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Filmstill: Simin (Leila Hatami) und Nader (Peyman Moadi) vor dem Scheidungsrichter: "Mein Kind soll nicht unter diesen Umständen aufwachsen." Nader und Simin - eine Trennung. © Alamode Film 2011. 

„Nader und Simin – Eine Trennung“
Ein großer Film über die Zerrissenheit der iranischen Gesellschaft
von
Jens Brinkmann
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Mit außergewöhnlichem dramaturgischem Gespür entwickelt Asghar Farhadi in „Nader und Simin. Eine Trennung“ ein Familiendrama zu einem vielschichtigen Konfliktbild der iranischen Gesellschaft. Der Film begeisterte auf der Berlinale Publikum, Kritik und Jury und gewann neben den beiden silbernen Bären für die besten Darstellerinnen und Darsteller den goldenen Bären für den besten Film. Asghar Farhadi bereichert mit seinen spannenden Erzählungen eine ohnehin beeindruckende iranische Filmlandschaft.

Als im Sommer 2009 Millionen Iranerinnen und Iraner auf die Straße gingen, um gegen die Manipulation der Präsidentenwahl zu demonstrieren, überraschte das die meisten westlichen Beobachter nicht weniger als die Proteste in der arabischen Welt in diesem Frühjahr. Im selektiven Wahrnehmungsraster der Berichterstatter und hiesigen Medienkonsumenten dominierten vor allem jene Bilder, die sich auf die islamistischen Gefahren und die Rückständigkeit „der muslimischen Welt“ kaprizierten: Der iranische Bildkosmos bestand kaum mehr als aus bärtigen Mullahs, nach der Atombombe strebenden Despoten, gespenstischen Auftritten des Holocaustleugners Ahmadinedschad, antiamerikanische Parolen skandierenden Moscheebesuchern, repressiven Sittenwächtern und verschleierten Frauen. Unvermittelt tauchten nun auf unseren TV-Bildschirmen ganz andere Menschen auf, die mit grünen Fahnen und Stoffbändern durch Teheran zogen und für ihre Freiheit vom religiös-militärischen Regime eintraten. Plötzlich wurde man der Existenz einer iranischen Zivilgesellschaft, eines urbanen Mittelstands, einer aufbegehrenden Jugend gewahr.

Die ganz anderen Bilder des Landes hat es jedoch auch schon vor 2009 gegeben: im iranischen Film. Trotz aller Schikanen der Zensurbehörden haben Filmemacher wie Abbas Kiarostami, Bahman Ghobadi oder Jafar Panahi, um nur einige der prominentesten zu nennen, in faszinierender Weise die komplexe iranische Gesellschaft in den Blick genommen.[1] Verhandelten in den 1990er Jahren bereits die großen Parabeln Kiarostamis mit ihrer verdichteten, subtilen wie subversiven Bildsprache Themen wie das Verhältnis von Mann und Frau oder die Brüche zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt, so wurden im iranischen Film der 2000er Jahre soziale Tabus und Schattenseiten der Islamischen Republik immer offener und kritischer dargestellt. Jafar Panahi etwa machte in sozialen Panoramen wie „Der Kreis“ (2000) die beklemmende, erstickende Gängelung iranischer Frauen spürbar. In „Offside“ (2006) setzte er junge weibliche Fußballfans, die als Männer verkleidet in ein Stadion zu gelangen versuchen, das sie als Frauen nicht betreten dürfen, in ihrer lebendigen Aufmüpfigkeit gegen die staatliche Unterdrückung in Szene und ließ sie in einer phantastischen Schlussszene ihre Befreiung inmitten des Siegestaumels der Teheraner Bevölkerung feiern.

Wegen seiner Unterstützung der grünen Bewegung und eines geplanten, noch nicht einmal gedrehten Films über die Proteste wurde Panahi im vergangenen Jahr zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Drehverbot verurteilt. Die Revision läuft noch. Mit der willkürlichen, undurchschaubaren Zensur und wechselnden, uneinheitlichen Einschränkungen haben alle iranischen Filmemacher zu kämpfen. Immer wieder überrascht es den westlichen Betrachter, mit welchem Geschick die Regisseure die Zensur unterlaufen, mit welcher Blindheit für unterschwellige Gesellschaftskritik die Zensoren bisweilen geschlagen sind.

Seit einigen Jahren wird das iranische Kino um die Werke eines Regisseurs bereichert, der ein Meister der subtilen Blicke und Dialoge ist und der seinen Autorenfilmkollegen eines voraus hat: Seine Filme begeistern nicht nur auf den internationalen Festivals, sondern ziehen auch im Iran massenweise Zuschauer in die Kinos. Der 1972 geborene Asghar Farhadi zeigte bereits in „Fireworks Wednesday“ (2006) und „Elly“ (2009) sein außergewöhnliches dramaturgisches Gespür. Anhand von Familien- und Beziehungsdramen des Alltags entfaltet er auf ungeheuer spannende Weise die großen sozialen, kulturellen, religiösen und politischen Konflikte der iranischen Gesellschaft. Im Fokus steht dabei eine urbane, sich am Westen orientierende junge Mittelschicht, deren sich nach Freizügigkeit sehnendes Lebensgefühl Farhadi in eindrucksvollen Bildern zu verdichten weiß. Wenn etwa in „Elly“ junge Paare und Singles beiderlei Geschlechts ausgelassen und unbeschwert zu einem Wochenendausflug ans Kaspische Meer aufbrechen und ihre Köpfe samt locker gebundener, flatternder Kopftücher aus dem Autofenster in den Wind recken, scheint auch hier wie bei Panahi eine Utopie von Freiheit auf. Doch mit ebenso genauem, seismografischem Blick geht er den Grenzen dieses Lebensgefühls nach, den unterschwelligen gesellschaftlichen Moralvorstellungen, den verinnerlichten Normen und den Ängsten vor Repression, die seine Figuren beinahe unaufhaltsam in Widersprüche führen, in tradierte Verhaltensweisen zurückfallen lassen und in ihrer Unfreiheit zeigen.

Farhadis Filme unterscheiden sich von denjenigen seiner Kollegen auch in der Art und Weise, wie er die iranische Gesellschaft in ihrer Zerrissenheit zwischen Arm und Reich, als Klassengesellschaft zeigt. Hierin liegt auch ein Kern seines jüngsten vielschichtigen Films „Nader und Simin. Eine Trennung“, der Jury, Kritiker und Publikum der diesjährigen Berlinale in seltener Einmütigkeit begeisterte und im Iran von über 1,2 Millionen Menschen im Kino und noch einmal doppelt so vielen DVD-Nutzern gesehen wurde.[2]

Der Film setzt unvermittelt mit einem Streit zwischen Nader und Simin vor dem Scheidungsrichter ein. Simin, eine selbstbewusste Frau, die ihre roten Haare unter dem Schleier hervorschauen lässt, will den Iran verlassen. Sie möchte ihre Tochter Termeh nicht länger „unter diesen Bedingungen“ aufwachsen lassen. Auf die Nachfrage des Richters, welche Bedingungen sie meine, schweigt sie. Simin hat alles daran gesetzt, Ausreisevisa zu beschaffen, die bald ablaufen. Nader will nun aber in Teheran bleiben, weil er seinen an Alzheimer erkrankten Vater nicht allein zurücklassen möchte. Weil Nader nicht mitkommen will und sie als Ehefrau ohne sein Einverständnis nicht ausreisen kann, sucht Simin die Scheidung. Für den Richter ist das kein ausreichendes Motiv, denn im Iran sind lediglich Gewalttätigkeit, Drogensucht oder Zahlungsunwilligkeit des Ehemannes Gründe für eine legale Trennung. „Sie führen ihr Leben weiter wie bisher“, gibt er Simin mit auf den Weg.

Farhadi hat die Einstellung so gewählt, dass die Eheleute direkt in die Kamera schauen, die zugleich die Stelle des Richters und der Zuschauer einnimmt. Schon die kurze Eingangssequenz gewährt subtile Einblicke in iranische Verhältnisse und wirft kaum zu entscheidende Fragen zwischen Simins Freiheitswunsch, der Zukunft der Tochter und der Verantwortung für den dementen Vater auf. Farhadi weitet in der Folge das Familiendrama in der Teheraner Mittelschicht zu einem meisterhaft erzählten, in seiner Komplexität sich steigernden Sozialdrama, das den gleichsam als Richter inthronisierten Zuschauer um offene Fragen von Wahrheit und Moral, Schuld und Verantwortung, Recht und Gerechtigkeit unter den gesellschaftlichen Bedingungen des Iran kreisen lässt.

Simin verlässt die gemeinsame Wohnung, bleibt aber in Teheran und zieht zu ihren Eltern. Die über die Trennung verzweifelte Tochter Termeh bleibt zunächst bei ihrem Vater, den sie moralisch im Recht glaubt. Zugleich wünscht sie sich sehnlichst die Rückkehr ihrer Mutter. Sichtlich überfordert mit der Pflege seines Vaters, stellt Nader eine ungelernte Pflegekraft ein: Die schwangere Razieh lebt in ärmlichen Verhältnissen. Ihrem arbeitslosen, verschuldeten und jähzornigen Mann hat sie von dem Nebenjob nichts erzählt. Er hätte ihr die nach iranischem Gesetz notwendige Erlaubnis niemals gegeben, obwohl die Familie das Geld gut gebrauchen kann. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter fühlt sich die strenggläubige, in einen eng gebundenen, schwarzen Hidschab gehüllte Razieh im frauenlosen Haushalt Naders sichtbar unwohl. Als der alte Mann seine Hose einnässt, muss sie sich erst über eine religiöse Telefonhotline erkundigen, ob sie sündigt, wenn sie dem Kranken die Kleidung wechselt. Die Situation eskaliert, als Nader und Termeh eines Tages nach Hause kommen und den alten Mann, die Hände noch ans Bett gefesselt, hilflos auf dem Fußboden wiederfinden. Nader stellt Razieh, die das Haus aus für den Zuschauer zunächst unbekannten Gründen für kurze Zeit verlassen hatte, zur Rede, beschuldigt sie darüber hinaus des Diebstahls und stößt sie in rasender Wut aus der Wohnung. Was genau passiert, sieht man nicht. Razieh behauptet später, sie sei gefallen und habe dabei ihr ungeborenes Kind verloren. Gegen Nader, der behauptet, von der Schwangerschaft nichts gewusst zu haben, wird nun wegen Mordes ermittelt. Er erstattet seinerseits Anzeige gegen Razieh, die seinen Vater misshandelt habe. Wer sagt die Wahrheit? Gibt es überhaupt eine Wahrheit?

Asghar Farhadi lässt in „Nader und Simin“ zwei ungleiche Teheraner Familien aufeinanderprallen. Dem wohlhabenden, säkular und modern wirkenden Nader aus der iranischen Mittelschicht steht in Raziehs Mann Hodjat ein armer, religiöser und traditionsverhafteter Mann der unteren Schicht gegenüber, der sich in seinem Recht und Ehrgefühl verletzt fühlt und seine Aggressionen nicht zu bändigen weiß. Der hier in seiner Sprengkraft spürbare soziale Gegensatz in der iranischen Gesellschaft mit seinen kulturellen, religiösen und politischen Aufladungen erscheint denn auch als die eigentliche Trennung, auf die der Filmtitel anspielt. Doch Farhadis vielschichtiger Film unterläuft diese eindeutigen Trennlinien à la Moderne versus Tradition auch wieder. Er arbeitet bewusst mit wechselnden Blickwinkeln, die für immer neue Wendungen in der Geschichte sorgen und die Handlungen aller Personen in ihren Interessen und Beweggründen verständlich werden lässt. In ihrem Beharren auf ihr jeweiliges Recht sind sich Nader und Hodjat ähnlicher als es zunächst den Anschein hat. Die Trennungen verlaufen nicht nur zwischen oben und unten, sondern auch zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen, zwischen unausgesprochenen Moralvorstellungen. Und fast alle Figuren verlieren sich unter den unfreien Verhältnissen im Iran unweigerlich in Notlügen, Halbwahrheiten und Widersprüchen, sodass die Trennungen letztlich in die Individuen selbst eingeschrieben sind.

Asghar Farhadis kammerspielartige Erzählung entfaltet in ihrer dramatischen Zuspitzung einen unaufhaltsamen Sog. Mit dramaturgisch feinfühlig gegebenen oder vorenthaltenen Informationen, die den wechselnden Perspektiven folgen, erzeugt er eine unglaublich intensive Spannung. Immer enger und facettenreicher knüpft er seinen Konfliktteppich, immer schwieriger fällt dem Betrachter ein Urteil. Farhadi lässt bewusst Leerstellen und Interpretationsspielräume, verweigert alle einfachen Auflösungen, die Widersprüche bleiben unversöhnt. Obwohl sich der wahre Hergang in einem atemberaubenden Schluss aufklärt, lässt er die Zuschauer am Ende doch mit mehr offenen Fragen zurück. Wir stehen zerrissen da wie Termeh, die sich zwischen ihren Eltern entscheiden soll. „Das Publikum soll das Kino mit Fragen verlassen“, sagte Farhadi auf der Berlinale, „ich glaube, die heutige Welt braucht eher Fragen als Antworten“. Allein das ist schon ein Bekenntnis zur Moderne in einem Land, dessen Unrechtsregime stets auf klaren Antworten und simplen Parolen beharrt. Und es ist eine Aufforderung an uns, unsere vorgefertigten Bilder zu überprüfen und die Augen zu öffnen für die Menschen und ihr widersprüchliches Leben in einer sich wandelnden iranischen Gesellschaft.

 


[1] Vgl. etwa: Amin Farzanefar, Kino des Orients. Stimmen aus einer Region, Marburg 2005, S. 131ff.; Heike Kühn: Subversive Bilder. Ein Blick auf das aktuelle iranische Kino, in: epd-film 7/2003; Katja Nicodemus, Terminator trifft Chomenei, in: Die Zeit, 01.02.2006; Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.): Der neue iranische Film. Wir sind der Spiegel und das Bild darin, Stuttgart 2002; Hamid Reza Sadr: Iranian Cinema. A Political History, London 2006.

[2] Vgl. Katja Nicodemus, Irans Sensation. In: Die Zeit, 07.07.2011. Auch international ist „Nader und Simin“ mit außerordentlichem Erfolg angelaufen. In Frankreich hatten den Film drei Wochen nach seinem Kinostart bereits annähernd 400.000 Menschen gesehen; ca. 1 Million Zuschauer wurden prognostiziert. Damit ist Farhadis Berlinale-Gewinner-Film in Frankreich einer der erfolgreichsten ausländischen Autorenfilme der letzten Jahrzehnte. Über die unterschiedliche Film- und Kinokultur in Frankreich und Deutschland mögen die Zahlen von Farhadis Vorgängerfilm Aufschluss geben: Elly, immerhin Gewinner eines Silbernen Bären, lief in Deutschland erst zwei Jahre nach seiner Berlinale-Premiere an und wurde gerade einmal von 1.500 Kinobesuchern gesehen; in Frankreich waren es über 100.000. Im Iran hatte der Film über eine Million Zuschauer. Vgl. Lena Lutaud, Une Séparation – le phénomène de l’été. In: Le Figaro, 01.07.2011; Christiane Peitz, Vorhang auf für die Doppelspitze. In: Der Tagesspiegel, 22.02.2011.