von Jana Stoklasa

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3. Oktober 2019

Die Umbrüche nach 1989 eröffneten für die niederschlesische Stadt Breslau neue Wege, mit seinem „fremden Erbe“ umzugehen. Nach über 40 Jahren politisch erzwungenen kollektiven Vergessens war das Tabu der multiethnischen und insbesondere deutschen Vergangenheit der Stadt gebrochen. Diese Stadt ist nämlich Teil des Gebietes, welches von einer massiven Zwangsmigration betroffen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als entsprechend den Bestimmungen der Potsdamer Konferenz 1945 die Grenzen europäischer Nationalstaaten neu gezogen wurden, folgte die „Umsiedlung“ von zwölf Millionen Menschen. Weite Teile multiethnischer Grenzgebiete, die für Zentral- und Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg typisch waren, sollten von da an unter dem kommunistischen Diktat, zu monoethnischen Staaten werden. Die kulturelle Vielfalt in diesem von Hannah Arendt als „belt of mixed populations“ bezeichneten Territorium[1] war 1989 nahezu vollständig homogenisiert worden.

 

Die Oder-Neiße-Linie zwischen Deutschland und Polen erkannte die Bundesrepublik erst 1970 an und 1990 fand die Grenzregelung ihre Bestätigung. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

 

Im Falle der „Festung Breslau“ waren in den ersten Nachkriegsjahren die bis dahin in der Stadt circa eine Million lebenden, vornehmlich deutschen Einwohner*innen vertrieben und durch eine aus allen Ecken zugewanderte polnische Bevölkerung „ersetzt“ worden. Der kommunistische Staat hatte sich von da an den „wiedergewonnenen“ Stadtraum mittels eines polnischen Nationalnarrativs und Bezügen zu der in vorpreußischen Zeit herrschenden piastischen Dynastie angeeignet.[2] Nichts sollte mehr an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Was es allerdings sozialbiographisch für die Ansiedler*innen bedeutete, unter schizophrenen Bedingungen in einer Stadt „neu“ zu beginnen, deren Errichtung durch „Fremde“ negiert wurde[3], macht noch heute die Rätselhaftigkeit Breslaus aus.

 

Mitteleuropäische Identität im Strukturwandel

Als sich die neuen Eliten in der Stadtregierung dieses im 20. Jahrhundert durch Nationalsozialismus, Realsozialismus und gewaltsamen Ethnonationalismus geprägten Stadtraums annahmen, hatte der Transformationsprozess von der Plan- zur Marktwirtschaft begonnen. Heute gilt Wrocław in puncto Revitalisierung von postkommunistischen Städten als „show case“. Hier ist es gelungen, zahlreiche ausländische Investoren anzuziehen und zum Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 beizutragen sowie diverse internationale Leuchtturmprojekte umzusetzen  ̶  bis zum Jahr 2016, als Breslau europäische Kulturhauptstadt wurde.

2016 profilierte sich Breslau als europäische Kulturhauptstadt nach außen und interpretierte gleichzeitig nach innen ihr Image als Stadt der Begegnungen. (Foto: J. Stoklasa)

Im Rahmen dieses massiven ökonomischen Strukturwandels gelang es die Tourist*innenzahlen auf über fünf Millionen pro Jahr zu steigern. Dies ging mit einer „Neuerfindung“ von Breslaus urban heritage – den aus heutiger Sicht relevanten Überbleibseln seiner Vergangenheit – und dem Bemühen einher, die historischen Wunden und das kollektive Gedächtnis mittels Anknüpfens an eine transnationale europäische Identität zu „heilen“.

 

Von der „Blume Europas“ zur Gartenstadt?

Nachdem Papst Johannes Paul II. 1997 während seines Besuchs in der Stadt betont hatte, dass Breslau am Schnittpunkt der Kulturen dreier Länder liegt, und damit die geistigen Traditionen von Ost und West vereine, wurden seine Worte von der Stadtregierung zur Mission erklärt. Die strategische Ausarbeitung des Konzeptes als weltoffene Stadt ging zunächst mit dem Auftrag der Stadtverwaltung einher, dem schwierigen Erbe des Monokulturalismus mittels einer Publikation zweier englischer Historiker entgegenzuwirken. Die feierlich begrüßte Nacherzählung der wechselhaften politischen Stadtgeschichte platzierte Breslau  ̶  als die Blume Europas  ̶   im multikulturellen „Mikrokosmos“ der „Transregion“ Mitteleuropas.[4] Diese Erzählung von kultureller Vielfalt griff auch das Stadtmarketing im Rahmen der „Strategie 2000 (plus)“ auf. Seit den 2000er Jahren projizierte das Label als „Stadt der Begegnungen“ auf den Breslauer Stadtraum eine Offenheit der Einwohner*innen für Europäisierung, die so (noch) nicht vorhanden war. Diese Strategie sei nach neuesten Umfragen unter den Stadtbewohner*innen  ̶  nun erfolgreich umgesetzt  ̶  zugunsten einer politisch neutraleren Erzählung von Breslau als einer grünen Gartenstadt abzuschließen. Obwohl in der Stadt angesichts der Massenabwanderung aus der Ukraine mittlerweile geschätzte 100.000 Ukrainer*innen leben, scheint die Kreation erwünschter Werte und einer klaren Identität hier mit den „ethnozentrischen Geistern“ des Ortes zu kollidieren.

 

Der Architekt der Breslauer Jahrhunderthalle bezeichnete sein heute international gewürdigtes Bauwerk als „Kathedrale der Demokratie“. Der damals hochmoderne Stahlbetonbau wurde 1913 zum Anlass der 100jährigen Erinnerung an die preußischen Befreiungskriege gegen Napoleon errichtet. Anfang der 1980er Jahre hatten hier Anhänger der Gewerkschaftsbewegung Solidarność auf dem Gipfel der fast 100 m hohen, 1948 im Rahmen der Ausstellung „wiedergewonnene Westgebiete“ aufgestellten Iglica (Nadel) ihre Flagge gehisst. Die Jahrhunderthalle und die Nadel gelten als Wahrzeichen von Breslau. (Foto: J. Stoklasa)

 

Am Umgang mit dem deutschen heritage scheiden sich die Geister

Dieser Zwiespalt wurde auch im Umgang mit dem deutschen Architekturerbe, insbesondere der Jahrhunderthalle, greifbar. Das von Max Berg 1913 errichtete Bauwerk, eine Veranstaltungshalle und Wahrzeichen der Stadt, wurde 2006 nach umfangreichen Rekonstruktionsarbeiten zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.[5] Die Aufnahme erfolgte unter dem ursprünglichen deutschen Namen „Jahrhunderthalle“ und beinhaltete somit ein Abwenden von der seit der „Polonisierung“ der Stadt üblichen Bezeichnung „Volkshalle“.

 

Blick auf das Gelände vor der immer noch inoffiziell als Volkshalle bezeichneten Jahrhunderthalle, 2018. Die Stadtbewohner*innen nutzen dieses für Freizeitaktivitäten. Insbesondere abendliche musikalische Veranstaltungen mit Illuminationen an der hier nicht sichtbaren Fontäne scheinen beliebt. (Foto: J. Stoklasa)

 

Diese Rückbenennung hatte heftige Kontroversen ausgelöst, die die Furcht vor einer „schleichenden Germanisierung Breslaus“ spiegeln und die wohl immer noch auf vorhandene Ängste vor einer möglichen „Rückkehr“ der Deutschen rekurrieren.[6] An der Frage der Restaurierung deutschen Kulturerbes im Stadtbild scheiden sich im Zuge der aktuellen politischen Spaltung Europas auch Breslaus Geister in ein pluralistisches, pro-europäisches Lager, das für die Erweiterung von Perspektiven durch Projekte der kulturellen Eliten steht. Demgegenüber wenden Vertreter*innen des nationalen Lagers ein, dass die Rekonstruktion deutschen Kulturerbes eine Gefahr für die polnische Identität bedeute. In diesem Zusammenhang wurde gegen die (Selbst-)Ermächtigung der Stadtregierung protestiert, über die kollektive Erinnerungskultur zu bestimmen. Man überlegt auch, im Stadtmarketing die Selbstpräsentation Breslaus als multikulturelle Stadt zurückstellen zu müssen.

Die Dialoge hinsichtlich des deutschen heritage als Träger von Identität zeigen jedenfalls, dass nach 25 Jahren Umstrukturierung die „Denationalisierung“ des Stadtraums ein immer noch anhaltender beziehungsweise aufzuhaltender Prozess ist, der durch ein Zusammenwirken von verschiedenen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gruppen getragen wird. Auf der psychologischen Ebene des Breslauer Erinnerungsraums wird gleichzeitig deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte Breslaus vor dem Zweiten Weltkrieg auch eine europäische Suche nach der Annahme des schwierigen Erbes des 20. Jahrhunderts ist. 

 

Die Breslauer Zwerge – ein trivial globales Flair oder Verzierung eines enigmatischen Stadtraums?

An dieser Stelle verwundert es kaum mehr: Bei der Umwandlung existierender Quellen in ökonomische und kulturelle Ressourcen setzte sich vor allem eine „weiche“ Erzählung durch, mit welcher sich die Stadtbewohner*innen sowie die Tourist*innen leicht identifizieren können – die Breslauer Zwerge.

Die symbolische Leere der Stadt, die im 20. Jahrhundert einen tiefgreifenden Wandel der demographischen und ökonomischen Struktur erlebte, ist für die heutige Bevölkerung immer noch wahrnehmbar. Die Zwangsumsiedlung infolge des Zweiten Weltkrieges wurde in diesem Zusammenhang bereits vom polnischen Literaturhistoriker Andrej Zawada als eine „Amputation“ des kollektiven Gedächtnisses bezeichnet.[7] Die Aufarbeitung und Heilung dieses Traumas erfordert Trauerarbeit, indem beispielweise die vergessene Familiengeschichte der jungen Generation erzählt und so ein endgültiges „Ankommen“ in der Stadt und der eigenen Identität zugelassen wird.

Bei der Überwindung der Schwierigkeit, an (fehlende) Traditionen anzuknüpfen, erwiesen sich in den letzten fünfzehn Jahren allerdings insbesondere kleine Bronzefiguren von Zwergen als hilfreich. Mittlerweile sind im Stadtraum, hauptsächlich in der Altstadt, über 600 von ihnen verteilt. Einige der von Künstler*innen nach Einzelaufträgen angefertigten Zwerge erzählen ihre eigene Geschichte oder sie dienen schlicht Werbezwecken beispielsweise eines Hotels oder einer Apotheke. Es gibt aber auch Zwerge mit Bildungsfunktion wie die Zwergin Demokracja (Demokratie). 2017 stellte das Komitee für demokratische Verteidigung (Komitet Obrony Demokracji) eine Figur am Salzmarkt (Plac Solny) in der Altstadt auf, die symbolisch die polnische Verfassung in ihren Händen hochhält. Angesichts des nationalkonservativen Rechtsverständnisses[8] der seit 2015 in Polen regierenden Partei Prawo i Sprawiedliwość (Recht und Gerechtigkeit, PiS) werden die Breslauer*innen damit zum Lesen ihrer Verfassung ermahnt.

Breslau als „Stadt der Zwerge“ hält somit nicht nur ein attraktives visuelles Identifizierungsmerkmal inne. Mit mannigfaltigen, meist lokal hergestellten Zwergen-Souvenirs sorgt man auch für eine allen interessierten Bewohner*innen zugängliche Einnahmequelle sowie für Entertainment von Tourist*innen und Schulklassen, die die Zwerge mithilfe von Karten und einer App „jagen“ können.[9]

 

Die Zwerge sind nicht nur eine beliebte Touristenattraktion, sondern als „freundliche Helfer der Stadtbewohner*innen“ wird mittlerweile eine Legende gebildet. Der Versuch, den Stadtraum mit einer lange als ungelöst empfundenen Vergangenheit auf diese Weise symbolisch zu füllen, ist umstritten. (Foto: J. Stoklasa)

 

 

Der Zwerg als Protestsymbol und seine ambivalente Position

Ihren Ausgang fand die „Zwergenepidemie“ im Jahre 2001, als mit einer Statue, dem „Papa Zwerg“, am Versammlungsort der Breslauer Bewegung Orangene Alternative[10] die Protestaktionen der Stadtbewohner*innen vor 1989 gegen das kommunistische Regime gewürdigt wurden. Die Geschichte der Breslauer Zwerge, die heute im kollektiven Gedächtnis Wrocɫaws noch gut verankert ist, geht also auf die Protestkultur in den frühen 1980er Jahren zurück. Dem Künstler Waldemar Fydrych, selbsternannter „Major der Festung Breslau“, und anderen studentischen Aktivist*innen gelang es damals, das Zwergsymbol mit politischer Bedeutung aufzuladen. Als nach der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen 1981 Protestgraffitis an Hauswänden von Militärs mit grauer Farbe übermalt wurden, schmückten Fydrych und seine Mitstreiter*innen diese Stellen jeweils mit einem Zwerg aus. Die Zwergfigur diente auch als Überhöhung des Absurden, als bis zu 20.000 Menschen mit Zipfelmützen die Militäreinheiten verwirrten. Diese Aktionen verbreiteten sich rasch über ganz Polen und hatten eine bedeutende Signalwirkung für die anderen „Satellitenstaaten“ der Sowjetunion. Sie fundierten durch eine weitgehend mit friedlichen, ja humoristischen Mitteln umgesetzte Schwächung des autoritären Regimes den Übergang in eine demokratische Gesellschaft.

 

Aus den Protestzeiten in den 1980er Jahren hat noch ein Zwergsymbol überlebt. Es befindet sich heute in der Straße Smoluchowskiego 22 unweit der Technischen Hochschule in Breslau. Ein Hinweis seitens der Stadt auf seine Geschichtsträchtigkeit ist hier nicht vorhanden. (Foto: J. Stoklasa)

 

In der heutigen Vermarkung des Zwergsymbols fehlt diese entsprechende historische Kontinuität. Die Anerkennung des Missbrauchs der Zwergfigur für neoliberale Marketingzwecke wurde auch vom mittlerweile nach Warschau emigrierten „Major“ in jahrelangen gerichtlichen Verfahren gegen die Stadtregierung erstritten. Inwiefern in diesem Prozess das Fungieren als Sprachrohr der xenophobischen Lager im heutigen Polen eine Rolle spielt,[11] bleibt hier offen. Die Trivialisierung des historisch-politischen Symbols kann hier jedenfalls jedoch auch im Zusammenhang mit den Bemühungen gesehen werden, den homogenisierten Stadtraum mit schwierigem Erbe durch seine „Verzierung“ zu füllen. Selbst wenn das Unbegreifliche am Enigma Breslaus nicht gänzlich ausgelöscht werden kann. Auf eine „infantile Weise“ werden hier die Geister der Vergangenheit gezähmt.

 

Urban heritage als Mittel der Ost-West-Annäherung

Die Verbesserung der Außenwirkung und Steigerung des Bekanntheitsgrads von Wrocław gehen hier Hand in Hand mit dem kosmopolitischen Wunsch nach einer europaweiten Neupositionierung der Stadt. Das Bedürfnis, historische Spuren als urban heritage aufzuwerten, wurzelt immer in der Gegenwart und verweist richtungsweisend auf unsere Vorstellungen von Zukunft. Im Falle Breslaus erweist sich dieses Zusammenspiel als Instrument für eine gesellschaftliche Re-Integration in Europa und eine gleichzeitige Verankerung der lokalen Identität. Die mehr oder weniger gelungenen Versuche der Klärung der lange verdrängten Vergangenheit offenbaren nichtsdestotrotz, dass hier allmählich eine Annäherung der Erinnerungsformen von Ost und West durch Neudefinition des Selbstbildes stattfindet. Die Rekonstruktionsprozesse von Breslaus urban heritage spiegeln nicht nur Auseinandersetzungen mit der „nationalisierten“ Vergangenheit, sondern auch eine zunehmende (Selbst-)Verortung in der europäischen Erinnerung.

 


[1] Hannah Arendt: The Origins of Totalitarianism, London 1986, S. 270.
[2] Gregor Thum: Die fremde Stadt. Breslau 1945, Berlin 2003.
[3] Kamilla Dolińska und Julita Makaro: Wrocław residents about the multicultural character of their city  ̶  “crawling Germanisation or restoration of German heritage? In: Pawel Czajkowski u.a.: Pamiȩć i przestrzeń, Wrocław 2015, S. 70.
[4] Norman Davies/ Roger Moorehouse: Die Blume Europas: Breslau, Wroclaw, Vratislava, München 2002.
[5] UNESCO Weltkulturerbe Jahrhunderthalle, (letzter Zugriff am 3.10.2019).
[6] Kamilla Dolińska und Julita Makaro, 2015, S. 72.
[7] Andrej Zawada: Bresław, Wrocław 1995, S. 52.
[8] So verringerte ab Ende 2015 die Novelle des Verfassungsgerichtsgesetzes die Autorität des Verfassungsgerichts, lähmte die Urteilsverkündung und eskalierte schließlich in einer Verfassungskrise. Zeitschrift Osteuropa, Die PiS und das Recht. Verfassungskrise und polnische Rechtskultur, (letzter Zugriff am 3.10.2019).
[9] Karte der Breslauer Zwerge, (letzter Zugriff am 3.10.2019).
[10] Museum der Orangenen Alternative, (letzter Zugriff am 3.10.2019).
[11] Im WELTplus-Artikel vom 27.2.2018 wurde der Künstler Waldemar Fydrych als Anhänger des nationalkonservativen Präsidenten Jaroslaw Kaczynski und „Anti-Merkel-Anarchist“ bezeichnet. WELT+, (letzter Zugriff am 3.10.2019). In seiner Talksendung TV Republika präsentiert sich Fydrych seinem TV Publikum jedenfalls vor den Porträts der britischen Königin Elisabeth und Kaczynskis und auch in sozialen Netzwerken spricht sich Fydrych offen für die Notwendigkeit aus, Polens Grenzen vor einer Zuwanderung, wie sie 2015/2016 in Deutschland stattfand, zu schützen.