von Carlotta Kühnemann

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26. Februar 2021

Die Zeit des Studiums wird von vielen Akademiker*innen rückblickend als die schönste ihres Lebens bezeichnet. Die Zeit, in der lebenslange Freundschaften geknüpft werden, von zu Hause ausgezogen, gescheitert und zu sich selbst gefunden wird. Kurzum eine Zeit, die weit über das Studium hinaus prägt.
Im Sommersemester 2020 und im aktuellen Wintersemester ging dieser Lebensabschnitt aber vor allem mit einem Gefühl einher: Einsamkeit.

Seit April werden nur sehr vereinzelt Präsenzveranstaltungen angeboten. Bibliotheken befinden sich im eingeschränkten Betrieb und viele Erstsemester haben ihren Campus noch nie zu Gesicht bekommen. Die getroffenen Maßnahmen sind zwar sinnvoll, haben jedoch großen Einfluss auf die Lehre, die Studienfinanzierung und die psychische Gesundheit von Studierenden.

 

Lehre im digitalen Zeitalter „Entschuldigung, Sie sind stumm geschaltet“

Am stärksten wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Lehre aus. Diese wurde fast vollständig in den digitalen Raum verlagert. In der Diskussion um die Online-Lehre erscheint es häufig so, dass sie der Präsenzlehre in jeder Hinsicht unterlegen sei. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass die Qualität der Veranstaltung primär von den jeweiligen Dozierenden abhängig ist und die Digitalisierung die Lehre deutlich flexibler macht. Mit aufgenommenen Vorlesungsmittschnitten können Studierende sich ihren Tag nach ihren Bedürfnissen einteilen. Im Januar noch wäre es undenkbar gewesen, dass ein Großteil der Dozierenden eine aufgezeichnete Vorlesung zur Verfügung stellt.
Was dabei jedoch verloren geht, ist der direkte Austausch mit Kommiliton*innen und Dozierenden. Die informelle Unterhaltung nach einer Veranstaltung kann Sicherheit geben, ob auch für die Mitstudierenden bestimmte Inhalte schwieriger zu verstehen waren und dieselben Fragen offengeblieben sind.

Lerngruppen, mit denen häufig selbst sehr schlechte Lehre kompensiert werden kann, fallen ebenfalls weg. Studierende vereinsamen und entwickeln sich zu Einzelkämpfer*innen. Es entsteht das Gefühl, ins Leere zu lernen, da Diskurs und Einordnung des Stoffes fehlen. Um dieser Tendenz entgegenzusteuern, bedarf es des Austauschs zwischen Student*innen in kleineren Online-Lerneinheiten. Denn gute digitale Lehre braucht entgegen den Erwartungen mehr Personal als die altbekannte Präsenzlehre. Staatliche Hochschulen haben allerdings nicht die Kapazitäten solchen Angebote zu schaffen, da die Finanzierung der Hochschulen seit Jahren, bei gleichzeitig steigenden Studierendenzahlen abnimmt und die Kapazitätsverordnungen der Länder die Aufstockung der Lehrdeputate verhindern.

Zudem muss mehr Rücksicht darauf genommen werden, dass in der aktuellen Situation nicht dasselbe Arbeitspensum von Studierenden erwartet werden kann. Studierende berichten, dass sich die Anforderungen durch die digitalen Lehre erhöht haben. Außerdem verlängert sich für viele Studierende die Studiendauer durch ausfallende Praktika und Veranstaltungen. Zwar wurde in vielen Bundesländern die Regelstudienzeit angepasst und es gibt oft verlängerte Abgabefristen sowie Freiversuchsregelungen für Prüfungen. Jedoch gelten diese nicht flächendeckend. Zudem lastet der soziale und finanzielle Druck, die Regelstudienzeit einzuhalten, weiterhin auf den Schultern der Studierenden.

 

Kompetenzorientiertes Prüfen statt stumpfe Wissensabfrage

Es müssen nicht nur andere didaktische Konzepte für die digitale Lehre gefunden werden, sondern auch alternative Möglichkeiten der Prüfung. Dabei gibt es einen gefährlichen Trend, der tief in die Privatsphäre der Studierenden eingreift. Gemeint ist das sogenannte „Online-Proctoring“, eine auf den Endgeräten der Studierenden zu installierende Software, die unter anderem einen Zugriff auf Browserverlauf und Webcam gewährt. Studierende, die in Zeiten von Corona auf digitale Prüfungen angewiesen sind, sind mangels Alternativen diesem Eingriff ausgeliefert.

Statt weiter an veralteten Prüfungsformaten festzuhalten, ist Kreativität gefragt, um neue Prüfungsformen auszutesten. Dies hätte neben dem Schutz der Privatsphäre einen weiteren Vorteil: Kompetenzorientierte Prüfformate bilden die interdependente Lebensrealität der Menschen besser ab. Grundsätzlich sollten Studierende zum kritischen Denken und Hinterfragen des Stoffes angeregt werden, statt allein stumpf auswendig Gelerntes wiederzugeben, das nach der Klausur sofort wieder vergessen wird. Die Lösung für die vermeintliche digitale Prüfproblematik liegt demnach in der Entwicklung neuer innovativer Prüfungsformate, die von den bisherigen Paradigmen der Präsenzprüfungen Abstand nehmen wie beispielsweise Open Book Klausuren, Take Home Prüfungen oder Gruppenarbeiten.

 

Notlage ist Notlage

Die Pandemie hat nicht nur den Studienalltag der Studierenden auf den Kopf gestellt. Durch den Wegfall von Jobs in Branchen wie der Gastronomie oder dem Kulturbetrieb befinden sich viele in einer finanziell prekären Lebenssituation. So finanzierten vor der Pandemie zwei Drittel der Studierenden ihr Studium über Nebenjobs.[1] Ein solcher Nebenerwerb ist auch deshalb notwendig, weil nur 11 % aller Studierenden BAföG beziehen.[2] Die niedrige Förderungsquote hat ihren Ursprung unter anderem in den zu niedrig angesetzten Elternfreibeträgen. So fallen insbesondere Studierende aus den unteren mittleren Einkommensschichten aus der Förderung. In Zeiten der Pandemie rächt sich, dass die Bundesregierung die Augen vor der Notwendigkeit einer umfangreichen BAföG-Reform über Jahre hinweg verschlossen hat. Zwar wurde die Überbrückungshilfe für Studierende nach großem öffentlichem Druck von Studierendenvertreter*innen aufgelegt. Doch die Hilfen von maximal 500€ im Monat, sofern ein Kontostand von unter 100€ vorgewiesen werden kann, reichen bei weitem nicht zur Deckung von Lebenshaltungskosten aus. Zudem wurden knapp die Hälfte der Anträge auf Überbrückungshilfe abgelehnt, weil die Notlage der Studierenden schon vor der Pandemie bestand.[3] Dies ist angesichts der niedrigen BAföG-Förderquote nicht verwunderlich. Doch fragt sich, warum der Regierung nichts daran gelegen ist, jenen Studierenden zu helfen, die weder auf die Überbrückungshilfe noch auf das BAföG zugreifen können und inzwischen in existenzieller Not leben.

 

Chancengleichheit muss zur Realität werden

In Deutschland ist Chancengleichheit im Grundgesetz verankert. Davon werden Personen unterer Einkommensschichten jedoch ausgeschlossen. Um dem entgegenzusteuern, bedarf es einer Grundreform der Studienfinanzierung. Nur durch einen bedarfsgerechten, familien- und altersunabhängigen Vollzuschuss können der freie Zugang zu Bildung und ein sorgenarmes Studium garantiert werden. Zudem könnte eine solche Grundreform zukünftig eine krisensichere Studienfinanzierung gewährleisten und so Studierende vor existenzgefährdenden Ausnahmesituationen langfristig schützen.

Insgesamt führen finanziellen Probleme, Einsamkeit und die Unklarheit über die kommende Prüfungsphase zu einer erhöhten psychischen Belastung der Studierenden. Sie kämpfen mit Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen, Zukunftsängsten und den Folgen sozialer Isolation.

Um all dem entgegenzuwirken, müssen die Sorgen der Studierenden seitens der Politik endlich ernst genommen werden. Wenn wir als Gesellschaft die Pandemie gemeinsam bekämpfen wollen, muss das oberste Ziel sein, niemanden zurückzulassen. Dazu müssen Bund und Länder endlich die sozio-ökonomisch vulnerabelsten Gesellschaftsgruppen, zu denen auch ein Großteil der Studierenden gehört, auffangen. Eine solche solidarische Praxis kostet Geld, doch ist sie notwendig, um die Pandemie ohne gesellschaftliche Schäden zu überstehen.

 

 


[1] Middendorff, E., Apolinarski, B., Becker, K., Bornkessel, P., Brandt, T., Heißenberg, S. & Poskowsky, J. (2017). Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016. Zusammenfassung zur 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks – durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). 

[2] Statisches Bundesamt (Destatis), BAföG-Statistik 2019: Rückgang der Geförderten um 6,4 %, 03.08.2020.

[3] Deutsches Studentenwerk, Überbrückungshilfe: Mehr als die Hälfte der Anträge bewilligt, 24.07.2020.