von Sebastian Kubon

  |  

7. Oktober 2021

Resolutionsentwurf: "Die Berufswege promovierter Historikerinnen und Historiker in der Wissenschaft besser gestalten"

Textvorlage Unterausschuss des VHD

„Befristete Arbeitsverhältnisse und Karrierewege in der Forschung“
Sabine Behrenbeck, Frank Bösch, Ute Daniel, Sonja Levsen, Ulrike Ludwig, Kathrin Meißner, Lutz Raphael, Hedwig Richter, Torsten Riotte, Eva Schlotheuber

 

Ich will dem Verband zunächst einmal danken,[1] dass er sich mit diesem virulenten, aber schwierigen Thema „Prekäre Arbeit in der Wissenschaft“ befasst und mit der Resolution, die am Freitag (8.9.2021) verabschiedet werden soll, einen Textvorschlag macht, in dem Probleme und Lösungsmöglichkeiten benannt werden. Er greift damit die große Unzufriedenheit auf, die sich angesichts der schwierigen Arbeitsverhältnisse und der mangelnden „Karriereperspektiven“ von Postdocs gegenwärtig vor allem auf Twitter in den jüngsten Aktionen unter den Hashtags #95vsWissZeitVG[2] und #IchBinHanna[3] entlädt. Ich kann mir die Mühe vorstellen, die es bedeutet, einen Text herzustellen, der zehn Personen als Autor*innen ausweist. Ich bin in dieser Diskussionsrunde der Einzige, der nicht an der Herstellung beteiligt war, daher nehme ich gewissermaßen eine Außenperspektive ein mit meinen nun folgenden Gedanken zur Resolution.

Bei den schon genannten Diskussionen um das Wissenschaftszeitvertragsgesetz hat sich gezeigt, dass insbesondere Solidaritätsbekundungen wie die Erklärung von ca. 30 Fachverbänden[4] – auch wenn Anja Karliczek nur zögerlich und ausweichend reagiert hat – dennoch in der Politik Eindruck machen. Die Resolution eines großen Verbandes wie des VHD wäre daher ein starkes Zeichen in die Politik, in die Sondierungen und Koalitionsverhandlungen, dass die Situation, so wie sie ist, eben für niemanden, weder für Befristete noch für die Wissenschaft an sich, gut ist, sondern a) die Probleme bei Bund, Ländern und Universitätsleitungen deutlich angesprochen werden und b) Lösungsmöglichkeiten und Auswege diskutiert werden müssen. Die Situation ist für die meisten befristet Angestellten unerträglich geworden.

Zur Resolution: Die Resolutionen hat viele gelungene Passagen, die wichtig sind, um die Problematik der prekären Arbeit der Welt außerhalb der Wissenschaften zu verdeutlich. Es gibt jedoch einen Aspekt, der die Frage berührt, was der Verband als Kernaufgabe der Geschichtswissenschaft versteht.
Diesen Aspekt halte ich für besonders kritisch, weil er Zielkonflikte produziert, die Lösungsmöglichkeiten und Auswege verbaut, die zu einer Verbesserung der gegenwärtigen Situation führen könnten.[5]

Man kann zunächst jedoch feststellen, dass die gegenwärtigen Probleme in der Präambel pointiert formuliert sind, wenn es heißt, dass die Berufsperspektiven in unserem Fach oftmals in keinem erkennbaren Zusammenhang mit den erbrachten Leistungen in Forschung und Lehre stünden und das Fach daher einen großen Teil seiner hochqualifizierten Postdocs verliere. Hier könnte man zuspitzen, dass der Verlust eigentlich schon lange vor der Postdoc-Phase eintritt: Wissenschaft hat bei Studierenden und außerhalb der Universität aufgrund der schwierigen Bedingungen des Wissenschaftssystems schon lange keinen guten Ruf mehr. Viele machen sich daher gar nicht mehr auf den Weg in die Wissenschaft, wenn nur der Hauptgewinn etwas einbringt und der zweite Platz eigentlich immer nur der des ersten Verlierers ist. Dazu sind die Arbeitsbedingungen zu abschreckend: mit Kurzfristverträgen, die es selten erlauben, sich ordentlich zu qualifizieren, und zahlloser unbezahlter Arbeit, den ewigen Überstunden und der schlechten Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Ein möglicher Ausweg für unser Fach ist unter Punkt 4 formuliert. Hier werden Digitalisierung und Transfer von Forschung – ich würde noch weiter gehen und an Public Humanities denken – als Zukunftsfelder identifiziert, die neue Anforderungsprofile benötigen und in den Stellenplänen von Instituten Berücksichtigung finden müssten. Gerade hier braucht es JETZT entfristete Spezialist*innen, die sich in der digitalen Welt und in den sozialen Medien nicht nur bewegen und Ergebnisse vermitteln, sondern darüber hinaus digitale Methoden für die Geschichtswissenschaften entwickeln und damit forschen können.[6] Das geht weit über ein die Nutzung eines Twitter-Accounts hinaus. Historiker*innen sollten im 21. Jahrhundert ankommen und neue transmediale Historiographien schaffen. Dabei geht es eben nicht nur um die Analyse der bestehenden digitalen Sinndeutungen,[7] sondern auch um die Produktion historiographischer Narrationen, die bereits digital born sind. Im Übrigen wären mit solchen digital-medialen Kompetenzen auch reibungslosere Übergänge in außeruniversitäre Berufsfelder möglich. Dafür bildet die Geschichtswissenschaft jedoch gar nicht aus. Woran aber liegt das?

Damit komme ich zu meinem wesentlichen Kritikpunkt am vorliegenden Resolutionsentwurf: „Voraussetzung für eine unbefristete Professur bleibt bei allen Karrierewegen das zweite Buch als eine eigenständige, von der Dissertation thematisch unabhängige größere wissenschaftliche Leistung.“[8]

 

Muss es denn immer das zweite Buch sein? Ich sehe hier mit den neuen und den sozialen Medien eine große Chance, die Geschichtswissenschaft zu modernisieren und ihr eine stärkere Wirkmacht in die Gesellschaft hinein zu verschaffen. Ich meine, dass auch und gerade Historiker*innen hier neue transmediale Historiographien schaffen können, die dann jedoch auch karriererelevant sein müssen.[9] Das Netz ist für viele mittlerweile die wesentliche ἀγορά (Markt) auf der Geschichtsdeutungen verhandelt und Deutungskämpfe ausgetragen werden. Quod non est in interreti non est in mundo (Was nicht im Internet ist, ist nicht in der Welt).

Wenn immer nur auf die große Monographie als Goldstandard fokussiert wird, dann werden andere und vor allem digitale Formen der Historiographie abgewertet, die dann in Kommissionen als wenig relevant angesehen werden.
Public Engagement – vielleicht noch in der sehr aufwändigen Ausprägung von Citizen Science – wie eben auch Lehre,[10] das muss leider immer wieder betont werden, spielen kaum eine Rolle in Gutachter- und Bewerbungskommissionen. Ein solches Engagement ist viel zu aufwendig, als dass es professionell betrieben werden kann, wenn ein zweites Buch als Qualifikationsschrift abverlangt wird. Denn der Produktion einer Habilitationsschrift muss schließlich alles andere untergeordnet werden.

Daraus ergibt sich die die Grundsatzfrage: Was für eine Geschichtswissenschaft stellen wir uns für die nächsten zehn/zwanzig Jahre vor? Ist sie auf das Medium Buch beschränkt oder medial wesentlich offener? Eine Entscheidung für mehr Offenheit wäre zudem für unterschiedlichste Stellenprofile relevant und es wäre einfacher zu argumentieren, warum Historiker*innen früher entfristet eingestellt werden müssen. Es braucht generell mehr Dauerstellen und die wären im digitalen, transmedialen Bereich gut zu finden.
Das Problem der befristeten Verträge hängt vor allem mit einem enormen Missverhältnis zwischen Grund- und Drittmittelfinanzierung in der deutschen Wissenschaft zusammen. Man muss jedoch auch argumentieren können, warum manche Aspekte wie Wissenschaftskommunikation und -transfer oder gar Public History und digitale Forschungsinfrastrukturen Daueraufgaben sind und eben nicht nur projektförmig, sondern nachhaltig organisiert werden müssen, und zwar von entfristeten spezialisierten Historiker*innen, die sich langfristig um solche Fragen kümmern können. Wenn man dann noch das Mindset ändert und nichtprofessorales Personal als wertvoll begreift und nicht nur als „Noch-nicht-Professor“ oder „Hat-es-nicht-geschafft-Professor“, dann sind hier wesentliche Veränderungen von Stellenstrukturen und Karrierewegen möglich.

Es wäre daher klüger, würde man jenen Passus im Resolutionsentwurf, der das zweite Buch zum Goldstandard erhebt, streichen, produziert er doch zu viele Konflikte auf dem Weg, neue Karrierewege und dauerhafte Stellenstrukturen zu schaffen, wofür sich Digitalisierungsfragen und Transfer, Wissenschaftskommunikation und Public Humanities eben wunderbar anbieten. Zudem ist die grundlegende Frage, wie (und ob) sich die Geschichtswissenschaft selbst modernisieren möchte – nicht zuletzt um wieder mehr Studierende anzuziehen. Ansonsten wird es vielerorts Probleme mit Kapazitätsberechnungen geben, die sich auf die Stellenausstattung niederschlagen wird.

Das alles betrifft die Binnendiskussion des Historikerverbands und wäre in Fragen, wie man prekäre Arbeit in der Geschichtswissenschaft reduzieren kann, nicht vordringlich, wenn das Verständnis von Standards und Anerkennungsproduktion der Fachcommunity nicht eben die genannten Zielkonflikte produzieren würde. Die damit weiterhin notwendige Diskussion über das Selbstverständnis unseres Faches als Buchwissenschaft oder als medial offene und vor allem digitale Wissenschaft kann – und muss – nachgeholt werden, da sie dringend ist, wie die Unmutsbekunden, die in diesem Moment im Netz geäußert werden, zeigen.

Abschließend plädiere ich dafür, dass die Resolution, in der viele richtige Aspekte und eine pointierte Beschreibung des Problems stehen, angenommen wird, um das Thema prekäre Arbeit in der Wissenschaft weiter nach außen, vornehmlich in die Politik, zu tragen. Denn gerade ist der Moment gegeben, in dem dieses Problem Aufmerksamkeit generieren kann. Diese Chance sollten wir nicht verpassen.[11]

 


[1] Es handelt sich bei diesem Text um die nachträglich ausformulierten Gedanken meines über Stichworte extemporierten Eingangskommentars auf der Podiumsdiskussion zur Resolution des VHD vom 5.10.2021, München. Die mündliche Form habe ich versucht beizubehalten.
[2] Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (Hrsg.): #95vsWissZeitVG. Prekäre Arbeit in der deutschen Wissenschaft, Marburg 2021. (letzter Zugriff: 06.10.2021).
[3] Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (Hrsg.): Presse und Berichterstattung zu #IchBinHanna (letzter Zugriff 06.10.2021).

[4] Wissenschaftszeitvertragsgesetz abschaffen – Grundfinanzierung der Universitäten stärken,
Erklärung zahlreicher Wissenschaftsverbände zur Prekarität wissenschaftlicher Laufbahn und #ichbinhanna, (letzter Zugriff 06.10.2021).
[5] Auf Twitter wurde dieser Aspekt im Vorwege und während der Diskussion auch am kritischsten diskutiert.
[6] Vgl. Mareike König: Geschichte digital. Zehn Herausforderungen, in: Cord Arendes et al.: Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert. Interventionen zu aktuellen Debatten. Berlin, Boston 2020, S. 67-87.
[7] Gerade fängt die Geschichtswissenschaft auch erst grundlegend damit an, solche Historiographien in den Sozialen Medien zu analysieren Vgl. jüngst Christian Bunnenberg, Thorsten Logge, Nils Steffen: SocialMediaHistory. Geschichtemachen in Sozialen Medien, in: Historische Anthropologie 29,2 (2021), S. 267-283. Von einer zielgerichteten Ausbildung zur Produktion von solchen historischen Sinnbildungen im Studium der Geschichtswissenschaft sind wir noch weit entfernt.
[8] Dazu: Seite 3 des Resolutionsentwurfs.
[9] Sehr pointiert und intellektuell attraktiv ist der Vorschlag von Jana Keck (@janasinakeck) auf Twitter (06.10.2021, 23:05 Uhr), die eine kumulative Qualifizierungsmöglichkeit in den folgenden unterschiedlichen medialen Ausdrucksformen vorschlägt: „Kumulativ wäre super: Datensatz, Datasheet, Code, Artikel, Blog und Podcast“  (letzter Zugriff 07.10.2021).
[10] Zu den Problemen der Lehre vgl. Thorsten Logge: Auf Augenhöhe mit der Forschung? Wert und Lage der universitären Lehre, in: Cord Arendes et al.: Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert. Interventionen zu aktuellen Debatten. Berlin, Boston 2020, S. 15-25.
[11] Vielleicht wäre es zielführend, wenn der VHD einen Unterausschuss einrichtet, der zielgerichtet den Kontakt zur Politik sucht, um sich als Ansprechpartner für die Bedürfnisse der Geschichtswissenschaft aktiv anzubieten.

 

Neuen Kommentar schreiben