Fukushima ist nicht Tschernobyl?
von
Melanie Arndt
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Veröffentlicht: März 2011

 

Zwar gibt es große Unterschiede zwischen den Reaktorunfällen in Fukushima und in Tschernobyl (1986), dennoch kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass Atomenergie eine Risikoenergie ist, deren Beherrschung die Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.

Die Ähnlichkeiten des Reaktorunglücks im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi mit der Katastrophe von Tschernobyl mögen auf den ersten Blick überwiegen. Insbesondere die tiefen Verunsicherungen und die Hilflosigkeit, die der Unfall weltweit ausgelöst hat, sowie die Beteuerungen der Regierungen in aller Welt, dass sich ein solcher Unfall in den eigenen Kernkraftwerken nicht ereignen kann, erinnern an die Statements nach der Katastrophe von Tschernobyl. Schon 1986 wurden Untersuchungen in die Wege geleitet, die die Sicherheit der Reaktoren zu überprüfen hatten. Die Verunsicherungen betreffen heute jedoch nicht nur die Sicherheit der jeweils eigenen Reaktoren oder das Ausmaß des aktuellen Unfalls, sie sind sehr viel umfassender. Deutlich werden die Unzulänglichkeiten im Umgang mit dem Risiko Radioaktivität, die Unsicherheiten bei der Einschätzung der realen Gefahren und schließlich die Unmöglichkeit, zuverlässige Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Noch heute, 25 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, sind die technischen, physikalischen, biologischen, medizinischen und psychologischen Folgen nicht bis ins Detail aufgeschlüsselt. Notgedrungen wird mit widersprüchlichen und ungenauen Angaben argumentiert. Das betrifft auch die Anzahl der Opfer der Katastrophe von 1986. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede:

  1. Der Reaktorunfall in Japan ist Folge einer Naturkatastrophe in einem Land, das als erdbebengefährdet gilt. Japan ist ein hochtechnisiertes Land. Selbst von Kritikern wurde die Sicherheit der japanischen Atomkraftwerke als sehr hoch eingeschätzt. Dennoch kam es zum Unfall. Auch wenn es sich bei den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima um verschiedene Reaktortypen handelt, wurde der Unfall in Japan durch den Ausfall der Kühlungssysteme ausgelöst. Inwieweit weitere technische Mängel und menschliches Versagen, die in Tschernobyl die Hauptursache darstellten, auch in Fukushima eine Rolle spielten, wird noch zu untersuchen sein. Das Containment, das heißt der schützende Mantel um den Reaktorkern, der in Tschernobyl nicht existierte, hat bisher in Japan das Schlimmste, den so genannten „Super-GAU“ verhindert. In Tschernobyl war der Reaktor lediglich durch ein Wetterdach geschützt. Darüber hinaus handelte es sich in Tschernobyl um einen graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhrenreaktor, das heißt, dass Graphitstäbe im Reaktorkern, die bei jeder Kernspaltung von Uran-235 entstehenden Neutronen abbremsen. Dadurch verlangsamen sich die Neutronen so, dass sie die Kettenreaktion der Kernspaltung, die notwendig ist, um kontinuierlich Energie zu erzeugen, in Gang halten können. Die Explosion 1986 führte dazu, dass die Graphitstäbe anfingen zu brennen. Durch den Brand wurden große Mengen an radioaktiven Partikeln in die Atmosphäre abgebeben – die sogenannte radioaktive „Wolke“ entstand. Das ist in Japan nicht möglich.
  2. Gravierende Unterschiede sind zudem in der Informationspolitik zu erkennen. Selbst wenn die Schutz- und Vorsorgemaßnahmen für die unmittelbar betroffene Bevölkerung in Japan erst verzögert umgesetzt wurden, so erfolgte deren Durchsetzung um ein Vielfaches schneller als dies nach der Katastrophe von Tschernobyl geschah. Die Sowjetunion hatte unter der Führung Michail Gorbatschows eine Informationssperre verhängt. Es dauerte fast drei Tage, bis die Explosion durch schwedische Mitarbeiter des Atomkraftwerks Forsmark vermutet und am gleichen Abend von sowjetischer Seite als „Havarie“ bestätigt wurde. Die Ereignisse in Fukushima konnten die Fernsehzuschauer in der ganzen Welt nahezu in Echtzeit mitverfolgen. Die japanische Atomaufsichtsbehörde reagierte prompt, selbst wenn einzelne Aussagen widersprüchlich waren und offenbar an solch banalen Problemen wie einer korrekten Übersetzung scheiterten. Darüber hinaus mangelte es 1986 an Messdaten. Das Ausmaß der Katastrophe von Tschernobyl wurde in der Sowjetunion zudem drei Jahre lang verschwiegen. Neben der Verharmlosungspolitik der sowjetischen Regierung ist dies auch auf den Stand der damaligen Kommunikationssysteme zurückzuführen.
  3. Die Evakuierung der Menschen aus dem Umkreis des explodierten Reaktorgebäudes in Japan verlief trotz der zerstörten Infrastruktur nach Erdbeben und Tsunami sehr viel schneller. Knapp 50.000 Einwohner Prypjats, der dem Tschernobylreaktor am nächsten gelegenen Stadt, wurden erst 36 Stunden nach der Explosion evakuiert. In einem Umkreis, der in Japan heute zumindest offiziellen Angaben nach weitestgehend evakuiert ist, fanden in der Ukraine noch fünf Tage nach dem Reaktorunglück die Paraden zum 1. Mai statt. Die Menschen waren ahnungslos. Als einer der Gründe galt, dass bis dahin selbst den Experten das Ausmaß der Katastrophe nicht klar war. Man glaubte, der Reaktorkern sei intakt geblieben. Erst nach mehreren Tagen wurde der Evakuierungsradius auf zehn und später auf 30 Kilometer erweitert.

Japan ist jedoch nicht das einzige Land, das Reaktoren auf einem stark erdbebengefährdeten Territorium betreibt. Die armenische Kernkraftanlage Metsamor, nur dreißig Kilometer von der Hauptstadt Erevan entfernt, musste 1988 in Folge eines Erdbebens abgeschaltet werden. Dennoch wurde das Atomkraftwerk 1993 wieder in Betrieb genommen. Im ebenfalls erdbebengefährdeten amerikanischen Bundesstaat Kalifornien erzeugt das Atomkraftwerk Diablo Canyon  Strom. Das Kraftwerk ist für eine Erdbebenstärke von 7.5 auf der Richterskala konstruiert. Nur drei Kilometer vom Werk befindet sich eine seismische Bruchlinie im Meer. Sowohl die Reaktoren in Metsamor als auch Diablo Canyon sind über 30 Jahre alt. Zudem ist seit mehr als 50 Jahren das Problem des radioaktiven Abfalls ungelöst. Zehntausende Tonnen lagern in unmittelbarer Umgebung der Reaktoren auf der ganzen Welt.