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Filmstill aus "DONBASS", Regie: Sergei Loznitsa
Ukraine 2018
© Edition Salzgeber 

Blick in den Gewaltraum
Sergei Loznitsas Film „Donbass“ zeigt den hybriden Krieg zwischen Absurdität und Brutalität
von
Jan C. Behrends
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In seinem Film „Donbass“ zeigt der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa Szenen aus den „Volksrepubliken“ im Osten der Ukraine. Die „Volksrepubliken“ hatten sich seit der russischen Invasion im Frühjahr 2014 dort etabliert.
Loznitsa vermittelt in apokalyptischen Bildern Einblicke in den Alltag, das Leben und Sterben in diesen besetzten Gebieten.

Im Zentrum des Films stehen der Verlust jeglicher legitimer Staatlichkeit, der permanente Ausnahmezustand sowie die incenirovka, die Fabrikation einer anderen Wirklichkeit durch die Massenmedien. Loznitsas „Donbass“ ist ein Ort, den HistorikerInnen aus den Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges oder aus jenen Überlieferungen der Bürgerkriege des 20. Jahrhunderts kennen. Hier kommt die Macht tatsächlich aus den Gewehrläufen. Die Bastionen des untergegangenen Staates wurden von einer grotesken Soldateska besetzt, die einerseits die Bevölkerung in Angst versetzt und aufhetzt und andererseits die Gewalt auch immer wieder selbstzerstörerisch gegen sich selbst richtet. Dabei sind die Grenzen zwischen Täter und Opfer fließend, die Gemengelage ändert sich ständig – Macht und Ohnmacht, Leben und Tod liegen nah beieinander. Für Bürgerinnen und Bürger der „Volksrepubliken“ – im Film mit dem Propagandabegriff „Neurussland“ genannt – bedeutet dieser Krieg Enteignung, Demütigung und Machtlosigkeit.

Die einzelnen Szenen verdeutlichen, wie die ubiquitäre Gewalt die Reste gesellschaftlichen Vertrauens zerstört. Jeder Tag wird zur Bedrohung, das Leben wird unberechenbar. Der Einzelne ist in „Donbass“ vollständig auf elementare soziale Bindungen wie die eigene Familie zurückgeworfen. Jeder Fremde kann ein Feind sein. Die Männernetzwerke, die mehr als zwei Jahrzehnte die Gesellschaft des post-sowjetischen Raums beherrschten, lösen sich unter dem Druck der Gewalt auf. Nun regieren diejenigen, die eine AK-47 locker über der Schulter tragen, die Skrupellosen, die im Zuge des russischen Einmarsches nach oben gespült wurden. Ihr Geschäft ist nicht nur der Krieg, sondern auch Raub, Plünderung und Demütigung. Die Selbstermächtigung der Gewalt hat diese gopniki (dt. Kleinkriminelle, d. Red.) stark gemacht, und nun können sie nur noch durch ihresgleichen gestoppt werden. Der wilde Krieg formt sein eigenes Milieu von Gewalttätern, das hier vorgeführt wird. Neben die Darstellung der Gewalt und ihrer Konsequenzen tritt im Film das Porträt des Milieus, das diesen hybriden Krieg trägt. Die Dialoge verdeutlichen die rohe Macht einer vollkommen entgrenzten Sprache. Weder rhetorisch noch im Verhalten ist ziviler Umgang noch eine Norm. Hier zeigt sich der post-sowjetische Bürger von dem dünnen Firnis der Zivilisation befreit. Zugleich spielt der Film mit der Ambiguität des Donbass als historischer Region: Die besetzten Gebiete sind hier ein Flickenteppich aus sowjetischer, russischer, ukrainischer und auch kosakischer Symbolik. Verschiedene Schichten historischer Erfahrung werden gezeigt und vermischen sich, ohne ein neues Ganzes zu ergeben. Auch auf dieser Ebene bleibt der „Donbass“ ein Film, in dem alles im Fluss ist. Im Zeichen der Destruktivität entsteht etwas Neues. Kein Stein bleibt auf dem anderen.

In vieler Hinsicht ähneln die Beobachtungen, die Sergei Loznitsa in seinem Spielfilm verdichtet, der literarischen Verarbeitung des russischen Einmarsches in Serhij Zhadans Roman „Internat“.[1] Auch in Zhadans Roman wird der Zusammenbruch der post-sowjetischen Normalität und der Verlust der Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen außerordentlich plastisch geschildert.
Die Konzentration auf die Kultur der Unterschichten im Film („vatniki“ oder „gopniki“) und die Überzeichnung mancher Szenen ins Groteske sind sicherlich nicht unproblematisch: Sie können dazu führen, die Vorurteile, die seit langem um den Donbass als „wildes Feld“ („dikoe pole“) im Umlauf sind, zu bestätigen. Doch schließlich handelt es sich um ein Stilmittel, das dazu dient, das Leben in diesem Gewaltraum eindringlich darzustellen. Denn letztlich könnte „Donbass“ auch in anderen Konfliktregionen der früheren Sowjetunion spielen. Sergei Loznitsas Bilder haben eine Bedeutung, die über die Region weit hinausweist.

 

"DONBASS", Regie: Sergei Loznitsa
Ukraine 2018, 121 Minuten, ukrainisch-russische OF mit deutschen UT
Der Film wird vom Berliner Verleih Edition Salzgeber vertrieben und ist seit dem 30. August in den deutschen Kinos zu sehen.
Presseheft zum Film
Trailer

Außerdem auf Zeitgeschichte-online die Kritik zu Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "Austerlitz": Der Ort des Verbrechens - Eine Beobachtung von Elena Demke (2017)

[1] Serhij Zhadans Roman „Internat“ erschien im März 2018 bei Suhrkamp. Die Übersetzung des Romans von Sabine Stöhr und Juri Durkot wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2018 ausgezeichnet.