Unruhige Wellen, Schiff und Mannschaft werden durchgerüttelt. So beginnt die Dokumentation „Vom Traum, unsinkbar zu sein“, die seit dem 2. Juli in ausgewählten Kinos zu sehen ist. Der Film handelt von der Hochseefischereiflotte der DDR, genauer: von den Schiffen, die übriggeblieben sind. Lange haben sie Sturm und Havarien getrotzt, haben Tausende Tonnen Fisch transportiert. Und dann, von einem Tag auf den anderen, wurden sie nicht mehr gebraucht. Die Hochseefischerei der DDR wurde nach 1990 von der Treuhand abgewickelt.
140 Schiffe wurden für den VEB Fischfang Rostock und Saßnitz gebaut. Davon sind heute nur noch eine Handvoll auf See, zum Beispiel der Gefriertrawler „Wilhelm Rugheimer“ – 62 Meter lang, 14 Meter breit. Mehr als 100 Tage am Stück war die Besatzung auf See, fing Fische, nahm sie aus, fror sie ein. Transportschiffe holten die Pakete ab und brachten sie nach Rostock zur Verarbeitung.
Grönland, westafrikanische Küste, USA – für viele Männer und Frauen war der Traum von der weiten Welt die Motivation, aus Sachsen oder Thüringen nach Saßnitz oder Rostock zu kommen, um sich zum Hochseefischer ausbilden zu lassen, so schreibt es Kirstin Kube in ihrem Buch „Hochseefischer – Die Lebenswelt eines maritimen Berufsstandes aus biografischer Perspektive“. [1] Anders als im Westen gab es eine Ausbildung mit Fischkunde und einer Probefahrt als Matrose zum Abschluss.
Eines der Schiffe liegt heute in Rostock an einer Kaimauer. Die „Dresden“, ein Transportschiff, auch als Eisbrecher eingesetzt, brachte nicht nur Fisch, sondern auch Tiger aus Korea in die DDR.[2] Auch wenn es schon lange nicht mehr bewegt wird, hat es Wasser unterm Kiel und dient seit 1970 als Museumsschiff. Zu DDR-Zeiten wurden die Laderäume zu Sporthallen, einem Speiselokal mit 1000 Plätzen und Versammlungssälen ausgebaut. Viele der Schiffsmodelle, wie die „Junge Welt“ und die „Bertolt Brecht“, stehen immer noch in Vitrinen, doch die Ausstellung über die Hochseefischerei der DDR ist auf ein paar Quadratmeter zusammengestaucht. Die Plakate stehen in einer Zickzackline auf Deck 3, um möglichst viele Informationen auf wenig Platz unterzubringen. Wie diese hier: Mehr als sieben Millionen Tonnen gefangener Fische, 317 auf See gebliebene Hochseefischer, 13 Kilo Fisch pro Kopf in der DDR im Jahr 1989 und kein einziges verlorenes Schiff in 41 Jahren.[3]
Die Hochseefischerei, das wird im Film nur angedeutet, war in der DDR eine große Sache. Wer mehr als 100 Tage am Stück auf dem Meer unterwegs ist, teilt nicht nur Arbeit, sondern auch die Eindrücke ferner Länder miteinander, die den Familien zu Hause verwehrt blieb. Im Museumsschiff hängt in einer Kajüte ein Haihaken, den ein Lagerist aus dem Ventilstöpsel eines Hilfsdiesels geschmiedet hat. So steht es auf einer Tafel, auf der auch das Foto eines mannsgroßen Hais an Bord zu sehen ist. Der Maschinenassistent Erik Franke berichtet von dem Moment, als der Hai zubiss.
Solche persönlichen Berichte teilen auch den Film in ein Jetzt und ein Früher, das wie ein Zurück in eine heile Welt wirkt. Mehr als 4000 Männer und auch einige Frauen fischten erst für den heimischen Bedarf, später auch für den Export. Wenn Charly Hübners Stimme aus dem Off mit dem Wort „Erinnerung“ ansetzt, gibt es altes, verwackeltes Filmmaterial und den Bericht eines Zeitzeugen darüber, wie anders das damals war, wie viel mehr es ein „Wir“ auf den Schiffen gab und trotz harter Arbeit eben auch das Staunen über die weite Welt.
Auch der Maat, im Jahr 2022 in einer engen Kabine gefilmt, hat Gefühle für sein Schiff, das nun „Nida“ und nicht mehr „Wilhelm Rugheimer“ heißt. „Nida“ fuhr bis 2023 unter litauischer Flagge in der Barentssee. Durch die Luke wird der Fisch aus den Schleppnetzen ins Innere des Schiffs gekippt, auf Fließbändern sortiert, geköpft und in Kartons verpackt und eingefroren. Acht Stunden stehen die Männer am Fließband, bedeckt mit glitzernden Schuppen, acht Stunden haben sie Zeit, sich zu erholen. Die Gefriertrawler Typ IV, zu denen die Nida gehört, waren die letzten sieben Schiffe, die 1986 für den VEB Fischfang gebaut wurden, schon damals für 230 Tonnen Fangfisch mit wenig Lagerplatz ausgestattet.
Wenn die Kamera an die Kolben im Maschinenraum heranzoomt, das Metall ächzt und der Maschinist dem Motor gut zuredet, werden die Schiffe zu Protagonisten. Wie die „Blauwal“ ein 26,5 Meter langer Kutter, von denen zwischen 1957 und 1959 50 Stück hergestellt wurden. Ein Fischer aus Saßnitz kauft ihn 1990, um auf eigene Rechnung Fische zu fangen. Er hätte auch die „Heringhai“, die „Narwal“ oder die „Pottwal“ haben können. Aber er ist eben auf der „Blauwal“ gefahren: „Nicht das schönste Schiff, aber meins“, sagt er. Es fuhr bis 2023 auf der Ostsee. Dann sind wir sehr nah dabei, wie sich ein Greifarm in das Metall krallt und den Schriftzug des Schiffes zerschneidet. Übrig bleiben nur die gerahmten Fotos, in einem Kabuff aufgehängt mit Blick auf ineinander verkeilte Kapitänsstühle und Motorenteile, die sich keinem Ganzen mehr zuordnen lassen. Hierher werden die Kapitäne geschickt, um von ihren Schiffen Abschied zu nehmen – wie in eine Aussegnungshalle. Aus dem Stahl der „Blauwal“ entsteht Neues, so beruhigt der dänische Unternehmer.
Dass Schiffe nach vielen Jahren auf See verschrottet werden, ist nicht weiter bemerkenswert. Das wird es erst, wenn man die Geschichte dahinter kennt und einer der Matrosen ein abgewracktes Schiff mit einem gestrandeten Wal vergleicht. Dann wird ein Schiff wie die „Stubnitz“, das nach 1990 nicht weiter für seinen eigentlichen Zweck abgenutzt, sondern von Kulturschaffenden gekauft und umgebaut wurde, zu einer Überlebenden, zu geretteter Geschichte. Das ehemalige Kühl- und Transportschiff steht unter Denkmalschutz, im Laderaum wird heute mit Musik experimentiert und getanzt. Die „Stubnitz“ fuhr die Häfen von Großstädten wie London, Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm an, wo Auftritte unbekannter Bands und Musikexperimente, die in der Stahlhüllle eine eigenwillige Akustik entwicklen, mit Neugierde goutiert wurden. Jetzt liegt sie in Hamburg im Baakenhafen.
Dass die Geschichten der Schiffe emotional aufgeladen sind, hat auch mit dem doppelten Identitätsverlust zu tun. Nicht nur die Hochseefischerei der DDR gibt es nicht mehr, in ganz Deutschland liegen nur noch sieben aktive Schiffe in den Häfen. Fangquoten, veränderte Arbeitsbedingungen, leer gefischte Meere – die deutsche Hochseefischerei ist Geschichte. Und die wird nun nicht nur mit persönlichen Erzählungen, sondern auch wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Historikerin Kristin Kube stellt in ihrer Dissertation eine Typologie der Hochseefischer zusammen, die sich als Außenseiter unter den Seemannsleuten sehen. Der Typ, der in diesem Film immer wieder auftaucht, ist der „Ostalgier“. Der wünscht sich die Hochseefischerei der DDR zurück, weil er hier Teil einer Gemeinschaft war.
All das klingt im Film an, ohne explizit benannt zu werden. Wenn Charly Hübner die Erinnerungen dieser Hochseefischer nachspricht, sieht man in kurzen Sequenzen historische Aufnahmen vom Leben auf diesen Schiffen. Das Seemannsgarn liefert zu den Bildern der wenigen übrig gebliebenen Schiffe die menschliche Komponente. Dazu trägt auch der Ingenieur für Schiffsmaschinenanlagenbau Oliver Schmidt bei, der sich nach 1993 in den Hochseekutter „Seefuchs“ verliebte. Für ihn ist er ein ideales Modell, für das „sein Entwickler nachträglich einen Industriedesignpreis verdient hätte.“ Doch ein Schiff verschlingt zu viel Geld für ein freies Leben: Zu hohe Liegegebühren, zu teure Reparaturen. Also verkaufte Oliver Schmidt es an eine Seenotrettungsorganisation. Später besucht er sein Schiff ein letztes Mal, bringt den Motor zum Laufen. „Das kann noch nicht das Ende gewesen sein“, sagt er, oder wie einer der litauischen Fischer kommentiert, kurz bevor die „Nida“ verschrottet wird: „Es ist das eigene Leben, das an einem vorbeizieht.“
Vom Traum unsinkbar zu sein, Deutschland 2025
Regie: Tom Fröhlich
87"
[1] Kube, Kerstin: Hochseefischer – Die Lebenswelt eines maritimen Berufsstandes aus biografischer Perspektive, Münster 2013.
[2] Jahrbuch der Schifffahrt 1972, Berlin 1972.
[3] Informationstafeln auf dem Museumsschiff Dresden.
Zitation
Grit Thönnissen, Das Ende der Hochseefischerei. Vom Verschwinden, vom Weiterleben und vom Traum, unsinkbar zu sein erzählt der neue Dokumentarfilm von Tom Fröhlich, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/das-ende-der-hochseefischerei