Wie fühlt es sich an, in einer besetzten Stadt zu leben? Diese Frage steht im Zentrum des Podcasts „Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt“, der von dekoder – einer 2015 gegründeten gemeinnützigen Plattform, die unabhängigen Journalismus aus Russland, Belarus und der Ukraine übersetzt, kuratiert und mit wissenschaftlicher Expertise kontextualisiert – gemeinsam mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg produziert wurde. In fünf Episoden erzählt die Serie vom Alltag im ukrainischen Donezk während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg – einer Stadt, die damals den Namen Stalino trug. Statt die Geschichte der Besatzung chronologisch nachzuerzählen, setzt der Podcast auf persönliche Perspektiven. Jede Folge stellt eine andere Person in den Mittelpunkt und zeigt über deren Erfahrungen, wie unterschiedlich Menschen mit Krieg und Besatzung umgehen mussten.
Gleich zu Beginn wird deutlich, dass es hier nicht nur um große politische Entscheidungen geht, sondern vor allem um den Alltag. In der ersten Episode erzählt Wladimir von seiner Kindheit während der Besatzungszeit. Als die Deutschen Ende Oktober 1941 die Stadt einnahmen, war er noch ein Kind. Seine Erinnerungen – viele Jahrzehnte später in Interviews aufgezeichnet – drehen sich um Hunger, um Gewalt und das ständige Improvisieren im Alltag. Besonders eindrücklich sind seine Schilderungen davon, wie Kinder in dieser Zeit zwischen Spiel und Bedrohung lebten: Sie streiften durch eine Stadt, in der öffentliche Hinrichtungen, militärische Präsenz und Lebensmittelknappheit zum Alltag gehörten. Gleichzeitig zeigt der Podcast, dass Erinnerungen nie einfach „reine“ historische Fakten sind. Historiker*innen, die die Interviews ausgewertet haben, ordnen Wladimirs Aussagen immer wieder ein, vergleichen sie mit anderen Quellen und machen deutlich, wie sehr sich Erinnerungen im Laufe eines Lebens verändern können.
In der zweiten Folge verschiebt sich der Blickwinkel deutlich. Hier geht es nicht mehr um ein Kind, das versucht zu überleben, sondern um einen Erwachsenen, der selbst Teil der Besatzungsverwaltung wird. Im Mittelpunkt steht Andrej Ejchman, ein Ukrainedeutscher, der während der deutschen Herrschaft zum stellvertretenden Bürgermeister von Stalino aufsteigt. Seine Geschichte wird vor allem über sowjetische Verhörprotokolle aus der Nachkriegszeit erzählt. Besonders interessant ist dabei, wie zufällig und gleichzeitig folgenschwer manche Entscheidungen waren: Ejchman kommt durch seine Deutschkenntnisse in Kontakt mit der deutschen Kommandantur und gerät sukzessive in eine administrative Rolle hinein. Der Podcast zeigt hier sehr anschaulich, wie sehr die Besatzung auf lokale Mitarbeit angewiesen war – und wie schwierig es ist, solche Situationen im Nachhinein moralisch eindeutig zu bewerten.
Die dritte Episode lenkt den Blick auf eine gänzlich andere Erfahrung der Besatzungszeit. Im Mittelpunkt steht Margarita, deren Überleben eng mit der jüdischen Herkunft ihrer Mutter verbunden ist. Während viele Menschen im Podcast vor allem mit Hunger und Gewalt konfrontiert sind, wird hier deutlich, wie sehr nationalsozialistische Rassenpolitik über Leben und Tod entscheiden konnte. Margaritas Geschichte macht greifbar, was die Verfolgung jüdischer Menschen im Alltag einer besetzten Stadt bedeutete: ein Leben in permanenter Angst, abhängig von Zufällen, von der Hilfe anderer und von der Fähigkeit, die eigene Herkunft zu verbergen. Gerade dadurch bekommt die Geschichte eine besondere Dringlichkeit. Sie erinnert daran, dass der Holocaust allgegenwärtig war – selbst für diejenigen, die überlebten.
Eine weitere Perspektive eröffnet die vierte Episode, in der Soja im Mittelpunkt steht. Anders als viele andere Menschen im Podcast entscheidet sie sich bewusst für den Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Der Titel der Folge – „Das einzig Richtige“ – deutet bereits an, wie sehr diese Entscheidung für sie eine moralische Frage war. Gleichzeitig zeigt der Podcast eindrücklich, wie gefährlich Widerstand im besetzten Gebiet war. Schon kleine Handlungen – etwa Informationen weiterzugeben oder Kontakte zu Partisanen zu unterstützen – konnten lebensbedrohliche Konsequenzen haben. Sojas Geschichte wirkt gerade deshalb überzeugend, weil sie nicht als heroische Heldenerzählung inszeniert wird. Vielmehr zeigt die Episode, wie schwierig und riskant es war, sich unter den Bedingungen der Besatzung aktiv gegen das Regime zu stellen.
Die letzte Episode führt schließlich noch einmal zurück zum Alltag der Besatzung. Sie erzählt von Menschen, die versuchten, sich zwischen den verschiedenen Machtverhältnissen zu bewegen, ohne aufzufallen oder in Konflikt mit den Besatzern zu geraten. Der Titel „Auf Zehenspitzen“ beschreibt diese Situation sehr treffend: Viele Menschen lebten in einer Art dauerhafter Vorsicht. Sie mussten ständig abwägen, was sie sagen oder tun konnten, ohne sich selbst oder andere zu gefährden.
Ein Thema zieht sich durch alle fünf Folgen: der Hunger. Der Podcast macht deutlich, wie zentral die Versorgungslage für das Leben der Menschen war. Die deutsche Besatzungspolitik setzte stark auf die Ausbeutung der besetzten Gebiete. Lebensmittel wurden für die Wehrmacht und das Deutsche Reich beschlagnahmt, während die lokale Bevölkerung oft kaum genug zu essen hatte. Wer Arbeit fand – manchmal auch bei den Besatzern –, erhielt zumindest etwas mehr Lebensmittel. Dadurch entstanden neue Abhängigkeiten und Zwänge. Der Podcast zeigt anschaulich, wie sehr solche materiellen Bedingungen das Verhalten der Menschen beeinflussten.
Besonders interessant ist auch der Blick auf die Zeit nach der deutschen Besatzung. Für viele Bewohner*innen von Stalino bedeutete die Rückkehr der sowjetischen Herrschaft nicht automatisch einen Neuanfang. Stattdessen gerieten sie häufig unter Verdacht, während der Besatzung mit den Deutschen zusammengearbeitet zu haben. Diese Erfahrung zieht sich durch mehrere Lebensgeschichten im Podcast und zeigt, dass das Ende des Krieges für viele Menschen keineswegs das Ende politischer Kontrolle oder Repression bedeutete.
Was den Podcast besonders macht, ist seine Mischung aus persönlicher Erzählung und historischer Einordnung. Zeitzeug*innenberichte stehen neben Kommentaren von Historiker*innen, die die Ereignisse in größere Zusammenhänge einordnen. Dadurch bleibt der Podcast verständlich, ohne dabei oberflächlich zu werden. Gleichzeitig wirkt die Serie nie wie eine trockene Geschichtsvorlesung. Die Geschichten sind nah an den Menschen erzählt, manchmal erschütternd, manchmal auch überraschend. Am Ende entsteht ein sehr vielschichtiges Bild von Besatzung.
„Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt“ zeigt, dass Krieg nicht nur auf Schlachtfeldern stattfindet, sondern vor allem im Alltag der Menschen. Es geht um kleine Entscheidungen, um Überlebensstrategien und um moralische Grauzonen. Gerade diese Perspektive macht den Podcast so hörenswert. Die Serie erinnert daran, dass historische Ereignisse immer auch aus individuellen Erfahrungen bestehen – und dass diese Erfahrungen oft komplizierter sind, als einfache Kategorien wie Täter, Opfer oder Mitläufer vermuten lassen.
Schließlich macht auch ein weiterer Aspekt den Podcast besonders relevant: der vorsichtige Blick in die Gegenwart. Seit 2014 und verstärkt seit der russischen Invasion 2022 befinden sich große Teile des Donbas unter Kontrolle der Russischen Föderation. Natürlich lässt sich diese Situation nicht einfach mit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gleichsetzen – die historischen Kontexte, Ideologien und Dimensionen der Gewalt sind unterschiedlich. Trotzdem zeigen Berichte internationaler Organisationen, dass sich bestimmte Erfahrungen von Besatzung wiederholen. Auch heute berichten Bewohner*innen der Region von Repressionen, vom Druck zur Anpassung an die neue Macht, von Angst vor Denunziation und davon, dass politische Loyalität plötzlich über Alltag und Zukunft entscheiden kann. Gerade deshalb wirkt der Podcast so eindringlich. Er erinnert daran, dass Besatzung für die Menschen vor Ort vor allem bedeutet, ihren Alltag unter fremder Kontrolle neu organisieren zu müssen – oft in einem Zustand ständiger Unsicherheit.
"Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt" ist ein fünfteiliger Podcast, der von dekoder in Kooperation mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg produziert worden ist und seit dem 22.2.2026 auf zahlreichen Plattformen abgerufen werden kann. Zur Projektseite geht es hier entlang.
Zitation
Evgen Zinger, Leben unter Besatzung. Der Podcast „Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt“, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/leben-unter-besatzung