Hoersaal textseite.jpg

University of Erfurt

Bild: Uni EF | University of Erfurt | 28.04.2010 | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Der Historikertag: Ein akademisches Ritual
von
Julia Radtke
Druckversion

Veröffentlicht: Dezember 2012

 

Der Historikertag ist in seiner über 100-jährigen Geschichte immer wieder Schauplatz geschichts- und gesellschaftspolitischer Debatten gewesen. So waren die ersten Historikertage bestimmt von der Frage nach dem Verhältnis von Geschichte, Politik und Pädagogik. Die Organisation des ersten deutschen Historikertags 1893 in München geht auf eine kleine Gruppe süddeutscher Historiker zurück, die aus Protest gegen eine preußische Lehrplanänderung von 1892 einen Kongress anregten, um unter Universitätsprofessoren aus dem gesamten deutschen Sprachraum sowie Geschichtslehrern über die verstärkte Gegenwartsorientierung des Geschichtsunterrichts im Sinne eines nationalen, borussischen Geschichtsbildes zu diskutieren. Der Historikertag etablierte sich in den folgenden Jahren als Forum der innerfachlichen Diskussion und konnte sich, auch dank des Verbands deutscher Historiker, der 1895 auf dem dritten Historikertag in Frankfurt am Main offiziell gegründet wurde, zu einer Institution entwickeln, die bis heute Bestand hat.

Allerdings wurde die Diskussion um das Verhältnis von Politik und Geschichte in den folgenden Jahren zurückgedrängt. Bis zum Historikertag von 1913 in Wien, dem letzten vor Beginn des Ersten Weltkriegs, wurden fachinterne Debatten geführt, die sich in erster Linie an der politischen Geschichte orientierten. Die Verbundenheit der sich versammelnden Historiker mit dem Kaiserreich kam in den Trinksprüchen auf Bismarck und den Kaiser zum Ausdruck, die bei den veranstalteten Festessen ausgerufen wurden.

Eine Bühne für die Artikulation politischer Ansichten bot der Historikertag auch in der Zeit der Weimarer Republik. Seit 1924 fanden wieder regelmäßig Tagungen statt, in deren Zentrum beispielsweise die Frage nach der deutschen Kriegsschuld nach §231 des Versailler Vertrags stand. Die Rolle des Historikers wurde in der Zwischenkriegszeit durchaus als politische begriffen, wobei der Historikertag die konservative, dem Kaiserreich verhaftete Zunft spiegelte.

Im Jahr 1937 fand der erste und einzige Historikertag während der Zeit des Nationalsozialismus statt. Walter Frank, der Präsident des 1935 gegründeten „Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands“, hatte die Tagung maßgeblich mit organisiert. Frank war nie Parteimitglied, hatte aber bereits während der Weimarer Republik anonym Beiträge für nationalsozialistische Blätter verfasst und so seine Gesinnung unter Beweis gestellt. In seiner Vorstellung sollte der Historikertag in Erfurt die Zunft auf ein „neues“, nationalsozialistisches Geschichtsbild einschwören und nebenbei seine eigene Karriere und Reputation weiter befördern. Auch externe, nicht dem Reichsinstitut angehörende Historiker nahmen am Historikertag teil und wurden oftmals in der Presse positiver herausgestellt als ihre nationalsozialistischen Kollegen. Der Historikertag 1937 war insofern ein Kompromiss zwischen „alter“ und „neuer“ Geschichtswissenschaft.

Nach 1945 war der Verband deutscher Historiker praktisch nicht mehr existent und musste neu aufgebaut werden. Die Neugründung des Verbandes unter dem neuen Namen „Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands“(VHD) 1948 und die Organisation des ersten Historikertags nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 in München gingen maßgeblich auf die Initiative des konservativen Freiburger Historikers Gerhard Ritter zurück. Ritter repräsentierte die alteingesessene preußisch-protestantische Ausrichtung der deutschen Geschichtswissenschaft und wurde – obwohl nicht unumstritten – 1949 zum ersten Verbandspräsidenten gewählt. Das Argument für die Neugründung war, dass die Mitsprache im internationalen Historikerverband und die Teilnahme an internationalen Kongressen nur über einen nationalen Verband gesichert waren. Die Neugründung fand großen Anklang, schnell stiegen die Mitgliedszahlen an. Offenbar hinterließ der Historikertag als Ort des innerfachlichen Austauschs eine Lücke. Jedoch ging es auf den folgenden Tagungen weniger um eine Revision des deutschen Geschichtsbildes, das noch immer von der Geschichte Preußens dominiert wurde, sondern um die Zurschaustellung der eigenen wissenschaftlichen Autorität und somit um Kontinuität. 

In den 1950er Jahren waren die Historikertage durch den Kalten Krieg geprägt. Der VHD trat mit einem Alleinvertretungsanspruch auf; die frühen Historikertage 1949 in München und 1951 in Marburg wurden von der DDR weitgehend ignoriert. Doch zum endgültigen Bruch zwischen den Vertretern der ost- und westdeutschen Geschichtswissenschaft kam es erst 1958 auf dem Historikertag in Trier. Drei ostdeutschen Historikern wurde vom VHD ein Redeverbot erteilt; die DDR-Delegation reiste daraufhin vorzeitig ab. Bereits einige Monate zuvor – im März 1958 – war die Deutsche Historiker-Gesellschaft (später Historiker-Gesellschaft der DDR) gegründet worden, die zwischen 1958 und 1990 eigene Kongresse veranstaltete. Zum Historikertag 1962 in Duisburg wurde keine DDR-Delegation mehr eingeladen. Die Frontstellung zwischen ostdeutscher und westdeutscher Geschichtswissenschaft entspannte sich allmählich in den 1970er und 1980er Jahren; die Historiker-Gesellschaft der DDR löste sich 1990 auf.

Nachdem die Kontroverse um Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht“ maßgeblich auf dem Historikertag 1964 in Berlin ausgetragen worden war, wurde es um die Historikertage in der Öffentlichkeit immer stiller. Nach den großen gesellschaftspolitischen Debatten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde nun über die weitere Ausdifferenzierung des Fachs in Historische Sozialwissenschaft, Alltagsgeschichte und Geschlechtergeschichte und die damit einhergehenden methodischen Anstöße diskutiert.

Der Historikertag gilt auch heute als repräsentativ für die Zunft. Dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands gehören derzeit etwa 2500 Mitglieder an, die in der Mehrheit aus Universitäten und Forschungsinstituten stammen. Die Historikertage waren immer auf ein universitäres Fachpublikum ausgerichtet. Über die Verdienste der in den 1980er Jahren aufkommenden Geschichtswerkstätten oder die sogenannten „Barfußhistoriker“ beispielsweise wurde auf dem Historikertag 1984 in Berlin heftig gestritten.

Gleichzeitig dienten die Historikertage auch immer dem persönlichen Kontakt zwischen den Mitgliedern der Zunft. Während bis in die Weimarer Republik hinein größere Bankette und gemeinsame Ausflüge auf den Historikertagen zum festen Programm gehört hatten, wird heute zu kommerziell ausgerichteten Verlagsfeiern eingeladen.

Als Forum für die innerfachliche Diskussion spiegelt der Historikertag den Forschungsstand wider und bildet Trends ab, wie beispielsweise das Thema „GeschichtsBilder“ auf dem Historikertag in Konstanz 2006 oder das Thema „Kommunikation und Raum“ auf dem Historikertag in Kiel 2004. Darüber hinaus kann der Historikertag im Idealfall eine Inspiration für die Forschung bieten. In dieser Hinsicht war beispielsweise der Historikertag 1998 mit einer Sektion zur Rolle der Historiker im Nationalsozialismus einflussreich. Die gewählten Leitthemen des Historikertags bilden oftmals nicht nur innerfachliche Trends ab, sondern versuchen auch populäre gesellschaftliche Themen aufzugreifen, so etwa der diesjährige Historikertag zum Thema „Über Grenzen“, der an das 20-jährige Jubiläum der Deutschen Einheit anknüpft, oder der Historikertag 2008 zum Thema „Ungleichheiten“. 
Während auf dem Historikertag 1895 in Frankfurt am Main noch drei Einzelreferate gehalten wurden, sind es 2010 in Berlin rund 75 unterschiedliche Sektionen und allein 174 Vorträge im Bereich der Neuesten Geschichte.

Zeitgeschichte online will mit seiner Berichterstattung die traditionellen, im Nachhinein verfassten Sektionsberichte nicht ablösen, sondern sie um direkte Impressionen vom Historikertag erweitern und so unterschiedliche Stimmen mit Eindrücken von der Tagung zu Wort kommen lassen. Neben Sektionsteilnehmern werden auch Doktoranden und Studenten interviewt. Darüber hinaus soll über allgemeine Trends und Forschungsstände innerhalb der Geschichtswissenschaften schnell und übersichtlich berichtet werden.

 

Literatur zum Thema

Erdmann, Karl Dietrich, Geschichte, Politik und Pädagogik – aus den Akten des Deutschen Historikerverbandes, aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19 (1968), S. 2-21.

Friedrich, Cathrin, Die deutschen Historikertage in den 1920er Jahren, in: Comparativ 6 (1996), H. 5/6, S. 59-71.

„Geschichte à la mode“, Süddeutsche Zeitung vom 25.09.2006.

Heiber, Helmut, Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands, Stuttgart 1966.

Hübinger, Gangolf, Historikertage und Soziologentage vor dem Ersten Weltkrieg, in: Comparativ 6 (1996), H. 5/6, S. 45-58.

Kowalczuk, Ilko-Sascha, Legitimation eines neuen Staates. Parteiarbeiter an der historischen Front Geschichtswissenschaft in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 1997.

Mertens, Lothar, Priester der Klio oder Hofchronisten der Partei? , Göttingen 2006.

Middell, Matthias, Die ersten Historikertage in Deutschland 1893-1913, in: Comparativ 6 (1996), H. 5/6, S. 21-43.

„Nation und Imagination“, Süddeutsche Zeitung vom 17.09.1996.

Pfeil, Ulrich, Deutsche Historiker auf den internationalen Historikertagen von Stockholm (1960) und Wien (1965). Geschichtswissenschaft zwischen Internationalität und Freund-Feind-Denken im Kalten Krieg, in: Pfeil, Ulrich (Hg.), Die Rückkehr der deutschen Geschichtswissenschaft in die „Ökumene der Historiker“, München 2008, S. 305-326.

Ritter, Gerhard, Die Deutschen Historikertage, aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 4 (1953), H. 9, S. 513-521.

Sabrow, Martin, Ökumene als Bedrohung. Die Haltung der DDR-Historiographie gegenüber den deutschen Historikertagen von 1949 bis 1962, in: Comparativ 6 (1996), H. 5/6, S. 178-202.

Schulze, Winfried, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 1989.

Schulze, Winfried, Von München über Leipzig nach Berlin? Zur Entstehung des Historikertages vor 100 Jahren aus dem Kampf um einen modernen Geschichtsunterricht, aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994), H. 9, S. 551-557.

Schumann, Peter, Die deutschen Historikertage 1893-1937, Marburg 1974.

 „Späte Reue der Zunft“, Die Zeit Nr. 39 (1998).