Filmstill aus "How To Make A Book With Steidl"

Filmstill aus "How To Make A Book With Steidl"

Foto: Filmstill aus "How To Make A Book With Steidl" (D 2010), © if... Productions

Die Göttinger Bücherhöhle
Jörg Adolph und Gereon Wetzel porträtieren in ihrer Dokumentation "How to Make a Book with Steidl" einen besessenen Büchermacher und seinen einzigartigen Verlag
von
Konstantin Ulmer
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Gerhard Steidl ist besessen. Er ist manisch. Süchtig. Und er weiß um seine Sucht: Seine Drogen, so erklärt der Göttinger Verleger, sind „Farbgeruch und Papier“. Deswegen hat sich Steidl in den vergangenen 36 Jahren eine Bücherhöhle erschaffen: Ein verwinkeltes Verlagshaus, das einer Hexenküche gleicht, in der es rattert, rauscht und zischt, in der ein undurchdringliches Chaos herrscht, dessen Ordnung nur der Hexenmeister höchstpersönlich kennt. Steidl und sein Verlag scheinen aus einer anderen, vergangenen, märchenhaften Welt zu stammen.

Tatsächlich ist der Steidl Verlag in vielfacher Hinsicht ein Anachronismus in einer durchkapitalisierten Branche, in der selbst der legendäre Suhrkamp Verlag vor der Macht eines Medieninvestors zittert. In dieser Branche, so die Binsenweisheit, ist von der „geheiligten Ware Buch“ (Bertolt Brecht) nur noch der Warencharakter geblieben, die Qualität der Quantität gewichen, das symbolische Kapital dem wirtschaftlichen untergeordnet. Dass diese Tendenzen in Steidls Hexenküche in der Tat verachtet und weitgehend umgangen werden, zeigen Jörg Adolph und Gereon Wetzel mit ihrem Dokumentarfilm How to Make a Book with Steidl, der 2010 seine Premiere feierte. Für ein Jahr hefteten sich die Filmemacher mit ihrer Kamera an die Fersen des Büchermachers, folgten ihm in den Verlagssitz, auf Geschäftsreisen in die USA, nach Frankreich, England und Dubai, zu (Foto-)Künstlern wie Ed Ruscha, Robert Frank und Jeff Wall, auf Messen und Vernissagen. Dass all diese Orte und Namen wie selbstverständlich nebeneinander stehen, ist für den Film und dessen Plot von doppelter Bedeutung: Erstens ist die Gleichberechtigung der Topoi und Figuren das passende Erzählprinzip eines Direct Cinema, in der das Porträt eines Verlages und seines Verlegers aus unkommentierter – aber nicht unkünstlerischer – Begleitung mit der Kamera entsteht. Und zweitens ist das Verhältnis von Provinz und Metropole konstitutiv für Gerhard Steidl und sein Lebenswerk. Denn dass ein Verlag, der vom Fachblatt Art Review als „the world’s most distinguished printing and publishing company“ gerühmt wurde, ausgerechnet in der Düsteren Straße 4 [sic!] in Göttingen angesiedelt ist, ist ebenso verwunderlich wie bezeichnend.

Gerhard Steidl ist in Göttingen geboren, hat in seiner Heimatstadt das Abitur und eine Ausbildung zum Drucker gemacht. In Göttingen hat er eine Siebdruckwerkstatt für Grafik aufgebaut, aus der ein Verlag wurde, in dem Steidl als Verleger, Geschäftsführer und Eigentümer mittlerweile auch nobelbepreiste Autoren wie Günter Grass oder Halldór Laxness veröffentlicht. „I had no time to move“, erklärt Steidl in seinem sehr deutsch akzentuierten Englisch dem britischen Fotografen Martin Parr und zeigt von der Terrasse des Verlagsgebäudes in die Richtung seines 50 Meter entfernten Geburtshauses. Doch dass er schlicht keine Zeit hatte, wegzugehen, ist wohl nur die halbe Wahrheit. Denn obwohl Steidl für die Entstehung eines guten Buches quer über den Globus reist, ist er ein Einsiedlertypus, der absolut nicht gerne reist und dem, wirft er sich gezwungenermaßen in die große weite Welt, immer etwas Provinzielles anhaftet. Wenn er beispielsweise seinen Freund Karl Lagerfeld, mit dem er seit vielen Jahren zusammenarbeitet, auf einer Modenschau in Paris besucht, wirkt er in dieser Glamour-Welt unbeholfen und bis zu einem gewissen Grad auch uninteressiert. Steidl ist kein Mensch der Öffentlichkeit und der Äußerlichkeit, kein Redner und kein Smalltalker. Er hat offenbar kein Interesse daran, sich die Aura der Intelligenz, den Habitus der intellektuellen Elite zu Eigen zu machen, wie es für fast alle großen Verleger wesentlich war. Umso erstaunlicher ist deswegen sein Charisma, wenn er sich in seine Welt begibt: Er bewegt sich mit einer unbeschreiblichen Selbstsicherheit zwischen Büchern, Farben, Papier und Druckmaschinen, trägt dabei einen langen weißen Kittel und spricht von seinem „Laboratorium“. Die Produktionsprozesse erklärt er mit einer solchen Sachkenntnis, dass selbst ein künstlerisches Schwergewicht wie Grass zum demütigen Schüler wird, wenn er unter den Augen des Hexenmeisters seine Handschrift auf einen Umschlagentwurf malt. Robert Adams, ein vielfach ausgezeichneter US-amerikanischer Fotograf, bringt dieses besondere Verhältnis zwischen Künstler und Verleger bei einem Besuch von Steidl auf den Punkt: „You are the master“.

Gerhard Steidl ist – und auch das macht der Film deutlich – aber eigentlich kein Hexenmeister, sondern ein Handwerksmeister, eine Art Universalgelehrter in Sachen Buchproduktion. Mit dieser Meisterschaft hat er sich und seinem Verlag ohne die Spielereien einer Marketingabteilung ein Image geprägt, das, mit Bourdieu gesprochen, konsekrativ wirkt: Ein Steidl-Buch ist qua Produktion hochwertig, und die Hochwertigkeit der Bücher färbt auf die Künstler ab. Steidl ist nicht nur irgendein Verlag, sondern ein Label. Aber kein Label, das zum Selbstzweck wird, zur Werbung, zum Umsatzkriterium. „Wachsen“, so Steidl, „möchte ich nur bei der Qualität“. Und anstatt sich auf dem Image auszuruhen, versucht es der Verleger mit jedem Buch zu bestätigen. Jedes Buch soll in seiner Einzigartigkeit erscheinen. Dem entspricht der Film gekonnt: Er manifestiert in Zwischensequenzen mit experimentellen Farb- und Lichtspielen, ratternden Fotokameraaufnahmen und auffallend zerschnittenen Totalen das Steidl’sche Bemühen um eine Individualität der Kunst.

Dieses Bemühen wird besonders am roten Erzählfaden des Films deutlich, an der Produktionsgeschichte von IDubai, einem Fotoband von Joel Sternfeld mit IPhone-Fotos aus der surrealen Konsumwelt des arabischen Emirats. Am Ende der Suche nach der perfekten Präsentation steht ein Buch als Konsum- und Trashkunstwerk, mit einem perfekt angepassten Format, grellen Farben und einem riesigen Barcode auf dem Rücken. Der Entstehungsprozess des Bandes veranschaulicht, was den Steidl Verlag von anderen Verlagen unterscheidet: Alles liegt in einer Hand. Abstrakt gesprochen: In der Hand eines Verlages, der ein Buch vom Konzept bis zum Druck betreut, inhaltlich und handwerklich. Damit pflegt Steidl gewissermaßen ein Stück Kulturgeschichte, ist im Produktionsprozess durchaus konservativ; und doch in seiner ästhetischen Radikalität, die die Kunst- und Fotobände auszeichnet, stilbildend, stilprägend und ausgesprochen progressiv.

Das Arbeitscredo „Alles liegt in einer Hand“ lässt sich im Steidl-Fall aber auch sehr konkret interpretieren: Es ist die Hand vom Verleger höchstselbst, der selbstverständlich eine Reihe Mitarbeiter hat, aber offensichtlich nur sehr ungern Entscheidungen delegiert. Gerhard Steidl ist omnipräsent - und das natürlich nicht nur, weil er die Hauptfigur der Dokumentation darstellt. Als doch einmal einer seiner Mitarbeiter ein paar Gestaltungsdetails von IDubai alleine mit Joel Sternfeld bespricht, prescht Steidl aus dem Off dazwischen, hörbar beleidigt. Die Reaktion des Mitarbeiters lässt erahnen, dass eben solche Szenen so ungewöhnlich nicht sind. In seiner Bücherhöhle ist Steidl der Besessene, der Manische, der Süchtige. Seine Arbeit, so hieß es an anderer Stelle, beginne er täglich um 4:30 Uhr, weil dann Kreativität und Konzentration am höchsten seien. Dass er jemals schläft, kann man sich ohnehin kaum vorstellen. Beinahe befremdlich wirkt eine Szene, in der er im Flugzeug Kekse isst, weil man als Zuschauer unweigerlich den Eindruck bekommen muss, er ernähre sich von Tinte und Papier. Dass in seinem Verlag seit 2012 ein Paper Passion Perfume „erscheint“, das – so der Werbetext – den „einzigartigen Duft frischgedruckter Bücher einfängt“, kann kaum noch überraschen, wenn man How to Make a Book with Steidl gesehen hat. Schon dort erklärt der Verleger den verdutzten Zuhörern am Rande einer Ausstellung, es sei verlorenes Wissen, „dass Bücher gut riechen sollen.“ Er selbst benutze deswegen keine Dispersionslacke, sondern noch immer Lacke auf Ölbasis und komponiert den Geruch, das Gewicht, das Handling, das Geräusch beim Seitenumschlagen. „All dies“, erklärt Steidl, „macht das Buch einzigartig in einer digitalen Welt.“