten.

Wie Brinkley hervorhebt, empfand Kerry sein Engagement gegen den Krieg als moralische Pflicht des glücklich Davongekommenen gegenüber jenen Freunden, die er in Vietnam verloren hatte. Sie sollten nicht umsonst gestorben sein, ihr Tod nicht als negatives Fanal stehenbleiben, sondern positiv umgedeutet werden. Aus dem Offizier wurde eine öffentliche Person. Nach einem Fernsehauftritt baten die Anführer der VVAW Kerry um eine Rede auf einer ihrer Protestveranstaltungen. Nicht allein die Verlängerung des Krieges – im April 1970 kündigte Präsident Nixon eine amerikanische Bodenoffensive in Kambodscha an – und nicht allein das Schweigen der Regierung über Kriegsgreuel brachte die Veteranen auf. Auch die Geringschätzung und Beleidigung der Soldaten, die sich gegen den Krieg aussprachen, durch die Regierung verstärkte ihre Wut und die Bereitschaft zum aktiven Protest. Vizepräsident Spiro Agnew etwa beschimpfte die Vietnam Veterans Against the War als „criminal misfits of society“, als kriminelle Außenseiter, die von manchen verherrlicht würden, während Amerikas beste Männer in asiatischen Reisfeldern für die Erhaltung jener Freiheit stürben, die diese Außenseiter mit ihrem Protest missbrauchten.[14]

In Valley Forge hielt Kerry am Labor Day-Wochenende 1970 eine enthusiastisch aufgenommene Antikriegsrede und gehörte von da an zum moderaten Flügel der VVAW. Nach der Winter Soldier Investigation in Detroit im Januar 1971, die wenig mediales Echo fand, drängte er auf verstärkte Lobby- und Pressearbeit, um dem Anliegen der Veteranen Publizität und Legitimität zu verschaffen. Die Öffentlichkeit höre ihnen nicht zu, so Kerry 1983 in der PBS-Dokumentation Vietnam: A Television History, obwohl sie Wichtiges zu erzählen gehabt hätten: „why the war itself was wrong and why we were not gonna be successful and why we had to recognize that. We just felt that story had to be told, and the only way to tell it was to take it to Washington in that form.“[15]

2. Marsch auf Washington: Dewey Canyon III

Dewey Canyon III gingen Monate der Planung voraus. Regionale Gruppen waren zu koordinieren und eine Vielzahl von Aktionen abzustimmen, die vom Guerilla-Theater bis zur klassischen Pressekonferenz reichten; vor allem mussten Plätze zum Schlafen organisiert und Geld für die Anreise von rund tausend, teils körperbehinderten Veteranen aus dem ganzen Land beschafft werden. Gerald Nicosia betont in seiner umfangreichen Geschichte der Bewegung der Vietnamveteranen die wichtige Rolle, die Kerry als Fundraiser, Organisator und Netzwerker für die etwa 10.000 Mitglieder zählenden VVAW einnahm.[16] Kerrys Einladung in das Senate Foreign Relations Committee erarbeiteten sich die Veteranen mit Hartnäckigkeit und Geschick. Ihr politisches Lobbying bei Kongressabgeordneten, die als kriegskritische „Tauben“ bekannt waren, und ihre Pressekonferenzen und Medienarbeit resultierten im März 1971 unter anderem in einer einstündigen Dokumentation des Fernsehsenders NBC über die VVAW und in mehreren Zeitungsartikeln.[17]

Auf der National Mall in Washington, zwischen dem Kapitol und dem Lincoln Memorial gelegen, fanden im April und Mai des Jahres noch weitere Friedensdemonstrationen statt, denn das Ende des Krieges zählte zum Programm zahlreicher gesellschaftlicher Bewegungen und alternativer Gruppierungen, die gegen die Regierung und gegen das Establishment protestierten. Bis zum Abend des 18. April 1971 trafen rund 900 Veteranen ein. Am Morgen dieses Sonntags waren in einer der wichtigsten politischen Diskussionssendungen des überregionalen Fernsehens, NBCs Meet the Press, John Kerry und Al Hubbard als Vertreter der VVAW eingeladen, um sich von so bekannten Journalisten wie Neil Sheehan, Peter Lisagor und Lawrence Spivak über ihre Ziele und den Krieg befragen zu lassen. Hier wie in anderen Interviews bejahte Kerry die Frage, ob er selbst an Greuel- oder strafbaren Taten beteiligt gewesen sei. Auch er habe an Search and Destroy-Operationen teilgenommen, Dörfer abgebrannt und in sogenannten Free Fire Zones nach eigenem Ermessen geschossen. All diese von den höchsten Stellen der US-Regierung als offizielle Strategie verfolgten und befohlenen Elemente der Kriegführung widersprächen den Genfer Konventionen, die 1949 auch die USA unterzeichnet hatten. Die eigene Regierung habe sich der Kriegsverbrechen schuldig gemacht. „I believe that the men who designed these, the men who designed the free-fire zones, the men who ordered us, the men who signed off the air raid strike areas, I think these men, by the letter of the law, the same letter of the law that tried Lieutenant Calley, are war criminals.“[18]

Am 19. April zogen die Veteranen zunächst in einem friedlichen Protestmarsch zum Nationalfriedhof von Arlington, um der Toten zu gedenken. Jeden Tag wurden sie nun vom Fernsehen begleitet, jeden Tag berichteten die großen Zeitungen und Magazine. Über die CBS Evening News, das amerikanische Pendant zur Tagesschau mit ihrem beliebten Sprecher Walter Cronkite, erreichte das Anliegen der VVAW ein Millionenpublikum.[19] Für weitere Publizität und demonstrative Sympathiebekundungen namhafter Senatoren sorgten allzu durchsichtige Versuche der Regierung, die Demonstrierenden per Gerichtsbeschluss vom Schlafen auf der Mall abzuhalten; das Bild von Ted Kennedy im Camp langhaariger Veteranen in verschlissenen Uniformen machte die Runde. Am 20. April veranstaltete der demokratische Senator Philip Hart einen Fundraising-Abend für die VVAW. Wie Brinkley bildlich beschreibt, mischten sich auf den feinen Läufern einer Villa in Georgetown leidlich gepflegt aussehende Veteranen mit Matsch an den Schuhen mit makellos gekleideten Politikern und Lobbyisten.[20] Kerry hatte wegen seines geschliffenen Auftretens und seines bürgerlich-elitären Hintergrunds schon früher herausgestochen, viele Veteranen stammten aus Arbeiterfamilien und hatten höchstens einen Highschool-Abschluss. Gleichzeitig grenzte er sich explizit von radikaleren Aktivisten ab und setzte auf die Kraft und Glaubwürdigkeit des Arguments im demokratischen Prozess und auf Überzeugungsarbeit bei den Entscheidungsträgern.[21] „I’m not a radical in any sense of the word“, beschrieb Kerry sich 1971 selbst gegenüber der Washington Post. „I guess I’m just an angry young man.“[22]

Im sozialen Rahmen des politischen Establishments schlug Kerrys Habitus positiv zu Buche. William Fulbright, hoch angesehener Vorsitzender des Foreign Relations Committee des US-Senats, fiel der 27-Jährige nichts erst an diesem Abend auf. Fulbright hatte seit 1966 kritische Anhörungen zum Vietnamkrieg veranstaltet und dabei bis zum Regierungswechsel 1969 von Johnson zu Nixon auch Vertreter seiner eigenen Partei nicht geschont. Am 21. April erreichte Kerry die Einladung, am nächsten Tag vor dem Ausschuss von Fulbright auszusagen. Über Nacht arbeitete er Material aus früheren Reden um; gedankenführend sei, so Nicosia mit Verweis auf Zeitzeugeninterviews mit Kerry, der Versuch gewesen sich vorzustellen, wofür er in Vietnam gestorben wäre.[23] Die ernüchternde Antwort kannte er da bereits.

Nun ging es darum, an die Senatoren zu appellieren, alles in ihrer Macht stehende zu tun, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Zur Anhörung begleiteten ihn rund 150 Veteranen, der Raum war zum Bersten gefüllt mit Journalisten und Fernsehkameras. Der Reporter Thomas Oliphant, der in einem seiner Artikel sogar zu Spenden für die VVAW aufrief, beschrieb die Szenerie im Boston Globe und Jahrzehnte später in einem Dokumentarfilm.[24] Kerry erschien in dunkelgrüner Kampfkleidung mit seinen militärischen Orden auf der linken Brustseite. Mehrfach unterbrach Applaus seinen etwa 30-minütigen Vortrag.[25] Gleich zu Beginn benannte er in aller Deutlichkeit die Kriegsverbrechen und Greueltaten, von denen die Soldaten in Detroit berichtet hatten. Nicht kommunistische Vietnamesen bedrohten die USA, so Kerry, sondern diese Taten würden die eigentliche Bedrohung darstellen. Amerika habe ein Monstrum geschaffen, in Gestalt der eigenen Soldaten, denen Gewalt eingeimpft worden sei, um für „the biggest nothing in history“ zu sterben. Rücksichtslos benutzt, verraten und verleugnet von der eigenen Regierung, seien die Männer voller Wut zurückgekehrt.

3. How do you ask a man to be the last man to die for a mistake?

Kerry berichtete von den Wahrnehmungen und Erfahrungen der Soldaten vor Ort; von der Absurdität von Positionskämpfen und anderen „Schlachten“; von der Zerstörungsmacht der USA, die Stadt und Land mit Bomben und Napalm dem Erdboden gleich machten; von den Problemen der Veteranen zu Hause und der Gleichgültigkeit in der Heimat gegenüber ihren Leiden und ihren Geschichten. Jeden Tag stürben weiter Menschen, nur damit Nixon, seinen eigenen Worten zufolge, nicht der erste Präsident sein würde, der einen Krieg verliere. „We are asking Americans to think about that because how do you ask a man to be the last man to die in Vietnam? How do you ask a man to be the last man to die for a mistake?“ Von höchster Stelle genehmigt, verletzten die USA sehenden Auges die Genfer Konventionen, doch die Führer seien desertiert, die Architekten und Verantwortlichen des Krieges, wie Robert McNamara, Walt Rostow oder William Bundy, hätten sich aus dem Staub gemacht und die Truppen im Stich gelassen. Die jetzige Regierung verleugne die Veteranen und ihr Opfer für das Vaterland. So seien sie nun entschlossen, ihre letzte Mission zu Ende zu führen: den Krieg zu beenden, den Hass im eigenen Land zu besiegen und den Frieden zu finden – „so when, in 30 years from now, our brothers go down a street without a leg, without an arm, or a face, and small boys ask why, we will be able to say ‚Vietnam’ and not mean a desert, not a filthy obscene memory but mean instead the place where America finally turned and where soldiers like us helped it in the turning.“[26]

Kerry wurde in diesen Tagen zu einer nationalen Bekanntheit. Alle großen Fernsehsender räumten seiner Rede in ihren Abendnachrichten mehrere Minuten Sendezeit ein. Die New York Times druckte ein langes Interview mit biographischem Porträt und Foto; ein Foto erschien ebenso im Time Magazine, das außerdem lange Auszüge des Statements publizierte. Das deutsche Magazin Der Spiegel überschrieb seinen Artikel mit einem Kerry-Zitat „Das größte Nichts“; auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete über ihn.[27] Von den anwesenden Senatoren erhielt er, wie dem Mitschnitt und der Niederschrift in den Congressional Records zu entnehmen ist, Anerkennung und Lob. Auch Nixon und seinem Stabschef H.R. Haldeman im Weißen Haus, das die VVAW schon länger auf seiner Gegnerliste führte, nötigte sein Auftritt Respekt ab.[28]

Kerrys flüssiger, rhetorisch eindringlicher Vortrag war unaufgeregt und emotional zugleich. Er verflocht Erfahrung und Analyse, abstrahierte aber von seinem subjektiven Erleben. Die Wortwahl war deutlich, zentrales Motiv war ein persönlicher und politischer Appell an die Verantwortung. Die Gefühle von Enttäuschung, Wut und Verbitterung unter den Veteranen, ihr Gefühl, betrogen und missbraucht worden zu sein, stellte er immer wieder heraus. Kerrys Emotionen waren nicht aufgesetzt, er sprach aus der Überzeugung, die ihn 1970 in die Antikriegsbewegung geführt hatte. Seine Rede war frei von politischem Taktieren und seine Forderung ohne Wenn und Aber. Gegenüber der Untätigkeit der Entscheidungsträger zeigte sich Kerry verständnislos und kritisierte die Trägheit des politischen Prozesses und der gewählten Volksvertreter in Washington, denn jeden Tag fordere der Krieg weitere Opfer, Amerikaner wie Vietnamesen.

In der Diskussion mit den Senatoren appellierte Kerry an die politische und moralische Verantwortung des Kongresses, gegenüber der Regierung auf einen sofortigen Waffenstillstand zu drängen und die Finanzierung des Krieges zu beenden, was in der Macht des Kongresses gelegen hätte. Auf die Frage, ob die Veteranen, die Gewalttaten zugegeben hatten, vor Gericht gestellt werden sollten, antwortete Kerry, man müsse zwischen Schuld und Verantwortung (guilt and responsibility) unterscheiden. Die Verantwortung liege woanders, bei den Politikern und Militärs, die Free Fire Zones und das Prinzip des Body Count erfunden und durchgesetzt hätten. Wenn man Soldaten wie Calley anklage, müsse man gleichzeitig die Verantwortlichen anklagen. Hier und auch später erklärte Kerry, dass er nach wie vor bereit sei, die Freiheit und Sicherheit seiner Heimat mit Waffen zu verteidigen. Belesen, gut informiert und bemüht um differenzierte politische Einordnung und Stellungnahmen, sprach Kerry schon damals die Sprache, die ihn schließlich 1984 selbst in den Senat führen sollte.

Im Juni 1971 bestätigten die von der New York Times und anderen Zeitungen publizierten Pentagon Papers, eine geheime Dokumentation des Verteidigungsministeriums, dass die Regierungen von Kennedy und Johnson die Bevölkerung und den Kongress von Anbeginn über das wahre Ausmaß des amerikanischen Engagements in Vietnam, den Kriegsverlauf und die Aussichten der US-Militärs belogen hatten. Die Veteranen konnten sich hierdurch genau so bestätigt fühlen wie durch Meinungsumfragen, denen zufolge im Sommer 1971 erstmals eine klare Mehrheit der Bevölkerung den Krieg als Fehler betrachtete und sich für einen amerikanischen Truppenabzug aussprach.[29] Im Januar 1973 unterzeichneten die USA ein Waffenstillstandsabkommen mit Nordvietnam. Während die USA den Bombenkrieg in Kambodscha fortsetzten, zogen sie ihre Bodentruppen aus Vietnam ab. Im Juni beendete der Kongress die weitere Finanzierung des Luftkrieges und schränkte die Befugnisse des Präsidenten zur Kriegführung durch die War Powers Resolution ein. Von nun an brauchte der Präsident die Genehmigung des Kongresses, wenn er das amerikanische Militär für länger als sechzig Tage einsetzen wollte. Zwar erhielt Südvietnam noch finanzielle Unterstützung von den USA; aber im April 1975 nahmen kommunistische Truppen Saigon ein. Zwischen 1961 und 1975 starben auf den Kriegsschauplätzen in und um Vietnam rund 58.000 Amerikaner. Die Zahl der vietnamesischen Todesopfer lag mit etwa drei Millionen um ein Vielfaches höher, nicht zu sprechen von hunderttausenden Laoten und Kambodschanern. Mehr als eine Million Flüchtlinge verließen nach dem Zusammenbruch Südvietnams und der Wiedervereinigung mit dem Norden zur Sozialistischen Republik Vietnam 1976 das Land; hunderttausende Witwen, Waisen und Versehrte ließ der Krieg zurück. In Kambodscha erleichterte die Destabilisierung des Staates durch den Krieg den Aufstieg und Massenmord der Roten Khmer.

4. Sinn und Lehren: Kriegserfahrung und politische Karriere

Am Ende eines Dokumentarfilms, den sein Freund George Butler im Kontext des Präsidentschaftswahlkampfes 2004 drehte, bezeichnete Kerry die Kriegsjahre als wichtigste prägende Phase seines Lebens.[30] Wie Robert Schulzinger in seinem Buch über die Nachgeschichte des Krieges hervorhebt, betrachteten viele Veteranen, die in Kampfhandlungen verwickelt gewesen waren, den Vietnamkrieg als wichtigstes Ereignis ihres Lebens. Jedoch bewerteten sie ihre Erfahrungen vollkommen unterschiedlich. Während etwa weiße Veteranen die Kriegserfahrung überwiegend positiv und als wichtigen Faktor ihrer persönlichen Entwicklung einordneten, meinte nur ein Viertel der afroamerikanischen Soldaten, die Erfahrungen seien „gut“ für sie gewesen. Wichtig ist auch, dass die Unterstützung für den Krieg unter Veteranen wesentlich stärker ausgeprägt war als bei der Durchschnittsbevölkerung. Laut einer Umfrage galt der Krieg 1981 43 Prozent der befragten Veteranen als richtig und angemessen, aber nur 18,5 Prozent der Amerikaner.[31]

John Kerry trat nach dem April 1971 noch einige Monate als gefragter Sprecher für die VVAW auf, verließ die sich stärker dem radikalen Flügel zuneigende Organisation dann aber wie andere Moderate. Im Frühjahr 1972 bewarb sich Kerry im fünften Wahldistrikt in Massachusetts erneut für einen Sitz im Repräsentantenhaus und gewann die Vorwahlen der Demokraten, unterlag jedoch im November dem Republikaner Paul Cronin.[32] Nach der als schmerzlich empfundenen Niederlage begann er ein Jura-Studium am katholischen Boston College. Seine Identität als Vietnamveteran rückte in den Hintergrund. Am Boston College knüpfte er an seine frühere Passion im Debattierclub von Yale an, wurde Mitglied des Moot Court Teams und nahm 1976 einen Job im Büro des Bezirksstaatsanwalts von Middlesex County an. 1982 setzte er sich in den Vorwahlen für das Amt des Vizegouverneurs von Massachusetts durch und gewann an der Seite von Michael Dukakis die Wahl gegen die Republikaner John Sears und Leon Lombardi.[33] In seiner Zeit als Vizegouverneur profilierte sich Kerry dem Boston Globe zufolge nicht nur als Kritiker der Aufrüstungspolitik Ronald Reagans, sondern vor allem in den Feldern Umweltschutz und Strafverfolgung. 1984 schließlich erkämpfte er sich in Massachusetts die Nominierung der Demokratischen Partei für einen Sitz im US-Senat und setzte sich im Rennen gegen den Republikaner Ray Shamie als prononcierter Kritiker der Reaganschen Wirtschafts-, Außen- und Verteidigungspolitik durch.[34]

1985 trat Kerry sein Amt als US-Senator an und wurde Mitglied des Foreign Relations Committee, vor dem er vierzehn Jahre zuvor als junger Aktivist Rede und Antwort gestanden hatte. Hoffnungsvoll hatte seine Rede einst geendet: In dreißig Jahren solle es in Amerika möglich sein, von „Vietnam“ als einem Ort zu sprechen, „where America finally turned and where soldiers like us helped it in the turning“. Reflexionen über die metaphorische Bedeutung von „Vietnam“, über Lehren des Krieges und über Vietnam als amerikanischen Erinnerungsort findet man in späteren öffentlichen Reden Kerrys immer wieder. Worauf bezog sich Kerrys Hoffnung? Wie gestaltete sich sein Beitrag zu der erhofften Umkehr? Welche Bedeutung hatte der Vietnamkrieg für sein politisches Handeln als Senator?

 

Lesen Sie hierzu Teil II: Kriegserfahrung und politisches Handeln 1985 – 2002 und Teil III: Präsidentschaftskandidat und Chefdiplomat der USA 2002 - 2017


[1] US-Streitkräfte: Grausamer Witz, in: Der Spiegel 35, 23. Aug. 1971, S. 73.
[2] Mein herzlicher Dank gilt Fabian Langer, B.A., für die Unterstützung bei der Quellen- und Videorecherche sowie den  Kolleginnen und Kollegen, die die verschiedenen Teile dieses Essays kommentiert und korrigiert haben.
[3] Joint Resolution To promote the maintenance of international peace and security in southeast Asia, August 7, 1964 (Public Law August 10, 1964).
[4] Zahlen nach Robert D. Schulzinger, A Time for Peace: The Legacy of the Vietnam War (New York: Oxford University Press, 2006), S. 74 u. S. 211, Anm. 2.
[5] Das Treffen ist dokumentiert im Film "Winter Soldier" (Milliarium Zero and Winterfilm with Vietnam Veterans Against the War, 1972) (DVD 2006).
[6] Die Referenzstudie über Kriegsverbrechen und Gewalttaten im Vietnamkrieg bleibt Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten. Die USA und Vietnam (Hamburg: Hamburger Edition, 2007), engl. War Without Fronts: The USA in Vietnam (New Haven: Yale University Press, 2010). In der Siedlung My Lai 4 ermordeten amerikanische Soldaten am 16. März 1968 mehr als vierhundert unbewaffnete Zivilisten, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen. Erst als der Vorfall 1969 öffentlich bekannt wurde, forcierte die Armee eine Untersuchung. Von 25 schwer belasteten Soldaten wurden nur sechs vor das Militärgericht gestellt und am Ende allein William Calley verurteilt.
[7] Angry War Veteran: John Forbes Kerry, in: The New York Times, 22. April 1971, S. 4.
[8] Der Historiker Brinkley greift in der Biographie unter anderem auf neun persönliche Interviews mit Kerry zurück, die er mit ihm zwischen 2002 und 2003 führte; Kerry gewährte ihm außerdem Zugang zu persönlichen Aufzeichnungen. Douglas Brinkley, Tour of Duty: John Kerry and the Vietnam War (New York: William Morrow, 2004), zur Zeit in der Navy ausführlich S. 129-328.
[9]  Life and Career of John Kerry (Profilinterview) mit dem Fernsehsender C-Span, Erstausstrahlung 16. Nov. 1988.
[10] Robert Jay Lifton, Home From the War: Learning from Vietnam Veterans (Boston: Beacon Press, 1995) [zuerst 1973], bes. S. 281-306. Auf Liftons Arbeit mit Vietnamveteranen ist die Klassifizierung des „Posttraumatischen Belastungssysndroms“, englisch PTSD, als spezifisches psychisches Krankheitsbild im Jahr 1980 zurückzuführen.
[11] George C. Wilson, Viet Veteran Turns Protester, in: The Washington Post, 18. April 1971.
[12] Hierzu und zum Folgenden Brinkley, Tour of Duty, S. 328-354.
[13] O-Ton John Kerry in: Life and Career of John Kerry, C-Span, 16. Nov. 1988, Min. 21:03.
[14] Hier zit. nach Douglas Robinson, Agnew Salutes Westpoint Class, in: The New York Times, 4. Juni 1970, Titelseite.
[15] O-Ton John Kerry in: Vietnam: A Television History. Teil 10: Homefront USA (Public Broadcasting Service PBS, 1983), Erstausstrahlung Okt.-Nov. 1983, hier zitiert nach der gekürzten DVD-Fassung von 2004, Min. 48:44-53:30.
[16] Eine weitaus größere Zahl der Vietnamveteranen, etwa 350.000, waren dagegen gemeinsam mit ehemaligen Soldaten des Koreakriegs und der beiden Weltkriege in den traditionellen Veteranenverbänden American Legion, Veterans of Foreign Wars und Disabled American Veterans organisiert, die offiziell keine Antikriegsagenda verfolgten. Greiner, Krieg ohne Fronten, S. 521, Anm. 36.
[17] Dewey Canyon III und Kerrys Rolle sind detailliert beschrieben in Gerald Nicosia, Home to War: A History of the Vietnam Veterans’ Movement (New York: Three Rivers, 2001), S. 98-157. Nicosia stützt sich auch auf zwei Gespräche mit Kerry, die er 1988 für das Buch führte. Sofern nicht anders gekennzeichnet, folge ich der ereignisgeschichtlichen Darstellung Nicosias sowie Andrew E. Hunt, The Turning: A History of Vietnam Veterans Against the War (New York: NYU Press, 1999), S. 94-119.
[18] O-Ton Kerry zitiert nach Transkript der Sendung: John Kerry, Al Hubbard Speak Out Against Vietnam War, in: Meet the Press, NBC Universal, 18.4.1971, NBC Learn. Die Anerkennung des Haager Abkommens von 1907 und der Genfer Konventionen durch die USA, welche insbesondere das vorsätzliche Töten von Zivilisten und Kriegsgefangenen, Folter und militärisch nicht gerechtfertigte Zerstörungen und Plünderungen verboten, bedeutete, dass dieses internationale Recht auch vor amerikanischen Militärgerichten galt. Wie Bernd Greiner zeigt, sind bis Ende 1972 insgesamt dreißig amerikanische Soldaten und Offiziere wegen Verstößen gegen das Kriegsrecht erstinstanzlich von Militärgerichten in den USA verurteilt worden. Aufgrund der Quellenlage ist es aber unmöglich, eine Zahl von Vorfällen zu ermitteln. Schätzungen zufolge, die auf lückenhaft dokumentierten Umfragen beruhen, könnten zehn bis zwölf Prozent der US-Soldaten an Gewaltverbrechen beteiligt gewesen sein. Hierzu sowie zur komplizierten Rechtsmaterie und zur ernüchternden Bilanz der Strafverfolgung von Morden, Tötungs- und Gewaltdelikten durch US-Militärs Greiner, Krieg ohne Fronten, bes. S. 25-29 u. S. 439-545.
[19] Nicosia, Home to War, S. 108 u. 116. Abstracts der Nachrichtensendungen kann man im großartigen Vanderbilt Television News Archive finden, das die Nachrichten der nationalen Networks seit 1968 digital archiviert.
[20] Brinkley, Tour of Duty, S. 366-367.
[21] So basierend auf Interview-Aussagen Kerrys, in: Nicosia, Home to War, S. 114-115. Zum familiären Hintergrund von Kerry s. Teil III.
[22] George C. Wilson, Viet Veteran Turns Protester, in: The Washington Post, 18. April 1971.
[23] Nicosia, Home to War, S. 133. Lifton führt dies als eine der wichtigsten Fragen an, mit denen sich die Veteranen in ihrer Aufarbeitung konfrontiert sahen: die Auseinandersetzung mit dem möglichen eigenen Tod im Lichte des Todes, den sie aus der Nähe erlebten. Lifton, Home from the War, S. 389.
[24] Thomas Oliphant, Senators told ‚we created a monster’, in: Boston Globe, 23. April 1971; Going Upriver: The Long War of John Kerry. A film by George Butler (Swiftboat Films LLC / White Mountain Films, 2004); Spendenaufruf in Tom Oliphant, Vet’s new war needs funding, in: Boston Globe, 15. April 1971.
[25] Ein Zusammenschnitt, den der Fernsehsender C-Span im August 2004 aus Anlass des Präsidentschaftswahlkampfes sendete, ist online abrufbar in der C-Span Video Library.
[26] U.S. Senate, Committee on Foreign Relations: Statement of John Kerry, Vietnam Veterans Against the War, April 22, 1971, in: Congressional Record, 92nd Congress, First Session, Vol. 117, Part 8 (Washington D.C.: U.S. Government Printing Office, 1971), S. 179-210 (dort ist auch die anschließende Diskussion protokolliert). McNamara war US-Verteidigungsminister von 1961 bis 1968; Rostow Nationaler Sicherheitsberater 1966 bis 1969; Bundy Assistant Secretary of State 1964 bis 1969.
[27] CBS Evening News, ABC Evening News und NBC Evening News, 22. April 1971 (Abstracts in Vanderbilt Television News Archive); Angry War Veteran: John Forbes Kerry, in: The New York Times, 22. April 1971, S. 4; Protest: A Week Against the War, in: Time Magazine 97, No. 18, 3. Mai 1971, S. 10-13; das Pacifica Radio Network sendete die gesamte Rede am 3. Mai 1971. Für Deutschland: Vietnam-Protest: Das größte Nichts, in: Der Spiegel 19, 3. Mai 1971, S. 98; Hans Achim Weseloh, Friedliche Marschierer in Washington. Die Anti-Vietnam-Demonstrationen vor dem Kapitol, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. April 1971, S. 3.
[28] Mit Bezug auf die White House Tapes Brinkley, Tour of Duty, S. 14-15. Nixon bezeichnete Kerry in einem aufgezeichneten Gespräch mit Haldeman als „extremely effective“; Haldeman attestierte Kerry „a superb job“, außerdem trete er auf und rede „exactly like a Kennedy“.
[29] Hunt, The Turning, S. 118-119.
[30] Going Upriver: The Long War of John Kerry. A film by George Butler (Swiftboat Films LLC / White Mountain Films, 2004).
[31] Schulzinger, A Time for Peace, S. 75-77. Solche allgemeinen Umfrageergebnisse geben allerdings nicht über die Gründe der Ablehnung oder Zustimmung Aufschluss. Sie zeigen jedoch, wie unterschiedlich die Einstellungen von Veteranen gegenüber dem Vietnamkrieg blieben. Zu den diametralen Positionen von Veteranen etwa David Flores, Memories of War: Sources of Vietnam Veteran Pro- and Antiwar Political Attitudes, in: Sociological Forum 29:1 (2014), S. 98-119.
[32] Hierzu und zum Folgenden Michael Kranish /Brian C. Mooney / Nina J. Easton, John F. Kerry: The Complete Biography by the Boston Globe Reporters Who Know Him Best (New York: Public Affairs, 2004), S. 143-177. Wie Brinkleys Buch ist dieses im Wahlkampf 2004 erschienen. Der Boston Globe verfolgte Kerrys Laufbahn seit den frühen 1970er Jahren; der Band ist an journalistischen, nicht an fachhistorischen Recherche- und Belegstandards zu messen.
[33] Dukakis war bereits von 1975 bis 1979 Gouverneur gewesen; 1988 unterlag er in der Präsidentschaftswahl gegen George H.W. Bush.
[34] Kranish / Mooney / Easton, John F. Kerry, S. 191-208.