Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich
Bildinfo

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich
Bildinfo

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich
Bildinfo

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich
Bildinfo

Filmstill aus KARLA, Regie: Christina Tournatzés, D 2025 © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

Widerstehen im Dunkelfeld der Geschichte

KARLA von Christina Tournatzés

Als im Juli 2026 das Bundeskriminalamt in seinem Lagebericht „Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen“ einen fast fünfprozentigen Anstieg der Fallzahlen für das Vorjahr konstatierte, schlugen neben der Bundesbeauftragten auch Medien und Betroffenengruppen Alarm. Bei den über 18 800 Fällen handelte es sich nicht etwa um eine aufgerundete Dunkelziffer. Es waren „lediglich“ die polizeilich erfassten Missbrauchshandlungen an Minderjährigen. Das Entsetzen darüber war groß, ist doch die öffentliche Aufmerksamkeit und Sensibilisierung stetig gewachsen und das Thema endlich politisch „oben“ angekommen: Seit 2010 gibt es einen unabhängigen Bundesbeauftragten, seit 2015 einen Betroffenenrat, seit 2019 einen Nationalen Rat. Leider wurde die Fortschrittshoffnung erneut von der Statistik widerlegt. Es bleibt eine furchtbare Problematik, die gesellschaftlich wie historisch tief verankert ist. Schätzungen für Deutschland belaufen sich allein für die Zeit nach 1945 auf eine Zahl von Betroffenen im siebenstelligen Bereich. Welche Folgen dieses Leid und die daraus resultierenden Traumata für die größte Gruppe der Betroffenen, die Mädchen, und für das Gemeinwesen bis heute haben, ist erst in Ansätzen erforscht. Einmal mehr erweist sich die öffentliche Aufarbeitung als dringendes Gebot.

Für diese Diskussion leistet der Film KARLA einen wertvollen, eigenständigen Beitrag. Regisseurin Christina Tournatzés greift einen realen Fall aus dem Westdeutschland der 1960er Jahre auf. Sie thematisiert den mutigen Kampf eines zwölfjährigen Mädchens, das sich gegen das Schweigen zur Wehr setzt und für seinen eigenen Schutz eintritt. An Ostern 1962 läuft Karla von zu Hause weg, nachdem sie sich heimlich in der Bibliothek über das Strafgesetzbuch informiert hat, und zeigt ihren Vater wegen sexuellen Missbrauchs bei der Polizei an. In einer von patriarchalen Hierarchien und Verdrängung geprägten Nachkriegsgesellschaft stößt sie jedoch zunächst auf Distanz und Argwohn bei den Behörden, da der Stimme von Kindern in dieser Zeit kaum Gewicht beigemessen wird. Während Karla in einem kirchlichen Heim untergebracht wird, versucht der zuständige Ermittlungsrichter, die Wahrheit hinter den Beschuldigungen aufzudecken. Doch das erweist sich als schwierig: Es gibt keine Beweise, keine aussagebereiten Zeugen. Zudem erzählt Karla nicht im Detail, was genau vorgefallen ist und verweigert eine gynäkologische Untersuchung. So einen Prozess zuzulassen, könnte seine richterliche Kompetenz in Frage stellen, Reputation und Karriere gefährden. Doch Karla bleibt beharrlich, unterstützt von der Sekretärin des Richters. Schließlich entwickelt der Richter unkonventionelle Ansätze, um dem traumatisierten Mädchen dabei zu helfen, das Geschehene auszudrücken, und die Anklage vor Gericht zu bringen.

 

Image
Filmstill mit Elise Krieps als Karla. © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

 

Aus historischer Perspektive ist Karla ein beklemmendes Zeitportrait der frühen Bundesrepublik. Statt das Wirtschaftswunder zu romantisieren, zeigt der Film einen Gesellschaftsausschnitt, der von Männerdominanz, Kirchenmoral und Verschleierungsabsichten bestimmt ist. Visuell wird das durch eine gedämpfte, fast monochrome Farbpalette aus Grau-, Braun- und fahlen Erdtönen unterstrichen. Das System der katholischen Fürsorgeerziehung wird als kalter, disziplinierender Apparat entlarvt.

Zentraler Aspekt ist die Darstellung der damaligen Rechtsrealität und des behördlichen Umgangs mit Opfern. Dass die Handlung 1962 spielt, ist dabei wohl kein Zufall: Damals debattierte die Bundesrepublik heftig über den Strafrechtsentwurf E 1962 der Adenauer-Regierung, mit dem das aus dem 19. Jahrhundert stammende, NS-geprägte Recht modernisiert werden sollte. Während der Entwurf in einigen Punkten als fortschrittlich galt, zementierte er im Sexualstrafrecht konservative Auffassungen. Der Entwurf sah schwere Strafen für „Straftaten gegen die Sittlichkeit“ vor, darunter auch für „Unzucht mit Kindern“. Zugleich stellte er die „öffentliche Sittlichkeit“ und das moralische Empfinden der Gesellschaft über die sexuelle Selbstbestimmung, hielt an Zuchthausstrafen fest und kriminalisierte Homosexuelle. Dies rief heftige Kritik von liberalen Kräften und Juristenkreisen hervor, die stattdessen konsequenten Opferschutz und ein staatlich geschütztes Recht auf körperliche Integrität bzw. Unversehrtheit einforderten. Erst die Sexualstrafrechtsreformen von 1969 und 1973 brachen alte Rechtsauffassungen auf, doch die Debatten von 1962 hatten dafür den Grundstein gelegt. So spiegelt Richter Dr. Lamys innerer Wandel auch den realgeschichtlichen Umbruchprozess wider.

 

Image
Filmstill mit Rainer Bock als Ermittlungsrichter Dr. Lamy. © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

 

Der mutige Schritt der zwölfjährigen Protagonistin, Anzeige zu erstatten, bricht radikal mit den damaligen Konventionen, in denen Minderjährigen kaum Subjektstatus zukam. Damit bedient der nach einem Drehbuch von Yvonne Görlach entstandene Film nicht das gängige Motiv der Wehrlosigkeit, sondern veranschaulicht den hart erkämpften Weg zu Kinderrechten. Thematisiert wird allerdings das Misstrauen gegenüber denjenigen, die Missbrauch anzeigen. Damit schlägt das Werk eine Brücke zur Gegenwart. Auch heute haben es Betroffene oft noch schwer, Gehör zu finden. Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen wird nicht selten reflexartig bezweifelt – besonders innerhalb von Familien oder von mächtigen Institutionen. Genau diese Hürden macht das Drama sichtbar, indem es Mechanismen wie Vertuschung, institutionelle Ignoranz und Täter-Opfer-Umkehrung offenlegt.

 

Image
Filmstill mit Karlas Mutter (Katharina Schüttler) und ihrem angeklagten Vater (Torben Liebrecht). © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

 

Wiederholt gehen Karla die Worte aus, wenn sie vor Behörden oder dem Ermittlungsrichter über konkrete Details des Erlittenen aussagen soll. Doch Karla kämpft um ihre Stimme, was als Akt der Selbstermächtigung inszeniert wird. Sie nutzt eine Stimmgabel, deren vibrierender Ton als eine Art stummer Schrei und Zeugenaussage fungiert und das Unsagbare hörbar macht, ohne es aussprechen zu müssen. Die Betroffene erscheint damit nicht in einer Opferrolle, sondern als selbstbestimmt handelnd. Das Filmteam um Christina Tournatzés – darunter Kameramann Florian Emmerich, Ausstatter Maximilian Streichert und Editorin Isabel Meier – verzichtet in diesem Sinne auf voyeuristische Darstellungen von Missbrauch und Gewalt; diese werden nur in Bildfetzen angedeutet. Stattdessen verlagert der Film die Spannung auf die psychologisch-atmosphärische Ebene: Die kammerspielartige Kameraführung arbeitet mit intensiven Großaufnahmen auf Kopf, Gesicht und Augen, wodurch das Publikum Karlas Anspannung hautnah miterlebt, ohne die Privatsphäre und Integrität der Figur zu verletzen. Die klaustrophobische Atmosphäre wird durch eine Geometrie der Beengtheit – verqualmte Amtsstuben, schmale Flure, karge Heimgänge – verstärkt, die als Symbol für die institutionellen Barrieren dienen, gegen die Karla ankämpft. Kontrastiert wird diese Härte durch kurze poetische Ausflüge in Karlas innere Welt.

 

Image
Filmstill mit Elise Krieps als Karla. © Achtung Panda!, Foto: Florian Emmerich

 

Die schauspielerische Leistung in Karla wird maßgeblich durch das eindrucksvolle Debüt der jungen Hauptdarstellerin Elise Krieps getragen, deren nuanciertes und zurückhaltendes Spiel die emotionale Last der Geschichte stemmt. Krieps macht die innere Zerrissenheit des Mädchens spürbar, ohne in Melodramatik zu verfallen, wodurch Karlas Würde gewahrt bleibt und sie als selbstbestimmte Kämpferin greifbar wird. Als starker Gegenpart agiert Rainer Bock als Ermittlungsrichter Dr. Lamy, der seine Figur von einem anfangs durch Konventionen und Angst vor Reputationsverlust gebremsten Juristen zu einem empathischen, risikobereiten Partner werden lässt. Flankiert wird er von Imogen Kogge als Sekretärin, die sich zur heimlichen Verbündeten für Karla entwickelt. Die Dynamik zwischen Krieps und Bock lebt dabei von leisen Tönen und veranschaulicht eindringlich den mühsamen, berührenden Vertrauensaufbau zwischen Richter und Kind.

KARLA, der 2025 beim Filmfest München Premiere feierte und mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, ist eine wichtige Arbeit. Sie knüpft an Initiativen und Projekte der historischen Aufarbeitung an, die über die bisherige Kindheitsforschung oder den skandalösen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen hinausgehen und, wie die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, das Ausmaß und die Folgen in Deutschland seit 1949 breit untersuchen. Wie weit die Blickwinkel inzwischen reichen, zeigt sich an Fachtagen wie dem im Februar 2025 in Potsdam, der sich dem sexuellen Kindesmissbrauch in der DDR bei Menschen mit Behinderungen widmete. In diesem Kontext eröffnet Tournatzés‘ Werk einen eigenen Resonanzraum für Diskurse über Machtstrukturen, Zivilcourage und den Kampf gegen das Wegsehen. So wie Gisèle Pelicot 2024 mit ihrer kompromisslosen Haltung die Dynamiken von Scham und Schuld neu verhandelt hat, führen auch Film und Hauptfigur die Last der Scham dorthin zurück, wohin sie gehört: zu den Tätern.

 

Karla

Regie: Christina Tournatzés

Deutschland 2025, 105‘

Link zum Trailer

von

zurück

Zitation

Peter Ulrich Weiß, Widerstehen im Dunkelfeld der Geschichte. KARLA von Christina Tournatzés, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/index.php/themen/widerstehen-im-dunkelfeld-der-geschichte