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Gruppenbild der Historikerkommission des BND

Die Historikerkommission des Bundesnachrichtendiensts: Klaus-Dietmar Henke, Jost Dülffer, Rolf-Dieter Müller und Wolfgang Krieger (v.l.n.r.)
© BND

„Noch klappt es nicht richtig“
Ein Interview mit Klaus-Dietmar Henke zum Forschungsprojekt des Bundesnachrichtendienstes
von
Christian Mentel
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Anfang 2008 scheiterte der erste, bereits seit 2006 spruchreife Versuch des Bundesnachrichtendienstes (BND) zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Vor allem weil ihm kein ausreichender Aktenzugang zugesichert wurde, zog sich der als Bearbeiter vorgesehene Historiker Prof. Dr. Gregor Schöllgen (Universität Erlangen-Nürnberg) im Februar 2008 zurück.[1]

Erst drei Jahre später, im Februar 2011, wurde ein zweiter Anlauf unternommen und eine vierköpfige Historikerkommission eingesetzt. Ihr gehören Prof. Dr. Jost Dülffer (Universität zu Köln), Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke (Technische Universität Dresden), Prof. Dr. Wolfgang Krieger (Universität Marburg) und Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr/Humboldt-Universität zu Berlin) an. Untersucht werden soll „die Geschichte des BND, seiner Vorläuferorganisationen sowie seines Personal- und Wirkungsprofils von 1945 bis 1968 und des Umgangs mit dieser Vergangenheit“ bis zum Ende der Präsidentschaft Reinhard Gehlens. Vorgelegt werden die Ergebnisse nach Ende des mit zwei Millionen Euro dotierten Projekts im Jahr 2016.[2]

Nachdem Zeitgeschichte-online (ZOL) den Sprecher der Unabhängigen Historikerkommission des BND, Klaus-Dietmar Henke, bereits im Januar 2012 nach der Podiumsdiskussion „Quo vadis, zeithistorische Auftragsforschung?“ im Rahmen eines Kurzinterviews befragt hatte, ergab sich knapp anderthalb Jahre später die Möglichkeit zu einem erneuten Gespräch. Am Rande des 3. Rosenburg-Symposiums am 8. Mai 2013 in Berlin, auf dem erstmalig alle Historikergruppen zu einem Austausch zusammentrafen, die momentan in Forschungsprojekten für Bundesbehörden tätig sind oder es bis vor kurzem waren, sprach Christian Mentel mit Klaus-Dietmar Henke vor allem über die organisatorischen Aspekte und Rahmenbedingungen der Kommissionsarbeit.[3]

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ZOL: Herr Henke, wir haben heute morgen einige Vorträge von Vertretern von Forschungsprojekten in Bundeseinrichtungen gehört – neben dem Ihrigen zum BND auch zum Auswärtigen Amt, Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundeskriminalamt –, die in einer ähnlichen Situation arbeiten oder gearbeitet haben wie Sie. Auch wenn noch weitere Vorträge anstehen: Haben Sie schon etwas für Ihre Arbeit mitnehmen können?

Henke: Ich denke, dass unsere Entscheidung, selbstbestimmt den Gegenstand auszusuchen, richtig war. Es gibt eine Reihe von Projekten, die von ihren Auftraggebern ein Thema vorgegeben bekamen. Das ist legitim, aber ich denke, wenn man die Wirkung der NS-Belastung genau bestimmen will, ist es sinnvoll, das Thema auszuweiten. Also sich zum Beispiel um die gesamte Personalstruktur zu kümmern, um den Stellenwert der NS-Belastung besser einordnen zu können. Unsere Entscheidung zu sagen „wir machen dies, jenes aber nicht“ unterstreicht die Autonomie unseres Projekts gegenüber dem BND zusätzlich.

ZOL: Sie sind im Oktober 2012 eine Forschungskooperation mit dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) eingegangen.[4] Wie verhält sich diese Kooperation zu Ihrer Forschungsarbeit? Handelt es sich dabei um eine Art Unterprojekt, an dessen Ende eine eigenständige Publikation stehen wird?

Henke: Diese Kooperation ist für uns sehr wertvoll und die Ergebnisse werden sowohl als Monografie als auch als Teil unserer Gesamtdarstellung erscheinen. Einzigartig daran ist, dass die Akten zweier Geheimdienste, die sich erbittert bekämpft haben, nun auf beiden Seiten zugänglich sind. Damit haben wir die Möglichkeit zu beschreiben, wie dieser Kampf geführt wurde und was die jeweiligen Strategien, Erfolge und Pleiten waren. Wir kannten ja nur die eine Seite. Durch die Öffnung der BND-Akten sind wir einen großen Schritt vorangekommen. Dass der Bundesbeauftragte unsere Initiative aufgegriffen hat, freut uns.

ZOL: Sie haben eingehend zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gearbeitet. Wenn Sie diese Erfahrungen mit der augenblicklichen Arbeit am Gegenstand BND vergleichen: Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten können Sie ausmachen? Oder sind die Dienste überall gleich organisiert?

Henke: Es gibt einen Kardinalunterschied zwischen dem MfS und BND. Der BND ist ein Nachrichtendienst, das MfS war eine Geheimpolizei. Es handelt sich hier also um andere Kategorien. Ansonsten ist Informationsbeschaffung in allen Nachrichtendiensten der Welt, salopp gesprochen, das gleiche Geschäft. Ein wesentlicher Unterschied ist dennoch, dass wir in der Frühphase des BND und angesichts des damaligen Wildwuchses bei der Rekrutierung auf zahlreiche hochgradig NS-belastete Mitarbeiter treffen. In Kontrast dazu gab es bei den hauptamtlichen Mitarbeitern im MfS keine solchen Fälle. Inwieweit sich ansonsten die Auslandsspionage der HV A (der zuständigen „Hauptverwaltung Aufklärung“ des MfS, Anm. ZOL) und des BND ähneln, kann ich noch nicht sagen – ich nehme aber an, dass das grundsätzlich der Fall ist. Aber es wird sicherlich kein Schwerpunkt unserer Arbeit sein, die Auslandsspionage beider Dienste miteinander zu vergleichen.

ZOL: Vor kurzem wurde im Bundestag abermals eine Kleine Anfrage zur oft diskutierten Verbindung von Adolf Eichmann und dem BND gestellt, sie umfasste nicht weniger als 69 detaillierte Fragen.[5] Ist diese große Aufmerksamkeit aus der Politik, aber auch in der Publizistik, Ihrer Arbeit eher dienlich oder hinderlich?

Henke: Das Interesse an diesem Thema ist zu recht groß und je mehr an der Aufarbeitung mitarbeiten, seien es nun Parlamentarier, Journalisten oder Historiker: umso besser. Wir sehen hier keine Konkurrenz. Freilich haben wir das Privileg, an die internen Akten heranzukommen und wir wollen versuchen, auch den Eichmann-Komplex näher zu beleuchten. Ob wir hier Ergebnisse vorlegen können, die über das hinausreichen, was man bereits weiß, kann ich noch nicht absehen.

ZOL: Wie hat man sich das Verhältnis Ihrer Kommission zur BND-internen „Forschungs- und Arbeitsgruppe ‚Geschichte des BND‘“ vorzustellen? Auf der einen Seite ist diese Gruppe dem BND unterstellt und in dessen Strukturen eingebunden, auf der anderen Seite arbeitet sie Ihnen jedoch zu, entsprechend Ihrer Anleitung. Das hört sich nach einer grundsätzlich problematischen Konstruktion an ...

Henke: … ja, von der Konstruktion her klingt das zunächst etwas kompliziert und es scheint, als seien da Konflikte vorprogrammiert. Das kann man im Moment jedoch nicht sagen. Diese interne Arbeitsgruppe ist so etwas wie ein Verbindungsstück zwischen uns und der Leitung des BND. Wenn es praktische oder rechtliche Probleme gibt, dann wenden wir uns zunächst an ihren Leiter Dr. Bodo Hechelhammer. Leider ist diese Gruppe zugleich mit allerlei anderen Dingen beschäftigt und kommt nicht in dem Maße dazu uns zuzuarbeiten, wie es wünschenswert wäre. Wir hoffen sehr, dass wir in den kommenden Jahren noch stärker von ihrer Zuarbeit profitieren – dies wäre unbedingt notwendig, da die Arbeitsgruppe viel direkte Zugänge besitzt und den Dienst kennt. Mitarbeiter der – sehr kleinen – Gruppe werden im Rahmen unserer Arbeit auch selber Studien vorlegen, etwa eine Untersuchung zu dem sowjetischen Spion Heinz Felfe, der 1961 enttarnt wurde. Diese Arbeitsgruppe ist an sich eine nützliche Einrichtung, aber noch klappt es nicht richtig.  

ZOL: Der BND hat bereits darauf hingewiesen, auch Sie selbst haben es angesprochen: die Präsentation Ihrer Ergebnisse. Es wird offenbar wissenschaftliche Symposien und Konferenzen geben, und auch mehrere Publikationen. Was sind Ihre Planungen und wie hat man sich diese vorzustellen – eine Gesamtdarstellung, monografische Einzelstudien, Aufsätze, Sammelbände?

Henke: Wir haben vor, ähnlich wie Das Amt und die Vergangenheit unsere Ergebnisse in einem Band vorzulegen – dieser wird wohl 700-800 Seiten umfassen. Darin werden Einzelaspekte aber nur sehr holzschnittartig abgehandelt werden können. Deshalb wollen wir zusätzlich Einzelstudien publizieren, wo einzelne Themen tiefgehender ausgebreitet werden können. Ansonsten werden wir, wenn wir öffentlichkeitsrelevante Ergebnisse vorliegen haben, diese natürlich auch in Zeitungsartikeln an die Leser bringen. Wir veranstalten aber auch das eine oder andere Symposium – in vergleichbarer Form wie das heutige, das in seiner Zusammenführung der unterschiedlichen Projekte sehr nützlich ist. Jedoch waren wir zurückhaltend, gleich eine ganze Symposienreihe wie diese hier aufzulegen, stattdessen konzentrieren wir uns auf breite Quellenarbeit. Anfang Dezember 2013 wollen wir in einer Veranstaltung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in einem ersten Werkstattbericht Zwischenberichte aus sieben Teilprojekten vorstellen.

ZOL: Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview zur Verfügung gestellt und uns einen Teil Ihrer Kaffeepause geopfert haben.

 


[1] Vgl. Historiker soll BND erforschen, FAZ, 01.10.2007; Bundesarchiv erhält BND-Akten, FAZ, 16.02.2008; Gregor Schöllgen, Am Ende ohne Akten?, SZ, 09.02.2011.

[2] Vgl. die Internetseite der Kommission unter http://www.uhk-bnd.de/.

[3] Veranstaltet wurde das Symposium von der Wissenschaftlichen Kommission des Bundesjustizministeriums, vgl. den ZOL-Konferenzbericht „Das 3. Rosenburg-Symposium. Stand und Perspektiven der Forschung zur NS-Vergangenheit von Ministerien und Behörden“.

[4] Vgl. die Pressemitteilung „Konfrontation von MfS und BND in der frühen Bundesrepublik und DDR“ vom 16. Oktober 2012.