Filmstill aus der Dokumentation "Hiddensee"
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Filmstill aus der Dokumentation "Hiddensee". Foto: ©IT WORKS! PeterBrune

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"Ich schaue gern in die dunklen Ecken"

Ein Interview mit der Regisseurin Annekatrin Hendel über ihren Dokumenationsfilm "Hiddensee"

Annekatrin Hendel erzählt in ihrem neuen Dokumentationsfilm nicht einfach die Geschichte der Insel Hiddensee – obwohl das, bei all den illustren Menschen, die dort in den vergangenen 100 Jahren in der Ostsee gebadet haben, nahe liegen würde. In ihrem nicht chronologisch erzählten Film, der unterschiedliche Blickwinkel einnimmt und zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, zeigt sie immer wieder zwei Protagonisten. Da ist zum einen der ehrenamtliche Bürgermeister Thomas Gens und zum anderen Konrad Glöckner, der seit 2008 Pastor der evangelischen Gemeinde auf der Insel ist. Sie stehen für den Kampf zwischen links und rechts, Hochkultur und Schlager – oder, um es mit den Worten eines Graffitis an einer Hauswand zu sagen: „Hauptmann versus Ballermann“. Der Bürgermeister tritt bei den Landtagswahlen am 20. September als parteiloser Kandidat an. Im April 2026 ließ er sich bei einem Friedensfest in Bergen jedoch von AfD-Chef Tino Chrupalla und dem Schauspieler Uwe Steimle unterstützen. In Annekatrin Hendels Dokumentation wird die politische Dimension des Konflikts fast nebenbei erzählt.

Grit Thönnissen: Sie haben einmal gesagt, dass Sie in Ihren Filmen Großes mit Kleinem erzählen wollen. Das ist auf Hiddensee geradezu exemplarisch möglich. Haben Sie hier gedreht, weil Sie viele Dinge auf wenig Raum erzählen können?

Annekatrin Hendel: Erst einmal ist es ein total interessanter Ort, weil sich auf diesen 17 Kilometern Kulturgeschichte und gesellschaftliche Umbrüche abgespielt haben, wie man es in dieser Dichte kaum irgendwo anders findet. Das ist ein Grund. Und ein anderer, dass ich mich gut auskenne. Ich mache eigentlich immer Filme zu Stoffen, bei denen ich mich von vornherein gut auskenne.

G.T.: Für viele ist Hiddensee explizit heile Welt. Sie zeigen in Ihrem Film: Hier gibt es Konflikte, die uns alle betreffen.

Hendel: Ich schaue generell gerne in die dunklen Ecken. Also dahin, wo vielleicht auch die weißen Flecken unserer Geschichte und unserer Gegenwart liegen – Dinge, über die nicht so gerne gesprochen wird. Letztlich sind aber alle meine Filme ein Blick in eine Miniaturwelt. Es geht immer um Beziehungen zwischen Menschen. Nur dass es diesmal nicht um eine einzelne biografische Figur geht, wie in „Vaterlandsverräter“, „Anderson“, „Fassbinder“ oder„Familie Brasch“. Diesmal ist die Insel aber auch selbst Protagonistin.

G.T.: Sie haben über diesen Film gesagt, dass Sie spüren, dass sich etwas entwickelt, das nicht gut ist. Das haben Sie nicht nur auf Hiddensee bezogen, oder?

Hendel: Der Kameramann von Hiddensee, Martin Farkas, hat schon 2013 als Regisseur den Film „Über Leben in Demmin“ über den größten Massenselbstmord 1945 in dieser vorpommerschen Stadt begonnen. Den habe ich produziert. Dort nutzen die Neonazis aus der ganzen Republik diese Leerstelle für ihren jährlichen Aufmarsch zum 8. Mai. Wir waren also schon lange mit der Frage beschäftigt, wie sich die Sehnsucht nach dem Autoritären aus unserer Mitte heraus entwickelt. Für mich lag es deshalb schon lange nahe, mich mit einem Ort zu beschäftigen, der wie ein Paradies erscheint. Einiges von dem, was heute salonfähig wird, haben wir damals aufkommen sehen. Und jetzt: Wie gerne hätten wir uns mit der Vorahnung geirrt.

G.T.: Vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern?

Hendel: Der Film war von Anfang an über einen längeren Zeitraum gedacht, damit man gesellschaftliche Entwicklungen und den Wechsel von Wertesystemen erleben kann. Das lässt sich auch am Hotel Ostsee sehr konkret erzählen: Da ist noch die DDR zu sehen, dann wird alles plattgemacht, ausgeräumt und neu gemacht. Und dahinter stehen natürlich ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man leben will und was für die Menschen wichtig ist. Dafür galt es, Bilder zu finden. Wir versuchen, Geschichte nicht wie in einem Geschichtsbuch zu erzählen.

G.T.: Aber ähnlich wie in der modernen Geschichtsschreibung wird das Hotel zu einem Zeitzeugen.

Hendel: Das Haus ist so alt, da hat schon der junge Gerhart Hauptmann gewohnt. Diese ganzen Verschränkungen und Schichtungen der Zeit sinnlich spürbar zu machen und gleichzeitig mit dem zu verbinden, was durch jahrelange Recherche an neuem Wissen dazugekommen ist – das kann ein Film.

G.T.: In der Betrachtung des Hotels stecken verschiedene Konflikte: Wozu diente es in der DDR? Wie geht man mit dem Alten um? Wie putzt sich die Insel heraus und wird für viele Menschen unbezahlbar?

Hendel: Als am Hotel noch der Schriftzug „FDGB-Hotel“ stand, also Gewerkschaftshotel. Das habe ich noch erlebt. Da waren Leute zu Gast, die über ihre Betriebe ein Quartier bekommen haben und dort essen und tanzen gegangen sind. Und getanzt haben da alle, auch die Partei-Bonzen mit ihren Familien, die Hiddenseer und Hiddenseerinnen, die Kulturelite, die Punks und Möchtegerns. Da gab es schon ein krasses Neben- und Miteinander. So habe ich es noch in den 1980er Jahren erlebt.

 

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Bei der Überfahrt nach Hiddensee in den 1980er Jahren. Foto: ©IT_WORKS!_PeterBrune

 

G.T.: War dieses Miteinander in den 1980er Jahren auch ein Grund, dorthin zufahren?

Hendel: Der Hype war schon immer sehr groß.

G.T.: Es war auch streng gesichertes Grenzgebiet.

Hendel: Das hat mich überhaupt nicht interessiert. Für unsere Generation war das eher lächerlich. Wir haben wenig Angst gespürt. Wir sind alle nach dem Mauerbau geboren. Für uns war die Mauer selbstverständlich – nicht schön, nicht toll, aber eben da. Viele von uns hatten einen Ausreiseantrag gestellt und Zeit für die Insel. Wir haben gelernt, wie Bert Papenfuß sagte: „Freiheit wird nicht kommen, Freiheit wird sich rausgenommen.“

G.T.: Ist die Musik deshalb von Flake, Keyboarder von Rammstein, weil er sie auch damals auf Hiddensee gemacht hat?

Hendel: Mehr Authentizität kann man nicht haben bei einem Komponisten. Flake kennt sich einfach aus. Wenn er damals in den 80ern mit Feeling B am Strand gespielt hat, konnte er seine Weltmeisterorgel nicht mitnehmen, die war so schwer wie ein Klavier. Deshalb hat ihm Bandchef Aljoscha Rompe ein Casio besorgt, quasi ein Spielzeug für die Konzerte am Strand. Flake hat Kassetten mit originalen Stücken aus dieser Zeit gefunden. Auch die sind Teil der Filmmusik, neben den neuen Stücken.

G.T.: Ist die Musik ein wichtiges Element des Filmes?

Hendel: Sie ist so komplex wie der ganze Film gebaut. Mit Flakes Musik lassen sich die Zeiten, Ereignisse und Generationen schichten. Der Film ist ja auch ein Konzentrat aus einer jahrelangen Recherche. Und so ergibt sich eine Art Hiddensee-Revue. Es gibt viele neue Kompositionen von Flake und Elemente von früher.

 

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Die Mitglieder der DDR-Punkband Feeling B: Paul Landers, Aljoscha Rompe und Christian Lorenz, genannt Flake. Er steuerte die Musik zum Film bei. Foto: ©IT WORKS! Peter Brune

 

G.T.: Sie dient auch als Kontrapunkt zu dem, was als Graffiti auf dem Ostseehotel steht: „Hauptmann versus Ballermann – quo vadis Hiddensee?“ Inwieweit wollten Sie da Pflöcke einschlagen – Hochkultur gegen Schlager?

Hendel: Ich höre auch Schlager, bei vielen bin ich textsicher und könnte sofort loslegen. Es geht mir überhaupt nicht darum, dagegen zu sein, sondern davon zu erzählen und den Leuten, die den Film sehen, die Möglichkeit zu lassen, selbst zu entscheiden, was sie gut oder interessant finden. Aber meine Haltung ist auch: Ich halte es für reaktionär, die organisch gewachsene Hochkultur ausdünnen zu wollen.

G.T.: Ist es ein einseitiges Bild von Hiddensee, das sich auch über die 1920er Jahre transportiert, dass es die Kultur ist, die die Insel bestimmt, also Gerhart Hauptmann, Palucca, Asta Nielsen?

Hendel: Die Autolosigkeit, die Stille, die extrem abwechslungsreiche Natur auf den paar Kilometern bestimmen den Reiz dieser Insel. Das ist genau das, was Hauptmann, die „Malweiber“, Asta Nielsen, Palucca und Co. schon damals angezogen hat. Und dies alles hat auch heute noch einen großen Reiz.

G.T.: Sie haben keine Angst vor Konflikten. Wie halten das Ihre Protagonisten aus, so gefilmt zu werden?

Hendel: Ich habe immer offen gesagt, dass es in dem Film auch um diesen Kulturkonflikt geht. Aber genauso geht es um Hiddensee als einen Ort, der immer für Freiheit stand. Das betrifft auch die Menschen, die dort leben. Wir haben uns viel Zeit genommen, um überhaupt in Kontakt zu kommen. Für jemanden wie den Pastor war es vielleicht leichter, mit mir darüber zu sprechen, als für andere.

G.T.: Sie meinen den Bürgermeister und die Kurdirektorin?

Hendel: Ja, auch. Es ist ja kein Film, bei dem ich Interviews führe. Ich suche wirklich nach Begegnungen und nach Kontakt. Und dafür haben wir uns lange Zeit genommen. Acht Jahre. Es gab gar keinen Druck. So konnten wir mit der Kamera erleben, wie fleißig und engagiert diese beiden sind, wie sie sich um diese Insel bemühen. Oft viel mehr, als wir das selbst an unseren Orten vielleicht tun. Das muss man erst mal anerkennen, auch wenn man politisch anders denkt. Ich lebe selbst in einem Dorf in Brandenburg und habe mich gefragt: Wer waren eigentlich diese 29 Prozent, die bei den letzten Wahlen die reaktionäre Partei gewählt haben? Und ich gebe zu: Ich kenne sie nicht. Da muss ich mich auch an die eigene Nase fassen. Wir sollten uns viel mehr dafür interessieren, was unsere Nachbarn antreibt. Und uns engagieren.

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Der Pfarrer Konrad Glöckner beim Besuch der 100-jährigen, ehemaligen Postbotin der Insel. Foto: ©IT WORKS!

 

G.T.: Dass in Vorpommern traditionell rechts gewählt wird, zeigen Sie ja auch.

Hendel: Mir war wichtig, zu zeigen, wie früh das losging. Ich habe einen großen Teil der Kinotour hinter mir, und es gibt Leute, die sagen: So weit wie 1933 ist es noch nicht. Was soll ich dazu sagen? Asta Nielsen ist nach 1933 gegangen, Hauptmann ist bis zum Ende geblieben. Daran sieht man schon, wie unterschiedlich Menschen mit einer Zeit umgehen, in der Ausgrenzung zum Hauptthema gemacht wird. Ich wusste vor der Recherche zum Beispiel gar nicht, dass Palucca 1936 bei der Eröffnung der Olympischen Spiele im Olympiastadion getanzt hat. Auch über Hauptmanns Verstrickungen wusste ich vieles nicht.[1] Man verdrängt ja auch gern. Für mich ist das Entscheidende: Wir sind gerade in einer Phase, in der sich sehr viel verändert – hier und weltweit kippt es nach rechts. Aber wir können entscheiden, in welcher Gesellschaft wir und unsere Kinder morgen leben werden.

G.T.: Sie zeigen, wie der Schauspieler Uwe Steimle den Soundcheck vor einem Auftritt im Inselkino macht. Dann hört man die DDR-Hymne, von der man jetzt weiß, dass Steimle sie auf AfD‑Veranstaltungen gesungen hat. Lassen Sie das im Wagen, damit man sich ein Urteil bilden kann?

Hendel: Sicher, aber auch, weil ich Steimle keine Plattform bieten will. Rechte Propaganda gehört nicht in diesen Film. Ich hatte mir die Veranstaltung ein Jahr davor angeschaut. Auch da mussten schon sehr, sehr viele Stühle mehr hereingebracht werden. Diesen Sommer hat die Veranstaltung nicht stattgefunden. Die Gegenwehr auf der Insel, die durch den Skandal und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entstanden ist, hat offensichtlich gegriffen.

G.T.: Lassen Sie uns über Ihre Entscheidung sprechen, Filme zu machen, weil Sie die DDR anders zeigen wollten.

Hendel: Mir geht es nicht um die DDR. Generell versuche ich Filme so zu machen, dass die Dinge nicht aus den Zusammenhängen gerissen werden, so wie ich es schon in Filmen sah. Die DDR ist ein Ergebnis des 2. Weltkrieges, der wiederum auch seine Ursachen hatte, wie wir wissen. Ich habe mir im Osten immer Nischen gesucht: Hiddensee war eine davon. Ich habe nie eine Parteiversammlung erlebt, war nie in irgendwelchen Partei- oder Bonzenkontexten. Und obwohl ich zur Generation der letzten Erwachsenen der DDR gehöre, habe ich vieles einfach nicht kennengelernt. Vielleicht interessiere ich mich auch deshalb für unsere deutsch-deutsche Geschichte.

G.T.: Im Film kommt auch die Nachwendegeneration zu Wort. Haben Sie den Eindruck, dass es Interesse an der Vergangenheit der Eltern und Großeltern gibt?

Hendel: Das ist die Generation unserer Kinder, und es sind auch unsere Kinder, die jetzt auf die Insel kommen, ähnlich wie wir auf die Insel kamen Ende der Achtzigerjahre. Wir sehen Sie zwar bei einem Modeshooting. Und ein Teil modelt auch. Aber sie haben auch ihre Laptops dabei und arbeiten an ihren Sachen. Sie studieren Medizin, Kunst oder Politik. Sie wehren sich gegen die Wehrpflicht. Und ja, sie haben viele Fragen an unsere Generation und die Generation ihrer Großeltern.

G.T.: Ist diese Generation für Sie ein Grund, andere Geschichten zu erzählen als die über die Stasi?

Hendel: Ich selbst habe sehr viele Filme über die Praktiken des Staatssicherheitsdienstes gemacht, bis hin zu einer Verräter-Trilogie fürs Kino. Dabei habe ich mich immer für die Täterperspektive interessiert, solange die Leute noch gelebt haben oder noch leben. Aber durch die mediale Konzentration auf das Thema Stasi entsteht der Eindruck, dass wir in der DDR immer nur in Angst gelebt haben. Das stimmt für mich mit Blick auf den von mir erlebten Alltag so nicht. Zumal das Thema Überwachung längst nicht mit dem Ende der DDR beendet ist. Inzwischen habe ich weit mehr als 30 Filme produziert. Dabei 12 eigene Regiearbeiten. Und jetzt der Film über die Insel Hiddensee, in dem ich die Zeitspanne wesentlich größer fasse als nur die Zeit der DDR – nämlich über 100 Jahre bis in unsere Gegenwart. Von den goldenen Zwanzigern in unsere Zwanziger. Auch ein Film wie Familie Brasch beginnt nicht mit der Gründung der DDR, sondern damit, dass der kommunistische Vater der Familie in den 1920ern in Bayern geboren wurde und dort Priester werden wollte. Und seit den 22 Jahren meines Filmschaffens werde ich immer wieder gefragt, ob jetzt die Zeit reif sei, solche Filme zu machen, wie ich sie mache. Darauf kann ich nur antworten: Die Zeit war die ganze Zeit reif. Es ist nur die Frage, wie man das tut. Meine Unzufriedenheit mit dem, was es bis dahin an Filmen über das verschwundene Land und die Menschen gab (mit wenigen Ausnahmen), war der Antrieb, mich in die Höhle der Löwen: Filmindustrie zu begeben.

G.T.: Dass man Unrecht auf eine bestimmte Art und Weise zeigt?

Hendel: Es wird meist eingeteilt in Opfer und Täter. In Angepasste und Bürgerbewegte. Aber das ist mir zu wenig bei 16 oder 17 Millionen Leuten. Da gab und gibt es aus meiner Perspektive viele Lücken. Und ich versuche, meine subjektive Perspektive beizusteuern, eine Möglichkeit, die einem die Kunst bietet.

 


[1] Sprengel, Paul: Der Dichter stand auf hoher Küste: Gerhart Hauptmann im Dritten Reich, Berlin, 2009

 

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Grit Thönnissen, "Ich schaue gern in die dunklen Ecken". Ein Interview mit der Regisseurin Annekatrin Hendel über ihren Dokumenationsfilm "Hiddensee", in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/ich-schaue-gern-die-dunklen-ecken