von Annette Schuhmann

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26. März 2020

Vor nicht allzu langer Zeit war eine befreundete Wissenschaftlerin zu Gast im Kolloquium des ZZF. Sie kam von weit her und wollte die Zeit bis zum Beginn ihres Vortrages nutzen, um noch ein paar Ergänzungen an ihrem Script vorzunehmen. In einem der Büros auf unserem Flur war noch ein Platz frei. Sie konnte also in Ruhe arbeiten. Ihr Vortrag schließlich war wunderbar, spannend und voller neuer Ideen. Als wir am Abend gemeinsam nach Hause fuhren, erklärte sie jedoch sichtlich erschüttert, dass sie es nie, wirklich überhaupt nicht einen einzigen Tag in unserem „Jahrmarkt“ (so bezeichnete sie unsere Büroetage) aushalten würde. Alle Türen stünden offen, allein in meinem Büro würden vier Personen arbeiten, die Hilfskräfte zu zweit an einem Tisch, dauernd surrt der Drucker, klingelt irgendwo ein Telefon, würden Kolleg*innen in der kleinen (offenen) Teeküche quatschen, komme jemand ins Zimmer.

Und in der Tat, sie hatte Recht. Mit einem Schlag fiel mir ein, dass ich oft unendlich müde war, nach einem Bürotag in Potsdam. Und immer dachte ich, „nichts geschafft“ zu haben, gingen mir die Vielredner*innen auf dem Flur auf die Nerven, dauerten die Sitzungen zu lange, waren die Räume stickig, die Wortbeiträge in den Kolloquien redundant, das Fauchen der Kaffeemaschine ziemlich laut, und immer hatte irgendjemand irgendwas zu meckern, der Kopierer war hypersensibel und die wichtigen Bücher meist ausgeliehen. Kurz: Es war hart.

Seit vier Wochen nun bin ich fern vom „Jahrmarkt“ im Home-Office, durch einen Fahrradunfall etwas früher hineingezwungen als alle anderen Kolleg*innen. Zusammenfassend stelle ich nach diesen vier Wochen fest, dass es sich mit dem Home-Office ebenso verhält wie mit den Lebensentscheidungen, die Menschen angeblich bei langen Strandspaziergängen an tosenden Meeren treffen. In den etwas simpleren Filmen, in denen solche Strand(lebens)entscheidungen getroffen werden, wird danach alles gut, die Protagonist*innen werden endlich sie selbst und führen ein ehrlicheres, irgendwie authentischeres Leben. 

Auf den gefühlt dreihundert langen Strandspaziergängen, die mir ein festes Gehalt inzwischen ermöglicht hat, ist allerdings noch keine einzige nennenswerte Entscheidung in meinem Leben gefallen. Eine der wichtigsten fiel nach einem simplen Anruf aus einer Telefonzelle bei meiner Mutter (Ausreiseantrag), eine andere beim Wäsche zusammenlegen (Scheidung). Das ist filmisch kaum in beeindruckenden Bildern umzusetzen.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Home-Office: Einem Traum vom schönen Arbeiten und den vielen Texten, Rezensionen, Vorträgen, die nun endlich (rechtzeitig) fertig werden. Ich hätte es nicht gedacht, aber der „Jahrmarkt“ fehlt mir. Mir fehlen all meine merkwürdigen, klugen Kolleg*innen. Ich vermisse das müde Lächeln in den Gesichtern der IT-Leute angesichts einer Lappalie, die aus meiner Sicht globale Bedeutung hat. Ich vermisse meinen Zimmerkollegen, der wirklich immer alles weiß; meine Kollegin, die ich seit Jahrzehnten kenne und die wie ich mit den Widrigkeiten der Redaktionsarbeit kämpft. Mir fehlen meine beiden jungen Mitarbeiterinnen und ihre betretenen Blicke, wenn ich wieder einmal in der Handhabung der „sozialen Medien“ dilettiere. Ich vermisse das Sekretariat, das für alles eine Lösung hat, Bibliothekar*innen, die einem den Bücherwunsch von den Lippen ablesen, eine Verwaltungsabteilung, die einem all den unschönen Papierkram abnimmt, als wären es ungeputzte Schuhe in einem Grandhotel. All das gibt es in unserem luxuriösen „Jahrmarkt“.

Und nein: Ich will hier nicht pathetisch werden. Ich vermisse nicht alles. Ich würde mir wünschen, dass diese chaotische und für viele so existentielle und gefährliche Zeit dennoch Formen der Kreativität hervorbringt. Deadlines meine ich nicht. Ich meine das Überdenken von Ritualen, die nur noch vollzogen werden, weil wir das „schon immer so gemacht haben“. Ich wünsche mir mehr Verständnis für die Unsicherheiten der anderen und weniger Eitelkeit und Narzissmus. Ich wünsche mir Empathie und Offenheit gegenüber den Ängsten so vieler Kolleg*innen vor einer ungewissen Existenz im akademischen Betrieb, der fatalen Idee, nicht klug genug zu sein, der Angst vorm Schreiben, vor dem Reden vor vielen, oder vor der Quote – wovor auch immer wir Angst haben.

Gerade lese ich im Glashaus-Blog der ZEIT-Redaktion zum Home-Office Zitate über das journalistische Arbeiten: So meinte etwa Branchen-Legende Henri Nannen einmal: ‚Journalismus ist Quatschen auf dem Flur.’ Und Michael Naumann erklärte einst als Herausgeber der ZEIT: ‚Diese Zeitung wird zusammengequatscht.’ In Online-Newsrooms entstehen die Ideen für Projekte und Themen ebenfalls oft in gemeinsamen Konferenzen, aber eben auch beim Plausch an der Kaffeemaschine oder (im Fall von ZEIT ONLINE) bei einer Partie Tischtennis oder Kicker.“
Wir können unsere Monografien, Rezensionen und Vorträge nicht „zusammenquatschen“, aber ohne den „Jahrmarktbetrieb“ und die Teeküche, ohne die gemeinsamen Mittagessen würde auch unsere Arbeit blutleer, die Themen fader. Ich freue mich jetzt schon auf die Anschaffung einer Tischtennisplatte für die Zeit „danach“.

 

Annette Schuhmann im März 2020