bildschirmfoto_2018-03-07_um_20.10.55.png

Filmstills aus den Dreharbeiten zu Yours in Sisterhood von Irene Lusztig (USA 2018).

Filmstills aus den Dreharbeiten zu Yours in Sisterhood von Irene Lusztig (USA 2018).
#Directedbywomen

Zum Weltfrauentag: 8. März 2018
„Yours in Sisterhood“ und die Liebe zum Archiv ...oder wie weit ist eigentlich der Weg, der noch vor uns liegt?
von
Annette Schuhmann
Druckversion

Veröffentlicht am 7. März 2018


Eine junge Polizistin steht am Rand einer befahrenen Straße irgendwo in Amerika. Selbstverständlich ist sie bewaffnet, es glitzert nicht gerade in ihrer Umgebung.
Sie schaut in die Kamera, während sie einen Brief vorliest, den Brief einer ähnlich jungen Frau, verfasst vor vierzig Jahren, irgendwann Anfang der 1970er Jahre. Darin schildert die Verfasserin ihre vergeblichen Versuche, Polizistin zu werden, sie berichtet von Gleichgültigkeit und Häme, die ihr bei ihren Bewerbungen entgegen schlugen, vom Unwillen der Behörden, sich überhaupt mit ihrem Anliegen zu beschäftigen. Und sie schildert ihre Wut, ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit angesichts der Unmöglichkeit dieses für sie so klaren Berufsziels: Sie will einfach Polizistin werden.
Die Polizistin der Gegenwart, die diesen Brief vorliest, schaut, nachdem sie geendet hat, ratlos, fast ungläubig in die Kamera.

Die Szene stammt aus dem Film Yours in Sisterhood von Irene Lusztig, der auf der Berlinale im Februar 2018 uraufgeführt wurde. Die Filmemacherin und Künstlerin filmte zwischen 2015 und 2017 über 300 Menschen, überwiegend Frauen und Mädchen, dabei wie sie Leserzuschriften, die in den 1970er Jahren an die Redaktion der Zeitschrift Ms. gesendet wurden, vorlesen und kommentieren. Die TeilnehmerInnen des Projektes stehen an Straßenrändern, in Vorgärten, Parks, vor Häuserfronten oder Malls und lesen jeweils einen Brief vor, der vierzig Jahre zuvor aus ihrer Stadt versandt wurde. Irene Lusztig reiste für diesen Film quer durch die USA, in alle Himmelsrichtungen. In die Zeit der Dreharbeiten fiel der Präsidentschaftswahlkampf mit bekanntem Ergebnis, und es begann die #metoo-Bewegung mit noch unbekanntem Ausgang.

In einem Interview mit dem Online-Journal Dispatch, das Irene Lusztig im Januar 2018 gab, erzählt sie von ihrer Liebe zu Archiven.[1] Aus ihren Worten spricht eine Zärtlichkeit, Neugierde und Offenheit gegenüber diesem Hort der Quellen, die HistorikerInnen nicht immer aufbringen.
Lusztig jedenfalls liebt Archive und hat für ihren Film Yours in Sisterhood die Bestände der Schlesinger Library on the History of Women in America der Havard University genutzt. Diese 1908 gegründete Bibliothek birgt einen ungeheuren Bestand an Quellen zur Geschichte der Frauen und Frauenbewegungen in Amerika und wurde in den 1970er Jahren um die Überlieferungen der feministischen Bewegungen enorm erweitert. Dazu gehören auch jene Zuschriften an die Redaktion der Zeitschrift Ms., die Lusztig im Film vorlesen lässt. 

Ms. wurde 1971 von Gloria Steinem und Dorothy Pitman Hughes gegründet, sie erschien zunächst als Beilage des New York Magazins, ab 1972 wurde daraus ein eigenes Heft, dessen erste Auflage von 300.000 Exemplaren binnen acht Tagen ausverkauft war. Die Redaktion widmete sich schon recht früh sämtlichen Themen, die im Zusammenhang mit den Geschlechterungerechtigkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen der USA standen, stellte Fragen nach den Ursachen der Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen und diskutierte das Recht auf Abtreibung. Modestrecken und Kochrezepte kamen nicht vor. Die Zeitschrift erscheint noch heute vierteljährlich mit einer Auflage von 110.000 Exemplaren.

Im Archiv der Schlesinger Library finden sich hunderte Zuschriften von LeserInnen aus den 1970er Jahren, in denen sie über ihre Nöte, den alltäglichen Rassismus, über Chauvinismus und Sexismus in ihrer Umgebung berichten. Es sind vertrauliche Berichte, oft mit der Bitte um Anonymität, zwar ohne Hoffnung auf die Lösung der Probleme, aber mit ungeheurer Wut von den (Miss-)Verhältnissen zwischen den Geschlechtern und den Zumutungen berichten, denen Frauen auf der Straße, im Job und zu Hause ausgesetzt waren.

Die Frauen im Film werden gebeten, „ihren“ Brief  zu kommentieren, nachdem sie ihn vorgelesen hatten. Viele halten zunächst inne, um dann den vierzig Jahre alten Brief einer Unbekannten zum Anlass zu nehmen, über das eigene Leben und die eigenen Erfahrungen zu reflektieren. So berichten sie von ganz gegenwärtigen Problemen, von Vorurteilen, mit denen sie zu kämpfen haben, weil sie farbig, lesbisch oder religiös oder einfach weiblich sind. Sie berichten darüber, wie sie ihre Männer verließen, die gar nicht immer unbedingt schlecht waren, sich jedoch keinen Deut um Kinder und Haushalt scherten.
Bei den meisten herrscht eine ganz ambivalente Art der Verwunderung darüber, wie sehr sich die Probleme der letzten vierzig Jahre ähneln, gleichzeitig ist ihre Erleichterung geradezu mit den Händen zu greifen, den Zumutungen der frühen siebziger Jahre nicht mehr ausgesetzt zu sein.
Für die ZuschauerInnen ungemein spannend ist die Beobachtung einer ganzen Epoche, in der Frauen um Gleichberechtigung ringen. Zwar ist die Tatsache, wie stark soziale Bedingungen, Ethnie, Bildung, Armut, die jeweils dringendsten (Über-)Lebensbedürfnisse und die Chance auf Gleichbehandlung beeinflusst haben und dies noch immer tun, nicht neu. Die Stärke der Dokumentation besteht jedoch darin, den Quellen in einer Form Leben einzuhauchen, die HistorikerInnen mit ihrem Handwerkszeug kaum gegeben ist. Das Verständnis, die Zuneigung und die Solidarität der ProtagonistInnen des Films gegenüber den Verfasserinnen der Briefe ist mit allen Sinnen spürbar, selbst in jenen Momenten, in denen Kritik geübt wird.
Im Laufe des Films wird es sehr deutlich, wie weit der Weg zur Gleichberechtigung – auch von heute aus betrachtet – noch ist. So geht es immer um die soziale Frage in den USA, um einen im Vergleich zu den 1970er Jahren häufig sehr subtilen, aber alltäglichen Rassismus, es geht um Fragen der Diversität und Sprache und – wie sollte es anders sein – um die Formen institutionalisierter Machtstrukturen. Betont wird zudem, dass der Kampf um die Gleichberechtigung viele Fragen und wesentlich mehr Facetten beinhaltet, als dies in der Frühzeit der Bewegung der Fall war. Die in den 1970er Jahren nicht selten dogmatisch und aggressiv eingeklagte Einigkeit innerhalb der Frauenbewegung wird heute nicht mehr als Lösungsstrategie begriffen.

Eines der Motive für diesen Film war die Erkenntnis Lusztigs, dass ihre StudentInnen, die sie an der University of California, Santa Cruz unterrichtet, weder die Zeitschrift Ms. kennen noch wenig bis gar nichts über die Geschichte feministischer Bewegungen wissen oder wissen wollen. 
Lusztig erklärt diese Abwehr mit dem „Wellenmodell“, das besagt, dass jede Generation sich vom Feminismus ihrer Mütter abwendet und wieder von vorn anfängt, wobei die Geschichte der Bewegung vergessen und verworfen wird. 

Doch ob „Wellenmodell“ oder nicht, vom Publikum bei der Vorführung des Films im Cinestar am Potsdamer Platz geht angesichts der Vergegenwärtigung der schreienden Geschlechterungerechtigkeiten der 1970er Jahre ein großes Raunen aus.
Wenn die Frauen der Gegenwart ihre ganz persönliche Sicht auf die Vergangenheit erklären, ihre immer nachdenklichen und klugen, selbstbewussten und zuweilen kämpferischen Kommentare zu den Briefen geben, wenn sie sich in die ihnen doch vollkommen unbekannte Verfasserin hineinversetzen, ihr Kraft wünschen oder mit ihr streiten, immer dann sind das große Momente des dokumentarischen Kinos.

Man muss, so Lusztig, die Ideologien der feministischen Bewegungen der 1970er Jahre nicht mögen oder mit ihnen übereinstimmen, aber wir müssen sie wahrnehmen und anerkennen, dass sie in vielerlei Hinsicht die Grundlage dessen bilden, was wir noch immer und gegenwärtig erreichen wollen.

 

Irene Lusztig an der Universität of California Santa Cruz
Website Irene Lusztig
Website der Zeitschrift Ms.

Außerdem: Prantls Blick: Warum wir eine Frauenquote brauchen

  




[1] Das Interview führte Jennifer Shearman für Dispatch.
Dispatch ist ein intersektionales feministisches Film-Journal, das sich vor allem mit den Arbeiten von Künstlerinnen und Kuratorinnen beschäftigt.