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Schornstein

Bild: Tarabiscuite | Schornstein | 16.04.2014 | Pixabay | CC0 public domain

 

Angsterfahrungen und Täuschungserlebnisse
Authentizitätsfiktionen im Rundfunk von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart
von
Edgar Lersch
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Veröffentlicht: November 2014

 

Der junge Orson Welles (1915-1985), später hochgerühmter Filmregisseur, inszenierte 1938 nach der Vorlage des Science-Fiction-Romans „War of the Worlds“ von Herbert George Wells (1866-1946) ein Hörspiel, das weltweite Bekanntheit erlangen sollte. Der Roman handelt von einer Invasion der Erde durch Marsbewohner, unterstützt von lebensbedrohlichen Kampfmaschinen. Welles verlegte den Ort der Handlung von Großbritannien an die amerikanische Ostküste und inszenierte das Hörspiel als täuschend echte Direktübertragung des Hörfunks – auch, um mit Hilfe dieses Kunstgriffs Aufmerksamkeit zu erregen. Eigentlich ist es kaum vorstellbar, dass bis dahin keine vergleichbare Inszenierungsstrategie – wenn auch nicht in dem Umfang – eingesetzt wurde, aber dafür gibt es offensichtlich keine Belege. Die am Vorabend von Halloween, am 30.10.1938, von CBS ausgestrahlte Produktion wurde insbesondere im Umfeld des Handlungsortes, dem Großraum New York, nicht von allen Hörern als fiktiv erkannt, trotz der Ansage, dass es sich um ein Hörspiel handele. Inzwischen wurde erforscht, dass die eingetretenen Effekte dem damaligen Stand von Radiodiffusion und -rezeption geschuldet seien.[1] Auf keinen Fall können ängstliche Reaktionen der Hörerschaft und deren besorgte Nachfragen beim Sender – wie lange Zeit kolportiert – als Massenpanik bezeichnet werden. Gleichwohl wurden Sendetag und Hörspiel auch wegen erheblicher publizistischer Nachwehen ein markantes Datum in der Geschichte der elektronischen Medien. Bei späteren Ausstrahlungen von (Hörfunk-)Adaptionen der Vorlage bzw. der Welles-Inszenierung, wie etwa in Deutschland, gab es ebenfalls einige besorgte Anrufe bei den Sendern.

Vergleichbare Irritationen und Nachfragen gab es am Abend des 15. April 1973, anlässlich der Ausstrahlung des Fernsehspiels „Smog“, das der WDR für das Erste Fernsehprogramm (ARD) produziert hatte. Thema war hier eine lebensbedrohlich ansteigende Luftverschmutzung im Ruhrgebiet. Deren Auswirkung auf den Alltag der Bewohner sowie die teils hektischen wie hilflosen Gegenmaßnahmen seitens der Behörden wurden durch Pseudo-Livereportagen im Gewand der damals üblichen Fernsehberichterstattung veranschaulicht oder als Gestaltungsmittel benutzt, um die Dringlichkeit der Aussage zu unterstützen. Zumindest im ersten Zugriff waren diese scheinbaren Live-Reportagen von der üblichen aktuellen TV-Berichterstattung nicht zu unterscheiden. Dass dem so war, musste der Autor dieses Essays erfahren, als er rein zufällig auf eine Wiederholung des Fernsehspiels „Smog“ stieß. Wenige Jahre nach der Erstausstrahlung von „Smog“ erlag er für einen kurzen Moment der Suggestion der speziellen Authentizitätsfiktion - so der medienwissenschaftliche Fachbegriff[2] – mit der das Funkmedium selbstreferentiell auf seine eigenen Vermittlungsformen zurückgreift.

In einer Arbeitspause am häuslichen Schreibtisch schaltete ich den Fernsehapparat ein und stieß meiner Erinnerung nach am Spätnachmittag, also einer ungewöhnlichen Zeit für ein Fernsehspiel zufällig auf die bereits laufende Wiederholung der Produktion (etwa 1974/1975). Mein Pech: Ich geriet in einen Abschnitt des Fernsehspiels mit einer der Pseudo-Livereportagen. Wäre ich auf Spielhandlungen gestoßen, hätte ich die Fiktionalität des Gesehenen sofort erkannt. Aber es war keine „Tagesschau“-Zeit, in der von vornherein alle Zweifel um die Glaubwürdigkeit beseitigt gewesen wären. Direktübertragungen außerhalb der Nachrichtenzeiten konnten auch damals auf exorbitante Ereignisse schließen lassen. Die Ausstrahlung lief auch nicht im üblichen Zeitfenster für Fernsehspiele, welches in der Regel ab 20:15 Uhr nach der Tagesschau ansetzte. Das Tageslicht im gesehenen Ausschnitt des Fernsehspiels und meiner häuslichen Umgebung stimmten überein, so dass eine Liveberichterstattung im Bereich des Möglichen lag. Auch über das Programmangebot des Nachmittags war ich – einfach nur nach kurzzeitiger Ablenkung und Entspannung suchend – nicht informiert; ganz abgesehen davon, dass wir keine Programmzeitschrift besaßen. Ähnlich wie die uninformierten US-amerikanischen Hörer, die etwa 35 Jahre zuvor ganz nebenbei in die Produktion hineingeraten waren, meinte ich, eine sensationelle Direktübertragung aus dem Rhein-Ruhrgebiet vor Augen zu haben. Von Anzeichen einer sich dort abzeichnenden Katastrophe war zwar vorher in Presse und Rundfunk nicht die Rede gewesen, aber es war nicht völlig auszuschließen, dass sich die Lage plötzlich zugespitzt hatte; noch bevor derartige Nachrichten in den Stuttgarter Raum gedrungen waren. So schaute ich einerseits irritiert, dabei durchaus von Zweifeln geplagt, aber auch gebannt zu und wollte gerade meine Frau zum Apparat rufen. In diesem Moment erkannte ich auf Grund heute nicht mehr rekonstruierbarer Hinweise, dass nicht über ein reales Geschehen berichtet wurde. Ich schaltete den Apparat aus und wandte mich wieder meiner Schreibtischarbeit zu.

Die eigenen Erfahrungen habe ich so ausführlich geschildert, weil die Bedingungen meines Nichterkennens der Authentizitätsfiktion ziemlich ähnlich denen waren, die den US-amerikanischen Radiohörern Angst einjagten. Ich besaß erst kurze Zeit einen Fernsehapparat, hatte kaum Ahnung von der Programmstruktur und den für die Verständigung zwischen Kommunikator und Nutzer so wichtigen ‚Rahmungen‘ der Beiträge. Sie ermöglichen in aller Regel Orientierung im Angebot und tragen so auch dazu bei, dass die Imitate realer Berichterstattungen als solche erkannt werden. Da die Programmbeiträge Teil der Zuschauer bzw. Hörer bindenden Dramaturgie sind, können die Imitate unter besonderen Umständen von völlig uninformierten Minderheiten nicht immer auf Anhieb durchschaut werden. Seit „Smog“ ist mir von vergleichbaren, spektakulären Einsätzen dieser als selbstreferentiell zu bezeichnenden Authentizitätsfiktion im deutschen Fernsehen nichts mehr bekannt geworden. Nach Kenntnis der neueren Forschungen werde ich den Eindruck nicht los, dass für die Ausstrahlung des „War of the Worlds“ gilt, was immer wieder in den Kulturwissenschaften geschieht: Ereignisse, Vorgänge werden als paradigmatisch für neue Entwicklungen erklärt, deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit jedoch relativiert und als weniger spektakulär erweist. Es spricht einiges dafür, dass die Welles-Inszenierung im Wesentlichen als Medienereignis unter der Prämisse des Wortes mehrfacher Bedeutung und Bewertung einzuschätzen ist.

Damit ist jedoch das Thema nicht erledigt. Zu fragen ist (und dies wurde möglicherweise bereits untersucht), inwieweit die undurchschaubare Authentizitätsfiktion jenseits der klassischen audiovisuellen Medieninstitutionen verbreitet ist. Diese müssen inzwischen ihre weitgehende Monopolstellung in der audiovisuellen Nachrichtenvermittlung mit der individualisierten Massenkommunikation, die in erster Linie über das Internet stattfindet, teilen. Dort sind die Fiktionen des Authentischen, ohne die mehrfach angesprochenen Rahmungen, von der Wirklichkeitsvermittlung zu unterscheiden, die sich nicht mehr zwangsläufig dokumentarischen Wahrheitsansprüchen verpflichtet: Sicherheit in Bezug auf Wahrheit und Realitätsbezug von Texten und Bildern schafft in hohem Maße der Kontext, der hier fehlt. Auf diese Weise werden im Internet kursierende, im Gewand seriöser und überprüfter Nachrichten daher kommende Informationen zum idealen Nährboden für Fehlinformation und Verschwörungstheorien. Das ist zweifellos eine der Schattenseiten der Enthierarchisierung der medial vermittelten Massenkommunikation. 

Im Übrigen sind seit fast zwei Jahrzehnten unter anderen Vorzeichen Verwirrung stiftende Authentizitätsfiktionen auch in den klassischen elektronischen Massenmedien häufig zu finden. Denn eine Spielart der angesprochenen selbstreferentiellen Authentizitätsfiktion hat im institutionalisierten privatkommerziellen Fernsehen in Deutschland (nicht unbeeinflusst von vorausgehenden Trends in den privatkommerziellen Systemen des Auslands, insbesondere in den USA) in wechselnd intensiver Anwendung um sich gegriffen. Seit etwa Mitte der 1990er Jahre sind Programmformate fest etabliert, die als so genanntes Reality-TV bezeichnet werden. Sie bewegen sich in den Programmschemata auf der Grenzlinie zwischen seriöser Information und quotenorientierter Unterhaltung; allerdings in mehrfacher Hinsicht nicht immer trennscharf. Sie können so zur Verwirrung der Zuschauer beitragen, die in der Meinung bestärkt werden, es handele sich um reale Vorkommnisse.  Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich als authentische Berichte ausgeben, ohne darüber Auskunft zu geben, dass es sich um Fiktionen und nicht um nach der Realität inszenierte Spielhandlungen handelt. In den 1990er Jahren bildeten spektakuläre Unglücks- bzw. Katastrophenfälle den Schwerpunkt, von denen pseudodokumentarisches Bildmaterial präsentiert wurde, das zum Zeitpunkt des Geschehens niemals hätte aufgenommen werden können, da gar keine Aufnahmeapparatur vor Ort hätte sein können.

Seit der zweiten Hälfte der Nuller-Jahre des neuen Jahrhunderts hat sich dieser auf die so genannten Dokusoaps verlagert, in denen meist Laienschauspieler Szenen aus dem sozialen Leben nachspielen. Dabei dreht sich die Handlung um familiäre und sonstige Alltagsprobleme, wie etwa Nachbarschaftsstreitigkeiten oder vergleichbare Konflikte. Die Beiträge der Scripted Reality sind auf Anhieb nicht unbedingt als fiktional zu erkennen. Ich räume hier gerne ein, dass ich ohne nähere Kenntnis des Formats beim ersten Anschauen ob des Grades des Realitätsbezugs verunsichert war. Sie haben sogar zu einer Debatte über die einheitliche Kennzeichnungspflicht für derartige Programme geführt. Eine weitere Spielart stellt auch das Programmformat Big Brother dar. Die Dauerbeobachtung einer Gruppe von Frauen und Männern in einer Wohneinheit durch Fernsehkameras stellt ebenfalls eine Fiktion des Authentischen dar. Denn sobald Menschen im Einzugsbereich einer Kamera agieren, kann die Normalität und Spontanität des Verhaltens nicht garantiert werden.
Es kann kein Patentrezept geben, um diesen Täuschungen beizukommen, ohne auf undenkbare zensurgleiche Eingriffe zurückzugreifen. Dahinter steckt ein starkes Bedürfnis vieler Zuschauer nach authentischen Einblicken in das normalerweise verborgene Leben der Mitmenschen, und möglicherweise sind auch die hier vorgetragenen Bedenken mit Blick auf die Zuschauer, die die Täuschung durchschauen, übertrieben.

Abschließend soll noch eine weitere Variante der fragwürdigen Verschleierung der Fiktion des Authentischen angeführt werden, die gerade Historiker/Innen betrifft. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden Spielszenen in historischen Dokumentationen und Dokudramen bzw. Fernsehfilme mit historischen Sujets als „authentisch“ deklariert und beworben. Bei näherem Hinsehen erweisen sich die Annäherungen an die vergangene Wirklichkeit häufig als sekundäre, die sich auf Umgebung, Kostüme usw. beziehen. Auch Handlungsabläufe orientieren sich an Quellenrecherchen zur (Re-)Konstruktion des Vergangenen. Allerdings werden Leerstellen nicht nur ergänzt, sondern aus dramaturgischen Gründen auch verändert. Keineswegs soll damit der Verzicht auf Spielszenen angeregt werden. Angesichts der sowieso schwer vermeidbaren Suggestion des Realen in filmischen Spielhandlungen, der sich auch der Kundige häufig nur mühsam entziehen kann, kommt es immer wieder zu einer bedenkenlosen Unverfrorenheit, die den Zusammenhang von Erfundenem und Authentischem nicht offen legt, sondern im Gegenteil gezielt verschleiert.
Das Hörspiel ‚War of the Worlds‘ ist eine Fußnote in der Mediengeschichte. Auch die sich bei seiner Ausstrahlung abzeichnenden Probleme der medialen Wirklichkeitsvermittlung scheinen inzwischen noch drängender geworden zu sein. Ihnen sollte unsere verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet sein.  




[1] Dazu als jüngste Publikation: Christoph Strupp, Mediale Massenpanik? Orson Welles‘ Radio-Hörspiel „War of the Worlds“ (1938), In: Zeithistorische Forschungen 2/2011, S. 322-327.
[2] In meinem Gebrauch des Begriffs lehne ich mich an die Ausführungen in der Einleitung dieses Bandes an: Eva Pirker, Mark Rüdiger et al. (Hg.), Echte Geschichte. Authentizitätsfiktionen in populären Geschichtskulturen, Bielefeld 2010, S.11-30.