Filmstill von EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN © Filmgalerie 451
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Filmstill aus EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN © Filmgalerie 451

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Filmstill aus EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN © Filmgalerie 451

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Bewegte Geschichte

Das Potsdamer Festival des historischen Films 2026

Am 9. Oktober 2026 verleiht moving history, Potsdams Festival für den historischen Film, die CLIO 2026 an Sandra Prechtel für ihren Dokumentarfilm EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN (D 2026). Im Programm, das im Filmmuseum Potsdam und im Zeughauskino Berlin gezeigt wird, sind die sechs nominierten Filme und zehn weitere herausragende Geschichtsfilme zu sehen. Eröffnet wird die Reihe am 25. September 2026 mit VATERLAND von Paweł Pawlikowski.

 

Wenn sich die Jury von moving history einmal im Jahr trifft, um die Filme für die jeweilige Festivalausgabe auszuwählen, die Nominierungen für den Festivalpreis festzulegen und den Gewinnerfilm auszuwählen, gehen dem immer Wochen des intensiven und glücklichen Filmsichtens voraus. Auch wenn die Branche einmal mehr, und sicher zurecht, über die Krise des deutschen Films und das hiesige Förderwesen diskutiert, so entstehen dennoch jedes Jahr hochinteressante Geschichtsfilme. Möglicherweise deshalb, weil Filme mit historischen Themen jährlich in durchaus hoher Zahl für Kino, TV und Streaming produziert und so Sujets und Erzählweisen kontinuierlich weiterentwickelt werden. Auch wenn naturgemäß nur einzelne Filme hinsichtlich der nationalen bzw. internationalen Beachtung oder des Zuschauererfolgs herausstechen, wie etwa Mascha Schilinskis IN DIE SONNE SCHAUEN (Gewinner der CLIO 2025), der im vorigen Jahr in Cannes und beim diesjährigen Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde, so finden sich in jeder Jahresproduktion immer überraschende und herausragende Geschichtsfilme, manchmal unter den Spielfilmdebüts, den gering budgetierten Dokumentarfilmen oder bei singulären Experimenten.

Für die jüngste Ausgabe des Festivals moving history hat die Jury 45 Produktionen gesichtet, und davon sechs für den Festivalpreis, die CLIO 2026, nominiert sowie weitere für das Programm im Filmmuseum Potsdam und im Zeughauskino Berlin ausgewählt. In diesem Dossier werden die sechs nominierten sowie ein weiterer Film vorgestellt.

 

               

Filmplakate von EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN (R: Sandra Prechtel, D 2026) und VATERLAND (R: Paweł Pawlikowskis, D/PL/IT/F 2026) © Filmgalerie 451, Neue Visionen

 

Der deutsche Geschichtsfilm wird – wenig überraschend – seit Jahrzehnten von der Auseinandersetzung mit den Erfahrungswelten während der nationalsozialistischen Diktatur und der SED-Herrschaft sowie mit dem Systemwechsel in andere Gesellschaftsordnungen bestimmt. Zwei Künstlerporträts setzen hier wichtige Akzente: Sandra Prechtels dokumentarischer Film EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN und Paweł Pawlikowskis Spielfilm VATERLAND, eine europäische Koproduktion mit deutschem Cast. Beide Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie historische Epochen und politische Systeme in ihren komplexen Wechselwirkungen beleuchten. Prechtel erzählt die Biografie des Theatermachers Einar Schleef (1944–2001) als einen Lebensweg zwischen Ost, West und dem vereinten Deutschland, dessen Schaffen die Nachkriegsbedingungen, die deutsche Teilung und die Verwerfungen nach der Wiedervereinigung gleichermaßen widerspiegelt. Pawlikowski inszeniert mit Thomas Manns erster Nachkriegsreise nach Deutschland im Jahr 1949 eine historische Momentaufnahme, die den gemeinsamen kulturellen Hintergrund freilegt und die strukturellen Zusammenhänge zwischen den sonst als Gegensätze begriffenen Gesellschaften von BRD und DDR verdeutlicht. Ebenso wie in Volker Schlöndorffs HEIMSUCHUNG – EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE geht es um Weltkrieg und deutsche Teilung, das Ringen um Heimat und den Blick auf die „deutsche Seele“. Zudem spielen sich Familiendramen im Schatten der großen Geschichte ab.

 

                               

Filmplakate von HEIMSUCHUNG – EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE (R: Volker Schlöndorff, D 2026) und SILENT FRIEND (R: Ildikó Enyedi, D/F/HUN/CH 2025) © Studiokanal/Ziegler Film, PANDORA FILM

 

Neben HEIMSUCHUNG gelingt auch SILENT FRIEND von Ildikó Enyedi der Blick über historische Epochen hinweg, man könnte sagen: ein genuin filmischer Blick auf die „longue durée“. Und zwar, indem die Filme einen Ort zum Protagonisten machen, der jeweils dem Wechsel der Zeiten ausgesetzt ist. Während HEIMSUCHUNG von einem Haus in Brandenburg und dessen Bewohner*innen und Besitzverhältnissen zwischen den 1930er bis 1990er Jahren erzählt, stellt SILENT FRIEND den Park der Universität Heidelberg in den Mittelpunkt, in dem Mensch und Natur nebeneinander existieren. Während an der Universität die modernen Naturwissenschaften voranschreiten – bis hin zu aktuellen Studien über die Intelligenz von Pflanzen –, entwirft der Film eine gänzlich andere Perspektive auf die Bäume. Er imaginiert sie als eine dem Menschen verschlossene Welt „stiller Freude“, deren hohes Alter und langgestreckter Lebenszyklus selbst die menschlichen Vorstellungen von Geschichte infrage stellen.

 

                               

Filmplakate DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE (R: Kirill Serebrennikow, D/F 2025) und HOLOFICTION (R: Michal Kosakowski, D 2025) © Lupa Film/CG-Cinema/Hype Studios, Kosakowski Film

 

Mit DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE von Kirill Serebrennikow und HOLOFICTION von Michal Kosakowski widmen sich zwei Filme auf außergewöhnlich reflektierte Weise der filmischen Holocaust- und NS-Darstellung. MENGELE verhandelt eine gleichermaßen von ideologischem Fanatismus wie menschlicher Erbärmlichkeit gezeichnete Täterperspektive und schildert die von wachsender Paranoia geprägten Exiljahre des Untergetauchten nach 1945. Der in brillantes Schwarz-Weiß getauchte Film bricht diesen visuellen Ton nur dann in Farbe auf, wenn Mengele in Erinnerungen an seinen KZ-Alltag schwelgt – ein verstörender Kniff. HOLOFICTION hingegen speist sich ausschließlich aus Found Footage: Aus mehr als 3.000 fiktionalen Spiel- und Fernsehfilmen montiert das Werk eine Muster-Filmerzählung über den Holocaust, um die wiederkehrenden Motive, filmischen Konventionen und die immense filmische Gesamtproduktion seit 1945 offenzulegen.

 

                               

Filmplakate von KARLA (R: Christina Tournatzés, D 2026) und BORN TO FAKE (R: Erec Brehmer, Benjamin Rost, D 2026) © Achtung Panda! Media, MSZ Film / Across Nations

 

Christina Tournatzés Spielfilmdebüt KARLA verknüpft zwei prägende Strömungen des aktuellen Geschichtsfilms: die zunehmende Verlagerung auf weibliche Perspektiven sowie die filmische Enttabuisierung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Der auf einem wahren Gerichtsfall basierende Film erzählt von einer Zwölfjährigen, die ihren Vater wegen sexuellen Missbrauchs anzeigt und den Prozess gewinnt. Damit beleuchtet KARLA nicht nur ein historisches Kapitel des juristischen Kampfes gegen sexualisierte Gewalt, sondern inszeniert eine weibliche Opfergeschichte zugleich als eindrucksvolle Emanzipationsgeschichte.

Historische Dokumentarfilme, die auf Archivmaterial zurückgreifen, stehen in der langen Tradition des Kompilationsfilms. Durch die Digitalisierung und die leichtere Zugänglichkeit von Bildbeständen und Archiven hat sich dieses Format in den letzten Jahren enorm ausdifferenziert – sowohl inhaltlich als auch ästhetisch. Zu den sicher interessantesten Filmen gehören jene, die mithilfe historischer Aufnahmen eine kritische Mediengeschichtsschreibung im Medium Film betreiben. Die Filme von Volker Heise sind hier zu nennen. Im Jahr 2026 haben Erec Brehmer und Benjamin Rost mit BORN TO FAKE einen Film dieser Art vorgelegt. Mit Interviews und Archivmaterial erzählen sie die Geschichte des TV-Journalisten Michael Born, der in den 1990er Jahren gefälschte Beiträge für das gerade neu entstandene Privatfernsehen produzierte. Damit porträtiert der Film nicht nur den „Urvater“ der modernen Fake News, sondern reflektiert zugleich, wie ein auf Quoten und Skandale fixierter Boulevardjournalismus die Medienlandschaft frühzeitig für Täuschungen anfällig machte.

Was ist uns in den Geschichtsfilmen der diesjährigen Auswahl besonders aufgefallen? Sandra Hüller, die derzeit international erfolgreichste deutsche Schauspielerin, ist auch in Geschichtsfilmen präsent. Nach ihrem Auftritt in THE ZONE OF INTEREST (2023) kann man sie nun in unterschiedlichen historischen Frauenrollen sehen – als Erika Mann in VATERLAND, als Soldatin in Männerkleidung im Dreißigjährigen Krieg in ROSE sowie als Ingeborg Bachmann in INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR. Außerdem: Die Renaissance des hochästhetischen Schwarzweißfilms, für die Pawel Pawlikowski seit IDA bekannt ist, geht weiter. Neben VATERLAND greifen Filme wie MENGELE, ROSE und EVERYBODY DIGS BILL EVANS konsequent auf dieses Stilmittel zurück. Und: Künstliche Intelligenz hält im historischen Film weiter Einzug: Beispielsweise hat Sandra Prechtel im Abspann deklariert, die Stimme von Einar Schleef für ausgewählte Tagebuchpassagen mithilfe von KI generiert zu haben. Ebenso lassen Erec Brehmer und Benjamin Rost Brehmer in BORN TO FAKE den längst verstorbene Michael Born mithilfe von KI noch einmal auftreten.

 


Die im Dossier versammelten Texte stammen von Autorinnen und Autoren, die zugleich Jury- und Vorstandsmitglieder von moving history e.V. sind. Als Historiker*innen, Filmwissenschaftler*innen und Filmemacher*innen bringen sie unterschiedliche Perspektiven und Zugänge in die Programmauswahl und Filmanalyse ein.

moving history – Festival des historischen Films Potsdam findet seit 2017 im Filmmuseum Potsdam und im Berliner Zeughauskino statt. Das Festival wurde mit der Idee ins Leben gerufen, jährlich neue Geschichtsfilme zu präsentieren und einen intensiven Austausch zwischen den Filmschaffenden, Expert*innenkreisen und dem Publikum zu ermöglichen. Um dies umzusetzen, kooperieren Verein und Festival unter anderem eng mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF.

 

Das moving history-Programm 2026 finden Sie hier.

Mehr über den Verein moving history e.V. finden Sie hier.

Einen Rückblick auf die bisherigen CLIO-Gewinner finden Sie hier.

 


 

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Zitation

Ilka Brombach, Peter Ulrich Weiß, Bewegte Geschichte. Das Potsdamer Festival des historischen Films 2026, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/index.php/themen/bewegte-geschichte