von Katja Doose

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6. November 2020

Ende September ist der Konflikt um die umstrittene Region im Südkaukasus, Bergkarabach, erneut mit heftigen Gefechten ausgebrochen. Innerhalb eines Monats sind über 5.000 Menschen ums Leben gekommen, die Hauptstadt Stepanakert ist mittlerweile eine Geisterstadt. Insgesamt verzeichnet der Krieg jedoch bereits über 30.000 Opfer. Denn der Konflikt schwelt seit über drei Jahrzehnten, genauer seit dem Ende der Sowjetunion, und ist das Ergebnis sowjetischer Nationalitätenpolitik und ihrer willkürlichen Grenzziehungen. Mitnichten ist es jedoch ein Krieg, der nur zwei Länder betrifft. Die Tatsache, dass der bisher als „eingefroren“ eingestufte Konflikt derzeit wieder in einen offenen Krieg ausbricht, wirft vor allem ein Licht auf die Herrschaftsinteressen Russlands und der Türkei sowie auf die Macht- und Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft. Im folgenden Beitrag soll es um die historischen und politischen Hintergründe dieses nun nicht mehr eingefrorenen Konfliktes gehen.

 
Der Kampf um Jedermanns Land – die historischen Wurzeln des Konflikts
Nagorno-Karabach ist eine Bergregion, die rund 150.000 Bewohner zählt und ungefähr doppelt so groß ist wie Luxemburg. Eine unstrittige Zugehörigkeit der Region gab es in seiner langen Geschichte selten. Denn seit der Antike gehörte sie zu verschiedenen Großreichen und entfachte immer wieder kleinere Streitigkeiten – als antiker Konflikt gilt er dennoch nicht, denn er ist erst durch das Aufkommen von Nationalstaatlichkeit möglich geworden.

Sein Beginn wird oft auf das Ende des Ersten Weltkriegs im Jahre 1918 gelegt, als bei der Neustrukturierung der Landesgrenzen und der Aushandlung der Friedensverträge die Zugehörigkeitsfrage Karabachs zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Mit der Ausrufung der Sowjetrepubliken 1921, hatte die Sowjetmacht dazu das letzte Wort. Es wurde kurz darauf beschlossen, ohne Abstimmung und zur Empörung der Armenier, Karabach zum Autonomen Gebiet der Aserbaidschanischen SSR zu machen, weil man sich von Seiten der Sowjetunion die politische Unterstützung der Türkei gegen den Westen erhoffte, aber auch weil Karabach wirtschaftlich und geografisch besser an Baku als an Jerewan gebunden war.[1] Während heute für die Menschen in Aserbaidschan die Entscheidung Joseph Stalins als rechtmäßig gilt, zweifeln Armenier diese Rechtmäßigkeit der willkürlichen Grenzziehung unter dem kommunistischen Regime an und argumentieren, dass eine Entscheidung über die Zugehörigkeit von der internationalen Gemeinschaft gefällt werden sollte – damals hätte es die Pariser Friedenskonferenz von 1919 sein sollen und heute die OSZE-Minsk-Gruppe. Diese Entscheidung fällt jedoch schwer, da die Forderungen beider Seiten unvereinbar sind: Armenier*innen wollen Karabach als unabhängigen Staat sehen und Aserbaidschaner*innen pochen auf das Völkerrecht und auf ihren territorialen Anspruch.

 

Perestroika und die Explosion des ethnischer Konflikte
Bis zum Ende der 1980er Jahre wurde der Konflikt vor allem auf den Schreibtischen von Parteifunktionär*innen oder Historiker*innen und Schriftsteller*innen ausgetragen. Die Mehrheit in Sowjetarmenien oder der in Sowjetaserbaidschan lebenden Menschen interessierte sich wenig für die Region und die Problematik. Mit der Zeit jedoch fühlten sich jene Karabach-Armenier*innen zunehmend von der aserbaidschanischen Lokalregierung diskriminiert. Insbesondere die armenische Intelligentsia beschwerte sich darüber, dass es kein armenisches Fernsehen gebe, dass armenische Geschichte nicht an den Schulen unterrichtet, der Jahrestag des Genozids in der Hauptstadt Karabachs Stepanakert nicht begangen werde und dass armenische Kirchen verwahrlosten.[2]
Im Februar 1988 geschah das, was den Konflikt schließlich ins Rollen brachte: lokale armenische Abgeordnete in Berg Karabach forderten in einem Schreiben an das Moskauer Politbüro die Angliederung Bergkarabachs an die Armenische SSR und damit die Karten von 1921 neu zu zeichnen. Ihre Forderungen gründeten Armenier*innen auf der Angst, Sowjetaserbaidschan versuche, sie aus Karabach zu vertreiben und zu unterdrücken. Es war das erste Mal in der Geschichte der Sowjetunion, dass lokale Sowjets „Geschichte von unten machten“ und mit einer solchen Forderung an die Regierung traten.

Demonstration am Opernplatz, Erevan, November 1988, Die Übersetzung der Plakate der Demonstrant*innen groß in der Mitte: "Besatzungstruppen raus aus NKAO"; dahinter: "Armenier, lasst uns die Armenier in Artsakh unterstützen"; Rechts am Rand: "Nach vorne! Für eine gerechte Sache" und "Härteste Strafen für die Verbrecher". Mit freundlicher Genehmigung: Harutyun Marutyan.

Getragen durch die neuen Möglichkeiten von Perestroika und Glasnost, erhielten Armenier*innen in Karabach Unterstützung von Armenier*innen in Jerewan, wo binnen weniger Wochen bis zu einer Million Menschen auf die Straße gingen, um für eine Angliederung Karabachs an Armenien zu demonstrieren.[3] Ausgelöst wurden die Massendemonstrationen durch ein Pogrom in der aserbaidschanischen Stadt Sumgait gegen Armenier*innen. Bis Dezember 1988 waren 300.000 Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen zu sowjetischen Binnenflüchtlingen geworden, denn gewaltbereite Banden in beiden Sowjetrepubliken vertrieben die Vertreter*innen der jeweils anderen Seite, zündeten ihre Häuser an und nahmen ihren Besitz in Beschlag. Die Regierung Gorbachevs blieb entweder tatenlos und unentschlossen oder befeuerte den Konflikt durch dubiose Abkommen mit der aserbaidschanischen Regierung, um deren Austritt aus der UdSSR zu verhindern.[5] Damit war die Gewaltspirale eröffnet und mündete schließlich im Jahr 1992 in einem Krieg zwischen den nun unabhängigen Ländern Aserbaidschan und Armenien.

Plakat zu Gorbachev’s Tatenlosigkeit, Herbst 1989: „Nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt; 1905 Genozid- 1988 Sumgait – 1989 Blockade.“ aus: Marutyan, Harutyun: Iconography of Armenian Identity, Volume 1. The Memory of Genocide and the Karabagh Movement, Jerewan 2009, S. 25 (Mit freundlicher Genehmigung Harutyun Marutyan).

 

Externe Akteure als Kriegsbereiter
Heute ist der Konflikt von einer Lösung so weit entfernt wie vielleicht nie zuvor und das hat auch mit den externen Kriegsparteien Russland, der Türkei und der armenischen Diaspora zu tun. Schon zu Sowjetzeiten stellte sich die Regierung in Moskau weder auf die eine, noch auf die andere Seite. Seit jeher verkauft Russland Waffen an beide Länder und stellt sich gleichzeitig als Friedensstifter dar, wobei der Westen, ähnlich wie in anderen Konflikten, die Russland mit dem Iran oder der Türkei austrägt als vollkommen irrelevant erscheint.[6] Bis jetzt hat Russland außer in seiner Rolle als Mediator nicht eingegriffen und wird es vermutlich auch nicht tun.

Die türkische Regierung wiederum steht klar auf der Seite Bakus und unterstützt seit Jahren nicht nur die militärische Ausbildung aserbaidschanischer Soldat*innen, sondern schickt derzeit eigenes Militär sowie rekrutierte Kämpfer*innen aus Syrien an die Frontlinie Karabachs. Ebenso wie Israel verkauft die Türkei hochentwickelte Kriegstechnologie an Aserbaidschan.[7] Nach Syrien und Libyen ist Karabach das dritte Territorium, auf dem Russland und die Türkei aufeinandertreffen. Aber diesmal liegt das umkämpfte Gebiet geografisch und historisch als ehemaliger Bestandteil sowohl des Osmanischen als auch des Russischen Reiches genau zwischen beiden Ländern, was die Spannungen zusätzlich erhöht.[8] Für die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan, der in den letzten Jahren danach strebte, das Osmanische Reich „wiederzubeleben“, stellt der Verlust Karabachs eine Niederlage für den Pan-Türkismus dar.[9]

Dem gegenüber steht die armenische Diaspora, welche insbesondere seit dem Genozid im Jahr 1915 mit 7 Millionen Menschen auf der ganzen Welt entstand, vor allem aber in den USA. Von hier aus übt sie mittels einer sehr starken Lobby im US-Kongress Druck auf Wirtschaft und Politik aus, um Sanktionen gegen Aserbaidschan durchzusetzen. Auch in der gegenwärtigen US-Präsidentschaftswahl wird das Versprechen des jeweiligen Kandidaten, Karabach zu unterstützen, über die Stimmabgabe der armenischen Diaspora entscheiden.[10]

Krieg für immer oder warum Frieden so schwer ist
In den letzten zwei Jahrzehnten tendierte die internationale Gemeinschaft bei ähnlichen Territorialkonflikten dahin, den Regionen die Unabhängigkeit zu gewähren und sie international anzuerkennen. Beispiele dafür sind die Regionen Osttimor 2002, Süd Sudan 2011 und Kosovo 2008. Das brachte jedoch viele Länder mit separatistischen Regionen in einen Rechtfertigungsdruck innerhalb der eigenen nationalen Politik. Karabach in Aserbaidschan zu belassen, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die armenische Bevölkerung sowie sämtliche armenische Kulturgüter zerstörerischer Gewalt zum Opfer fallen würden, kommt derzeit als Entscheidung ebenfalls nicht in Frage.
Nach aktuellstem Stand sieht es allerdings ohnehin so aus, als ob aserbaidschanische Truppen bereits am strategisch wichtigen Lachin-Korridor stehen, der das Gebiet mit Armenien verbindet und sich so das Territorium „zurückerobern“ werden. Doch auch damit gäbe es noch lange keinen Frieden im Kaukasus, denn den Verlust Karabachs würden die Armenier*innen mit der Fortsetzung des Genozids gleichsetzen, den sie kaum tatenlos hinnehmen würden. Ein Ende findet der Konflikt erst, wenn beide Seiten ihr eigenes vergangenes Leid hinter sich lassen und das der anderen Seite anerkennen würden, um damit ein Zeichen für die Zukunft zu setzen. 
 


[1] Cornell, Svante E.: Turkey and the Conflict in Nagorno-Karabakh: A Delicate Balance, in: Middle Eastern Studies 34, 1 (1998), S. 51-72, hier S. 52-53.

[2] De Waal, Thomas: Black Garden. Armenia and Azerbaihan through Peace and War, New York 2003, S. 10-28.

[3] Abrahamian, Levon A.: Chaos and Cosmos in the Structure of Mass Popular Demonstrations (The Karabakh Movement in the Eyes of an Ethnographer), in: Soviet Anthropology & Archeology 29, 2 (1990), S. 70-86.

[5] Zu „Operation Ring“ siehe De Waal, Black Garden, S. 113-124.

[6] Abushov, Kavus: Russian foreign policy towards the Nagorno-Karabakh conflict: prudent geopolitics, incapacity or identity?, in East European Politics 35, 1 (2019), S.

[7] Chafets, Zev: Israel Must choose Better in Nagorno-Karabakh, 22.10.2020 [30.10.2020].

[8] Cornell S.E.: Turkey’s Role: Balancing the Armenia-Azerbaijan Conflict and Turkish-Armenian Relations, in: Cornell S. (Hg.): The International Politics of the Armenian-Azerbaijani Conflict, New York 2017, S. 89-101.

[9] Mikhail, Alan: Why Recep Tayyip Erdogan’s Love Affair with the Ottoman Empire Should Worry The World, 03.09.2020, [30.10.2020].

[10] Psaledakis, Daphne: ‘We Want More’: Armenians in America Push Trump Administration to Support Homeland, 01.10.2020, [30.10.2020].