Anfang 1990 war im ostdeutschen Fernsehprogramm etwas sehr Ungewohntes zu sehen. Der DDR-Journalist Horst Mempel rang im Magazin Klartext mit sich und dem post-revolutionären Publikum um die eigene Glaubwürdigkeit und um die Legitimität des noch-existierenden DDR-Fernsehens. Betont selbstkritisch stellte er sich und seine Kolleg*innen als Mitschuldige an der Verklärung des SED-Herrschaft dar, betonte aber auch die eigene Wandlungsfähigkeit. Das stellte einen Bruch dar. Denn Medienschaffende, die einerseits unter der Zensur gelitten hatten, andererseits aber auch Teil des Herrschaftssystems gewesen waren, wechselten im Winter 1989/1990 häufig weitgehend ohne Erklärung die Seiten. Nur selten thematisierten sie die Interna des DDR-Fernsehjournalismus und damit sich selbst. Im Januar 1990 allerdings verantwortete Horst Mempel eben eine Ausgabe von Klartext, die in ihrer Art einzigartig introspektiv war und den Medienapparat selbst zum Gegenstand des Journalismus machte.[1] In den knapp 30 Minuten stellte er sowohl die alten Zensurmechanismen wie auch die Einschränkungen und innerbetrieblichen Debatten der Gegenwart dar und bat in Form eines längeren Beitrags um eine Chance zur Wiedergutmachung. Dieser Beitrag liefert einen tiefen Einblick in das Selbstverständnis des DDR-Fernsehjournalismus mitten in der „Wende“.
Erst wenige Wochen zuvor war das Staatfernsehen umgekippt. Nach knapp vierzig Jahren an der Kandare der SED hatten sich im Oktober und November 1989 erstmals ernsthafte Emanzipationsbestrebungen gezeigt: Am 23. Oktober hatte das Fernsehen das erste Mal offen über die Demonstrationen der Opposition berichtet, wenige Tage später verschwand die alte Propaganda-Sendung Wettlauf mit der Zeit aus dem Programm und wurde durch das Investigativ-Format Klartext ersetzt. Am 4. November konnte die DDR-Bevölkerung dann der Großdemonstration am Berliner Alexanderplatz an den Fernsehgeräten beiwohnen. Hiermit war die eigentliche televisuelle Zäsur vollzogen. Von nun an war das DDR-Fernsehen, wenn auch im europäischen Vergleich verspätet, ein Faktor in der „Wende“. Am 30. November 1989 beschloss der DDR-Ministerrat noch die Auflösung der Staatlichen Komitees für Rundfunk und Fernsehen und tauschte die Intendanten aus. Die höchsten Posten des Medienapparats waren neu besetzt, das Zensursystem offiziell abgeschafft.
Das DDR-Fernsehen überlebte seinen Staat allerdings und begleitete in den kommenden zwei Jahren und bis zur Abwicklung zum 1.1.1992 nicht nur den gesellschaftlichen, sondern auch den eigenen Wandel. Der DDR-Kameramann und spätere Fernseh-Intendant Michael Albrecht erinnerte sich später: „Die Nachrichtenlage änderte sich stündlich. […] Das Ostfernsehen hatte den Mehltau von Verlautbarung und verstaubter Provinzialität abgelegt.“[2] Sogar die Aktuelle Kamera war plötzlich beliebt – und tatsächlich aktuell.[3] Ab Ende 1989 gingen neben Klartext viele neue und/oder gewendete Fernsehformate wie das Donnerstag-Gespräch oder die Reportagen von Elf99 über den Äther. In kurzer Folge erschienen vielgesehene und bis heute erinnerte Reportagen und Beiträge wie „Warum bleibt ihr hier?“ zur Ausreisebewegung oder „Ein Rausschmiss – und was nun?“ zur Ossietzky-Affäre 1988.[4] Klartext wurde zum Begleiter und Chronisten eines in Auflösung befindlichen Staates und des sich in diesem Prozess wandelnden Selbstverständnis der Bevölkerung.
Klartext reden
Horst Mempel zeigte sich im Januar 1990 zum Einstieg in seine Selbstbetrachtung mit hochgerollten Ärmeln an einem vollen Redaktionsschreibtisch als nahbarer, aber durchaus selbstbewusster Profi-Journalist. Sein Beitrag begann mit einer Art Vorwort: Es gehe um „journalistische Haltungen“, was bei seinen Vorgesetzten auf „erheblichen Widerspruch“ gestoßen sei. Optisch und sprachlich markierte er also sofort Offenheit und damit einen Bruch mit dem DDR-Verlautbarungsjournalismus. Seine Konzeption habe er vor dem neuen Fernseh-Intendanten Hans Bentzien verteidigen müssen, was mittlerweile „durchaus ungewöhnlich sei“. Die Grenzen der neuen journalistischen Freiheit waren noch nicht zu Ende verhandelt. Nach einer intensiven internen Debatte mit Bentzien und den eigenen Kolleg*innen – bis 1989 waren solche Debatten fast immer folgenlos geblieben – sei der Weg für den Beitrag aber frei gewesen:
In eigener Sache (Klartext), DFF, 22.01.1990, 01:42-02:40, © Deutsches Rundfunkarchiv. Aus rechtlichen Gründen konnten die hier enthaltenen Aufnahmen von DDR-Tageszeitungen nicht vom DRA freigegeben werden.
Bezeichnenderweise folgte auf das Vorwort ein Rückblick auf den Alexanderplatz am 4. November 1989: In kurzer Zeit, so Mempel, seien die Medien im Anschluss an die Berliner Großdemonstration zu Plattformen für die Sorgen und Nöte der Bevölkerung geworden. Mempel attestierte damit der eigenen Zunft, den Kolleg*innen (auch denen vom Print) und somit auch sich selbst einen Wandel zum Guten und das Beherrschen des journalistischen Handwerks. Die Botschaft ans Publikum: Wir können das! Gleichzeitig nahm er aber auch Zweifel an der Ernsthaftigkeit des abrupten Wandels auf und fragte: „Wie war es möglich, dass wir Journalisten so lange stillgehalten haben?“. Im folgenden Segment beschrieb Mempel, mit welchen Methoden die SED bis 1989 die Medien gemaßregelt hatte. „Nicht zu unserer Entschuldigung“, so der ehemalige Zehnkämpfer, „höchstens zur Erklärung.“ Um das Publikum zu überzeugen, bemühte er sich um Aufarbeitung und Selbstkritik. Mempel musste „Klartext sprechen“.
Wie kleinlich die Zensur der SED und wie begrenzt der journalistische Handlungsspielraum waren, zeigte Mempel an einem aktuellen Beispiel. Im Jahr 1988 hatte er eine Reportage über Bergarbeiter gemacht, die unter enormem Zeitdruck – „Sie kamen tagelang nicht mehr aus den Arbeitskleidern“ – einen Stollen gruben. Kurz vorm Durchbruch sei dann der Bohrer angehalten worden. Der Grund für die Unterbrechung: Der erste Bezirkssekretär habe dem Ereignis beiwohnen wollen, habe es aber nicht rechtzeitig geschafft. Alle Opfer der Kumpel seien umsonst gewesen. Mempel wählte ein eindrückliches Beispiel, aber eben auch eines, in dem die sklerotische Parteielite dem arbeitenden Volk schroff gegenübersteht. In der Nachschau unterstrich er, er habe zu Vorgängen wie diesen nichts sagen dürfen. Woher er das wusste? Mempel beantwortete seine rhetorische Frage mit einer Reihe von Szenen, die vor der „Wende“ in nur acht Wochen aus Filmen herausgeschnitten werden mussten:
In eigener Sache (Klartext), DFF, 22.01.1990, 06:13-07:56, © Deutsches Rundfunkarchiv.
Die „Abnahme“ war in der DDR omnipräsent. Mempel veranschaulichte das am Umgang mit der mittlerweile abgesetzten Reihe Wettlauf mit der Zeit. Bis zu zehn Zensur-Stellen mussten Beiträge für die Reportage-Reihe absegnen. Er machte also erneut dem Journalismus fremde Faktoren für dessen Misere verantwortlich, und schob die Etablierung von Tabus vor allem auf die SED-Parteiführung. Diese immer wieder aktualisierten Tabus seien allerdings, so Mempel, über die Jahre in „Fleisch und Blut“ übergegangen, die Zensur sei zur „Selbstzensur, der Gehorsam zum vorauseilenden Gehorsam“ geworden. Wer zu oft aus der Reihe getanzt sei, sei durch berufliche Degradierung bestraft worden. Man habe beim Fernsehen zwar stets auch diskutiert und intern gemeckert, aber kollektive Aktionen seien ausgeblieben. „Zum Märtyrer hatten wir eben keinen Mut, keine Kraft“, merkte er selbstkritisch an. Zum von Mempel geschilderten Kräftefeld, in dem der DDR-Journalismus operierte, gehörte auch, und das unterstrich er, dass sich alle Journalist*innen weiterhin als Sozialist*innen verstanden:
In eigener Sache (Klartext), DFF, 22.01.1990, 09:33-09:56, © Deutsches Rundfunkarchiv.
Dann sei die „Novemberrevolution“ gekommen. Im Fernsehen würden nun gute Sachen laufen: „Manch einer, der von seinen Fesseln befreit ist, tut nun endlich das, was er immer schon tun wollte, nur eben vorher nicht konnte.“ Doch ganz so einfach sei es dann eben doch nicht, da ja auch die Fernsehjournalist*innen Schuld auf sich geladen hätten. Er würde verstehen, wenn Leute ihm und der Belegschaft nicht trauen würden. Er und seine Kolleg*innen hätten durchaus ihren Beitrag zur katastrophalen Lage im Land geleistet. In den anschließenden Kurz-Interviews mit Mempel gaben sich Journalisten wie Burga Kalinowski (Klartext) oder Axel Kaspar (PRISMA) unterschiedlich selbstkritisch und auch der Fernsehmacher Klaus Flemming, der für den Bericht über die Ossietzky-Affäre verantwortlich war, äußerte sich:
In eigener Sache (Klartext), DFF, 22.01.1990, 20:23-21:43, © Deutsches Rundfunkarchiv.
Im Schlusswort rief Mempel dazu auf, die gerade erst gewonnene Demokratie in der DDR zu verteidigen. Damit zeigte sich, wie auch im Interview von Flemming, ein zentrales Moment seines Beitrags: die Übernahme der emphatischen Sprache der Revolution ins Staatsfernsehen. Das betraf den Revolutionsbegriff selbst, die Rede vom „aufrechten Gang“ und auch die Aneignung basisdemokratischer Ideale und somit den Wunsch nach der Lösung von Problemen an runden Tischen. Genau diesen neuen Wunsch stellte Mempel in seinem Beitrag performativ dar: Zu Beginn erwähnte er die Diskussionen im Sender, zum Schluss befragte er Journalist*innen und schließlich stellte er sich auch selbst als gesprächsbereit dar. Damit zusammenhängend war der Beitrag vom Wunsch nach der Herstellung von Transparenz geprägt. Er warf buchstäblich einen Blick hinter die Studiokulissen und in die Redaktionsräume, wo sich die Journalist*innen als mit der Zensur hadernd und offen für Kritik zeigten. Ohne moralisches Schuldeingeständnis ließ sich die Sprechposition in der gesellschaftlichen Kommunikationssituation des Winters 1989/1990 dabei nicht mehr rechtfertigen, Mempel legte direkt mehrere ab. Gleichzeitig gelobte er Besserung und bat um die Chance auf die Bewährung in der Fernsehproduktion. Schließlich hätten er und seine Kolleg*innen den Umstieg in die neue Ära ja geschafft und die Medien in kurzer Zeit zu „Tribünen für die Probleme des Volkes“ verwandelt. Eine Zeitlang war das DDR-Fernsehen mit dieser verspäteten Glasnost, deren Ausdruck Mempels Beitrag war, erfolgreich. Die Akzeptanz war da und auch die Quoten blieben gut.
Aufbruch und Abbruch
Wenn in Ostdeutschland heute, etwa mit Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, nostalgisch auf das Fernsehen in der „Wende“ geblickt wird, ist der Referenzpunkt der Auf- und Umbruchs-Winter von 1989/1990, in dem eine gewisse Identität zwischen Publikum und Journalismus bestand. Mempels Klartext-Beitrag markiert genau jenes mediale Tauwetter in der kalten Jahreszeit. Spätestens nach den Wahlen im Frühling 1990 allerdings zerbrach die von Mempel betonte (partielle) Interessengleichheit. Das DDR-Fernsehen war nun verstärkt auf Bestandswahrung aus, während die Mehrheit der Bevölkerung für die Übernahme der BRD-Institutionen, inklusive deren Rundfunkordnung, votierte. Der intern demokratisiert auftretende Medienapparat sollte mit Ausnahme des Jugendradios DT64 zum 1.1.1992 ohne größere Proteste abgewickelt werden. Allein aufgrund der dem bundesdeutschen Grundgesetz entsprechenden Föderalisierung der Medienlandschaft wäre eine Weiterführung des DDR-Fernsehens – etwa in Form eines „Dritten Deutschen Fernsehen“ – schwierig gewesen. Ohnehin aber fehlte es auch an der nötigen politischen Legitimation. Sowohl vor dem 4. November 1989 als auch nach dem Frühling 1990 brachte die DDR-Bevölkerung ihrem Fernsehen vor allem Desinteresse entgegen. Die von Mempel erwähnten sozialistischen, neuerdings eher reformsozialistischen Ideale der Fernsehleute fanden keine Mehrheit in der Bevölkerung. Die Quoten fielen auch deswegen im Laufe des Jahres 1990 wieder und die nach 1989 stets nur implizite Legitimation des DDR-Fernsehens bröckelte. 2001 kam schließlich ans Licht, dass eine Reihe von Mitarbeitenden des 1992 gestarteten Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) mit der Stasi zusammengearbeitet hatte. Unter ihnen befand sich auch Mempel, der in den 1950er Jahren IM-Berichte über einen Kommilitonen verfasst hatte. Der von ihm 1990 so deutlich betonte Wille zur Transparenz hatte offenbar bereits im Januar 1990 seine Grenzen gehabt.
Zeitgeschichte | online bedankt sich beim Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) für die Bereitstellung der Bilder und Videos.
[1] Horst Mempel, In eigener Sache (Klartext). DFF, 22.01.1990.
[2] Michael Albrecht, Die programmatische und strukturelle Neuorientierung des DFF zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung, in: Roland Tichy u. Sylvia Dietl (Hg.), Deutschland einig Rundfunkland? Eine Dokumentation zur Wiedervereinigung des deutschen Rundfunksystems 1989–1991, München 2000, S. 75–98, S. 86.
[3] Vgl. Wenn der DDR-Rundfunk dem Geldgeber nun aber nicht sympathisch ist, in: ND, 14.08.1990.
[4] Teils online einsehbar, etwa: Ein Rausschmiß – und nun? (= Klartext), Fernsehen der DDR, 14.11.1989; https://www.jugendopposition.de/zeitzeugen/154437/kai-feller?video=154442.
Zitation
Nikolai Okunew, Ost-Journalismus am Epochen-Bruch. Eine Selbstbetrachtung des DDR-Fernsehens im Januar 1990, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/ost-journalismus-am-epochen-bruch