eisenhuettenstadt_bundesarchiv_bild_183-37872-0006_eisenhuettenstadt_strasse_der_jugend.jpg

Straße der Jugend in Eisenhüttenstadt, 2. Mai 1956

Straße der Jugend in Eisenhüttenstadt, 2. Mai 1956
Foto: Erich Zühlsdorf
Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild (Bild 183), Bundesarchiv, Bild 183-37872-0006 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Das schweigende Klassenzimmer
Ein Film über Verrat und Standhaftigkeit in der sozialistischen Zustimmungsdiktatur
von
Martin Sabrow
Druckversion

Veröffentlicht am 13. März 2018

Der bewegende Historienfilm über die folgenreiche Unbotmäßigkeit einer Schulklasse in der DDR der fünfziger Jahre - auf der Berlinale 2018 vorgestellt, fand viel Aufmerksamkeit und wurde am Ende doch zu den Flops gezählt: zu glatt die Ausstattung, zu konventionell die Regie, zu simpel die Botschaft. Der Rezensent der Frankfurter Allgemeine Zeitung etwa attestierte dieser Tage Regisseur Lars Kraume, „relativ klar Position“ bezogen zu haben: „Er zeigt in „Das schweigende Klassenzimmer“ deutlich das Unrechtssystem, das die jungen Leute nicht versteht und verstehen will“.[1] Verhält es sich so? Oder steht womöglich umgekehrt das allgemeine Urteil der Filmkritik für eine Rezeption, die die Tiefen des Films nicht auslotet und gar nicht ausloten will?

Die Handlung im schweigenden Klassenzimmer kreist um Standhaftigkeit und Verrat. Standhaft sind zunächst die Schüler, die sich ihren stillen Protest gegen die brutale Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes nicht vom verlogenen Propagandasprech in den Zeitungen und auch nicht von den Sanktionsdrohungen der gegen sie aufmarschierenden Autoritäten abkaufen lassen. Und sie verweigern den Verrat an ihren Klassenkameraden, zu dem man sie locken, überzeugen, zwingen will. Diejenigen, die dem Druck nicht standhalten und die verlangten Namen der „Rädelsführer“ preisgeben, büßen ihre Schande mit Selbstkasteiung oder gar Amoklauf. Am Ende obsiegt die Kameradschaft, obsiegt die Standhaftigkeit der Schüler. Den Lauf der Dinge können sie nicht beeinflussen, die Macht der Herrschenden nicht brechen, und es bleibt ihnen nach dem kollektiven Ausschluss vom Abitur nur die Entscheidung, ohne Perspektive daheim zu bleiben oder sich heimlich aus dem Land zu stehlen. Aber zu Weihnachten 1956 findet sich die Klasse fast geschlossen im Westen wieder, schmerzhaft getrennt von ihren Familien, aber moralisch als Sieger. Sie alle werden dort ihr Abitur nachholen, und sie haben etwas gerettet, was noch mehr zählt: die Würde aufrechter Menschen, die stärker ist als der Pragmatismus ihrer angepassten Eltern und stärker auch als die SED-Gläubigkeit sozialistischer Musterfamilien: Als Kurt Wächters Vater, der SED-Funktionär, seinen durchgebrannten und in Ost-Berlin von Grenzpolizisten aus der S-Bahn geholten Sohn in Empfang nimmt, der ihm so viel Ärger machte, stehen in Vater und Sohn aufrechter und gebückter Gang als die beiden Optionen des Lebens einander für einen Wimpernschlag unverstellt gegenüber.

Soweit bedient der Film die bekannten Sehgewohnheiten von Unterdrückung und Auflehnung, und so wurde er auf der Berlinale und im Feuilleton auch gesehen. Aber diese Sicht transportiert nur die halbe Botschaft - dass ihr eine mitlaufende Gegenerzählung ständig widerspricht, macht den Film erst interessant. Was sich vordergründig als „Der Staat gegen 19 Schüler“ präsentiert[2], stellt sich bei näherem Hinsehen als Aufeinanderprallen zweier Lebenswelten heraus, die Verrat und Standhaftigkeit ganz unterschiedlich, aber gleichermaßen in sich geschlossen und plausibel begreifen.

Das Ereignis, auf das der Film Bezug nimmt, spielte sich im märkischen Storkow ab. Kraume aber verlegte die Handlung mit Bedacht nach Stalinstadt, also in die im Stil des sozialistischen Klassizismus neu errichtete  Musterwelt des Neuen Menschen, und nicht vor den Bauzeugnissen ostdeutscher Tristesse entfaltet sich das Drama, sondern vor den Licht und Luft bietenden Häuserzeilen einer zukunftweisenden Planstadt, die ohne Kirchen auskam, aber ihre Schulen und Kindertagestätten mit farbenprächtigen Glasmalereien im Treppenhaus ausstattete.

Die Charaktere und Denkwelten, die vor diesem Hintergrund aufeinandertreffen, sortieren sich nicht allein nach den Frontlinien des Kalten Krieges und schon gar nicht anhand des Gegensatzes von lauter und verächtlich. Nur Jördis Triebel stellt eine klischeegerecht interpretierte Kreisschulrätin Kessler vor, die als bedenkenloses Werkzeug der Repression agiert und den Sinn ihres Tuns im bloßen Durchgreifen sieht. Florian Lukas hingegen gibt einen überforderten Schuldirektor proletarischer Herkunft, der dem Staat, der ihn Neulehrer werden ließ, seinen Dank abstatten will, ohne seinen Schülern zu schaden, und nun hilflos mitansehen muss, wie seine zaghaften Beschwichtigungsbemühungen zuschanden werden. Roland Zehrfeld als zur Bewährung in die Produktion geschickter Hüttenarbeiter Hermann Lemke lebt seiner Familie das Arrangement mit einer Macht vor, die er im Juniaufstand 1953 selbst herausgefordert hatte. Selbst der von Max Hopp gespielte SED-Bürgermeister Hans Wächter, der seinen Sohn zur Denunziation des Rädelsführers drängen will, ist kein sturer Parteibonze - als es darauf ankommt, schützt er lieber seinen republikflüchtigen Sohn als den Staat, für den er amtiert.

Was ist hier Verrat und was Standhaftigkeit, was ist richtig und was falsch? Der größte Vorzug des Films ist, dass er diese Frage offenlässt. Er hat keine Botschaft, sondern er formuliert ein Problem. Konnte der in seiner kalten Härte von Burghart Klaußner so eindrucksvoll gespielte Volksbildungsminister Fritz Lange sich nicht moralisch ganz im Recht fühlen, als er – der Mund ein Strich und die Augen zusammengekniffen – vor die unbotmäßige Klasse tritt und aus dem Pochen der hinter dem Rollkragenpulli verborgene Folternarbe den unerschütterlichen Geltungsanspruch der antifaschistischen Staatsmacht ableitet? Warum überhaupt hatte er sich aus seinem Berliner Ministerbüro aufgemacht, um dem Klassenfeind auch im hintersten Klassenzimmer einer Provinzschule mit all den Mitteln entgegenzutreten, die ihm und seinen Genossen in den Jahren der Verfolgung gefehlt hatten? Weil es in der sozialistischen Zustimmungsdiktatur darauf ankam, die Einheit von Herrschern und Beherrschten tagtäglich und überall unter Beweis zu stellen. Nie reichte dem kommunistischen Ordnungsentwurf die bloße Unterdrückung der anderen; immer brauchte die Repression auch das bezeugte Einverständnis der Unterworfenen, und darum bot die SED im Dezember 1956 vom Schulleiter bis zum Volksbildungsminister alle ihre Kräfte auf, um das schweigende Klassenzimmer zum Sprechen zu bringen: Sie brauchte das Geständnis ihrer Opfer, weil an dem damit eröffneten Weg zu Reue und Einsicht die Legitimation ihrer Herrschaft hing. Eben dies zeigt Lars Kraumes Film, und darum ist er viel mehr als nur eine Nachinszenierung von DDR-Unrecht.




[1] Bert Rebhandl, Staatsfeindschaft als Schulversagen. DDR-Unrecht, für Kinokameras nachinszeniert: „Das schweigende Klassenzimmer“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.3.2018.
[2] Christina Bylow, Der Staat gegen 19 Schüler. Der Regisseur und Kameramann Lars Kraume beschäftigt sich immer wieder mit der jüngeren deutschen Geschichte, in: Berliner Zeitung, 16.2.2018.